BLKÖ:Léndvay, Martin

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Lengsfeld, Joseph
Band: 14 (1865), ab Seite: 354. (Quelle)
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Léndvay, Martin (ungarischer Schauspieler, geb. zu Nagy-Banya im Szathmarer Comitate Ungarns 11. November 1807, gest. zu Pesth 29. Jänner 1858). Da L. am St. Martinstage geboren war, meinte sein Vater, er hat den Namen so mit sich gebracht, er soll ihn auch tragen, und so wurde er Martin getauft. Am Gymnasium seines Geburtsortes machte er seine ersten Studien. Doch all’ sein Sehnen und Trachten wandte sich nur zu bald der Bühne zu. Er lernte und lehrte fortwährend, schrieb dabei Rollen aus und stiftete unter den Schulkindern bald eine Gesellschaft, die auch Vorstellungen gab. Er zitterte, wenn er einen Schauspieler sah, lief ihnen nach – sie schienen ihm höhere Wesen – Halbgötter! Der Zufall wollte es einst, daß der später am Nationaltheater in Pesth engagirte berühmte Komiker Megyeri, der damals Director einer Gesellschaft war, bei Léndvay’s Eltern zu Miethe wohnte. Der kleine Martin bat ihn, ihm doch auch irgend eine kleine Rolle zu geben und Megyeri ließ des Kleinen Wunsch in Erfüllung gehen, indem er ihm eine kleine Rolle von einigen Worten in dem Stücke „Benyovsky“ gab. Léndvay war damals 13 Jahre alt, als er zum ersten Male vor ein größeres Publicum trat, und harrte zitternd des Momentes, wo er zu erscheinen hatte. Und was geschah? Er vergaß auch die wenigen Worte und konnte sie nicht hersagen. Das war ein harter Schlag. Er schämte sich und flüchtete in die Wälder der Umgebung, wo er drei Tage lang, sich nur von Obst nährend, umherirrte. Den ersten, größeren Schmerz, der auch sehr charakterisirend für ihn ist, bereitete ihm Director Kesi. Es war nämlich damals noch so Sitte in der Provinz, daß, anstatt gedruckter Theaterzettel die Schauspieler diese selbst schrieben und L. offerirte sich hiezu dem Director für ein freies Entrée für die nächste Vorstellung. Kesi ging den Vorschlag ein und L. schrieb unaufhörlich eine ganze Nacht hindurch, und als des anderen Tages die Zeit der Vorstellung herannahte, da – wartete er vergebens, denn Niemand kam ihn abzuholen, er hatte umsonst gearbeitet. L. weinte damals, verfiel dann in ein arges Fieber und lag sechs Wochen lang schwer krank darnieder. „Schmerzen solcher Art, sagte er einst später selbst, empfand ich in meinem Leben später nur noch zweimal, als meine gute Mutter starb und als ich der Bühne das letzte „Lebewohl“ zurufen mußte!“ Später studirte Léndvay in Szathmár. Im Jahre 1828 trat er zum ersten Male bei einer Dilettantengesellschaft in einem Lustspiele: „Ich bedaure, daß ich geheirathet habe“, auf. Jedermann erkannte gleich sein bedeutendes Talent und da gingen ihm auch von Seite sachverständiger [355] Männer fortwährend Aufmunterungen zu. Er ließ sich im folgenden Jahre bei der Fesér’schen Gesellschaft engagiren und war da mehrere Jahre hindurch Theilnehmer an dem Elende einer Wandertruppe, und obzwar ihm das Publicum auch schon damals alle möglichen Beifallsbezeugungen auf der Bühne erwies, außer derselben ließ es ihn außer Acht und dabei hatte er stets mit einem riesigen Feinde, dem Vorurtheile, zu kämpfen. Oft schon schien es ihm, als müßte jetzt der Sache ein Ende gemacht werden, das Elend war länger nicht erträglich, und da wollte er der Bühne Lebewohl für immer sagen. Sein guter Genius aber beschützte ihn und hielt ihn davon ab. Das darauf folgende Jahr verlebte er zu Békes unter den drückendsten Verhältnissen. Sein Elend war gräßlich; er mußte sich seine Wäsche allein waschen und von aus den Tümpeln