Aus dem Schweizer Reiseleben

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Autor: H. A. Berlepsch
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Titel: Aus dem Schweizer Reiseleben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 356–358
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Russische Reisende in der Schweiz
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[356]
Aus dem Schweizer Reiseleben.
Von H. A. Berlepsch.


Will man eine Vollblut-Caricatur aus der heiteren Zone des sommerlichen Touristenlebens zeichnen, so ist es fast zur stehenden Norm geworden, sein Müthchen an den blonden Söhnen Albions zu kühlen und eben jede auffallende Erscheinung dieser Art rundweg mit der Vermuthung zu erledigen: „Es wird wohl ein verrückter Engländer sein.“ Es hat seine Richtigkeit: in der großen Menge der Reisesüchtlinge, mit welcher die britische Insel unser europäisches Festland überfluthet, kommen höchst barocke Exemplare zum Vorschein, die sowohl durch die abweichende Art sich zu kleiden, als durch ihr dem deutschen Schollenbewohner ungewohntes Benehmen und die lässige Ungenirtheit, mit welcher sie ihre Ansichten, Bedürfnisse und Bequemlichkeitsansprüche in den Vordergrund schieben, ohne Rücksicht aus die sie umgebende Mitreisewelt zu nehmen, den Eindruck von Sonderlingen, Spleenköpfen oder Gesellschaftsflegeln machen. Aber noch lange nicht der vierte Theil sind Narren in dem Grade, wie man auf den ersten Blick glaubt, und auch andere Nationen schicken ihr Contingent origineller Käuze auf die Reise.

In England reist alle Welt, reist, wer Geld hat. Daß da, wo so viele auf den verschiedensten Stufen gesellschaftlicher und geistiger Bildung stehende Menschen durcheinander wimmeln, auch allerlei halb oder ganz im Gährungsprocesse der Speculation als Hefe zu Boden gesunkene oder als Gasblasen obenauf schwimmende Persönlichkeiten mit unterlaufen, ist natürlich. Diese sind es zumeist, die den Reise-Kladderadatsch illustriren. Dann aber auch ist ein guter Theil specifisch englischer Engländer, die es eben nicht für nöthig erachten, den Leuten unterwegs eine Convenienz-Komödie vorzuspielen und sich anders zu geben, als sie eben sind. Sie bringen ihre seit Jahren ihnen zur Natur gewordenen Gebräuche, Anschauungen und Ausdrucksformen mit herüber, und weil uns diese eben gerade abnorm vorkommen, so lachen wir darüber.

Auch in Deutschland fängt das Reisen an, Luxusartikel zu werden, und man sieht jetzt schon nicht minder ergötzliche Figuren in der Summe deutscher Wandervöogel auftauchen, die dem beobachtenden Engländer jedenfalls ebenso komisch vorkommen mögen wie uns die transcanalischen Originale. Wenn bei dem Aufschwung, den Handel und Gewerbe erfreulicher Weise in allen Gauen Deutschlands nehmen, erst das Bedürfniß des Fremdeländersehens so in Saft und Blut des Deutschen übergegangen sein wird, wie beim weltmarktbedienenden Engländer, und wenn Jeder erst gelernt haben wird, den Ueberschuß seines Gefälligkeits-Dranges, seiner schüchternen Rücksichtsnehmerei und seines millionenumschlingenden, alle persönlichen Geheimnisse freiwillig offenbarenden Vertrauens abzustoßen, dann wird uns der praktisch reisende Ausländer in seiner Nüchternheit und in seinem unverkennbaren „Ich reise für mich und nicht für Andere“ – auch weniger auffallen.

Von solch’ einem urwüchsigen, personificirte „Ich bin Ich“ möge hier eine Wander-Erinnerung Platz finden, die diesmal aber in keinem „verrückten Engländer“, sondern in der Hülle eines vornehmen Russen sich geltend machte.

