Aus deutschen Spielhöllen

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Textdaten
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Autor: E. v. S–g.
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Titel: Aus deutschen Spielhöllen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14-16, S. 217-220; 233-235; 253-256
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus den deutschen Spielhöllen.

Von E. v. S–g.
Nr. 1. Homburg.
Der Spanier Garcia und sein Ruf – Die Stadt Homburg – Im Spielsaale – Eine Spielerfamilie – Die Spielsysteme – Gräfin H. und ein
ruinirter Diplomat – Garcia’s Persönlichkeit – Die Gebrüder Blanc, Gründer des Spielhauses – Der Aufschwung Homburgs.

Ich war, von Paris kommend, in Frankfurt a. M. im Hotel de Ruffie abgestiegen und speiste an der table d’hôte um 5 Uhr. In meiner Nähe saßen mehrere Mitglieder der fremden, in der freien Reichsstadt residirenden Gesandtschaften. Sie sprachen zuerst von einer Bundestagssitzung, worin die holsteinsche Frage verhandelt worden war, moquirten sich ganz laut über die langen Protokolle, über die immer wiederkehrenden Phrasen, über die großen Anläufe und kleinen Sprünge des Bundestags, und ein französischer Diplomat, der den Ton am Tische anzugeben schien und sich in Reden, und Anspielungen gefiel, die ich zum ersten Male an einem Tische, wo Damen saßen, aus dem Munde eines der „höhern Gesellschaft“ angehörigen Mannes vernahm, meinte ganz laut: Die Verhandlungen des Bundestags glichen der Cur des Bandwurms, wo man immer Glieder des Leibes, aber keinen Kopf zu sehen bekommt. Plötzlich veränderte sich die Conversation und wurde ernst: man sprach vom Spiele und von dem glücklichen Spanier Garcia, der seit einigen Tagen wieder in Homburg angekommen war. Er hatte in der verflossenen Saison fast anderthalb Millionen Franken gewonnen, und es schien als ob ihn das Glück neuerdings begünstigen wollte. Die verschiedensten Erläuterungen über die Art seines Spieles wurden vorgebracht. Jeder der am Gespräch Betheiligten wollte die genauesten Beobachtungen über das „System“, welches jener große Mann befolgte, angestellt haben. Eine wichtige politische Angelegenheit, die römische Frage, ein neuer Krieg in Italien, die Stellung des Kaisers Napoleon zu Oesterreich konnte nicht mit größerem Ernste besprochen und nach allen Richtungen hin erörtert werden, als das Spiel des Herrn Garcia, die Summen, die er bisher gewonnen hatte, und die Frage, ob er seine großen Gewinnste der Verfolgung eines voraus entworfenen Planes, eines „Systems“, oder blos dem glücklichen, ihn immer begünstigenden Zufalle verdanke. Die Herren gingen zuletzt zu mathematischen Berechnungen über, nahmen Papier und Bleistift zur Hand und entwarfen die Figuren, nach denen man am sichersten gewinnen könnte. Das Diner war zu Ende, der Kaffee wurde herumgereicht, die meisten Gäste verließen den Saal, auch ich entfernte mich, nur die Herrn Diplomaten blieben zurück, im ernstesten Gespräche über die obenerwähnte Angelegenheit vertieft.

Ich ging ins Theater, man gab ein Lustspiel; als ich eintrat, fiel gerade der Vorhang; der erste Act war zu Ende. Ich begab mich ins Büffet: dort wurde von Homburg, Wiesbaden und von Monsieur Garcia gesprochen; ich flüchtete auf die Straße, gegenüber dem Theatergebäude befindet sich ein Kaffeehaus, ich ließ mir eine Tasse Eis reichen und nahm das „Intelligenz-Blatt der freien Stadt Frankfurt“ zur Hand: die erste Localnotiz, auf die mein Auge fiel, handelte von Homburg und Garcia; das nächst vor nur liegende Blatt war der französische Figaro: der Leitartikel war ein Brief des M. de Villemessaut über die deutschen Bäder, über Garcia und andere Spieler. Alle Frankfurter Blätter waren überdies noch gefüllt mit Ankündigungen von Bällen, Concerten, Festivals in den Spielbänken und den Vortheilen, welche diese oder jene Bank den Spielern gewährt; das System der Anlockung war so vollständig organisirt, daß ich mich entschloß, es in der unmittelbaren Nähe, so zu sagen an der Quelle, zu prüfen. Ich war zwar nicht das erste Mal an jenen Orten, hatte aber immer nur einige Tage in dem einen oder dem anderen verbracht. Ohne Zweck und Ziel für die nächsten Wochen nahm ich mir vor, endlich den Wünschen des Herausgebers der Gartenlaube nachzugeben, diese Spielorte behufs einer ausführlichen Schilderung nach einander zu besuchen, und den Kelch ihrer Genüsse bis auf die Neige zu leeren.

Ich fuhr zuerst nach Homburg. Der Ort bietet an und für sich, d. h. als Landaufenthalt, nicht den mindesten Reiz. Er besteht aus einer langen Gasse; jedes Hans ist entweder ein Gasthof oder ein Hotel garni; kein einziges – factisch– wird von seinem Eigenthümer allein bewohnt. Hinter dem „Curhause“ sind jetzt einige neue Häuser gebaut worden, die den Anfang einer schönen Straße bilden. Gegen das Ende der Hauptstraße tauchen einige von Handwerkern und Kleinbürgern bewohnte Nebengäßchen auf; sie führen nach dem landgräflichen Schlosse, dessen langweiliger und von den Fremden fast nie besuchter Garten der einzige nahe Spaziergang ist; jeder andere liegt schon in solcher Entfernung, daß er einen längern Ausflug fordert. Das ganze gesellschaftliche Leben Homburgs ist also in dem Curhause concentrirt, und dieses ist auch mit einer Pracht gebaut und ausgestattet, daß zehn Landgrafen von Homburg, wenn sie es auf ihre Kosten herstellen wollten, sich daran arm gebaut hätten.

Sie werden mir wohl die Beschreibung der großen und kleinen Säle, der Lesezimmer, der Buffets und des Kaffeehauses erlassen und mir erlauben, gleich auf die Beobachtungen, die ich am wichtigsten Orte angestellt habe, überzugehen. Es waren zwei Trente- und Quarante-Tische und zwei Rouletten im Gange, und alle derartig besetzt, daß man nur mit großer Mühe als Spieler daran [218] gelangen, als Zuseher aber fast gar nicht verweilen konnte. Rings umher standen Bedienten in Livree, die jeden Ankommenden mit prüfenden Blicken maßen; mir mußten sie gleich angesehen haben, daß ich keine Goldfüchse mitbrachte, denn sie nahmen gar keine Notiz von mir, während sie sich beeilten, anderen Herren, die mit mir eingetreten waren, Hut und Stock abzunehmen. Eine Menge Damen, deren Aeußeres weit mehr auffallend als schön war, gingen hin und her; ich hatte manche derselben in Paris auf öffentlichen Bällen und in Gärten gesehen, wo sie eine weit untergeordnetere Rolle spielten, als nunmehr, wo sie alle sehr elegant gekleidet waren und sich theilweise in Begleitung von sehr eleganten jungen Leuten befanden, die natürlich alle hoch spielten. Einer dieser Letzteren war mir von Paris bekannt, wir begrüßten uns, ich bat ihn, mir Hrn. Garcia zu zeigen. „Der große Mann ist noch nicht da,“ antwortete mir Jener, „aber in einer halben Stunde wird er ankommen, und Sie können ihn leicht erkennen, er sitzt immer gegenüber dem Tailleur[1] und spielt immer den höchsten Satz von 12,000 Francs (über 3000 Thaler), Einstweilen lenke ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen andern interessanten Spieler, der eben mit seiner Escorte ankommt.“ Ich wandte meine Blicke nach der bezeichneten Richtung und sah eine in ihrer Art einzige Gruppe. Voran ging ein junger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren mit einem ganz jungen, fast unschuldig aussehenden schönen Mädchen; die Beiden hielten sich an den Händen und wiegten sie in idyllischer Weise hin und her, wie etwa ein junges Ehepaar, das allein im eigenen Garten lustwandelt; unmittelbar hinter ihnen kamen zwei Männer, deren Gesichter eine unverkennbare Familienähnlichkeit mit dem des jungen Mädchens zeigten; den Schluß der Escorte bildete ein kleiner Mann mit einer ausgeprägten orientalischen Physiognomie, und endlich ein hochgewachsener blonder, den man für einen Engländer halten mochte. Der Führer der Dame war ein Vicomte de L –y, der im Vereine mit dem zuletzt Bezeichneten, einem Baron * – der Name ist mir nicht mehr gegenwärtig – ein Spielsystem erproben wollte. Beide waren Belgier, gehörten zu den besten und reichsten Familien des Landes, waren aber Beide um ihres wüsten Lebenswandels willen mit einer Art von Interdict belegt, vermöge dessen sie nur über einen Theil ihrer Einkünfte schalten konnten. Das Mädchen war die Tochter eines Coiffeurs aus einer kleinen Provinzialstadt, die beiden Männer, die dicht hinter ihr folgten, waren - - - ihr Vater und Bruder, der kleine Orientale fungirte als Secretair der Cavaliere.

