Aus den Sprechstunden eines Arztes (5)

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Autor: Dr. Carl Bock
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Titel: Aus den Sprechstunden eines Arztes (5)
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 215–217
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus den Sprechstunden eines Arztes.
V. Der Fettbäuchige und die Wespentaillige.

Sprechen wir aber erst einige Wörtchen mit dem Publicum und zwar über die Rücksichtslosigkeit, mit welcher nicht Wenige aus den sogenannten gebildeten Ständen ihren Arzt behandeln. Wir waren zwar früher schon so frei, über diese Rücksichtslosigkeit von der Leber weg zu sprechen, allein – das kann gar nicht oft genug geschehen, und deshalb heraus mit der Sprache!

Und wenn auch an allen Thüren der ärztlichen Wohnung mit großen Buchstaben angeschrieben steht: „Sprechstunde von – bis - “, so verlangen doch gar nicht selten Kranke (zumal dickthuige Geldprotzen), die sich recht wohl mit ihren Geschäften so einrichten konnten, daß sie zur richtigen Zeit beim Arzte einzutreffen im Stande waren, daß derselbe auch nach dieser Zeit noch, auf Kosten seiner Studien- oder Erholungszeit, ihr Genörgele über unbedeutende Beschwerden mit Aufmerksamkeit anhören soll. Und warum verlangen sie das? Weil sie den Arzt für eine Art Dienstmann ansehen, der für Geld zu jeder Zeit den Leuten zu Diensten stehen muß. – In diesem Sinne honoriren sie auch sehr oft den Arzt in einer Form, die äußerst verletzend für denselben ist. Der Eine sucht in allen Taschen nach dem Portemonnaie herum und langt, wenn er’s endlich gefunden hat, mit großer Behäbigkeit die Groschens heraus, um sie dem Arzte in die Hand zu zählen. Ein Anderer wünscht auf einen Fünfthalerschein vier und einen halben Thaler zurück; ein Dritter drückt dem Arzte wie einem hübschen Dienstmädchen, welches ihm die Treppe herableuchtete, mit einer Art von Gefühl einen Thaler in die Hand. Selbst Personen von sogenannter feiner Bildung lassen sich diese Handgelddrückerei zu Schulden kommen, anstatt das Honorar (wo möglich in ein Couvert eingeschlagen) ohne auffallendes Gebahren auf den Tisch zu legen oder nachträglich zu übersenden.

Auch von der Inhumanität solcher Kranken gegen einander, welche einen beschäftigten Arzt in seiner Sprechstunde besuchen, läßt sich Manches sagen, denn nicht nur, daß der später gekommene wohlhabendere oder höher gestellte Patient gar oft vor dem schon länger wartenden ärmern Kranken aus niedrigerm Stande den Vortritt haben will, auch in ihrer langweiligen Unterhaltung mit dem Arzte bedenken Manche gar nicht, daß im Vorzimmer noch andere Kranke auf Rath warten.

Viele Kranke nehmen den ertheilten ärztlichen Rath in einer Art und Weise hin und versprechen denselben zu befolgen, gerade als ob sie dem Arzte einen ganz besondern Gefallen damit erzeigten, für den er sich womöglich noch bedanken soll. – Von innerem Grimm kann aber der Arzt verzehrt werden, wenn Patienten, die entweder Jahre lang ihren Körper mißhandelten und sich dadurch ein langwieriges Uebel zuzogen, oder kürzlich von einem schweren Leiden heimgesucht wurden, dem Arzte Vorwürfe über die langsam fortschreitende Besserung machen. Vorzüglich wohlhabende Geschäftsleute sind es, die sich dies gegen den Arzt erlauben und ihr ebenso unartiges wie unverständiges Benehmen dadurch noch verletzender machen, daß sie sich auf diesen oder jenen Freund berufen, der bei einem ähnlichen Leiden wie das ihrige von diesem oder jenem Arzte weit schneller hergestellt wurde. Sie scheinen die Herstellung der Gesundheit wie eine Schuhflickerarbeit zu betrachten.

Kurz, aus dem Benehmen der Patienten gegen ihren Arzt läßt sich recht deutlich auf die Bildungsstufe derselben schließen. Nun, merken Sie sich das, geehrter Leser.

1. „Muß ich denn durchaus nach Carlsbad?“

Mit diesen Worten warf sich mein dicker, spitzbäuchiger Freund, vom Treppensteigen noch ganz außer Athem, in die Sophaecke, daß Alles krachte.