Die verstorbene Kaiserin von Rußland bereiste vor mehreren Jahren die Schweiz. Ihr leidender Zustand bedingte die größte Aufmerksamkeit und Rücksichtsnahme auf eine Menge kleiner Zufälle und Umstände. Schon Wochen lang war für sie und ihr aus etwa siebenzig Personen bestehendes Gefolge Wohnung in einigen der vornehmsten Hotels der Schweiz angesagt, in einem für längeren Aufenthalt, in anderen lediglich für die Durchreise. In einem derselben, in welchem sie zuerst in der Schweiz zu übernachten gedachte und dessen bedeutende Räumlichkeiten ausschließlich für diese kaiserliche Gesellschaft in Anspruch genommen waren, wurde mehrmals durch telegraphische Depesche die Ankunft der hohen Dame verschoben. Als sie dann wirklich das Hotel passirte, blieb sie jedoch nicht über Nacht in demselben, sondern nur wenige Stunden, mußte aber für ein Frühstück oder dergleichen eine scheinbar über alle Maßen kolossale Rechnung bezahlen. Wer mit den näheren Umständen genau vertraut war und die durch die wiederholte Verzögerung für mehrere Tage völlig brach gelegte Frequenz des sonst sehr belebten Gasthofes in der hohen Reisesaison in Betracht [357] zog, fand die in Form einer Rechnung erhobene Entschädigung nicht zu übermäßig. Aber bei der Reisewelt Rußlands, die sonst nicht gewöhnt ist zu geizen, hatte die dürre, nackte Zahl gewaltig Staub aufgeworfen und die Meinung in Curs gebracht: wer in der Schweiz reise, werde so lange gepreßt, als er noch einen Imperial in der Tasche habe. So wenigstens hatten es mir später der alte russische Herr, von dem sogleich näher die Rede sein soll, und sein jüngerer Begleiter mitgetheilt.

Es war Abend. Ich stieg in den erleuchteten Omnibus des Hotel N. N. auf dem Wege zu einer Berner Oberländer Tour, als ich gedachte beide Russen bereits im Wagen der Abfahrt harrend fand. Mein Alpenstock machte die Neugierde des jüngeren rege, und unter leichter Begrüßung fragte er, wozu eine solche Stange diene.

„Es ist ein Bergstock,“ erwiderte ich ihm, „wie sich derselben Alpenreisende, Gemsjäger etc. bedienen.“

„Ah! vous-êtes chasseur aux chamois?“ fragte er leuchtenden Auges.

„Dies nicht!“ entgegnete ich lächelnd, „ich gehe nur in’s Gebirge, eine Tour zu machen.“

„Ist das gefährlich?“

„Das läßt sich nicht so allgemein beantworten. Es giebt Thäler und Berge, großartige Felsenpartien und Gletscher, die jährlich von Tausenden und Tausenden besucht, erstiegen, überschritten werden, die Damen, Kinder begehen können, ohne die mindeste Furcht vor irgend welcher Gefahr hegen zu müssen, und es giebt deren wiederum, wo Schritt und Tritt fest, das Auge schwindelfrei, der Körper ausdauernd sein müssen.“

„Glauben Sie, daß ich eine Bergtour werde machen können?“

„Ich kenne Ihre Kräfte nicht, mein Herr, weiß nicht, ob Sie Fußgänger sind, deshalb kann ich Ihre Frage in dieser Allgemeinheit wieder nicht beantworten!“

„O ja, ich bin schon zu Fuß marschirt,“ erwiderte er mit einigem Selbstgefühl, und nannte mir irgend eine kurze, zwei- oder dreistündige, ebene Strecke in der Nähe von Petersburg, knüpfte aber sofort die Frage daran, ob er sich mir anschließen dürfe.

Bedingungsweise ging ich vorläufig auf seinen Wunsch ein. Der Wagen hielt, wir stiegen aus und verabredeten Rendez-vous beim Nachtessen. Ich war am Umkleiden auf meinem Zimmer, als ich einen Heidenlärm auf dem Corridor der gleichen Etage hörte und bald aus den verschiedenen Stimmen die des jungen Russen heraus erkannte. Der Kellner, welcher die beiden Herren (die ohne Bedienung reisten, um nach ihrer vorgefaßten Meinung nicht auch bis auf den letzten Franken ausgeplündert zu werden) auf’s Zimmer führen sollte, hatte sich, wie es scheint, eines ungewählten Ausdruckes bedient, als die Zimmer den beiden Russen nicht elegant, nicht comfortabel genug eingerichtet erschienen. Genug, als ich hinzukam und der Wirth und andere Leute herbeieilten, fand ich den alten General, wie er den leichenblassen Kellner an der Cravatte mit fester Faust gepackt hatte, wie einen Schelmen schüttelte und in einem gräßlichen Französisch zornglühend andonnerte, ob er sich erdreiste, ihn zu taxiren, wie viel er für einige Zimmer zahlen könne.

