BLKÖ:Duval, Valentin Jamerai

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Dussik
Band: 3 (1858), ab Seite: 401. (Quelle)
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Duval, Valentin Jamerai (Director des kais. Münz-Cabinetes, geb. zu Artonay in der Champagne 12. Jän. 1695, gest. zu Wien 3. Nov. 1775). Ist der Sohn armer Bauersleute, der, als er mit 10 Jahren den Vater verlor, fremder Leute Vieh hüten mußte. Ein toller Knabenstreich machte ihn dieses Dienstes verlustig und im starken Winter 1709 floh D. verlassen und obdachlos in die Welt hinaus. Auf dem Wege nach Lothringen überfielen ihn die Pocken und ein armer Schäfer bei Montglat räumte ihm eine Stelle im Schafstall ein. Genesen, hütete er noch zwei Jahre die Schafe; dann wurde er mit einem Klausner, Namens Palemon, der am Fuße der Vogesen die Einsiedelei hatte, bekannt und sollte auch Klausner werden; aber als ein anderer den ihm zugedachten Posten erhielt, empfahl ihn Palemon den Einsiedlern von St. Anna als Hirten und D. setzte sein Hirtenleben fort. Indessen war seine Wißbegierde rege geworden. Von den Ergebnissen der Jagd kaufte er Bücher und Karten und bildete sich selbst. Der Fund eines kunstvoll gearbeiteten Petschafts, den er dem Pfarrer von Luneville anzeigte, machte ihn mit dem Eigenthümer desselben, einem reichen Engländer Namens Forster bekannt, der Duval belohnte und alle Sonn- und Feiertage zu sich nach Luneville zum Frühstück einlud. Der Engländer beschenkte ihn nicht nur reichlich jedesmal, sondern befriedigte auch des Jünglings Wissenstrieb, indem er ihm Bücher und alles gab, was seine Wißbegierde förderte. Zugleich erwarb sich D. viel Geld durch seine Jagdbeute, da er, während er seinen Hirtendienst in der Einsiedelei versah, mit besonderem Geschicke allerlei Wild erjagte. Alles aber, was er erwarb, verwendete er auf den Ankauf von Büchern, deren er, während er im groben Lodenrock einherging, bereits über ein halbes Tausend besaß. Als er eines Tages unter einem Eichbaum in seine Bücher vertieft saß, wurde er von einer vornehmen Gesellschaft überrascht. Es befanden sich dabei die Prinzen von Lothringen, Leopold Clemens und Franz, der nachmalige Kaiser und Gemal der großen Maria Theresia. Die Antworten, welche D. auf die an ihn gestellten Fragen gab, überraschten. Die Folge dieser Begegnung war, daß D. nach einigen Wochen von Baron Pfutschner, dem Oberst-Hofmeister der Prinzen, aus seiner Einsiedlerzelle abgeholt, nach Luneville geführt und mit einem Jahrgehalte begnadigt wurde, um am Jesuiten-Collegium zu Pont à Mousson wissenschaftlich gebildet zu werden. Nun wendete sich D. der Geschichte und insbesondere der Alterthums- u. Münzkunde zu. Aus den Studien, in welche er sich ganz vertieft hatte, riß ihn die Begegnung mit einem jungen reizenden Mädchen, welches seine ganze Phantasie beschäftigte. Da las er eines Tages in den Schriften des heil. Hieronymus gegen den Jovinian: „Hierophantas quoque Atheniensium usque hodie cicutae forbitione castrari et postquam in pontificatum fuerint evecti, viros esse disinere“. Duval unternahm nun an sich die Cur und wäre bald ein Opfer des Schierlings