Von der ganzen Gesellschaft zeigte nur der Blonde ein einigermaßen anständig zu nennendes Aeußere. Der Vicomte sah nicht blos erschreckend abgelebt aus, sein Blick war fast unheimlich, sondern auch die ganze äußere Erscheinung ließ auf alles Andere eher schließen, als daß er den bessern Ständen angehörte. Sein Anzug befand sich in einem derartig verwahrlosten Zustande, daß ein ordentlicher Handwerker sich schämen würde, so mit seinem Mädchen an einem öffentlichen Orte zu erscheinen, und daß auch ein ordentliches Mädchen seine Begleitung nicht annehmen würde. Das Hemd war schmutzig, die Manschetten zerfasert und fast schwarz; Hände und Nägel des edlen Vicomte schienen von der Seife und der Bürste seit mehreren Tagen nicht berührt worden zu sein. Was seine Begleiterin betraf, so konnte man nicht einen Augenblick zweifeln, daß sie zu ihm paßte; wohl nie gab es eine lebendigere Illustration des Sprüchwortes: Gleich und gleich gesellt sich gern, als dieses Liebespaar; hier hatte sich nickt Herz zu Herz, sondern Schmutz zu Schmutz gefunden; die Hände der jungen Dame schienen noch seifebedürftiger, als die des Vicomte, ihr Haar war kaum gekämmt zu nennen, und in dem einen Aermel ihrer noch neuen Seidenmantille erblickte ich ein ziemlich großes Loch, das augenscheinlich eingebrannt war, und auf welches ich des Lesers Aufmerksamkeit lenke, weil dasselbe noch später eine Rolle spielen wird. Der Vater dieses unglücklichen jungen Geschöpfes, dessen Jugend und Schönheit ein besseres Loos verdient hätte, besaß eine der ausgeprägtesten Gaunerphysiognomien, die mir je vorgekommen, und so sehr ich mir Mühe gab, mich zu überreden, daß meine Meinung eine vorgefaßte sei und daß der Manu an einem anderen Orte auch als ein ganz Anderer erscheinen würde, so konnte ich mich doch des widerlichsten Eindruckes, den sein Gesicht, so wie sein ebenfalls unsauberes Aeußeres, das rauhe gemeine Organ und sein lauerndes Wesen in mir hervorbrachten, nie erwehren. Sein Sohn verhielt sich ganz passiv; es schien, als ob er der Einzige wäre, der noch ein dunkles Gefühl für die Erniedrigung befaß, in der seine Schwester und die Familie lebte, denn er ließ sich möglichst wenig sehen. Der kleine Secretair hatte einen Anfing von Reinlichkeit in seinem Erscheinen; der blonde Baron konnte sogar Anspruch erheben, daß er wie ein anständiger Mensch aussah; er war der Einzige, der Handschuhe trug.

Die beiden Cavaliere traten mit der Dame an den Spieltisch und begannen gleich mit dem Einsätze einer Summe, von der eine anständige Bürgerfamilie ein Jahr hindurch bequem leben konnte. Sie waren in auffallender Weise vom Glücke begünstigt, und hatten in kurzer Zeit einen Gewinnst von etwa zehntausend Thalern erzielt. Man erzählte mir, daß sie schon seit mehreren Tagen mit dein gleichen Erfolge spielten, und ich bitte den Leser, diesen Umstand im Gedächtnisse zu behalten, da ich ihm die eben beschriebene Gesellschaft später noch einmal vorführen werde.

Da der Löwe des Tages, Herr Garcia, noch immer nicht angelangt war, trat ich an einen der Roulette-Tische, wo die kleineren Spieler saßen, die über geringere Summen disponiren. Fast ein Jeder von ihnen hatte irgend ein bemaltes oder bezeichnetes Papier vor sich liegen, ein unfehlbares System, nach welchem er spielte. Einer derselben hatte eine kleine Maschine, die wie eine Miniatur-Drehorgel aussah, vor sich stehen, bewegte sie hin und her, stach mit einer Nadel wiederholt in die darin angebrachten Tabellen und flüsterte seinem Nachbar und Compagnon die Weisung zu, wohin er setzen sollte. Während der fünf Tage, die ich in Homburg verbrachte, sah ich mehrere dieser Unfehlbaren ihr Geld bis auf den letzten Heller verspielen. Andere setzten nur auf Nummern, und bei der Masse von Spielern, die oft auf dieselben Nummern spielten, kam es sehr häufig vor, daß der Eine den Andern den Gewinn streitig machte und behauptete, er allein habe auf die Nummer gesetzt; der Streit wurde selbstverständlich immer in leidenschaftlicher Hitze und daher nicht in den gewähltesten Worten geführt; mitunter kam es aber auch vor, daß zwei Streitende sich in einer Weise apostrophirten, daß man sie in keiner Kneipe geduldet und unfehlbar hinausgeworfen hätte. In dem eleganten Homburg aber, das in allen Zeitungen seine Pracht und seinen Comfort ankündigt, werden derartige Vorgänge fast ignorirt, vorausgesetzt, daß die Streitenden noch Geld haben; die Croupiers sehen eine Weile zu – sie sind an solche Zwischenspiele eben schon gewöhnt – dann rufen sie: „Messieurs, faites cote jeu“ und dieses Commandowort lenkt wieder die allgemeine Aufmerksamkeit nach den rollenden Kügelchen.

Auch viele Frauen spielen an der Roulette; unter ihnen erblickte ich die Gräfin H–ff, die Gemahlin eines Mannes, der in einem großen Reiche einen hohen Posten bekleidet; sie lebt schon seit Jahren getrennt von ihm, meistens in Homburg und in andern Bädern. Einst besaß sie ein sehr großes Vermögen und so viele Häuser in Homburg, daß eine Straße nach ihr benannt war, sie spielte nur mit Gold; jetzt sind die Häuser Eigenthum der Bank, und die Dame spielt mit einzelnen Silbergulden. Man erzählte mir, daß sie Alles aufgewandt hätte, um sich von der unglückseligen Leidenschaft zu retten, daß sie sogar nach Rom zum heiligen Vater gewandert war, um von seinem Segensspruche Heilung zu erbitten, doch vergebens! Es wird der Armen zuletzt wohl ergehen, wie es einem ihrer Landsleute erging. Dieser Mann, der allgemein als einer der tüchtigsten Diplomaten, ja, in mancher Hinsicht als ein Genie anerkannt, zu den wichtigsten Missionen verwandt worden war, die er immer mit dem größten Erfolge durchführte, dem eine der glänzendsten Carrièren bevorstand, und der nur noch wenige Sprossen der Leiter zu erklimmen hatte, um auf einen sehr hohen Platz zu gelangen, war zu seinem Unglücke nach Süddeutschland in die Nähe der Spielbäder gesendet worden; er, der früher immer in geregelter Weise gelebt hatte, verfiel der Leidenschaft des Spieles, verlor sein ganzes Vermögen und gerieth in die unangenehmste Lage; seine Regierung, eingedenk seiner Dienste und eminenten Fähigkeiten, befreite ihn mehrere Male aus der Verlegenheit; doch immer auf’s Neue führte ihn die unbezwingbare Leidenschaft an den Spieltisch, und jetzt – lebt er, des Dienstes entlassen, wie ein Flüchtling, versteckt in einer Stadt an der italienischen Grenze.

Ich war eben daran, mein Glück zu versuchen, um nicht immer als ein müßiger Zuschauer da zu stehen, als plötzlich eine Bewegung im Saale entstand und viele Leute nach einem Trente- und Quarante-Tisch drängten; ich hörte von allen Seiten die [219] Worte rufen: Voici Garcia! und beeilte mich, den großen Mann von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Ich hatte erwartet, daß die äußere Erscheinung dieses glücklichen Spielers einiges Interessante bieten würde; denn wilde große Leidenschaften verleihen doch gewöhnlich der Physiognomie ein eigenthümliches Gepräge; und wenn ein Mensch seine ganze geistige Thätigkeit auf einen Punkt concentrirt, und wenn er einen Kampf gegen die Maschine, welche zuletzt auch den härtesten Widerstand bezwingt und jedes Vermögen vernichtet, bereits eine geraume Zeit lang mit so großem Glücke besteht, daß selbst die Kraft dieser Maschine geschwächt erscheinen mochte: so konnte man wohl voraussetzen, daß in jenen Zügen irgend eine hervortretende Eigenthümlichkeit zu entdecken sein würde, etwa düstere Energie, oder kalter, durch nichts zu erschütternder Gleichmuth. Doch dieser Herr Garcia sah aus, wie hundert andere Spieler aussehen. Er war gekleidet wie ein Parvenü; er trug – in der Morgenzeit – ein gesticktes Hemd, wie die Hauptstutzer es gewöhnlich nur auf den Bällen tragen, und wo nur Brillanten anzubringen gewesen, da hatte er sie angebracht, an den Fingern, an der Uhrkettte, als Hemdknöpfe; ja selbst an seinem Rocke bemerkte ich ein kleines Diamantenkreuz, das ich im Anfang für einen Orden hielt, später aber ebenfalls nur als einen Phantasieschmuck erkannte. Er war von ebenso zahlreichem Gefolge umgeben, als jener obenerwähnte belgische Spieler; seine Begleiterin war eine Deutsche; ihre Schwester schien als Gesellschaftsdame zu fungiren. Das Benehmen dieses Herrn Garcia zeigte weder von Energie noch von kaltem Gleichmuthe. Er spielte zwar immer mit demselben Satze von 12,000 Franken und bewährte ziemlich viel Ruhe, so lange er gewann; als er aber zufällig gegen Ende einer Taille verlor – und zwar nur, was er vorher gewonnen – da wurde er eben so unwirsch, als irgend ein Handwerksmann es sein würde, der im Wirthshause seinen Wochenlohn verspielte. Er sprang vom Tische auf, schob seinen Stuhl so heftig weg, daß er den hinter ihm stehenden Zuschauer fast umstieß, und lief fort.

Bei Tische machte ich die Bekanntschaft eines französischen Rentiers, der viele Jahre Consul seines - Vaterlandes in Südamerika gewesen war und das Leben nach allen Richtungen so sehr genossen hatte, daß ihm, dem eigenen Geständnisse zufolge, nur noch das Spiel eine Anregung bot. Er hielt sich alljährlich einige Zeit in den Bädern, vorzugsweise in Baden-Baden, auf, brachte eine gewisse Summe mit, die er fast regelmäßig am grünen Tische zurückließ, und amüsirte sich in seiner Weise. Er war ein sehr geistreicher Mann, der mit Menschen aller Gattungen viel verkehrt und zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte und über die Spielhöllen sehr klar dachte. Ganz offen sprach er sich dahin aus, daß Jeder, der noch irgend einer höhern Anregung zugänglich sei, und sich dem Spiele ergebe, unrettbar verloren sei, weil keine Leidenschaft den Menschen so ganz und gar zu jeder anderen Beschäftigung unfähig mache. Denn selbst die Trunkenheit, meinte er, steht über der Leidenschaft der Spieler; erstens kommt sie bei Menschen, die einige Erziehung genossen haben, nur in den seltensten Fällen vor; zweitens kann der Trunkenbold, wenn er kein Geld hat, nicht mehr in’s Weinhaus gehen, während dem unglücklichen Spieler der Eintritt in die Hölle noch unverwehrt ist, wo er noch immer die Massen Goldes vor seinen Augen hin- und herwogen sieht, und wo sein von Tantalus-Qualen gefolterter Geist nachdenken kann, wie er sich neue Mittel schaffen könne, um nochmals sein Glück zu versuchen.

