BLKÖ:Vockel, Friedrich Siegmund Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Vočitka, Franz Xav.
Band: 51 (1885), ab Seite: 120. (Quelle)
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Vockel, Friedrich Siegmund Freiherr von (Landwirth und Fachschriftsteller, geb. zu Dresden am 9. November 1772, gest. zu Zdislawitz am 13. August 1829). Des in Rede Stehenden Vater, gleichfalls Friedrich Siegmund mit Vornamen, war General und später bis zu seinem Tode Hessen-Darmstädt’scher Gesandter am kaiserlichen Hofe zu Wien, die Mutter eine Tochter des Reichshofrathes Freiherrn von Moll. Der Sohn erlangte seine wissenschaftliche Ausbildung in der k. k. Theresianischen Ritterakademie zu Wien. Nachdem er 1794 seine Studien beendet hatte, ging er auf Reisen durch ganz Deutschland mit absichtlichem Ausschluß des nicht dazu gehörigen Auslandes. 1795 bezog er das von seinen Eltern ererbte Lehengut Manschatz in Sachsen, trat es aber schon nach einem Jahre an einen Verwandten ab, um im August 1796 nach Wien, seiner zweiten Heimat, zurückzukehren. Daselbst verweilte er nun bis zum September 1797. Um diese Zeit wurde er von Ferdinand von Geißlern, dem Besitzer von Hoschtitz und Pächter des gräflich Magnis’schen Gutes Przestawlk in Mähren, für die Landwirthschaft gewonnen, welcher er auch zeit seines Lebens treu blieb. Mit Geißlern begab er sich auf dessen vorgenanntes Pachtgut, widmete sich dort von 1797 bis 1800 mit allem Eifer landwirthschaftlichen Arbeiten und Studien und verließ es am 6. Juni 1800, um sich zur Uebernahme des von Freiherrn von Kaschnitz mittlerweile erkauften Gutes Zdislawitz vorzubereiten. Mit Antritt dieses neuen Besitzes wurde er nun auch ein festes Glied jener für die landwirthschaftliche Entwickelung Mährens so überaus wichtigen und merkwürdigen [121] Kette von ausgezeichneten Landwirthen, welche von Zdaunek im Hradischer Kreise Mährens unter Freiherrn von Kaschnitz ihren Anfang nahm und sich zunächst blos durch diesen Kreis zog, dann aber nach allen Seiten durch die anderen Gebiete bis tief nach Ungarn hinab verlief. An jener Gebirgskette, an und auf welcher die durch landwirthschaftliche Cultur so rühmlich bekannten Besitzungen und Güter Littentschitz, Hoschtitz, Zdislawitz, Zborowitz, Zdaunek, Wežek, Kwassitz, Napagedl, Mallenowitz, Zlin, Blauda, letzteres namentlich in Bezug auf seine vorgerückte Forstcultur, und andere liegen, bildete sich schon in den Neunziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts, zwar nicht nach Form und Statut, aber de facto ein zwangloser Verein zur Beförderung der Waldzucht, des Ackerbaues, der Viehzucht und insbesondere ein so thätiger Schafzüchter-Verein, wie ihn in gleicher Lebendigkeit und Forschungslust keine zweite Gegend in Oesterreichs und Deutschlands Fluren gleichzeitig aufweisen kann. Die Berathungen dieses Vereines gestalteten sich von selbst. Wir lassen nach den Worten eines Landwirthes die anmuthende Mittheilung, wie dies Alles so einfach und doch so segensreich kam, an dieser Stelle folgen: „Die Schwiegersöhne besuchten den Vater Kaschnitz zu Zdaunek, die Verwandten sich gegenseitig, die Freunde und Wißbegierigen den Freund und Forscher Freiherrn von Geißlern in Hoschtitz. Jeder zündete seine Kerze an dem Lichte des Anderen an, wenn er dort, wo es für ihn dunkel war, klarer sehen wollte. Selbst im vertraulichen, zur Kurzweil und zum Ergötzen arrangirten Spiele ward der Landwirthschaft nicht vergessen. Andere spielen um Spielmarken und geben diesen eine willkürliche Bedeutung im Gelde, wenn sie ihre Geschäftssorgen auf einige Zeit mit allen ihren Qualen in den Hintergrund drängen wollen. In Zdaunek und seinen benachbarten Schlössern war nicht selten in jener Periode der dämmernden wissenschaftlichen Schafzucht im Eifer des Spieles der Preis desselben irgend ein ausgezeichnetes, Pan’s Söhnen nach seinen Leistungen wohlbekanntes Schaf. Vockel, wie Augenzeugen berichten, gewann im Conversationsspiele von seinem Schwiegervater Kaschnitz manches werthvolle Mutterschaf, manchen Widder, den er in anderer Weise um keine Geldsumme aus dessen Stalle gebracht hatte.