geworden. Von der schweren [402] Krankheit, in die er verfiel, genesen, kehrte aber sein Sinn mit ungeschwächter Kraft der Wissenschaft sich zu. 1713 nahm ihn der Herzog mit sich nach Paris, dann nach Belgien und Holland, von welcher Reise der Prinz und sein Schützling Ende 1719 zurückkehrten. Bei seiner Rückkehr ward Duval zum Ober-Bibliothekar und Professor der Weltgeschichte an der Luneviller Hochschule ernannt. Auch erhielt er den Auftrag, die Lecture der Prinzessin Elisabeth Therese, nachmaligen Gemalin des Königs Karl Emanuel von Sardinien, zu leiten. Dieses Dienstes entledigte sich D., ohne je das Gemach der Prinzessin zu betreten. Er legte die Bücher stets vor ihr Fenster und wechselte sie aus, sobald ihm das Zeichen wurde, daß er neue bringen solle. Seine Vorträge erfreuten sich zahlreichen Besuchs, besonders von Engländern. Chattam u. Pitt, die zwei großen engl. Staatsmänner, waren D.’s Schüler. Diese Stellung und seine Sparsamkeit setzten D. bald in die Lage, seinen alten Freunden, den Einsiedlern von St. Anna sich dankbar für das Gute, das sie ihm erwiesen hatten, zu bezeigen. Er erbaute ihnen für sein Geld ein bequemes Wohnhaus, eine schöne Kapelle, legte ihnen einen reichen Küchengarten und eine auserlesene Baumschule an, ohne ihnen eine andere Verpflichtung aufzuerlegen, als der Nachbarschaft jede verlangte Art von Zuchtbäumchen unentgeltlich abzugeben. Als (1735) die Abtretung von Lothringen und Bar in den lebenslänglichen Besitz des abdicirten Polenkönigs Stanisl. Lescynski Statt fand, wollte König Stanisl. den Gelehrten in seinen Diensten behalten, aber D. folgte dem Herzog Franz nach Florenz, und dann (1743) nach Wien, wo ihn sein Mäcen, der mittlerweile Kaiser geworden, liebreich empfing, ihn vorerst eine Reise nach Unteritalien unternehmen ließ und 1748 zum Director des kaiserl. Münz-Cabinetes ernannte. D. erhielt seine Wohnung in der Burg in der Nähe der Gemächer des Kaisers, der ein großer Münzenfreund war und sich mit D. gern unterhielt. Im J. 1752 besuchte D. Paris, trat dort mit den ersten Gelehrten Frankreichs in Verbindung, dann ging er in seinen Geburtsort Artonay und ließ dort an der Stelle der ärmlichen väterlichen Hütte ein schönes Schulhaus aufführen, welches er der Gemeinde schenkte. Den Einsiedlern am Fuße der Vogesen führte er auch einen schönen Bau auf und erfreute die Nachbardörfer, indem er ihnen Brunnen graben, Baumschulen anlegen und verbessertes Ackergeräthe unter sie vertheilen ließ. D. lebte ganz seiner Wissenschaft. Seine Lebensbeschreibung ist eine Quelle der Belehrung und ein Beweis, wie sich Fleiß und Ausdauer durch unsägliche Hindernisse emporzuarbeiten vermögen. Sein Leben ist reich an interessanten Momenten. D. wohnte seit Jahren in der Burg in unmittelbarer Nähe der kais. Familie, ohne Jemanden zu kennen. Als er einst mit dem römischen König Joseph sprach, gingen fünf junge Damen mit ihren Begleiterinnen vorüber. Duval bemerkte sie nicht. „Kannten Sie die Damen nicht, Duval?