„Ein Muß ist’s nicht. Aber –“

„Nun, das ist mir lieb, denn ich möchte meine Familie und mein Geschäft nicht gern verlassen.“

„Aber dann mußt du freilich zu Hause auch Alles das auf’s Strengste befolgen, was Dir von deinem überflüssigen Fette verhelfen kann. Und das thun die allerwenigsten Schmeerbäuche gern. Uebrigens kenne ich das schon, wenn ein solcher dicker Patron sein Geschäft als Hinderniß gegen die Badereise vorschiebt; nur Bequemlichkeitsliebe und das Nichttrennenkönnen von den lieben alten Gewohnheiten halten den Herrn zu Hause fest.“

„So hat meine Frau auch gesprochen.“

„Wenn das ist, dann rathe ich jedenfalls zur Badecur. Denn Gnade Gott mir und dir, wenn du auf meinen Rath hin nicht nach Carlsbad gingst und nächsten Winter wieder deine alte Staupe [216] hättest; das Genörgele von Deiner Familie: siehst Du, nun hast Du’s, warum bist Du nicht nach Carlsbad gegangen u. s. f., nähme gar kein Ende, und ich müßte, wie immer, ganz gewiß als Sündenbock dafür herhalten, daß Du meinen ärztlichen Verordnungen nicht ordentlich nachgekommen wärst.“

„Nein! Da kennst Du meine Frau schlecht. Was Du sagst, hält sie für ein Evangelium.“

„Nun denn, ordentlich aufgepaßt, denn ihr Halbkranken hört immer nur mit halbem Ohre zu. – Alle Beschwerden, von welchen fettleibige Personen, zumal solche, die schnell in wenigen Jahren fett wurden, heimgesucht

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Die gesunde Mannesleber.

werden, haben ihren Grund in widernatürlicher Fettablagerung im Innern des Körpers, ganz besonders in lebenswichtige Organe, wie das Herz, die Leber, die Gefäßwände etc. Es ist deshalb die Aufgabe jedes Fettsüchtigen, nicht nur neue Fettablagerung zu vermeiden, sondern auch das schon in zu reichlicher Quantität vorhandene Fett zum großen Theile wieder wegzuschaffen. Damit sich nun neues Fett in ungehöriger Masse nicht mehr absetzen (aus dem Blute ausscheiden) kann, muß eine solche Diät eingehalten werden, welche im Genusse fettarmer Nahrung besteht und ebenso wie fette auch fettbildende Nahrungsstoffe (z. B. Zucker, Mehlspeisen, Spirituosen) vermeidet, sodaß also die Kost hauptsächlich aus magern Fleischspeisen und wässrigen Getränken zusammengesetzt sein darf. Natürlich soll nicht alles Fett, aller Zucker und alles Mehl ängstlich vermieden werden, auch schadet von Zeit zu Zeit ein Gläschen Bier oder Wein nicht, aber nur sehr mäßig ist dies Alles zu genießen.

Zum Wegschaffen des unnützen Fettes dient nun aber nichts besser als tüchtige Bewegung und kräftiges Athmen in frischer, freier und besonders sonniger Waldluft, weil dadurch der Blutlauf und die Fettverbrennung im

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Die verkrüppelte Frauenleber.

Blutstrome sehr gefördert wird. Das Faulenzen, lange Schlafen, überhaupt das Pomadigsein muß aufhören und dafür Frühaufstehen, Spazierengehen, Hantiren im Hause oder Garten, Holzfällen, Kegeln, Turnen eintreten. Das kräftige, tiefe Ein- und Ausathmen werde ordentlich gelernt und executirt, auch durch enge Kleidungsstücke nicht etwa behindert.

Ein prächtiges Unterstützungsmittel dieser Entfettungscur ist sodann das Wasser, aber in größerer Menge als sonst getrunken und, weil der Magen weniger dadurch beschwert wird, von heißer Temperatur. Doch kann ein guter Magen auch kaltes Wasser vertragen. Verstopften thut ferner ein schwachabführendes Mineralwasser (wie das Carlsbader) ganz gut, nur lasse man davon ab, sobald der Appetit dadurch vermindert wird. – So einige Biergläser heißen Wassers früh vor dem Kaffee und sodann während des Spazierengehens recht fleißig und kräftig, aber langsam Ein- und Ausathmen, das räumt auf in dem Fettbauche und bewirkt eine Blutmauserung aus dem ff. Wer’s nicht glaubt, der thut mir leid.