Nach Tische begaben wir uns in die Spielsäle, und mein neuer Bekannter zeigte mir noch andere hervorragende Persönlichkeiten und unterrichtete mich über den Ursprung sowie über die Organisation dieser renommirten Hölle; und wie ich mich später nach genauern weitern Forschungen überzeugte, waren alle seine Mittheilungen durchaus wahrheitsgetreu.

Die Gründer des Spielhauses waren die Gebrüder Blanc, von denen nur noch einer am Leben ist. Bevor sie als die Directoren des sauberen Instituts auftraten, waren sie in Paris und andern Orten, wie z. B. Nizza, Monaco etc., übel berüchtigt als Leute, die kein Mittel zum Gewinn scheuten, und namentlich auch in Gesellschaftsspielen eine so eigenthümliche Geschicklichkeit entwickelten, daß sie zuletzt in keiner anständigen Gesellschaft mehr geduldet wurden und ihre Augen auf das jungfräuliche Deutschland warfen, das ihnen als ein neu zu bebauendes Terrain erschien. Sie entwarfen den Plan, in der Nähe von Frankfurt ein Spielhaus zu errichten, fanden einige Leute, denen dieser Plan ein gewinnverheißender schien, wie z. B. die beiden Gebrüder Teittler, und auch bald Gelegenheit zur Ausführung desselben. Der alte Landgraf von Hessen mochte wohl von dem Gedanken entzückt sein, daß seine Residenz, die bisher ein armseliges Dorf war, zu einem eleganten Badeorte umgewandelt würde, und daß er dafür nicht nur keinen Heller zu verausgaben brauchte, sondern vielmehr eine ganz schöne Summe jährlich in seine Tasche stecken konnte; er gab seine Einwilligung, und im Beginn der vierziger Jahre blühte schon Homburg in einer Weise, daß es alle Bäder Deutschlands – mit Ausnahme von Baden-Baden – verdunkelte.

Die Gebrüder Blanc waren aber auch die einzigen Spielunternehmer, die es verstanden, die damals noch weniger bekannten und benutzten Hebel der Verlockung in Bewegung zu setzen. Sie hatten ihre Studien in den nunmehr geschlossenen Pariser Spielhäusern gemacht, und wandten dieselben bei der Organisation der Homburger Hölle an; dabei führten sie aber auch Neuerungen ein, die ihrem erfinderischen Geiste alle Ehre machten und sie quasi als Genie erscheinen ließen. Sie hoben das refrait,[2] legten trente und quarante zuerst ganz auf und führten erst später das halbe refrait, ein, was bei dem Umstände, daß noch kein anderes „Etablissement“ sich zu dieser Concession verstehen wollte, alle Systemspieler bewog, nach Homburg zu wandern. Sie waren auch die Allerersten, welche Concerte auf Administrations-Unkosten veranstalteten und die Künstler bezahlten, während diese in anderen Ländern noch immer auf ihr eigenes Risico concertirten; daß die Gattung von Damen, mit welchen Müßiggänger und sonstiges elegantes Gesindel am liebsten umgeht, in Homburg die freundlichste Aufnahme fand, versteht sich von selbst.

Der große Aufschwung Homburgs datirt von der Zeit nach 1848. Das deutsche Parlament decretirte die Aufhebung der Spielbank, und der Homburger Cursaal wurde durch abgesandte Bundestruppen und Commissaire geschlossen. Die Mitgründer der Bank und Besitzer von Actien hielten sich für ruinirte Leute. Der geniale Blanc (der jetzt lebende) benutzte diesen Umstand zu seinem Vortheile. Er sah voraus, daß die Beschlüsse des deutschen Parlamentes von keiner nachhaltigen Wirkung sein würden; er sprach die denkwürdigen Worte: „Meine Bank wird länger dauern, als Euer Parlament,“ und kaufte fast alle Actien zu einem Spottpreise. So wurde er der Herr des Hauses, und ein Franzose Namens Minard und die Teittler’s nebst einigen ganz unbedeutenden kleinen Besitzern von Actien, die in Blanc’s Genie unbedingtes Vertrauen setzten und daher ihre Papiere behielten, blieben Mitunternehmer, begnügten sich aber mit der bescheidenen Rolle von Trabanten der großen Hauptplaneten. Und sie hatten Recht! Als die ersten großen Reden im Parlamente verhallt waren, versuchten die Homburger Bankhalter, das Geschäftchen, wenn auch nur verborgen und in kleinerem Maßstabe, wieder in Gang zu bringen, und siehe da! es gelang besser, als sie gedacht hatten; zu den eifrigsten Besuchern der geheimen, zuerst bei verschlossenen Thüren gehaltenen Sitzungen gehörten – einige hochgeborene Mitglieder des Parlamentes. Als das Jahr 1849 die bekannten Katastrophen herbeiführte, als zuletzt das Parlament sich auflöste und die Revolution in Baden den Spielort dieses Landes unzugänglich machte, öffnete Homburg seine gastlichen Hallen wieder und entfaltete sich glänzender denn je.

Seit der Errichtung des Eisenbahnnetzes, das nun Frankfurt mit allen großen Städten verbindet, ist die Organisation der Homburger Spielbank zu ihrer höchsten Vollendung gediehen. Da die Presse in neuester Zeit doch auch eine Macht, wenigstens in socialer Beziehung, geworden ist, so wurde ihr von Herrn Blanc eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es ist eine ganz bekannte Thatsache, daß Hauptredacteure der einflußreichsten Localblätter Frankfurts mit der Bank auf sehr gutem Fuße stehen; die Indêpendance belge enthält unter ihren Annoncen immer eine, die fast den dritten Theil einer Seite dieses großen Blattes einnimmt, worin die vielen Vorzüge Homburgs gepriesen werden. Auch die österreichischen großen Blätter enthalten seit einem Jahre solche Ankündigungen, [220] und selbst die tugendhafte Augsburger Allgemeine Zeitung, verschmäht es nicht, die beträchtlichen Insertionsgebühren anzunehmen, die ihr von der Homburger Bank gezahlt werden.

Seit einigen Jahren – da Wiesbaden als Concurrent aufgetreten ist – läßt Herr Blanc eine französische Theatergesellschaft den Winter hindurch spielen. Die weiblichen Mitglieder derselben üben eine besondere Anziehungskraft auf manche junge Frankfurter Banquiers aus, und es gab eine Zeit, wo die Damen selbst nach der freien Reichsstadt kamen, um daselbst an den von mehreren der erwähnten Herren veranstalteten „soirées parisiennes“ Theil zu nehmen. Wahrscheinlich mußte der Director des Theaters gefunden haben, daß die Gastrollen der Damen von den „Soiréen“ ihre Leistungen am Theater beeinträchtigten, denn sie wurden angewiesen, ihre Thätigkeit auf Homburg zu beschränken.

[233]
Nr. 2. Homburg - Nauheim – Wilhelmsbad – Wiesbaden Baden-Baden.
Manipulationen zur Herbeiziehung von Spielern – Die Nauheimer Hölle – Weshalb der Teich gegraben – Eine Scene in Wilhelmsbad und das Urtheil
eines Franzosen – Wiesbaden und sein Reich der Courtisanen – Die moralische Spielhölle – Bénazet, der König von Baden und seine Etablissements.

In Homburg sowohl wie in Baden-Baden sind außerdem die Directoren der Bank beflissen, eine Anzahl hübsche Pariser Loretten hinzuziehen, theils um junge reiche Leute durch diese Courtisanen an den Spieltisch zu fesseln, theils um sie an der Bank mitspielen zu lassen, wenn das Geschäft flau geht. Dabei wird die Presse auf jede mögliche Weise benutzt, und die Form, deren sich die Verwaltung bedient, ist oft so fein, daß selbst in die angesehensten Blätter Reclamen in Gestalt hübscher Reiseberichte, kleiner Novellen oder Feuilletonskizzen eingeschmuggelt werden. Die Nachricht von der Sprengung der Bank aber ist ständig und kehrt jedes Jahr wieder, ohne daß sie sich bewahrheitet. Wiesbaden ließ vor einigen Jahren eine Anzahl geistreicher Feuilletonisten von Paris kommen, bewirthete sie auf das Feinste und honorirte ihre Schilderungen der deutschen Badeherrlichkeiten in den französischen Zeitungen auf das Glänzendste.

Nachdem Alles, was die moderne Civilisation bietet, bereits angewandt war, um dem „Curhause“ von Homburg den größten Glanz zu verleihen, hat das Genie des Herrn Blanc in letzter Zeit auch die Religion in das Bereich seiner Speculation gezogen; er läßt nämlich eine englische Kirche bauen, oder bestreitet wenigstens den größten Theil der Kosten aus dem Fond der Bank; hierbei befolgt er das Beispiel des berühmten Eigenthümers der Badner Spielbank, des Herrn Bénazet, von dem ich später noch sprechen werde. Die zahlreichen Kinder Albions, welche sich jetzt in den deutschen Bädern ansiedeln, wo sie mit wenigen Unkosten eine gewisse Rolle spielen können, werden also auch in Homburg ihre Andacht nach dem Ritus ihres Vaterlandes verrichten. Es ist nur sonderbar, daß diese frommen Leute nicht daran denken, wer ihnen das Gotteshaus erbauen ließ. Und ist es nicht unbegreiflich, daß ein Geistlicher sich entschließen kann, in einer von solchen Händen dotirten Kirche das Wort Gottes zu verkünden? Vermag er doch nicht einmal die Entschuldigung anzuführen, daß hier ein reuiger Sünder seine Schuld durch ein vermeintlich gottgefälliges Werk zu sühnen versuchte; – muß er nicht denken, daß in demselben Augenblicke, wo er in der Kirche für seine Gemeinde betet: „Führe uns nicht in Versuchung, erlöse uns vom Uebel,“ die Diener desselben Mannes, der die Kirche stiftete, rufen: Messieurs, faites votre Jeu!? Wahrhaftig, es wäre spaßhaft, wenn der Teufel einem solchen Geistlichen einmal das Evangelium, das dieser in der Hand hält, zu einem Spiel Karten verwandelte und ihn in solcher Weise daran erinnerte, auf welchem Felsen die Kanzel, von der er Predigt, eigentlich errichtet ist!