“ fragte Joseph den Gelehrten; – Mein Gott nein, ich kenne Niemanden“, erwiederte er. – „Es waren meine Schwestern“, sagte Joseph, „sie sind freilich noch keine Antiken“. Als Beitrag zu seiner Charakteristik diene der Grundsatz, den er auch befolgte: „Es ist besser zehnmal einem Unwürdigen zu geben, als eine einzige Gelegenheit zu versäumen, einem Würdigen Gutes zu thun“. – Als er einst dem Kaiser auf eine Frage freimüthig geantwortet, bemerkte ihm sein Freund Abbé Marcy: „Wissen Sie wohl, daß Sie eben dem Kaiser eine große Wahrheit gesagt haben?“ – „Desto besser, er mag sie zu Herzen nehmen“, entgegnete Duval. [403] Duval gab folgende Werke heraus: „Numismata cimelii Caesarei regis austr. vindobonensi quorum rariora iconismis caetera catalogis exhibitas“, 2 Bde. (Wien 1754, 55, in gr. fol.); Frölich und Khell haben großen Theil an der Redaction dieses Kataloges; – „Monnaies en or et argent qui composent une partie du cabinet de l’empereur“ (Wien 1759–69 gr. fol.). Davon wurden nur 200 Exemplare gedruckt, 150 verschenkt und 50 kamen in den Handel. Ein vollständiges Exemplar muß die zwei dünnen Supplementbände haben. Medaillen und einen philosophischen Roman: „Aventures de l’etourderie“. Der Briefwechsel V. J. Duvals mit seinem Bruder Josimus und die Copien mehrerer seiner Briefe literarischen Inhalts an seine Freunde in Italien befanden sich im Besitze des Herrn von Bruand, Präfecturrathes in Besançon (1828).

[Koch, Victor von] Oeuvres de V. Jameray Duval précédées de Mémoires sur sa vie (Saint-Pétersbourg [Basel] 1784, 2 Bde., 8°.; auch Paris 1785, 3 Bde., 18°.). – Die deutsche Uebersetzung: Leben des Herrn V. J. Duval von Alb. Christoph Kayser (Regensburg 1784, 2. Aufl. 1788, 2 Bde., 8°.). – Leben berühmter Gelehrten, die sich aus dem Staube durch unsägliche Hindernisse in ehrenvolle Aemter emporgeschwungen haben (von J. F. Franz) (St. Gallen 1812, Huber und Comp.); der zweite Band enthält das Leben V. I. Duvals. – Dielitz (Karl), V. Jameray Duvals höchst merkwürdige Lebensgeschichte (Nürnberg 1839, 12°., mit Portr.). – Briefwechsel mit A. Socoloff. Aus dem Französischen (von Sam. Baur) 2 Thle. (Nürnberg 1792, Felssecker, 8°.). – Hormayr (Jos. Freih. v.), Taschenbuch für Vaterland. Geschichte (Leipzig, kl. 8°.) Jahrg. 1846, S. 377: „Lebensbilder“ [nach diesem geb. 3. Nov. 1775]. – Baur (Samuel), Leben, Meinungen und Schicksale berühmter und denkwürdiger Personen aus allen Zeitaltern (Frankfurt a/M. 1821, kl. 8°.) V. Bd. S. 415–470: „Valentin Jameray Duval.“ – Feddersen (Jak. Friedr.), Nachrichten von dem Leben und Ende gutgesinnter Menschen (Halle 1785, Gebauer, gr. 8°.) V. Bd. S. 113. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer u. Czikann), (Wien 1835, 6 Bde.) I. Bd. S. 767 [nach dieser gest. 3. Nov. 1775]. – Gräffer (Franz), Wiener Dosenstücke (Wien 1852, Greß) II. Bd. S. 235 [daselbst ist der 3. Mai 1775 als sein Todestag angegeben]. – Sitzungsberichte der philos.-histor. Classe der kais. Akademie der Wissenschaften (Wien, 8°.) XXIV. Bd. S. 352 [Duvals Testament]. – (Brockhaus) Conversat.-Lexikon (10. Aufl.) V. Bd. S. 321 [nach diesem gest. 13. Sept. 1775]. – Nach Oettinger’s (E. M.) Bibliographie biographique universelle (Brüssel 1854, Stienon, Lex. 8°.) I. Bd. ist D. am 3. Sept. 1775 gestorben.