Der gewandte Wirth ebnete sofort durch sein äußerst höfliches Entgegenkommen die Differenz, indem er fragte, wie lange die Herrschaften zu bleiben gedächten. Als man ihm antwortete: „Bis zum nächsten Mittag,“ offerirte er sofort eine Reihe von Zimmern, welche für den nächsten Abend für einen Gesandten bestellt waren. Die Salons gefielen, der Sturm war besänftigt und der Hotelier wußte, mit wem er es zu thun hatte. Der Speisesaal zu ebener Erde war bereits leer, als ich hinabkam. Drei Couverts waren für uns in Bereitschaft. Ich hatte mir ein Gläschen Kirschwasser geben lassen; es stand noch unangerührt da, als die beiden Russen eintraten.

„Was trinken Sie da?“ fragte der ältere Herr, und ohne die Antwort abzuwarten oder mich darum zu begrüßen, nahm er mein Glas, probirte, d. h. warf dessen Inhalt mit einem Schluck hinab und fand ihn so vorzüglich, daß er sofort – eine Flasche von diesem starken Destillat bestellte. Der Kellner stutzte, ein Wink des Wirthes, und der Befehl wurde vollzogen.

Wir nahmen Platz. Der General präsidirte. Der jüngere Russe und ich saßen einander gegenüber.

„Weinkarte!“ Prüfenden Blickes überflog unser Tischpräsident dieselbe, nahm einen Bleistift und strich etwa so, wie man in einem Auctionskataloge die Titel der Bücher, auf die man zu bieten gedenkt, markirt, acht oder zehn Sorten an. „Ah, bière de Munic!“ Ebenfalls ein Strich.

Eine Flaschen-Colonne, die alle Aussicht versperrt haben würde, sollte aufgestellt werden. Der feine, industriöse Wirth hatte dies vorausgesehen und ließ ein Büffet-Tischchen zur Seite der alten „Excellenz“ etabliren, so daß Küche und Keller getrennt waren. Man servirte die Suppe. Suchenden, mißvergnügten Blickes sah sich der alte Herr um, der Wirth flog herbei. Er (der General) fand es höchst lästig, ein Souper einnehmen zu sollen in der Reihenfolge, wie es dem Koch beliebe; warum nicht ein Menu aufliege? man solle Alles, was man für uns in Bereitschaft habe, auf die Tafel stellen, er werde sich dann schon auswählen, was ihm behage. Auf mich, den er kaum durch die zufällige Begegnung, weder dem Stande, noch dem Namen nach, kannte, nahm er keine Rücksicht und behandelte mich so, als ob ich sein Gast sei und mit seinen Anordnungen vorliebzunehmen mich bequemen müsse. Das kategorische Auftreten des alten Kauzes machte mir Spaß, und in Voraussicht, daß es farbige Momente geben werde, trat ich auf den angeschlagenen Ton ein.

Jetzt schleppten alle disponiblen Kellner Fisch, Braten, Saucen, Entremets, Puddings, Compots, süße Platten, Salate, kurzum, was das Haus vermochte, herbei, so daß die breite Tafel, kaum Raum genug bot. Ein eleganter Speisezettel (menu) rapportirte über die aufgestellten Gänge. Nun aber ging es an ein Durcheinanderkauen der ungebundensten Art. Das, was wir einen „russischen Salat“ zu nennen pflegen, die Mischung kleingeschnittener, marinirter Fisch- und gebratener Fleischspeisen mit pikanten, sauer eingemachten Früchten, ist eine geordnete Verbindung verwandter Stoffe gegenüber dem, was unser Präsidirender aus seinem Teller zu vereinigen wußte. Zwischendurch schenkte er sich ein halbes Weinglas voll Kirschwasser ein, trank’s und löschte die brennende Wirkung des Aquavits mit – Bier ab. Dabei wurde er redselig, erzählte mir, höchst eifrig kauend, in russischer Sprache (von der ich kein Wort verstand, die mir jedoch mein vis-à-vis stets heiterern Humors lachend übersetzte) Dinge in ähnlicher Reihenfolge, wie er seine Mahlzeit einnahm.

Der alte Herr hatte als Oberst im Kaukasus commandirt, war sein Lebenlang kaum vom Pferd gekommen, kannte das Gebirge und die Strapazen in demselben aus langjährigen Erfahrungen und machte zum ersten Mal einen Ausflug in’s „Innere Europas“. Daher sein imperativer Ton, seine kosakisch-directe Handhabung der Cravatten-Justiz. Er probirte die Weine bunt durcheinander, wechselte die Gläser häufig und hatte von General Dufour und Wilhelm Tell gehört. Seiner dunklen Erinnerung nach mußte letzterer in der Eigenschaft als schweizerischer Commandeur bereits seinen Abschied genommen haben, als General Dufour das Commando übernahm. Auch die Schlacht im „jardin des Sarrasins“ oder „Mohren-Garten“ (er meinte den Kampf am Morgarten 1315 zwischen Herzog Leopold von Oesterreich und den Hirten der Waldstätte) war ihm nicht fremd, nur meinte er, es habe sich damals um ein Gefecht zwischen Mohren oder Beduinen und Schweizern gehandelt.