Was nun sonst noch zur Organisation Homburgs gehört, die Einrichtung, die Ausgaben, die Verbindungen und Beziehungen, die Besoldungen der Angestellten etc., werde ich später besprechen, da die Hauptspielorte, wie der eben genannte, dann Wiesbaden und Baden-Baden, in vielen Punkten gleich stehen. Als besondere Einzelheit soll hier nur hervorgehoben werden, daß Homburg die einzige Hölle ist, wo den ganzen Winter hindurch gespielt wird. Zwar soll es im glücklichen Kurhessen neben Nauheim, Nenndorf, Wilhelmsbad noch eine Spelunke, Wildungen,[3] geben, wo auch im Winter Vogel gerupft werden, doch ist sie zu unbedeutend; Homburg ist bisher der einzige Sammelplatz jener Menschen, die ihr ganzes Leben nur in der Atmosphäre eines Spielsaales verbringen können. Der Einfluß auf die benachbarten Städte ist bei so fortgesetzter Agitation der verderblichste. Unter den jungen Kaufleuten war vor Kurzem noch die Spielwuth so eingerissen und es kamen so viele Veruntreuungen vor, daß die Principale in Frankfurt sich geeinigt haben, keinen Commis anzunehmen, beziehendlich jeden zu entlassen, der an einer Bank spielte. Auch die Turner haben Aehnliches erklärt. Die Zeitungen melden uns, daß der Spieler Garcia in letzter Zeit wieder eine Million Franken daselbst gewonnen habe; dagegen aber auch in dem einzigen Monate Januar drei Menschen in Folge ihres Besuches jener Hölle ihr Leben geendet haben. Der Leser wird mir wohl jeden Commentar erlassen.

Manche hoffen, daß, wenn das Ländchen an Darmstadt übergeht, auch die Spielbank enden werde; die edlen Vorsteher jenes Institutes scheinen keiner Befürchtung Raum zu geben, denn sie haben erst seit Kurzem den Neubau eines Theaters begonnen. Herr Blanc mag wohl, wie einst gegenüber dem Parlamente, in Bezug auf die angedeutete Eventualität sagen: „Meine Bank wird länger dauern als Hessen-Homburg.“ Und wer weiß, ob er nicht Recht behält? Er hat Manches erlebt und durchgesetzt. Sein Bruder ist gestorben; sein erster Compagnon, der ältere Teittler, hat im Irrenhause unter fürchterlichen Gewissensqualen geendet; der jüngere scheint auch nicht auf Rosen gestorben zu sein; sein ehemaliger Director Wellen hat ihn verlassen und ist Generaldirektor der Wiesbadener Hölle; nur seine untergeordneten Helfershelfer sind ihm treu geblieben, und wer diese Nachteulen-Gesichter erblickt hat, der ist überzeugt, daß sie noch lange keine Reue zu spüren Lust haben; Herr Blanc aber hat in letzterer Zeit sogar der französischen Regierung eine Broschüre unterbreitet, worin er einen Plan zu Tilgung der Staatsschulden des neugallischen Kaiserthums darlegt. Vielleicht speculirt er, der Generaldirector von neu zu errichtenden Pariser Spielhäusern zu werden?

Nach mehrtägigem Aufenhalte in Homburg begab ich mich nach Nauheim, um diese hessisch-kurfürstliche Schöpfung in Augenschein zu nehmen. Der Ort selbst ist noch im Werden begriffen, und die Einwohner sind noch nicht, wie die Homburger, darauf dressirt, jeden Fremden als eine Citrone zu betrachten, die man so lange preßt, als noch ein Tropfen Saft darin zu vermuthen ist. Dagegen ist das Curhaus, obwohl als Gebäude nur provisorisch, als Spielhölle bereits so vollständig organisirt, daß es einer nähern Prüfung wohl werth erscheint.

Es wurde im. Jahre 1853 oder 54 gegründet. Der Kurfürst, dessen Vater einst einer der besten Kunden der Homburger Bank war, scheint das Geld, das dieser verloren hat, dadurch zurückbringen zu wollen, daß er in jedem nur einigermaßen geeigneten Ort seines Reiches Spielbanken zu errichten erlaubt. Die Hauptunternehmer in Nauheim, d. h. diejenigen, welche die Fonds lieferten, waren ein französischer Senator C–l, ein französischer Fürst B., ein Frankfurter Rentier S–n, und einige dii minorum gentium. Als ostensibler Leiter erschienen ein Herr Viali und Herr Brigneboule; der letztere ist aber ungetreu geworden und in das Lager der Wiesbaden-Emser Gesellschaft übergegangen. Nach den ursprünglichen Contracten zu urtheilen, müssen sich die Nauheimer Bankhalter goldene Berge versprochen haben; denn sie verpflichten sich nicht nur, einen großen Cursaal und Restauration, sondern auch dem Landesherrn einen großen Palast zu bauen; dem Anscheine nach dürfte dieser in dem Jahre fertig werden, wo der Kurfürst aus eigenem Antrieb die Verfassung von 1831 wieder herstellt. Man versicherte nur, daß zur Zeit, als das Project zuerst nach Kassel gebracht wurde, gewichtige Stimmen sich dagegen erhoben, daß selbst Hassenpflug in einer Anwandlung von Anstandsgefühl es für unbillig fand, das kaum von der Bundesexecution befreite Land, statt mit irgend einer Erleichterung, mit einer Spielhölle zu beglücken; doch der souveraine Wille einerseits und das souveraine Gold der Unternehmer andererseits beseitigten alle Schwierigkeiten, und selbst Hassenpflug fand sich zuletzt veranlaßt, im Herbste 1854 das neue Institut zu besichtigen. Die Geschäfte sind bisher nichts weniger als glänzend, Homburg und Wiesbaden absorbiren’ noch zu viel; doch hat die Administration neuerdings einen Contract mit einem Architekten geschlossen und scheint die Concurrenz mit den beiden eben angeführten Orten durchaus nicht aufgeben zu wollen.

In dem Munde des Volkes geht die Sage, daß der große Teich dort nur zu dem Zwecke gegraben worden sei, um den unglücklichen Spielern die Gelegenheit zum Selbstmorde zu erleichtern [234] und die ganze fatale Geschichte möglichst ohne Lärm und Pulverdampf abzumachen.

Ich hatte meinem französischen Tischnachbar aus Homburg versprochen, mit ihm an einem bestimmten Tage in Frankfurt zusammen zu treffen und dann eine gemeinschaftliche Fahrt nach Wiesbaden und Baden zu unternehmen. Bevor wir indeß nach Wiesbaden gingen, machten wir einen kleinen Ausflug nach Wilhelmsbad, von wo aus bekanntlich die kurhessische Verfassung von 1831 datirt ist, und wohin sich der jetzige Kurfürst im Jahre 1850 begab, als die Kurhessen Herrn Hassenpflug nicht als den besten und ehrenhaftesten Minister anerkennen wollten. Wilhelmsbad ist kein Bad, sondern ein einzelnes von einem Parke umgebenes, schloßartiges Gebäude, dessen Erdgeschosse zur Spielhölle eingerichtet sind. Es war ein Sonntag, an dem ich den Ort besuchte, und ich kann mich noch in der Erinnerung des Schauders nicht erwehren, den der Anblick der armen Leute, die dort spielten, in mir erweckt hat. Es waren größtenteils Kleinbürger, Handlungscommis und Fabrikarbeiter aus der Umgebung, aus Offenbach, Aschaffenburg, Frankfurt und Hanau; denn wohlgemerkt! der Kurfürst von Hessen verbietet seinen Unterthanen nicht, zu spielen, und selbst einige kurfürstliche Officiere in Uniform befanden sich unter den Kunden des Roulette-Tisches^ Ein armer Portefeuille-Arbeiter aus Offenbach hatte seinen ganzen Wochenlohn verloren, und es war so herzzerreißend, seine und seiner sehr anständig aussehenden Braut Klagen anzuhören, daß selbst mein Gefährte, der blasirte Franzose, sich der Bewegung nicht erwehren konnte, und seine Meinung über manche Einrichtungen in dem „ehrlichen Deutschland“ in bitteren Worten aussprach, die ich hier nicht wiedergeben darf, auf die ich aber auch leider nichts zu entgegnen wußte. Nur die eine seiner Bemerkungen will ich hier anführen: „Wir Franzosen,“ sagte er, „sind ein corrumpirtes Volk, und wir denken überhaupt ganz anders und weniger scrupulös über manche Dinge, als die Deutschen; aber dessen könnt Ihr hier in Eurem Tugend predigenden Deutschland sicher sein: Wenn der allmächtige französische Kaiser, der Despot, oder wie Ihr ihn immer nennen mögt, die Spielhäuser wieder in Paris einführte, und wenn in einem derselben eine Scene vorkommen würde, wie die, welcher wir eben beiwohnten, so demolirten die Arbeiter die Höhle noch am selben Tage, und die Regierung – würde nichts thun können.“ Ich schwieg, und dachte Manches, was ich dem Franzosen doch nicht eingestehen wollte; wir fuhren noch denselben Abend nach Wiesbaden.

Die Hauptstadt des Herzogthums Nassau gehört bekanntlich zu den reizendst gelegenen Orten Deutschlands, und die Heilkraft ihrer Quellen ist selbst von den Skeptikern unter den Aerzten anerkannt. Der Leser wird von mir keine weitere Beschreibung der Oertlichkeit, der schönen Gegend erwarten und mir erlauben, nur von dem „Curhause“ zu sprechen. Dasselbe ist, sowie das Curhaus in Ems, Eigenthum der Domaine, der Pachtertrag derselben gehört also zu den Einkünften der Krone. Bis zum Jahre 1857 waren die beiden Spielhäuser einer geschlossenen Gesellschaft, an deren Spitze die Herren Gunz und Simon aus Straßburg standen, pachtweise überlassen und sechs Monate, vom 1. Mai bis letzten October, geöffnet. Dann traten die eigentlichen Wiesbadener Directoren mit ihrem Antheile in eine Actiengesellschaft über, die sich unter den Auspicien von Wiesbadner und Frankfurter Banquiers gebildet hatte, der Widerstand der Emser Directoren wurde beseitigt, und die neue Administration begann ihre Thätigkeit unter der Oberleitung eines Herrn v. Wellen, der früher in Homburg dieselbe Function ausgeübt hatte. Die neue Gesellschaft zahlte das Dreifache des bisherigen Pachtzinses, wofür ihr auch das Privilegium eingeräumt wurde, in Wiesbaden vom 1. April bis Ende December spielen zu lassen. Sie hat das Etablissement nach dem Muster von Homburg reorganisirt, um diesem Concurrenz zu machen, hat das halbe refait und die Roulette mit einem Zéro eingeführt, das Personale bedeutend vermehrt, bestreitet die Concerte etc. aus ihren eigenen Mitteln, hat den Park und sämmtliche Anlagen in der Umgebung des Curhauses auf’s Prachtvollste umändern lassen; und Wiesbaden, das früher ein Spielbad war, ist eine Spielhölle geworden.

