BLKÖ:Boscovich, Roger Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 2 (1857), ab Seite: 82. (Quelle)
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Boscovich, Roger Joseph (Mathematiker und Astronom, geb. zu Ragusa 18. Mai 1711, gest. zu Mailand, nach dem von Morcelli mitgetheilten Epitaph, 15. Febr. 1787). Er trat in seinem fünfzehnten Jahre, 1725, in den Orden der Jesuiten und machte seine Studien in Rom. Hier zeigte sich bald seine vorherrschende Neigung zur Philosophie und Mathematik, und er schwang sich in diesen Fächern durch festen Willen und unermüdliches Studium in kurzer Zeit zu solcher Höhe empor, daß er schon im J. 1740, noch vor Vollendung des Curses, die Professur der Mathematik und Philosophie am Collegio romano versehen konnte. Er begründete hier ein eigenes natur-philosophisches System und bildete zugleich seine mathematischen und astronomischen Kenntnisse so sehr aus, daß er die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich zog. Die päpstliche Regierung beauftragte ihn mit der Aufsicht der Reparatur der Peterskirche, deren Kuppel einzustürzen drohte, und ernannte ihn zum Mitgliede der Commission, welche die Mittel zur Austrocknung der pontinischen Sümpfe prüfen sollte. Die Akademie degli Arcadi in Rom und die königliche Gesellschaft zu London eröffneten ihm ihre Pforten. Bei den Grenzstreitigkeiten Lucca’s mit Toscana wählte ersteres B. zum Vertheidiger seiner Ansprüche und sandte ihn als Deputirten nach Wien an den Kaiser von Oesterreich. Nach Beendigung dieser Angelegenheit machte B. bedeutende Reisen und erhielt von Seite des Königs von Portugal selbst einen Ruf nach Brasilien, aber Papst Benedikt XIV., der den Mann zu schätzen wußte, ließ ihn nicht von sich. Später sollte er, von der englischen Akademie aufgefordert, nach Californien gehen, um den zweiten Durchgang der Venus vor der Sonnenscheibe zu beobachten; aber die Aufhebung des Jesuitenordens verhinderte diese Reise und B. kehrte nach Italien zurück. Er ward nun Professor zu Pavia. Jedoch im J. 1773 erhielt er einen Ruf nach Paris, wo er zehn Jahre als Directeur optical de la marine und mit wichtigen Forschungen [83] über die achromatischen Fernröhre beschäftigt, sich aufhielt. Verschiedene Zwistigkeiten und Collisionen mit französischen Gelehrten, namentlich aber die unaufhörlichen Anfeindungen d’Alemberts, der in seinem Jesuitenhasse den gelehrten Mathematiker vergaß, bewogen B., 1783 nach Mailand zurückzukehren. Hier ward ihm vom Kaiser Joseph II. der Befehl, eine Gradmessung zur Aufnahme einer Karte der Lombardie vorzunehmen, worüber ihn der Tod ereilte. In den letzten Jahren seines Lebens hatte er Anfälle von Geisteszerrüttung. Die Zahl seiner Schriften ist eine bedeutende, 71, zu Rom, Venedig, Mailand, Bassano, Wien, London u. s. w. aufgelegt, und zwar nach Kategorien: 14 aus dem Gebiete der reinen Mathematik, 15 astronomische, 21 physische, 7 optische und dioptrische, 5 über Alterthümer, Canäle u. s. w., 2 Reisewerke, 7 lateinische Poesien enthaltend. Mehrere Dissertationen von ihm finden sich in den Memoiren der gel. Gesellschaften zu Lucca, Paris, Rom, in dem Sammelwerke „Acta Lipsiensia“ u. s. w. abgedruckt. Seine vorzüglichsten Werke sind: „De maculis