Die Quiproquos und der Humor des lebhaft bechernden alten Herrn wuchsen von Glas zu Glas; in uns fand er den freudigsten Widerhall seiner Stimmung, kurzum der Abend wurde prächtig. Aber die Kellner waren dem General nicht flink genug, oder vielmehr, da sie sein Russisch nicht verstanden, sahen sie ihm nicht an den Augen ab, was momentan sein Wunsch war. Er verlangte nach dem Wirthe.

„Ich weiß nicht, wie Ihre Leute heißen, Iwan oder Henri oder Feodor; deshalb bestellen Sie mir ein Paar Diener, die heute Abend ausschließlich für meine Bedürfnisse bestimmt sind, stellen Sie dieselben hinter meinen Stuhl und den Lohn dafür auf meine Rechnung.“

Zwei junge Kellner im schwarzen Frack mit der Serviette überm Arm mußten wie Ordonnanzen Posto fassen. Jetzt kam Appetit nach Champagner. Die Eiskessel wurden herbeigebracht, auch Gläser en grisaille (die mattgrauen weiten Schalengläser, deren man jetzt sich zum Champagner bedient). Die Fenster waren geöffnet.

Ein spöttischer Zug überflog das weinheitere Gesicht des Graukopfes. „Aus solchen Gläsern? Die sind gut für Handwerksburschen, wenn ihrer sechs die letzten Kopeken in den Taschen zusammensuchen, um eine Flasche bezahlen zu können. Ein Jeder [358] bildet sich ein, er habe etwas im Glase, und hat nichts. Ich habe heute auf einer Station Bier getrunken,“ sagte der General, die drei Champagnergläser, Stück für Stück ruhig zum Fenster hinauswerfend, „vortreffliches Bier, da hatte man schöne Gläser für Champagner (er meinte Bierschoppen ohne Henkel); giebt es solche hier nicht?“

Sofort holte man aus der Gesindestube einige solche Schoppengläser herüber. Hoch erfreut klatschte der alte Herr in die Hände.

„Wer von Euch versteht einzuschenken?“ fragte er die Ordonnanz-Kellner.

Die beiden jungen Bürschchen stotterten feuerroth Einiges.

„Ah, ich sehe schon, Ihr versteht’s nicht! Kann Niemand einschenken?“

Der vor einer Stunde oben auf dem Corridor geschüttelte Zimmerkellner, der, weiß der Himmel woher, einige Dutzend Brocken Russisch papageien konnte, war im Saal, faßte sich ein Herz und stellte sich, russisch antwortend.

Aufgerissenen Blickes maß ihn der alte Haudegen vom Scheitel bis zur Zehe. Der Groll wurmte noch. Endlich griff er, mechanisch tastend, nach dem Schoppenglase und hielt unter. Der Kork wurde ohne den mindesten Effect entfernt, das Glas fast ohne allen Schaum gefüllt. In einem langen, herzerquickenden, wahrhaft beneidenswerthen Zuge trank der Kaukasus-Ueberwinder fast bis zur Hälfte, daß ihm die Schärfe des Gases Wasser in die Augen trieb. Das war zu seiner Zufriedenheit gewesen. Er zog die Börse und gab dem servirenden, geschopfbeutelten Kellner einen halben Napoleon.

Jetzt hatte der Magen genug; eine ungeheuere Ladung. Mit verbindlicher Freundlichkeit fragte unser Präsidirender, ob wir noch zu essen gedächten, und auf unsere Verneinung schob er Alles, was ihm zunächst stand, zurück, so daß die Sardellensauce über den Kuchen hinabfloß, die offene Flasche Kirschwasser den Rest ihres Inhaltes auf die Kapaunen-Platte ausgluckte und die Biscuits den Salat garnirten. Entsetzt ob dieses Vandalismus sprangen die Kellner herzu, auch die beiden Servietten-Trabanten hinterm Stuhl. Dieser sorgsame Eifer erregte bei unserem Original eine so erschütternde Lachlust, daß ihm der Bauch hüpfte.