gefangenen Fischen nähren. Doch all’ dieß entmuthigte ihn nicht. Im Jahre 1832 nahm er die schon damals sehr talentreiche Anna Hivatal zur Frau, die dann eine der bedeutendsten Schauspielerinen des ungarischen Theaters ward, und ein Jahr später berief ihn Graf Csáky für die Kaschauer Gesellschaft. Von hier ging er dann nach Ofen, wo er bis zur Eröffnung des Pesther Nationaltheaters auch blieb. An beiden letztgenannten Bühnen sang er auch Tenorpartien und da mußte sein edles Spiel manchmal die Mängel seines Gesanges ersetzen. Im Jahre 1840 hatte er viel mit der Parteilichkeit der Kritik zu kämpfen. Man wollte Egressi [Bd. IV, S. 4] höher stellen als ihn. Beim Pesther ungarischen Nationaltheater blieb er auch bis zu seinem nur zu früh erfolgten Tode. Noch lange – so schreibt sein Biograph in einem ungarischen „Porträts-Album“ – noch lange wird uns diese edle schlanke Gestalt vorschweben, mit dem ausdrucksvollen Gesichte, dem glühenden Blicke. Sie wird uns unvergeßlich sein in ihrer Eleganz, mit ihrer künstlerischen Weihe. Noch lange werden wir dieses Spiel voll Noblesse, adeligem Feuer und männlicher Kraft nicht vergessen können. Seine Erscheinung allein war an und für sich gewinnend, entzückend. Dieß waren seine Hauptvorzüge! Das Leopardenfell, als Zierde des alten Ritterthums, kleidete seine fürstlichen Gestalten eben so gut wie der Frack des Salons, und den Degen wußte er so geschickt zu handhaben wie das Sträußchen der Geliebten oder das Spazierstöckchen des Stutzers. Léndvay war ein vollkommenes Genie. Seine Vielseitigkeit war bewunderungswerth. Sein Banus Bánk, Fiesco, Don Cäsar, Lugarto, Robin de Bois, Sir Patrik, sein Lavater, Gutenberg in dem Drama von Dobsa waren sämmtlich gleich große Kunstwerke. Aus Shakespeare’s Stücken waren Hamlet, Othello, Richard III. seine besten Rollen, sein Romeo einzig zu nennen. Im Jahre 1840 unternahm L. eine größere Reise in’s Ausland, besuchte die besten deutschen Bühnen und hielt sich auch längere Zeit in Wien auf. Mit Seydelmann war er innig befreundet und auf einem ihm als Andenken gegebenen Porträt schrieb der große Mann eigenhändig, „wie es einer seiner sehnlichsten Wünsche, den ungarischen Künstler auf der Bühne zu sehen“. Seit 1851 war er kränklich und mußte sein Spiel deßhalb oft unterbrechen. Im Jahre 1854 betrat er zum letzten Male die Bühne. Er spielte den Rochester in der „Waise aus Lowood“ und von der Anstrengung erschöpft, sank er dann zusammen. „Jetzt ist’s aus, mit allem [356] aus!“ seufzte er dann leidenschaftlich und winkte der Bühne, auf der er wie Niemand vor ihm Applaus, Ruhm und Kränze erhielt, Abschied zu. Im nämlichen Jahre machte er noch eine Badereise. Später lebte er kurze Zeit auf des hochherzigen Grafen Ráday’s Gut. Vor Noth schützte ihn der Ungarische Pensionsfond. Ungarns größter Bühnenkünstler bezog eine Pension von 600 fl. Kurz vor seinem Tode veröffentlichte er einige von ihm componirte Lieder. Als er zur ewigen Ruhe bestattet ward, begleitete eine Menschenmenge den Leichenzug, die auf 20.000 geschätzt wird. Sein Sohn, ebenfalls ein Liebling des Publicums, spielt die ersten jugendlichen Helden- und Liebhaberrollen an der Nationalbühne. – Léndvay’s Gattin (geb. zu Pesth 1815), eine geborne Aniko Hivatal, ist ein Kind armer Eltern. Ihre theatralische Laufbahn begann sie in sehr frühem Alter unter Leitung ihres Oheims, des Schauspielers Balog. Längere Zeit war sie Mitglied der Gesellschaft des Directors Komlósy, bei welcher sie auch ihren ersten Gemal Léndvay kennen lernte. Mit ihm spielte sie später in Kaschau, seit 1834 in Ofen und seit 1837 auf der Pesther Nationalbühne.