solaribus“ (Rom 1736), worin B. zum ersten Male die geometrische Auflösung der astronomischen Aufgabe vorträgt: Den Aequator eines Planeten aus drei Beobachtungen eines Fleckens zu bestimmen. In den folgenden Jahren gab er mehrere astronomische Abhandlungen heraus; als: „Nova methodus adhibendi phasium observationes in eclipsibus lunaribus“ (Rom 1744, 4°.); – „De lunae atmosphaera“ (ebenda 1753); – „Elementa universa Matheseos“ (Rom 1752–53, 3 vol. 4°.); – „De lentibus et telescopiis dioptricis dissertatio“ (Rom 1755, 4°, in’s Deutsche übersetzt, Wien 1765, 8°.). – Allgemeinen Beifall fand das in späteren Werken über denselben Gegenstand vielfach benützte Werk: „Philosophiae naturalis Theoria reducta ad unicam legem virium in natura existentium“ (Wien 1758, 4°., mit Fig.; 2. verm. und verb. Aufl., Venedig 1763; 3. Aufl., Wien 1764), worin B. das Newton’sche System in einem Abrisse zusammenfaßte. – Seine Untersuchungen über die Fernröhren, und mehrere andere optische, astronomische und trigonometrische Abhandlungen sind gesammelt in seinem Werke: „Opera pertinentia ad opticam et Astronomiam maxima ex parte nova etc. in V tom. distributa“ (Bassano 1785, 5 vol. 4°., mit Fig.), welches dem Könige Ludwig XVI. gewidmet ist, und worin eben seine Untersuchungen über die achromatischen Fernröhren den größern Theil ausmachen. – Als B. einem Rufe des Königs von Portugal folgen sollte, der sich einige Mathematiker aus der Gesellschaft Jesu erbat, damit diese die Gränzen seines Staates und Spaniens bestimmen sollten, beredete Cardinal Valenti B., die bereits angenommene Sendung zurückzulegen und für den Kirchenstaat eine schon längst gewünschte Arbeit zu vollenden. Aus diesem Anlasse erschien das Werk: „De litteraria Expeditione per pontificiam ditionem ad dimetiendos duos meridiani gradus“ (Rom 1755, 4°.), welches B. zugleich mit dem Jesuiten Maire herausgab, und das unter Aufsicht B.’s von Abbé Chatelain in’s Französische (Paris 1770, 4°.) übertragen wurde. Das lateinische Original enthält eine gute Karte des Kirchenstaates in drei Blättern, wovon die französische Uebersetzung nur eine schlechte Reduction gibt. – Als B. den englischen Gesandten Jakob Porter im J. 1762 auf einer Reise durch die Bulgarei, Moldau, einen Theil Polens, durch Schlesien und Oesterreich begleitete, erschien von ihm zuerst: „Essais politiques sur la Pologne“ (Paris 1764, 12°.) und später „Giornale di un viaggio da Constantinopoli in Polonia“ (Bassano 1784), welches die completeste [84] Ausgabe dieses Werkes ist, das früher (1772) zu Paris erschien, und wovon auch eine deutsche Uebersetzung (Leipzig 1779) veranstaltet wurde. Auch in anderen Gebieten der Naturwissenschaft war B. thätig, zur Akustik schrieb er seine Abhandlung: „Della legge di continuità nella scala musicale“ (Mailand 1772), und die von seinem Freunde Scherffer herausgegebenen „Dissertationes quinque ad Dioptricam pertinentes“ (Wien 1767) enthalten zahlreiche und interessante Versuche im Gebiete der Optik und Farbenlehre. B. war aber nicht blos Mathematiker, er besaß auch ein nicht gewöhnliches Dichtertalent. Von seinen poetischen Arbeiten erschien zuerst: „Philosophiae a Benedicto Stay Ragusino versibus traditae libri VI.