“ Gar fruchtbar ist der geistige Boden an jener landwirthschaftlichen classischen Berglehne, an welcher auch das schöne Zdislawitz liegt, für die Nähe und für die größte Ferne geworden. Während Rudolph André [Bd. I, S. 37] bei seiner Rückkehr aus Sachsen im Februar 1821 öffentlich in den „Oekonomischen Neuigkeiten“ versicherte, dort wisse man in den ersten Schäfereien noch nichts von individuell eingeleiteter Paarung, von Descriptions-, Sprung- und Ablämmerungsregistern, von einer Anleitung der Schäfersleute zu besserer Pflege des Schafes, dort finde man noch das Mengvieh des Hirten unter der Heerde des Herrn, dort würde mit den Merinos bei Nacht gepfercht, waren in den Schäfereien jener classischen Gegend um Hoschtitz, Zdislawitz und Zdaunek schon mit Beginn dieses Jahrhunderts jene Grundsätze und Verfahrungsarten in der höheren Schafzucht gemeinüblich, von welchen, jedoch nicht in der Bedeutung des Tadels, eine Feder in den „Oekonomischen Neuigkeiten“ behauptete, Rudolph André habe sie durch seine im Jahre 1816 erschienene Anleitung [122] zur Veredlung des Schafviehes an das Ausland verrathen. Als Freiherr von Vockel die Bewirthschaftung von Zdislawitz persönlich übernahm, erkannte er die ihm gewordene Aufgabe ganz gut. Mit dem Körnerbau allein, dess war er sich bewußt, ließ sich wenig erzielen, denn der kleinste Bauer, bei seiner sehr geringen Regie, ist in diesem Punkte dem größten Güterbesitzer, bei dessen sehr großen, oft den ganzen Reinertrag aufzehrenden Verwaltungskosten, weit überlegen; also hauptsächlich in der verbesserten und vermehrten Viehzucht lag für Vockel der Schatz begraben, den er auf dem Zdislawitzer Gebiete heben sollte und in der That gehoben hat. Wir lassen hiermit nur in einem allgemeinen Ueberblicke die Ergebnisse des Barons folgen, alle für den Landwirth immerhin sehr interessanten, dem Laien doch wenig verständlichen Einzelheiten, als nicht hieher gehörig, übergehend. Als fundus instructus übernahm Vockel mit dem Gute Zdislawitz achtzehn Stück Rindvieh, und zwar zwölf Stück Original-Schweizerkühe aus Graubündten und sechs Stück Kalbinen als deren Abkömmlinge. In kurzer Zeit war diese Zahl auf sechzig vermehrt, wobei man auf besonders edle Racen Rücksicht genommen. Dabei wurden an überzähligem Zuchtvieh aus der Zdislawitzer Rinderstammheerde jährlich an zwölf Stück beiderlei Geschlechtes an Fremde, und an Fleischer etwa vier Stück Brackvieh oder auch Stiere verkauft. So trug Freiherr von Vockel gleich den anderen benachbarten Gutsbesitzern, welche ebenfalls das überzählige Zuchtvieh weiter verkauften, dadurch wesentlich zur Beförderung der vaterländischen Rindviehzucht bei. Besonders aber machte er sich um Förderung der Schafzucht verdient. An Schafvieh übernahm er 350 Stück aller Wahrscheinlichkeit nach in beiden Geschlechtern von echter spanischer Original-Merinosrace. Nun kaufte er von Zeit zu Zeit, seit 1803 bis 1814, zur schnelleren Hebung seiner Schäfereien in den Licitationen zu Holitsch Stähre aus der kaiserlichen Mannersdorfer Heerde, that dann 1818 und 1827 zur Förderung der Reinzucht aus der fürstlich Lichnowský’schen und der freiherrlich Bartenstein’schen Schäferei Widder ein. So vermehrte er die übernommenen 350 auf 1600 Stück der edelsten Sorten. Außerdem