Die Gesellschaft des Curhauses, die ich während meines zehntägigen Aufenthalts in Wiesbaden zu beobachten Gelegenheit hatte, war, besonders in Bezug auf die Damen, noch schlechter als die in Homburg; es ist geradezu unbegreiflich, wie in einer Residenz von 15,000 Einwohnern, dem Sitze des Regenten, eines ziemlich zahlreichen Adels, der viele alte Namen zählt, höherer Behörden, eines gebildeten Beamtenstandes, vermöglicher Bürger, in einem Ort, wo jährlich Kammern über das Wohl des Landes berathen, wie da ein solcher Zusammenfluß von Personen geduldet werden kann, die als Abhub der Gesellschaft zu bezeichnen sind. Freilich giebt es – wie ich mich überzeugt habe – auch in Baden-Baden Courtisanen genug, aber sie verschwinden wenigstens unter der Masse, müssen doch einen gewissen äußeren Anstrich wahren und entfernen sich mit dem Ende des Spieles, im October. Aber der Wiesbadner Cursaal wird von dieser Gattung Wesen durch neun Monate des Jahres förmlich beherrscht, sie sitzen am Spieltische, an den Fenstern, auf den Canapés, im Speisesaale; sie theilen sich in Gruppen oder stehen auch unter der Protektion und Aufsicht älterer „Damen“; sie knüpfen sehr oft mit glücklichen Spielern ein Gespräch an; ihnen gehört das Reich der Spielhölle, und anständige Damen müssen es vermeiden, des Abends in den Anlagen oder in dem Parke hinter dem Curhause zu lustwandeln. Daß sich unter jenem Trosse auch manche befinden, deren äußere Haltung eine gemessenere ist, solche, die über große Summen zu verfügen haben und daher die niedrigeren Verrichtungen des Handwerks verschmähen, nur mit großen und reichen Herren umgehen, nur bei Tage und oft in Equipagen nach dem Saale kommen, versteht sich wohl von selbst. Ich sah die in ihrer Art berühmte Adele Courtois[4] , die vor zwei Jahren, nach vielen, vielen Abenteuern und in einem Alter, wo die Jugendblüthe schon seit einiger Zeit vergangen war, den X.’schen Gesandten in einer Weise umstrickt hatte, daß er sich nicht scheute, mit ihr öffentlich in seiner Equipage in den Champs Elysees spazieren zu fahren, und daß er sie zuletzt geheirathet hätte, wenn nicht plötzlich ein Monsieur Courtois, legitimer Gemahl der Dame, erschienen wäre. Mein Reisegefährte sprach mit einer Dame, die allgemein als die Gemahlin eines Spielers galt, aber – wenigstens dem Tone ihrer Conversation nach zu urtheilen – zu den alten Bekanntschaften meines Franzosen gehörte.

Hier fand ich auch jenen Vicomte mit dem jungen schönen Mädchen mit dem Loch im Mantillen-Aermel wieder; der Vicomte spielte noch einige Male, dann war er ruinirt, verließ Wiesbaden, und nur das Mädchen blieb zurück – täglich in dem Kreise der Courtisanen, nun wahrscheinlich selbst eine Courtisane.

Soll ich nun meine aufrichtige Meinung aussprechen? Mir erschien das Gebühren dieser nobeln Courtisanen – der Franzose bezeichnete sie mit dem furchtbaren, aber passenden Ausdrucke: die Königinnen der Schande (reines de la honte) – noch verwerflicher, als das ihrer niedriger stehenden Colleginnen, weil sie nicht einmal die Noth, den Drang der Verhältnisse oder der Leidenschaften als Entschuldigung anführen können. Und habe ich Unrecht, wenn ich nur die verurtheile, welche, nachdem das Glück sie so weit begünstigt hat, daß sie zu einem besseren oder doch wenigstens anständigeren Lebenswandel zurückkehren könnten, mit der traurigen Berühmtheit, die sie erlangt, prunken, also nicht etwa dem Impuls einer Leidenschaft oder der Verhältnisse folgen, sondern nur noch dem Eigennutze fröhnen und das Diadem der Schande zur Schau tragen? Aber gerade diese sind es ja, welche zu den begünstigtsten Bundesgenossinnen der Spielbanken gehören; ihren niedriger stehenden Colleginnen kann es passiren, daß sie als zu unanständig – und weil sie kein Geld haben – entfernt werden; jene aber geben dem Etablissement ein gewisses Relief; ihre Anwesenheit in diesem oder jenem Bade wird sogar von manchen französischen Journalen gemeldet, damit ihre Verehrer doch wissen, wohin sie ihr Geld zu tragen haben, wo sie sich in der besten Gesellschaft ruiniren können.

Unter den hervorragendsten Persönlichkeiten, welche sich während meines Aufenthaltes in Wiesbaden befanden, ist der große Garcia zu nennen, der auch hier mit dem immensen Glücke spielte, das ihn schon in Homburg begünstigt hatte, und sich auch hier ebenso wenig gentlemamlike betrug als dort; neben ihm glänzte ein deutscher Spieler, ein ehemaliger preußischer Officier, der, wie es schien, ebenfalls große Summen gewann, sich aber wirklich anständig und ruhig benahm und sich von jeder zweifelhaften Gesellschaft möglichst fern zu halten schien; endlich ein fremder Königssohn; sein Vater war früher ein alljährlicher Besucher Wiesbadens und [235] der so wohlbekannte ganz öffentliche Beschützer der Nymphen des Cursaales, daß seine eigenen Unterthanen sich laut mißbilligend darüber äußerten und die zufällig anwesenden anständigen Damen seines Landes es vermieden, von ihm bemerkt und in seine Gesellschaft gezogen zu werden. Der Sohn und Erbe folgt ganz den väterlichen Fußstapfen, man konnte ihn fast allabendlich in der gemischtesten Gesellschaft im Speisesaale des Curhauses soupiren sehen; zu seinen Gefährtinnen gehörte auch eine ehemalige Freundin seines Vaters, der man den Spitznamen „die Königin v. H–d“ beigelegt hatte[5]. Sie selbst nannte sich Vicomtesse de –; es wird mit ihrem Titel wahrscheinlich so beschaffen sein, wie mit dem aller angeschwindelten Adeligen.

Sollte man es nun glaublich finden, daß Alles dies, was ich eben beschrieben habe, unter den Augen einer in großem Maßstabe organisirten Curhaus-Behörde vorgeht? Da, wie schon gesagt, das Gebäude Eigenthum der Domaine ist, so steht das Etablissement unter der directen Beaufsichtigung der Regierung; diese hat zu dem Behufe einen Domainenrath und zwei Polizeicommissäre angestellt; selbst der Herr Oberpolizeidirector von Wiesbaden kommt manchmal in seiner Uniform, die fast der eines Generals gleicht, nach dem Curhause und hält seine Rundschau; welche Gründe mögen Wohl vorwalten, daß diese Herren dem Unwesen, das dort vorherrscht, nicht steuern? daß sie nicht auf die Entfernung jener ruinirten Spieler dringen, die, nachdem sie ihr Geld verloren haben, ohne irgend ein Subsistenzmittel, im schlechtesten, schmutzigsten Anzüge, mit hohlen Wangen und trübem Blicke, als wahre Jammerbilder in den Straßen umherwandeln und Grauen erregen? Wenn solche Menschen[6] – auf die ich) später noch zu reden kommen werde - in Homburg geduldet sind, so ist es dahin zu erklären, daß dieser Ort nur eine Spielhölle sein kann und weiter nichts; aber Wiesbaden ist doch eine Residenz, die Hauptstadt eines Landes, das eine gewisse politische Rolle spielt! Die nassauische Regierung ist doch so streng auf Moral und Sittlichkeit und Religion, daß sie, als Redacteur Löwenthal ein Capitel seines Systems des Naturalismus in seinem Blatte abdrucken ließ, sofort seine Verhaftung anbefahl; die Polizei in ihrem moralischen Feuereifer ließ den besagten Redacteur mit Handschellen in’s Gefängniß führen, das Gericht verurtheilte ihn zu mehrwöchentlichem Gefängnisse. Nun möchte ich mir die Frage erlauben: Gesetzt jener Mann hätte statt des besagten Artikels einen andern veröffentlicht, worin er bewies, daß das Roulettespiel in nothwendigem Zusammenhange mit dem Naturalismus stehe, da es doch mit den göttlichen Gesetzen gewiß nichts zu schaffen habe – hätte man ihn dann auch der Gotteslästerung angeklagt? Oder umgekehrt, wenn ein Schriftsteller im Nassauischen behauptete, daß das Spiel eine gotteslästerliche Einrichtung sei, und dies aus dem Evangelium bewiese, würde die Regierung diesen moralischen Eiferer nicht vielleicht in derselben Weise behandelt haben, wie jenen atheistischen?

Ich muß hier gleich bemerken, daß der Herzog von Nassau den ganzen Pachtertrag, der ihm für den Betrieb der Curhäuser in Ems und Wiesbaden entrichtet wird, den verschiedenen Instituten der beiden Städte angewiesen hat, daß er selbst also durchaus keinen directen Gewinn davon zieht. Es ist dies ein Beweis, daß der Herzog gleich der badischen Regierung von der Ueberzeugung geleitet sein muß, daß die Curhäuser zur Wohlfahrt der Städte, vielleicht des Landes beitragen. Wir wollen diesen Punkt später beleuchten und bitten den Leser uns vorläufig nach Baden-Baden zu folgen; wir werden ihn nunmehr in die moralische Spielhölle führen.