“ (Rom 1755 u. 1760, 2 Bde., 8°.), welches Werk er mit gelehrten Anmerkungen begleitete. Sein didactisches Gedicht: „De solis ac lunae defectibus“ erschien zuerst in London 1760, 4°., in 5 Gesängen, dann in Venedig 1761, und in Rom 1767, 8°., in 6 Gesängen; und die franz. Uebersetzung u. d. Tit.: „Les eclipses, poëme en VI chants trad. du lat. par l’abbé Et. Barruel avec le texte“ (Paris 1779, 1784, 4°.). Dieses Gedicht zeichnet sich durch die Eleganz der Sprache aus und beurkundet eine seltene Fertigkeit, den abstractesten Gegenstand in der anmuthigen Form der Poesie und dabei allgemein verständlich darzustellen. – Im III. Bde. des „Recueil de l’Académie de l’immaculée Conception de Rouen“ befindet sich von B. „Virgo sine labe concepta, carmen“; diese und viele andere kleine Gedichte, voll Anmuth und im eleganten Latein, welche sich in der Sammlung der Akademie der Arcadier befinden, sichern B. einen Ehrenplatz unter den neuern lateinischen Poeten. Als Arcadier schrieb B. unter dem akademischen Namen „Numerius Anigraeus“. Fabroni in seiner Gedächtnißrede auf B. schreibt über ihn: „genio sublime, che Roma onorò come suo maestro e che l’Italia tutta riguarda come un suo ornamento, e a cui la Grecia avrebbe innalzata una statua, quando ancora fosse stata constretta per darle luogo di abbatterne qualcuna de’ suoi conquistatori“, und Appendini, der ein ausführliches Verzeichniß seiner sämmtlichen Werke mittheilt, sagt von ihm: „non esservi alcuna parte dello scibile umano ch’egli non trattasse in modo da fornirla di nuovi prodigiosi ritrovati.“

Ricca, Elogio storico dell’ abate R. G. Boscovich (Mailand 1789, 8°.). – [Bajamonti] Elogio di Boscovich (Ragusa 1789, 8°.). – Lamagna (Bernardo), Oratio in funere R. J. Boscovichi (Ragusa 1787, Folio). – Gliubich di Città vecchia (Simeone Ab.), Dizionario biografico degli uomini illustri della Dalmazia (Wien 1856, Lechner, und Zara, Battara, 8°.) S. 50–58 [gibt den 13. Februar 1787 als B.’s Todestag an]. – Journal de savans, Février 1792: „Eloge de Boscovich“ par Lalande. – Quérard (J. M.), La France littéraire (Paris 1827, Didot, 8°.) I. Bd. S. 425. – Montferrier, Dict. des sc. mathem.Caballero, Bibl. Script. Soc. Jes. Suppl.Fabroni, Vitae Italorum doctrina excellentium. – Gerber (Ernst Ludwig), Neues histor.-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1802, Lex. 8°.) I. Bd. Sp. 481. – (De Luca) Das gelehrte Oesterreich (Wien 1776, Ghelen) I. Bdes. 1. St. S. 46. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer u. Czikann), (Wien 1835) I. Bd. S. 360. – Dandolo (Tullio), L’Italia nel Secolo passato sino al 1789 (Mailand 1853) S. 468. – Morcelli, V. Bd. S. 93 theilt sein Epitaph mit, dessen Länge uns verhindert, es hier anzuführen. – Nouvelle Biographie générale ... publiée sous la direction de Mr. le Dr. Hoffer (Paris 1853) VI. Bd. Sp. 768: Artikel von Apollin Briquet [gibt den 12. Februar 1787 als B.’s Todestag an]. – Neven. Zabavni i poučni list (Neven. Ein Blatt für Unterhaltung und Belehrung.) Jhrg. 1855 (Agram, 4°.), Nr. 37, S. 585 [die Angabe 18. Juni 1711 als Geburtsdatum ist irrig]. – Vite e rittrati dei letterati Ragusei (Zara, Battara). – Slovnik umjetnikah [85] jugoslavenskih. Od J. Kukuljevića Sakcinskoga.