„O diese Thoren! Sehen Sie, was sie springen, um einem paar armseligen Gläsern oder Platten die Existenz zu retten. Auf meinem Gute würde kein Diener sich von der Stelle rühren, und wenn ich den Inhalt der ganzen Tafel hinabwürfe. Der Diener hat nie etwas von sich aus zu thun, sondern zu warten, bis der Herr befiehlt.“

Ich übergehe es, den Rest des an drolligen Scenen überreichen Abends vollends zu schildern, und lasse uns Alle ausschlafen. Ich hatte mein Frühstück eingenommen, einen großen Spaziergang gemacht und die Sonne fing an schon mittägigen Charakter zu entwickeln, als bei meiner Rückkehr mir der Kellner meldete, die Herren seien erwacht und hätten nach mir gefragt. Endlich nach langer Umstandskrämerei und beseitigtem Thee oder Kaffee waren wir soweit, einen Wagen besteigen und im Orte herumfahren zu können, um in einigen Magazinen derbe Schuhe, eine Blouse, Feldflasche, Bergstock und andere Touristen-Utensilien für meinen jüngeren, mir octroyirten Reisegenossen einzukaufen. Ich erwähne dieses Umstandes nur, um schließlich einer wiederholt zum Ausdruck gebrachten Marotte des alten Degens noch zu erwähnen. Bei unserem Umherfahren schauten uns die jähabfallenden Gipfel der Hochalpen und ihrer Vorberge fortwährend in den Wagen. Das veranlaßte den General zu der immer wiederkehrenden Frage: „Da hinauf wolle der junge Strandläufer? (so nannte er seinen Reisegefährten, einen vortrefflichen, gebildeten jungen Mann von Geist und Herz, der unsere Dichter in deutscher Sprache gelesen hatte und mit dem ich dann sechs genußvolle Wandertage verlebte) – Da hinauf? Auf diese Schneefelder, in diese Schluchten, in diese Einöden? Er kenne das Gebirge, er habe x Jahre im Kaukasus commandirt und wisse, was dazu gehöre. Das sei von einem solchen Stubenhocker Uebermuth, Unsinn, der bestraft werden müsse; er bitte mich dringend den verwegenen Menschen nicht zu schonen, ihn zu strapaziren, wenn er auch einen Arm oder ein Bein breche, das schade nichts; nur das Leben dürfe es nicht kosten (setzte er ganz ernst hinzu), so, so – müsse er zurückkommen, daß die Zehen zu den Schuhen heraussähen und die Fetzen von den Kleidern hingen,“ und dabei begleitete der dicke Mann seine Worte mit den lebhaftesten Geberden, „aber, wie gesagt, das Leben dürfe es nicht kosten.“ Eben so lachend und jubelnd wie am Abend vorher übersetzte mir der junge Reisefreund die Wünsche seines Begleiters.

Und als ich nach sechs Tagen mit ihm zurückkam, sein vornehm-blasses Milch-Gesichtchen eine prächtige braune, männliche Färbung angenommen hatte und die Augen noch Eins so frisch und lebhaft glänzten, während die abgestoßenen Schuhsohlen zur Genüge bekundeten, daß wir nicht jederzeit über weiche Alpenmatten gewandert waren, da schüttelte der „Commandeur aus dem Kaukasus“ den Kopf; es war ihm gar nicht recht, daß der Chirurg nicht einige Knöchelchen zu flicken hatte. Die Rechnung von einigen Hundert Franken für ein Abendessen und für einige Zimmer über Nacht erschien dem Alten so spottbillig, daß er noch vierzig Franken über die Summe für die Dienerschaft hinzulegte. –

Und weshalb wurde diese Anekdote so breit und umständlich erzählt? wird mancher Leser der Gartenlaube fragen. Um an einem drastischen Beispiele zu zeigen, daß in gar vielen Fällen die Herren Gastwirthe von Haus aus nicht so sorglose Plusmacher sein dürften, wenn sie nicht von den Reisenden selbst dazu verwöhnt würden. Unser Russe war protzig, fühlte sich Herr und zwar auch Herr einer strotzenden Reisecasse und konnte somit seine übermäßigen Ansprüche mit Gold aufwiegen. Aber wie Viele reisen, die ebenfalls ganz absonderliche Lieblingsgewohnheiten von Hause mitbringen, außerordentliche Ansprüche wie Excellenzen stellen, dann auch wie russische Nabobs behandelt werden (versteht sich auch in Ansehung der Nota), aber – über keinen Goldregen gebieten können! Dann – –?

Die Antwort gelegentlich in einer anderen Reise-Anekdote[WS 1], wenn der Gartenlauben-Gärtner es nämlich wünscht.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Anekdoet