Wenn man, von Homburg und Wiesbaden kommend, in das „maison de conversation“ von Baden tritt, so möchte man für den ersten Moment kaum glauben, daß man sich in einem Spielhause befindet; denn die äußerliche Haltung bietet einen auffallenden Contrast dessen, was man bisher zu sehen gewohnt war. Schon die geräumigen Localitäten, die vielen Säle, wo nicht gespielt wird, rechtfertigen den Titel Conversationshaus; auch ist nur eine Roulette und ein Trente- und Quarante-Tisch in Thätigkeit. Da sind auch keine galonnirten und frechblickenden Lakaien, die jeden Ankommenden messen und seine Vermögensumstände zu berechnen scheinen, sondern schwarz gekleidete, fein aussehende Diener, die sich mit Ruhe und Anstand bewegen und jeden Fremden mit zuvorkommender Höflichkeit behandeln. Da sind keine Croupiers und keine Aufseher, die sich geberden wie die Herren des Hauses. Und welche Gesellschaft! Wie im Walpurgisnachtstraum, dem Intermezzo von Goethe’s Faust: lauter elegante Leute, Tänzer, Tanzmeister, Fiedler, neugierige Reisende, Musageten, alt’ und junge Hexen, kurz „was man nur wünschen kann“*, und Alles im schönsten, elegantesten dehors! Welcher Geschmack in den Toiletten! welche Grazie in den Bewegungen! welcher Anstand in der Haltung! Und an dem Spieltische, welche Noblesse im Geldverlieren! Man hört keinen Zank, man sieht keine Professionsspieler mit Plänen von Systemen um sich, man hört fast nur aristokratische Namen nennen, und die Träger derselben sind wirkliche Comtes, Vicomtes, Princes u. s. w. Die Damen du demi-monde gehören zu den auserlesensten Exemplaren ihrer Gattung. Eine Masse von Privatequipagen fahren an das Curhaus; aus ihnen steigen höchste und hohe Herrschaften, die fast alle ihre eigenen Palais in Baden-Baden besitzen; die Curliste weist eine Menge Berühmtheiten aller Art auf, aus der Diplomatie, aus den politischen Körperschaften, aus dem russischen wie dem französischen Senare, dem preußischen Herrenhause und dem österreichischen Reichsrathe, aus der französischen und deutschen Kunst- und Literaturwelt; Poeten, Musiker, Maler, Journalisten, Schauspieler und Schauspielerinnen, Alles vom besten Tone, promeniren alltäglich vor und in den Räumen dieser maison de conversation, und wahrhaftig, man sollte glauben, daß der Pächter dieses schönen Etablissements es nur halte, um die schöne Welt quasi bei sich zu empfangen, und daß er die Spieltische nur aufgestellt habe, um dem Wunsche derjenigen großen Herren, die auch dieses Vergnügen genießen wollen, einigermaßen zu entsprechen!

Und wer wollte auch bezweifeln, daß Herr Bénazet, der directeur de la maison de conversation, der Ritter des Ordens der Ehrenlegion, das Spiel nur als Nebensache betrachtet? Ungläubiger Leser, wirf einmal den Blick auf irgend ein französisches Blatt während der Sommersaison! Da wirst Du vor Allem lesen, daß Bénazet der König von Baden (le roi de Bade) ist[7] – der Regent des Landes ist nur Großherzog – Du kannst die Beschreibungen der Feste, der großen Concerte, der Bälle, der Theatervorstellungen lesen, die Bénazet alle aus seiner Tasche bezahlt. Ja, er läßt sogar Opern und Baudevilles eigens für sein Theater schreiben. Und wie prächtig sind die Säle, die er blos für die Bälle, blos für die Theatervorstellungen bauen ließ! Nur wenig Monarchen haben schönere und keiner hat geschmackvollere! Doch das Alles ist noch nichts! Bénazet hat ein Spital errichtet, er hat vor etwa vier Jahren eine große Rennbahn mit Tribünen u. s. w. bei Iffezheim, ich möchte sagen, erfunden, auf der jährlich Wettrennen stattfinden, die bereits eine europäische Berühmtheit erlangt haben, er unterhält Meuten und Jäger, veranstaltet jährlich glänzende Parforce-Jagden, er hat auch eine Kirche gestiftet, und giebt alljährlich einige Tausend Franken an die milden Anstalten Badens. Noch mehr! Bénazet ist der einzige Spielpächter, der die fictiven Zugeständnisse, welche Homburg, Wiesbaden, Nauheim den Spielern einräumten, beharrlich verweigert hat. In Baden giebt es kein halbes refait, und die Roulette spielt nach wie vor mit zwei Nullen. Wer will nun leugnen, daß Baden keine Spielhölle ist, sondern nur ein reizender Vergnügungsort, wo mitunter auch gespielt wird? Wer?

Ich!! Ja noch mehr! ich will behaupten und beweisen, daß Baden von allen Spielhöllen die gefährlichste ist – obwohl ich zu gleicher Zeit ganz im Widersprüche mit dieser Behauptung gerne gestehen will, daß sie in anständiger Gebahrung so weit über den andern steht, daß man gar keinen Vergleich anstellen kann.

[253]
Nr. 3.
Bénazet und seine Manipulationen – Der solide Anstrich Badens – Die Unkosten der Spielbanken – Ihr Gewinn – Wer die Banken reich
macht – Der Einfluß der Spielhöllen – Die Staatsbeamten als Helfershelfer der Spielhöllen – Beendigung des Scandals.

Ich muß zuvörderst diesen anscheinenden Widerspruch erklären, weil damit auch zugleich ein Beleg für die weiteren Folgerungen geliefert wird: Herr Bénazet ist der alleinige Pächter der Badener Spielbank; Niemand, als einer seiner nächsten Verwandten, hat einen Antheil an dem Unternehmen. Er ist also keinem Aktionär Rechenschaft schuldig, wie die „Directoren“ in Homburg, Wiesbaden und Nauheim.

Als alleiniger Director seines Etablissements kann Herr Bénazet darin schalten und walten, unbeschränkter als der Großherzog von Baden in seinem Lande, und insofern mögen die französischen Journalisten gewissermaßen Recht haben, wenn sie ihn le roi de Bade nannten; richtiger wäre es freilich gewesen, ihn le roi du jeu zu nennen. Als gebildeter Franzose hat er begriffen, daß die moderne elegante Welt sich Alles gefallen läßt, wenn es nur mit dem gehörigen Anstrich von Anstand geboten wird; und diesen Anstrich, die Zubereitung dieses Anstriches versteht, außer einem noch höher stehenden Manne in Frankreich, Niemand so gut, als Herr Bénazet. Während die anderen Spielpächter das Spiel in den Vordergrund drängen und die anderen Vergnügungen nur so nebenbei mitgehen lassen, befolgt er gerade das entgegengesetzte System, und seine Berechnung ist die richtigere. Viele Personen, die eine gewisse gesellschaftliche Stellung einnehmen, scheuen sich, in Homburg und Wiesbaden zu oft am Spieltische gesehen zu werden, oder wollen überhaupt nicht an Orten bleiben, wo alle Räume des Curhauses nur für das Spiel benutzt werden. Die Badener Bank bietet auch keine Spielvortheile, keine halben refaits; die Systemspieler und die Spieler von Profession kommen nicht hin, die Gesellschaft am Tische ist also unzweifelhaft anständiger, als andere, man sieht keine unheimlichen Gesichter, keine gemeinen, mitunter so schmutzigen Gestalten, keine Verbindungen von Zweien und Dreien, die nebeneinander sitzen, Häufchen Geld und Tabellen vor sich liegen haben und mit immerwährender gegenseitiger Verrechnung beschäftigt sind und zu den unangenehmsten Nachbarn gehören. Die großen Herren können in Baden sich mit viel größerer Bequemlichkeit am Spieltische amüsiren, und die nobeln Franzosen und Russen versammeln sich auch daselbst am liebsten; daß aber viele [254] Banquiers und sonstige reiche Leute, deren Hauptzweck es ist, sich in der schönen Welt zu zeigen und als Affen der Hochgebornen zu figuriren, ebenfalls alljährlich nach Baden rennen, ist wohl selbstverständlich.

Hervorzuheben ist noch der Umstand, daß das Maximum (der höchste Satz, den ein Spieler setzen darf) in Baden auf 6000 Franken festgestellt ist, 2500 weniger als in Wiesbaden, 6500 weniger als in Homburg. Man sieht also, es ist Alles daselbst auf einem viel solideren Fuße eingerichtet, als in den andern Höllen; in diesem solideren Anstrich liegt die größte Gefahr.

Je mehr das Laster sich in seiner natürlichen Gestalt zeigt, desto weniger wird es verlocken; nicht etwa weil die Moral der Menschen sich im Allgemeinen dagegen sträubte – sondern weil der Schönheitssinn verletzt wird, weil die Phantasie nicht mehr wirken kann und weil endlich auch der Schein nicht gut gewahrt werden kann. Dagegen kann es auf Erfolg rechnen, wenn es sich zierlich verhüllt. Dieses Thema weiter auszuführen, ist hier nicht der Platz, aber auf die Spielhöllen angewandt, führt es zu der Folgerung: Homburg und Wiesbaden tragen ein solch anwiderndes Gepräge, daß für Leute von besserer Erziehung fast keine Gefahr vorhanden ist und nur die wilde Leidenschaft dort ihre Zügel schießen läßt. Eine anständige Familie wird in diesen Orten ihre Söhne nicht verweilen lassen, ihre Töchter werden im Curhause – außer etwa im Lesezimmer und bei besonderen Bällen – nie gesehen werden. Aber in Baden können die jungen Marquis und Comtes und Barons, die jungen Banquiers und die Söhne von Rentiers sich gemächlich an den Tisch setzen, denn ihre Eltern spielen ja oft genug daselbst, und hinter denselben sitzt die Schwester manchmal als Zuseherin, und die französischen Journale erzählen uns sogar, daß dieser oder jener Millionär seinem Töchterchen eine Funfhundertfrankennote zugesteckt hat, um ihr auch einmal „l’innocent plaisir“ des Spieles zu gewähren. In dieser Weise gewöhnen sich die jungen Leute an das Spiel, so entfaltet sich in ihnen die Leidenschaft nach und nach, so werden die Menschen zu Spielern. In den oben zuerst angeführten Orten findet man heutzutage fast nur noch die Spieler, welche schon genau wissen, was sie thun und welche nur um des Spieles willen da sind; wenn irgend ein Unglücklicher sich dahin verirrt, wenn er als Opfer der Hölle fällt, wenn er sein Leben endet: dann weiß man wenigstens davon, die deutschen Journale in Frankfurt, Köln u. s. w. erfahren, melden es. Aber in Baden-Baden geht Alles mit einer unglaublichen Ruhe vor sich, viele Leute spielen, weil sie eben da sind, die meisten der Verlierenden schweigen von ihrem Verluste, und von den Opfern, welche dort fallen, wird fast nicht gesprochen. Die größern deutschen Blätter liegen von dort entfernter, als von Homburg und Wiesbaden, Baden ist für manches derselben schon halb französisch; die badischen Blätter können nicht gut die Schande des eigenen Landes aufdecken, und dafür, daß die französischen Journale schweigen – dafür ist gesorgt! Und doch ist Baden-Baden nicht viel ärmer an Katastrophen, als die anderen Orte. So manches junge Ehepaar aus Frankreich kam auf seiner Hochzeitsreise dahin, und – die Mitgift der Frau blieb am Tische zurück. So mancher Beamte, so mancher junge Mann erschoß sich, aber bisher haben deutsche Zeitungen von solchen Fällen nur gelispelt, und erst in neuester Zeit fing die Augsburger Allgemeine Zeitung an, etwas ernster und mit genauer Angabe davon zu reden.