Uebrigens muß Jeder, der sich in Carlsbad mit Erfolg entfetten will, hier ebenfalls die soeben angegebenen Regeln streng beobachten; er muß fette oder fettbildende Nahrung so viel als möglich meiden und beim Abarbeiten in freier Luft kräftig athmen, Nach der Cur ist’s natürlich nothwendig, wenn sich nicht von Frischem die Verfettung einfinden soll, die angerathene Entfettungsdiät, nur in etwas milderem Grade, fortzuführen.“

Mein Freund ging dick nach Carlsbad dieses Jahr – und Weib und Kinder sah’n ihn dünne wieder.


2. „Ich leide an der Leber.“

„Es sollte mich wundern, wenn’s nicht umgekehrt wäre, mein Fräulein, wenn Ihre Leber nicht vielmehr an Ihnen litte. d. h. an einer schlimmen Behandlang von Ihrer Seite und zwar durch Ihre Kleider. Denn eine solche Taille, die einer Wespe keine Schande macht, kann nur das Product von Gewaltthätigkeiten gegen die Lebergegend sein.“

„Ich habe aber auch gelbe Flecke auf der Haut.“

„Solche Flecke haben mit der Leber ebensowenig zu thun, wie die Sommersprossen und der brünette Teint. – Ueberhaupt sind Leberleiden, für sich als Krankheiten, äußerst selten (s. Gartenl. 1856. Nr. 29), zumal bei jungen und so wohl aussehenden Damen, wie Sie.“

„Und ärgerlich bin ich im höchsten Grade; das muß doch mit der Galle zusammenhängen.“

Daß dieses leichte Aergerlich- und Zornigwerden eine tadelnswerte Unart ist, sagt man natürlich als artiger Mann der Dame nicht, denk sich’s aber.

„Auch werde ich sehr oft von stechenden Schmerzen in der Lebergegend (unter den letzten Rippen auf der rechten Seite) gepeinigt, die besonders beim tiefen Athmen sehr heftig sind.“

„Solche Schmerzen in der Lebergegend rühren fast stets von einem Entzündungszustande der Leberkapsel her und sind bei eigentlichen Leberkrankheiten äußerst selten vorhanden.“ – Uebrigens kommen wir durch unser Reden nicht zum Ziele, die Lebergegend muß durchaus mittels Beklopfens und Befühlens genau untersucht werden.

Und was ergiebt sich da? In der Haut der obern Bauchgegend geht ein ziemlich tiefer, fast kleinfingerbreiter, etwas gerötheter Eindruck quer von einer Seite zur andern herüber, und dieser rührt von den Unterrocksbändern (selbst wenn diese nur ganz locker gebunden werden) her. So wie in der Haut findet sich nun aber auch in der Leber selbst ein solcher Schnürstreifen, und durch diese Schnürung geräth, abgesehen von der Verunstaltung dieses Organs (s. Gartenlaube 1853. Nr. 26) und der Quetschung des Magens, die Leberkapsel in der Umgebung dieser Furche sehr leicht in einen Entzündungszustand, der jene Schmerzen veranlaßt. Nicht selten hilft auch noch das Schnürleibchen beim Maltraitiren der Leber mit, insofern dasselbe die Rippen in deren weiche Substanz hineindrückt und ebenfalls zur Leberkapselentzündung Veranlassung giebt.

Mein Rath geht deshalb dahin: lassen Sie an Ihre Unterkleider entweder Achselbänder (Heben) oder recht breite Bunde mit Hefteln nähen, und schnüren Sie das Leibchen nur in seinem untern [217] Theile, zwischen Hüfte und Brustkasten. Jedenfalls muß sich der Brustkasten im zugeschnürten Leibchen so weit als nur möglich durch tiefes Einathmen ausdehnen können.

Bei der Wiederkehr der Schmerzen sind warme Breiumschläge auf die Lebergegend zu appliciren. Blutegel, Schröpfen, Senfteige und spanische Fliegen sind unnütze Quackeleien.

Noch muß bemerkt werden, daß durch diese von fest geschnürten Schnürleibchen und von den Unterrocksbändern veranlaßte Verkrüppelung der Leber auch die Thätigkeit dieses gallebereitenden Organs gestört wird, also die Reinigung des Blutes von unbrauchbaren Stoffen, die Verjüngung des Blutes und die Verdauung benachtheiligt wird. Die beistehenden Abbildungen zeigen den Unterschied zwischen einer gesunden Mannsleber und einer verkrüppelten Frauenleber.

Bock.