Aus einem Briefe (Wilhelm von Wolzogen)

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Textdaten
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Autor: Wilhelm von Wolzogen
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Titel: Aus einem Briefe.
Untertitel:
aus: Thalia - Dritter Band, Heft 11 (1790), S. 97–99
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1790
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[97]

V.

Aus einem Briefe,

Paris, den 28sten Jun. 1790.



Ich war vor einigen Tagen in den Caffee du Caveau im Palais Royal. Neben mir wurde heftig gestritten über Staats-Geschäffte und Krieg und Frieden. Endlich kamen sie auf die Abschaffung der Klöster, und Mönchs-Orden, auf die Einziehung der geistlichen Einkünfte und Güter, und auf das neuere Dekret, das den Adel gänzlich abschafft. Man sprach wenig dagegen, weil dieses ein sehr Patriotischer Caffee ist, wo das Laternen Recht gilt. Der Franzose ist in den Caffee Hause mit jedermann bekannt, er redet in der Hitze des Streites jeden an, von dem er vermuthen kann, daß er für oder gegen seine Meinung ist. Gegen mir über saß ein gut gekleideter Mann von ernsthafter Miene, der nur von Zeit Antheil an dem Gespräch zu nehmen schien, aber sich niemals erklärte. Sein Nachbar, der bisher viel gesprochen hatte, wendete sich zu ihm und fragte ihn, was er denn davon halte, und ob nicht dieses Dekret der Triumph der Assemblee sey. – Der ganze Tisch war begierig zu hören, was der Mann mit der ernsthaften Miene sagen würde. Meine Herrn, sagte er, ich komme eben von Reisen zurück, die ich durch [98] einen großen Theil von Europa und Asia gemacht habe; davon kann ich sie unterhalten aber nicht von Staatsgeschäfften, die mir ganz fremd sind. Vielleicht[1] unterhält Sie folgendes Bruchstück aus meinen Journal – Er erzählte. –

In einen der schönsten Gegenden Asiens erhob sich ein majestätisches kühnes Gebürge, seine Oberfläche bedeckte ein prachtvoller Wald, der Kühlung und Erfrischung und Fruchtbarkeit rings herum verbreitete. Sein Abhang war vortreflich angebaut, und die Aernte belohnte jedes Jahr den Fleiß des Arbeiters. In den Schatten des Waldes verbargen sich Nachtigallen und Schäfer, und Schäfer und Nachtigallen besangen da ihre Leiden und ihre Liebe. Zahlreiche Heerden fanden da fette Weiden und der ermüdete Wanderer erquikende Ruhe.

Einst fiel es einem Alchimisten ein, denn auch da giebt es solche Leute, diesen Wald für überflüssig, ja sogar für schädlich zu halten; Er bekam Lust seine Bestandtheile im Feuer zu zerlegen. Ein Alchimist kann sich freilich eben so gut betrügen, als jedes andre Erdenkind – aber was macht das zur Sache? – Er legt Feuer an, und bald liegt der schöne Wald da in der Asche. Der große Grad von Hitze hatte einige Mineralien, die bisher verborgen in der Oberfläche gelegen, geschmolzen; man fand unter diesen ungeheuren Haufen Asche einige Stückchen Eisen, Bley, Kupfer, sogar einige Goldkörner. Das ist es, was ich suchte! rief der Schüler des großen Hermes Trismegist [99] frohlokend aus. – Aber bald hatten diese Goldkörner ein Ende. In Kurzem vertrocknete der Berg und seine Säfte stockten. Ohne Nutzen durchwühlte jetzt die Pflugschaar die verbrannte Erde; mit doppeltem Eifer und Fleiß besäete zwar der Landmann sein Feld – er säte aus um nichts zu ärnten. Der Nachtigall Lied hörte man nicht mehr, in entfernter Gegend stimmte sie es jetzt an; in entferntere Gegend hatte der Hirte seine Heerde geführt. Das Gebürge, noch vor kurzem so reich, so fruchtbar, verwandelte sich in einen nackten und öden Felsen, der Raubgeyern und andern Vögeln trauriger Bedeutung zum Auffenthalt jetzt dient, und von dem der vorüber reisende Wanderer unwillig seinen Blick, als vor einen Schandfleck der Natur wegwendet.

– Hier nahm der Mann seinen Hut und Stock, bezahlte seine Tasse Caffee, und gieng mit einer leichten Verbeugung zum Caffee hinaus. Man kannte ihn nicht – er hatte indessen diese Anspielung so glücklich hervorgebracht und mit so viel Leichtigkeit im Ausdruck erzählt, daß man ihn für einer der Aristocraten hielte, die an den Actes der Apotres, einem beissenden Satirischen Blatt gegen die Aßemblee, arbeiten. Ich ließ mir sogleich Feder und Tinte geben und schrieb diese Allegorie, so wie sie mir noch im Gedächtniß war, auf, ob ich gleich gestehe, daß sie viel von der Naiveté des Ausdrucks und von denen glücklichen Wendungen, deren er sich bediente, verloren hat.


Anmerkungen:
  1. WS: Vorlage: Veilleicht