Wenn also das Conversationshaus von Baden-Baden überhaupt in der Gesellschaft wie in der Presse mit viel mehr Rücksicht behandelt wird, als die „Curhäuser“ anderer Orte, so liegt der Grund hiervon in der Geschicklichkeit des Herrn Bénazet und in seinen Verbindungen, die viel, viel höher reichen, als die aller anderen Directoren. Diese kommen mit den großen Herren, die ihr Etablissement besuchen, nur dann in Berührung, wenn dieselben Geld brauchen; Herr Bénazet aber hat es verstanden, sich in gesellschaftlichen Verkehr mit ihnen zu setzen. Die Russen haben ein Casino, eine geschlossene Gesellschaft, deren Mitglieder nur durch Kugelung aufgenommen werden – das Local dieses Casino befindet sich – im Conversationshause; dieses Casino veranstaltet Bälle, und Herr Bénazet öffnet bereitwilligst seine glänzenden Säle. Die hohen deutschen Herrschaften empfangen ihre Gesellschaft zwar nur in ihrem Hause – in früheren Zeiten ließ sich die Prinzessin von Preußen (die jetzige Königin) manche Fremde in einem eigenen Saale des Conversationshauses vorstellen –, aber sie folgen der persönlichen Einladung des Herrn Bénazet zu seinen Theatern und Opern, in denen er quasi die Honneurs macht, und sie schreiben ihm Dankbriefe und beehren ihn mit Geschenken. Das dirigirende Comité für die Wettrennen besteht aus Genossen der höchsten Aristokratie aller Länder, die ihn wie ihres Gleichen behandeln; nur die Engländer zeigen sich noch etwas zurückhaltend und wollen lieber mit Pferdehändlern in ihrem Lande verkehren, als mit dem brillantesten Bankhalter auf dem Continente. Die Franzosen sind entzückt von seinen Jagden, von seinen reitenden Piqueurs und der Eleganz seiner Säle; selbst die Behörden der Stadt unternehmen nichts, ohne ihn zuerst zu befragen, und manche Mitglieder derselben betrachten und behandeln ihn um des vielen Geldes willen, das er den milden Anstalten widmet, als einen Wohlthäter der Menschheit; und nun frage ich: ist Bénazet nicht ein großer Mann, und hat er nicht das Recht, auf die paar dummen deutschen Moralisten mit Hohn herabzublicken? Thun es doch die andern Directoren auch, die in Bildung und feinem Wesen so tief unter ihm stehen; warum soll er es nicht thun, der sich rühmen kann, der liebenswürdigste und generöseste zu sein?

Es ist nun der Moment gekommen, den eigentlichen wunden Fleck zu berühren, die trügerische Decke wegzureißen, welche die Betheiligten, besonders aber die Regierungsleute der Länder, welche Spielbanken toleriren, über diese saubern Einrichtungen zu breiten suchen. Vorerst aber mögen noch einige Andeutungen über die Organisation der Banken im Allgemeinen, sowie über die eigentliche Bedeutung der Spieler (nicht des Spieles) Raum finden, damit manche unwillkürliche Irrthümer, sowie willkürliche, d. h. solche, die absichtlich von den Bankdirectoren und deren Verbündeten verbreitet werden, zur Aufklärung gelangen.

Die drei großen Spieletablissements, von denen wir bisher vorzugsweise gesprochen haben, sind ziemlich auf demselben Fuße eingerichtet. Das von Baden hat zwar weniger Regie-Unkosten, da es nur für sechs Monate offen ist, dafür sind die Ausgaben nach anderer Richtung hin um so bedeutender, die kleinen Opern und Lustspiele, welche von den ersten Mitgliedern der Pariser Bühne dargestellt werden, kosten jedenfalls soviel, daß sie die Wagschale der Ausgaben vielleicht noch schwerer auf Bénazet’s Seite sinken lassen.

Jede Bank hat zwei Spielaufseher für die Trente- und Quarante-Tische, deren Gehalt zwischen 6 – 8 – 10,000 Franken und mehr im Jahre variirt, zwei für die Roulette-Tische, die geringer bezahlt werden. Die Croupiers[8] am Trente und Quarante und an der Roulette erhalten von 800–1000 Franken monatlich bis herab auf 300. Da deren an jedem Tische immer vier zu gleicher Zeit beschäftigt sein und mit andern abwechseln müssen (das Spiel dauert ununterbrochen 12–13 Stunden), so kann man die Zahl dieser saubern Helfershelfer auf etwa dreißig annehmen. Die Gesellschaften unterhalten außerdem ihre eigenen Musikkapellen, lassen mitunter auch die Militärmusik aus Mainz oder Rastatt kommen, müssen eine große Menge Diener unterhalten, große Säle auf’s Hellste durch Oellampen beleuchten lassen –; Gas darf man nicht anwenden, weil bei einem plötzlichen zufälligen oder durch Absicht herbeigeführten Verlöschen die Bank beraubt werden könnte. Wenn man also diese Ausgaben nur einigermaßen in’s Auge faßt und noch dabei berechnet, was die Inserate in den Zeitungen, die großen Anschlagzettel u. s. w. kosten müssen, so wird man die Angaben, welche die Employés der Bank selbst machen: daß die Administration täglich 1000 fl. (560 Thaler) braucht, um ihre Unkosten (inclusive Pachtzins) zu decken, eher zu tief als zu hoch gegriffen finden; Homburg muß also 210,000, Wiesbaden und Ems bei 80,000 Thlr. gewinnen, bevor die Actien einen Heller wirkliches Erträgniß liefern können. Nun aber haben die beiden letztgenannten Orte gleich bei der neuen Organisation im Jahre 1857 315,000, sage dreimalhundert fünfzehn tausend Thaler Reingewinn erzielt, wie der Bericht der Administration selbst nachweist; sie muß also, wenn die Unkosten dazu gerechnet werden, in neun Monaten wenigstens 400,000 Thaler gewonnen haben, und wenn man die Dividenden vergleicht, die sie und Homburg jährlich öffentlich als von den Actienbesitzern zu erheben ankündigen, so wird man finden, daß jede Actie genau durchschnittlich 24 Procent im [255] Jahre trägt – ein Mal weniger, ein anderes Mal dafür um desto mehr.

Mancher unschuldige Leser dürfte sich wundern über diese enormen Gewinne und gar nicht begreifen, wo dieselben herkommen mögen, da doch nicht alle Spieler verlieren können; und er wird sich noch mehr wundern, ja, er wird es unglaublich finden, daß nicht die großen, die reichen Spieler der Bank diesen Gewinn bringen, sondern nur die kleineren. Auch ich fand es ganz unglaublich, als mein französischer Bade-Cicerone mich zuerst auf diesen Umstand aufmerksam machte, auch ich hielt seine Angaben für durchaus übertrieben, bis mich genauere Beobachtungen von der vollkommenen Wahrheit überzeugten.

Die großen Spieler spielen mit den seltensten Ausnahmen nur am Trente und Quarante-Tisch, manchmal tritt auch ein solcher an die Roulette, dann aber bleibt er nur kurze Zeit und spielt auf Nummern, um sich zu amüsiren. Beim Trente und Quarante sind nur einzelne Chancen, man kann nur Roth oder Schwarz setzen, und es kommt sehr oft vor, daß die Farben so ziemlich gleich besetzt sind, daß also, wenn kein refait von 31 für beide Farben erscheint - wo alle Einsätze die Hälfte verlieren – die Bank nach der einen Seite nicht viel mehr einzieht, als sie auf der andern auszahlen muß. Es kommt auch vor, daß ein kühner Spieler einen glücklichen Moment benutzt und eine bedeutendere Summe gewinnt. Aber wohlgemerkt! nur die großen Spieler, die große Summen riskiren, sind auch kühner. Hat ein solcher auch bedeutend verloren, so wird er wissen, daß nur ein besonderer Glücksfall seinen Verlust wieder heranbringen kann. Der kleine Spieler wird ängstlich, sobald er verloren hat, und wenn auch für ihn die günstige Wendung eintritt, er benutzt sie nicht, ihn verwirrt der Anblick der sich vor ihm häufenden Gelder, er zieht immer einen Theil zurück, und wenn der glückliche Moment vorüber ist, dann hat er kaum die Hälfte seines Verlustes wiedererlangt, während der große Spieler neben ihm sehr oft noch im Gewinne bleibt. Die kleinen Spieler gehen auch meistens an die Roulette, wo ein kleiner Einsatz auf Nummern einen ungleich höheren Gewinn bringt.

Alle diejenigen, die das Spiel kennen, taxiren es in der Weise, daß der Trente- und Quarante-Tisch gewöhnlich die Unkosten des Etablissements deckt, daß die Roulette aber, wo gerade die kleinern Spieler und besonders diejenigen, die am Sonntage nach den Bädern kommen und ihr Glück versuchen, den Reingewinn bringt. So viel ist sicher, daß am Trente und Quarante der eine oder andere Spieler bedeutende Summen gewonnen hat; zwar war dies nur „geliehenes Geld“ nach dem Spielerjargon, d. h. er verlor es später oder früher wieder; aber es war doch einmal gewonnen worden; in der Roulette gehört es schon zu den seltensten Fällen, daß ein Spieler überhaupt sein Geld nicht ganz verliert, und Fälle von Gewinnsten, wie die Garcia’s, sind an derselben geradezu unmöglich. Es ist also ganz unumstößlich wahr, daß eigentlich nur die kleineren Spieler die eigentlichen Erhalter der Bank sind.