Vasárnapi ujság, d. i. Sonntagszeitung (Pesth, 4°.) 1855, Nr. 38: „Léndvay Márton“ [Biographie]; 1856, Nr. 13, S. 113: „Léndvay als Bank-ban“; 1858, Nr. 6: „Léndvay’s Tod“ [Apotheose von Moriz Jókai]; 1860, Nr. 36: „Léndvay’s Monument“. – Győri kőzlőny, d. i. Oeffentliches Organ (Journal, kl. Fol.) 1858, Nr. 18; Nekrolog von Odo Kovács. – Pesti Napló, d. i. Pesther Journal, 1858, Nr. 26/2412: Nekrolog. – Valkai (Imre), Irodalmi és művészeti Daguerreotypek, d. i. Literarische Biographien (Wien 1858), S. 120. – Színházi naptár 1857 évre, d. i. Theater-Kalender für das Jahr 1857 (Pesth 1856, Gustav Emich), S. 47. – Nemzeti képes náptar, d. i. National-Bilder-Kalender (Pesth, Landerer u. Heckenast) 1856: „Biographie Léndvay’s“. – Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjté Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Jos. Danielik (Pesth 1856,. Gust. Emich, 8°.) I. Theil, S. 296. – Pester Lloyd 1860, Nr. 180. – Wiener Courier 1858, Nr. 32. – Theater-Zeitung, herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, 4°.) Jahrg. 1858, Nr. 36: „Der ungarische Schauspieler Léndvay“ [mit der Angabe: „Lendvay wurde am 12. November 1807 in Nagy-Banya am St. Martinstage geboren“; nun aber fällt der Martinstag, seit der Kalender besteht, auf den 11. November; es ist also der 12. November ein falsches Datum]. – Ost-Deutsche Post (Wiener Journal) 1858, Nr. 26.
Porträte. 1) Unterschrift mit dem Facsimile des Namenszuges: Léndvay; – 2) zugleich mit seinem Sohne Unterschrift: Léndvay és tia, d. i. Lendvay und sein Sohn. Barabás (lith.) 1852. Nyom. Walzel A. F. Pesten 1852 [Beilage des Hölgyfutár]; – 3) Holzschnitt. Huszka sc. Mit dem Monogramm Monogramm von Huszka (Vasárnapi ujság), 1858, Nr. 38. In der Vasárnapi ujság[WS 1] 1855, Nr. 38; – 4) Costumebild. Léndvay als Bank-ban. M. Barabás (lith.) 1845. Nyom. Walzel Pesten [ganze Figur]; – 5) Léndvay’s Büste von drei trauernden Frauengestalten umgeben [in der Vasárnapi ujság 1858, Nr. 6].
Léndvay’s Leichenfeier. Diese war so zu sagen ein Trauerfest der Nation. Nach dem Magyar Sajtó folgten 15–20.000, nach dem Pesti Napló 20–25.000 Menschen dem Sarge des Künstlers. Bei dem Nationaltheater hielt der Leichenzug Rast, es war dieß ein Wunsch, den Léndvay kurz vor seinem Tode geäußert. Die Leichenreden wurden von Paul Török und Joseph Székács, den Seelsorgern der reformirten und evangelischen Gemeinden, abgehalten, die Fackeln von 24 Schriftstellern und Schauspielern getragen.
Léndvay’s Monument. Mit demselben hat es ein eigenes Bewandtniß. In einer Mainacht des Jahres 1860 verschwand das von dem Nationaltheater aufgestellte Standbild Katona’s. Auf dessen Stelle fand sich am andern Morgen eine von einigen hohen Damen gespendete „Lendvay-Statue“ aufgestellt. Die Statue ist ein Werk von Dunaißky und stellt den Künstler in ungarischer Tracht, mit über den Schultern leicht herabhängendem [357] Mantel, dar. Leider ist die Statue nicht aus Stein oder aus Kanonenmetall, sondern aus überbronzirtem Zink, der den zerstörenden Einflüssen der Zeit sehr ausgesetzt ist. Auch die Aehnlichkeit des Kopfes soll keine sehr große sein. [Vasárnapi ujság, d. i. Sonntags-Zeitung (Pesth, 4°.) 1860, Nr. 36, mit Abbildung der Statue]. – Ueber Léndvay’s Frau. Vasárnapi ujság, d. i. Sonntags-Zeitung (Pesth, gr. 4°.) 1856, Nr. 38: Biographie und Bildniß.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Vasárapi nujság.