BLKÖ:Grassini, Giuseppina

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 5 (1859), ab Seite: 317. (Quelle)
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Grassini, Giuseppina (Sängerin, geb. zu Varese im Mailändischen 1773, gest. in Mailand 1850) Sie war die Tochter eines armen Bauern. Ihre seltene Schönheit machte den General Belgiojoso auf sie aufmerksam, der sie nach Mailand brachte, und sie von den besten Meistern in der Musik unterrichten ließ. Nachdem sie vorher in einigen Concerten mit Beifall gesungen, betrat sie 1794 zum ersten Male das Theater della Scala in der Oper „Artaxerxes“ von Zingarelli. Der Erfolg war glänzend; die sämmtlichen Theater der Halbinsel machten sich die junge Sängerin streitig. Nachdem sie zwei Jahre hindurch in verschiedenen Städten ihre Triumphe gefeiert, kehrte sie 1796 nach Mailand zurück, und trat zuerst in der „Campaspe“ von Traetta, dann in „Romeo und Julia“ von Zingarelli auf, welche Oper eigens für sie und für Crescentini geschrieben war. Jede Sängerin hat in der Regel eine Rolle, in welche sie alle Poesie ihres Lebens zusammendrängt; für die Grassini war diese Rolle die Julia. Während des Carnevals 1797 sang sie in Venedig in den „Horatiern“ von Cimarosa. Von da wurde sie nach Neapel berufen, um die Hochzeit des Erbprinzen zu feiern. Piccini, der damals vor den Wechselfällen der französischen Revolution nach Neapel geflohen war, componirte für sie eine Cantate, die sie bei Hofe singen sollte: aber sein Schüler Ansoffi hatte so viel Einfluß, daß er statt dessen ein Musikstück von seiner Composition einschob. Um Piccini zu entschädigen, ließ Prinz August von England, später Herzog von Sussex, die Cantate von der Grassini in seinem eigenen Hôtel vortragen, und wurde bei dieser Gelegenheit von den Reizen der schönen Sängerin besiegt. Er erwies sich als einer der glänzendsten und freigebigsten Liebhaber; aber seine Eifersucht hatte für die Geliebte auch manche Unbequemlichkeiten. Eines Tages glaubte der Prinz von ihrer Untreue überzeugt zu sein, und beschloß sich zu rächen. Er bezeigte Lust mit ihr eine Seefahrt zu machen. Es war eine schöne Herbstnacht. Der Schein des Mondes beleuchtete das anmuthige Gesicht der Sirene, die in nachlässiger Stellung hingestreckt lag, als sie plötzlich von zwei starken Matrosen ergriffen und in’s Meer geworfen wurde. „Aber denken Sie sich,“ – erzählte der Herzog von Sussex, dreißig Jahre später dem Sänger Lablache – „dieser Dämon von einem Weibe konnte schwimmen! Sie rettete sich, suchte mich den folgenden Tag wieder auf, verführerischer als jemals, und ließ mich die Lection in der Schwimmkunst, die ich ihr gegeben hatte, theuer bezahlen.“ 1800 kehrte die Grassini nach Mailand zurück, wo sie der General Buonaparte zum ersten Male hörte. Er ließ sie nun nach Paris kommen, wo sie zuerst im Tempel des Mars zur Jahresfeier der Einnahme der Bastille auftrat. Sie erregte allgemeinen Enthusiasmus und verdrängte ihre Nebenbuhlerin, die Banti, eine berühmte [318] Sängerin des vorigen Jahrhunderts. Im folgenden Jahre ging sie nach Berlin, 1802 nach London. Ihr erstes Auftreten am Theater von Haymarket hatte nicht den gewöhnlichen glänzenden Erfolg. Um sich das Publicum geneigt zu machen, veranlaßte sie Madame Billington, damals die berühmteste Sängerin Englands, mit ihr gemeinschaftlich in ihrem Benefiz aufzutreten. Dies geschah in einer zu dieser Gelegenheit componirten Oper von Winter: „Il Ratto di Proserpina“ (Raub der Proserpina). Die beiden Sängerinnen waren in einem ernsthaften Kampf begriffen. Der Sieg entschied sich für die Grassini: sie wurde die Mode des Tages, von den Damen vom höchsten Range mit großer Auszeichnung aufgenommen und empfing die Huldigung der vornehmsten Herren, worunter sich auch ihr alter Freund, der Herzog von Sussex, wieder vorfand. Mit der Herstellung des Kaiserthums richtete Napoleon auch die italienische Oper wieder ein, die seit 1792 geschlossen war. Zu dieser wurden unter den Ersten Crescentini und die Grassini berufen (1804). Sie war die Königin der Oper. Napoleon erfreute sich an ihrem Talent und liebte ihre Person; sie erinnerte ihn an die schönen Tage seines frühen Ruhms. Sie durfte allen ihren Launen freien Spielraum lassen, und benützte diese Freiheit reichlich. Selbst der Capellmeister Paer mußte sich ihren Einfällen fügen. Als sie eines Tages mit Crescentini in „Romeo und Julie“ sang, entzückten beide den Kaiser so sehr, daß er dem Castraten Crescentini den Orden der eisernen Krone schickte, was zu dem Witze Veranlassung gab, daß C. „seiner Blessuren wegen“ decorirt wurde; an die Grassini überschickte aber Napoleon einen Papierstreifen, worauf von seiner eigenen Hand geschrieben stand: „Giltig für zwanzig Tausend Francs. Napoleon.“ Einmal, im Jahre 1807, schien ihr die Gunst des Kaisers im Fall begriffen. Um sie durch eine Koketterie wieder zu gewinnen, eilte sie zu Blangini, einem liebenswürdigen Componisten, und forderte ihn auf, für die Rolle der Kleopatra, die sie zu spielen hatte, noch folgende drei Verse in Musik zu setzen:

Adora, i cenni tuoi, questo mio cor fedele;
Sposa sarò se vuoi, non dubitar di me;
Ma, un sguardo sereno ti chiedo d’amor!

Der Vers war an Cäsar gerichtet, aber während der ganzen Vorstellung verließen die Augen der Sängerin keinen Augenblick die kais. Loge, in ängstlicher Erwartung, daß der Eroberer von Aegypten ihr einen sguardo sereno d’amorzuwerfen werde. Nach dem Fall des Kaiserthums 1814 sang sie mit Lord Castlereagh duettini amorosi, und richtete nach der Loge des Herzogs von Wellington dieselben Verse: Adora i cenni tuoi, die einst das Herz Napoleons bewegt hatten. Blangini, der alle diese Anecdoten aufbewahrt hat, versichert, daß der Sieger von Waterloo mit seinem Blick nicht habe auf sich warten lassen. Mit dem J. 1815 trat die Grassini auf immer von der Bühne ab. Im Schooß des Reichthums setzte sie bald in Paris, bald in Mailand mit Anstand das glänzende Leben fort, welches sie bis dahin geführt. In einem Salon 1838 kam die Rede auf Napoleon u. Ludwig XVIII. Man stellte sich vor, wie sie sich einander im Elysium begegneten, und die Grassini behauptete: „Das erste Wort, das der Kaiser dem König Ludwig gesagt haben wird, muß folgendes gewesen sein: Warum hast Du die Pension unterdrückt, die ich meiner lieben Grassini gegeben hatte?“ Sie starb, 77 Jahre alt, zu Mailand.

Frankfurter Konversationsblatt 1852, Nr. 41 (17. Februar): „Eine Hofsängerin des Kaisers Napoleon“ von Scudo [nach diesem geboren 1773, gest. 1850]. – (Hamburger) Lesefrüchte, [319] redigirt von Dr. Pappe 1852, I. Bd. 12. St. S. 183. – Ephemeriden der italien. Literatur 1800, S. 304. – Leipziger musikal. Zeitung III. Jhrg. S. 556. – Gerber (Ernst Ludw.), Neues histor.-biogr. Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1812, gr. 8°.) II. Bd. Sp. 378. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst (begonnen von Schladebach, fortgesetzt) von Ed. Bernsdorf (Dresden 1856 u. f., Schäfer, gr. 8°.) II. Bd. S. 223 [nach diesem geboren 1775]. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Fz. Köhler, Lex. 8°.) S. 360. – Cosmorama teatrale in appendice al Cosmorama pittorico (Mailand, 4°.) 1850, Nr. 6 u. 7: „Biografia.“ – Bohemia (Prager Unterhaltungsblatt) 1850, Nr. vom 5. Febr.: „Grassini.“ – Theaterzeitung, herausg. von Ad. Bäuerle. 1853, Nr. 157, S. 671: „Eine schwimmende Sängerin.“ – Porträt. Gest. von della Rocca. 4°. Reynolds malte sie in London in Oel, als h. Cäcilia mit zum Himmel erhobenen Augen, einem Engelchor lauschend. Sie fragte Haydn, was er von dem Porträt dächte. Es ist ähnlich, antwortete er, hat aber einen großen Fehler. Reynolds malte Sie, wie Sie der Musik der Engel zuhören, er hätte im Gegentheil Sie malen sollen, wie die Engel Ihrer Stimme entzückt lauschen. Entzückt über dieses feine Compliment, fiel die Sängerin dem alten Haydn um den Hals und küßte ihn.