Ich habe nun genug, vielleicht schon zu viel über das Wesen und Unwesen der Banken gesagt, ich muß nun zu dem eigentlichen Hauptpunkte gelangen, auf welchen ich den Leser schon vorbereitet habe: daß nämlich die Schmach, die Vorwürfe nach meiner Ueberzeugung Niemanden mehr treffen, als diejenigen sogenannten Räthe der Fürsten, die da genau wissen, wie es mit jenen Hölleneinrichtungen beschaffen ist, und die ihren Fürsten, sowie das Land in dem Wahne zu erhalten suchen, daß für den Aufschwung der Bäder jene Einrichtungen nöthig seien. Der Großherzog von Baden und der Herzog von Nassau eignen sich nicht einen Heller von dem Pachtertrage der in ihrem Staate bestehenden Banken zu; haben sie aber wohl eine Idee von dem Einflüsse, den dieselben nicht auf die Spieler, sondern auf das Land ausüben?

Es wird wohl keiner langen Darlegungen bedürfen, um in jedem vernünftigen Menschen die Ueberzeugung festzustellen, daß die Beherbergung einer solchen Gesellschaft, wie sie in den Spielorten sich versammelt, der nothwendige Contact, in welchen die Bewohner mit ihr gerathen müssen, nicht ohne zersetzenden Einfluß auf alle Verhältnisse des bürgerlichen Lebens bleiben kann.

Zunächst unterliegt es keinem Zweifel, daß ein reeller Geschäftsbetrieb und Handel in der Umgebung einer solchen Spielhölle, je näher derselben, desto seltener, ja desto unmöglicher werden wird, weil auf das Erwerbsleben nichts gefährlicher einwirkt, als alles Haschen nach augenblicklichem und nur augenblicklich sicherem Gewinn. Mit der geschäftlichen Corruption geht dann die moralische Hand in Hand, denn das Volk, so weit es im Dunstkreise solch einer Hölle athmet, gewöhnt sich daran, einen ruinirten Spieler mit den Augen der sogenannten Employés anzusehen. „Wer hat ihn gezwungen zu spielen?“ Mit dieser Frage lernt auch das Volk nur zu bald und zu leicht sich gegen den Anblick der schauderhaftesten Folgen der Spielwuth verhärten. Wie weit aber eine solche Verhärtung der Gemüther um sich frißt, wer bestimmt die Grenze?

Ich komme auf meine frühere Bemerkung: Wenn gewisse Leute Spielbanken errichten, und Leute sich zu Dienern und Helfershelfern hergeben, so ist das ihre Sache; das haben sie mit ihrem Gewissen abzumachen, und so lange sie nichts Ungesetzliches begehen, so mag man sie in die Kategorie derjenigen stellen, die eben auf die schlechteste Leidenschaft der Menschen speculiren; man mag sie verachten, sie bei jeder Gelegenheit angreifen, ihr Gewerbe bloßstellen, die Menschen vor ihnen warnen; wenn sie sich über das Alles hinaussetzen – und sie sind darauf eingerichtet, sich über Alles hinauszusetzen, wenn sie nur brav Geld gewinnen – so kann man ihnen weiter nichts anhaben. Sie sind Fremde – denn die für das Wohl ihrer Unterthanen besorgten Regierungen verbieten ja Einheimischen sich bei der Direktion-zu betheiligen[9] - sie haben also für die sittlichen und gewerblichen Verhältnisse des Landes und der Stadt, wo sie ihre Buden aufschlagen, keine Sorge zu tragen, übernehmen keine moralische Verantwortlichkeit und können sich – von ihrem Standpunkte aus – rühmen, den Wohlstand, den Luxus, ja selbst die Künste zu befördern! Die Schmach und die Schande des grauenhaften Unwesens trifft einzig und allein jene Beamten, welche als erfahrene Männer genau wissen müssen, wie es mit dem eigentlichen Wesen der Höllen beschaffen ist, welche ihre Wirkungen kennen, welche da genau zu bemessen im Stande sind, wie alle andern Theile des Landes dadurch leiden, daß man die Hauptaufmerksamkeit nur auf den einen Ort concentrirt, wo dies Spiel betrieben wird, – die da wissen, wie ganze Landestheile in Elend und Noth versunken sind, denen durch richtige volkswirthschaftliche Verwaltung aufgeholfen werden könnte, wie sie aber in Noth und Elend verbleiben müssen, weil das, was sie benöthigen, dem Glänze und dem Luxus des Spielortes geopfert wird, weil kein Capitalist Geld hergeben wird, um Ackerbau, Forstcultur und industrielle Unternehmen dort zu befördern, wo er vielleicht nur wenige Procente für sein Darlehen erhält, während er als Actionair der Bank oder als Hausbesitzer in dem Spielorte sich so leicht und sicherer großen Zinsertrag verschaffen kann – die da genau und manchmal auch selbst aus unmittelbarer Erfahrung beurtheilen können, wie es mit der Sittlichkeit, mit dem Familienleben in den Orten, wo die Spieler Hausen, und in der Umgebung beschaffen ist – die da Alles genau erwägen können, und die sich dennoch nicht scheuen, den Banken ihren Schutz angedeihen und sie gegenüber den Regenten als ein zum Vortheile der Stadt bestehendes Institut erscheinen zu lassen! Was für besondere Beweggründe manchmal bei den Anschauungen jener Beamten, maßgebend wirken, darüber kann jeder Leser denken, was er will; es cursiren in den betreffenden Orten ganz curiose Gerüchte, die wir nicht vertreten möchten; es genügt, daß der Umstand einmal zur Sprache gebracht werde. Nur Eines muß hier bemerkt werden: Wenn so viele Nichtswürdigkeiten, so viele Uebelstände derartig zu Tage liegen, daß sie jeder nur einigermaßen aufmerksame Beobachter erkennen muß: wie Vieles mag wohl noch im Dunkeln verborgen sein, was nicht zur öffentlichen Kunde gelangt ist, oder was, wenn auch bekannt, doch nicht authentisch zu beweisen ist?

Die badische Regierung soll, wie man hört, den löblichen Entschluß gefaßt haben, die Spielbank in Baden aufzuheben. So sehr dieser Entschluß zu preisen ist, muß doch gleich hier bemerkt werden, daß dessen Ausführung nur den Höllen von Homburg und Wiesbaden zu Gute kommen wird. Möge der Bundestag[10] einmal der Gesammt-Angelegenheit eine größere Aufmerksamkeit als bisher widmen! Man wird freilich wieder von Verträgen reden, die nicht gebrochen werden dürfen – obwohl man in gewissen Kreisen in Deutschland eben nicht stolz auf das Halten von Verträgen sein darf – aber man könnte vielleicht Maßregeln treffen, durch welche die Wirksamkeit [256] der Banken beschränkt und den betreffenden Directionen das Geschäft von selbst verleidet werden würde.

Während dieser Aufsatz gedruckt wurde, kamen neuerdings wieder Nachrichten von Selbstmorden in Homburg. Etwas muß geschehen, damit nicht die Regierungen die ewige Schmach auf sich laden, daß sie solchen Gräueln auf deutschem Boden nicht Einhalt thun wollen, und damit ihnen nicht die moralische Mitverantwortlichkeit für dieselben allein zufällt. Aber auch die deutsche Presse muß ihre Schuldigkeit thun, und ohne Scheu vor Angriffen und Entgegnungen – auch die Gartenlaube wird diesem Schicksale nicht entgehen – immer und immer wieder auf diesen Scandal hinweisen, bis endlich die Betreffenden, von der Ehrlosigkeit ihres Handwerks gebrandmarkt, es nicht mehr wagen, auf deutschem Boden ihr nichtswürdiges Raubgebahren fortzusetzen.




  1. * So heißt im Trente und Quarante der Croupier, der die Karten handhabt und die Points ankündigt
  2. * Wenn die Karten für die schwarze wie für die rothe Farbe gleichmäßig einunddreißig Points zählen, so verlieren die Spieler beider Farben die Hälfte ihres Einsatzes; in Homburg, und in neuester Zeit auch in Wiesbaden und Nauheim, hat man den Spielern den „Vortheil“ eingeräumt, daß dieses refait nur gilt, wenn die letztfallende Karte eine schwarze – Trefle oder Pique – ist, sonst aber nur als ein nicht zählender Abzug betrachtet wird. Baden und Eins sind der alten Tradition getreu geblieben.
  3. * Der verdienstvolle Gründer ist ein Herr von H., Verwandter der größten Banquierfamilie Europa’s.
  4. * Name und Geschichte sind so sehr bekannt, in französischen Journalen so oft angeführt worden, daß ich hier durchaus keine Indiskretion begehe.
  5. * Ich erzähle hier so allbekannte Dinge, daß von einer Indiscretion, von einem Aufdecken nur mir bekannter Thatsachen gar nicht die Rede sein kann.
  6. ** Erlauben Sie, Herr v. S –g, wäre es nicht praktischer, wenn man die größern –, welche vielleicht keine schmutzige Wäsche tragen, aber an der Spitze dieser Höllen stehen, zuerst aus der anständigen Gesellschaft entfernte und in Correctionshäuser unterbrächte?      D. Red.
  7. * Das stand schwarz auf weiß in der Indépendance vor zwei oder drei Jahren. Sollte man mich der Unwahrheit zeihen wollen, so bin ich bereit, die Nummer ausfindig zu machen.
  8. * So heißen die an den Spieltischen angestellten Leute, welche theils am Trente und Quarante die Kartenpoints, an der Roulette die Nummern annonciren, theils die Gewinnste auszuzahlen und die Gelder einzuziehen haben. Das Wort Croupier stammt von croupe, was früher eine Sportel bei der Steuereinnahme. später einen Antheil an einem Geschäfte bedeutete. Die Herren nennen sich aber „employés“
  9. * Auch an der Bank zu spielen. Wenn sich der Wiesbadener ruiniren will, muß er nach Homburg gehen, und umgekehrt.
  10. ** Sonderbarer Schwärmer! D. Red.