wurden aber jährlich an 250 bis 300 Stück Mütter und Widder nicht nur nach allen Theilen der Monarchie, sondern auch nach Preußen, Sachsen und Mecklenburg von Zuchtviehkäufern geholt. Wie Freiherr von Vockel diese seine Zucht auffaßte, erfahren wir aus einer Antwort, die er gab, als man seinen schönen, fast luxuriösen Schafstall in Zdislawitz bewunderte und erstaunte, wie man solche Auflagen für Stallungen machen könne, da nach den Baukosten fast 7 fl. W. W. Stallzins per Stück entfalle. „Nun“, meinte der Baron, „mit diesem Stalle spreche ich meine Dankbarkeit für die Thiere aus, ich gebe ihnen damit einen Theil dessen zurück, was sie mir verdient haben. Mein Leibeserbe wird den schönen Stall lieber übernehmen als einen schlechten.“ So spricht ein echter Cavalier. Auch im Feld- und Futterbau führte der Freiherr große Veränderungen ein, indem er die bisherige Dreifelderwirthschaft mit einer vornehmlich auf Erzeugung von vielem Viehfutter hinwirkenden freien Wirthschaft vertauschte. Doch übergehen wir auch hier das nur für den Landwirth interessante und verständliche Detail. Großes leistete Vockel auch in Verbesserung des Bodens [123] und Entwässerung sumpfiger Flächen. Und in ähnlicher Weise war er theils auf Herstellung neuer nutzbarer Bauten zum landwirthschaftlichen Betriebe, so neuer Höfe, Wirthschafts- und Vorrathsschupfen, Scheuern, Keller, Tennen u. s. w., wie auch auf den Ausbau und die übrige Verschönerung des Schlosses und der anstoßenden Gärten bedacht, und Hand in Hand mit all dem Gesagten ging die Obstcultur, welche die Unterthanen, von dem Beispiele des Schloßherrn angeregt, mit Erfolg aufnahmen. In seiner Doppeleigenschaft als Landwirth und Schafzüchter begegnen wir auch in den „Verhandlungen der mährisch-schlesischen Landwirthschaftsgesellschaft“, deren correspondirendes Mitglied er war, wiederholt seinen Arbeiten, und zwar im Jahrgange 1816 einer sehr schätzbaren Begutachtung des Rudolph André’schen Unterrichtes für Schäfer, im Jahrgange 1817 einer von Sachkennern als sehr begründet bezeichneten Opposition gegen die Ansichten des Freiherrn von Ehrenfels über die Stallfütterung der Schafe. Namentlich betonte er im Hinblick auf einen bei Landwirthen noch immer vorkommenden Brauch: daß die beständige Haus- oder Stallfütterung der Zuchtstähre ein Fehler sei, weil sie dadurch faul zum Sprunge würden und wahrscheinlich an Fruchtbarkeit und Vererbungsfähigkeit verlören. Als 1816 Altgraf Salm und Appellationsrath Graf Auersperg den schon früher wiederholt ausgesprochenen, aber in Folge der Zeitereignisse fallen gelassenen Gedanken, in Brünn ein Landesmuseum zu errichten, wieder anregten, da war es Freiherr von Vockel, welcher im Vereine mit dem Grafen Serényi, dem Ritter von Herring und dem Freiherrn von Grimm durch Herbeischaffung reicher Mittel das Entstehen des Museums wesentlich förderte. Außerdem brachte er dem Museum eine ebenso großartige als kostbare Spende dar, indem er demselben die Moll’sche Kartensammlung – an 13.000 Blätter Karten, Grundrisse und Ansichten – verehrte. Wie wir im Eingange der Lebensskizze bemerkten, war Vockel’s Mutter eine geborene Freiin von Moll. Freiherr von Vockel war mit einer Tochter des Anton Valentin Freiherrn von Kaschnitz, eines berühmten Schafzüchters seiner Zeit, vermält. Als er nach im Bade Pistján vergeblich gesuchter Linderung seiner Leiden im Alter von nicht vollen 56 Jahren starb, wurde er im Hoschtitzer Friedhofe beerdigt, später aber übertrug man seine Leiche in das mittlerweile neu erbaute Grabmal im Zdislawitzer Schloßgarten.

Mittheilungen der mährisch-schlesischen Ackerbaugesellschaft (Brünn, 4°.) 1838, Nr. 38 und 39. Von Professor Nestler.