BLKÖ:Kyselak, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 13 (1865), ab Seite: 444. (Quelle)
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Kyselak, Joseph (Sonderling, geb. zu Wien um das Jahr 1795, gest. ebenda zwischen dem 16. und 26. October 1831). Sein Vater, gleichfalls Joseph (gest. zu Wien 9. August 1829), war Liquidator bei der k. k. Patrimonial-Familien- und Avitical-Fondscasse in Wien. Der Sohn besuchte das Piaristen-Gymnasium in der Josephstadt, begann auch bereits das Studium der Philosophie, gab es aber – aus Unlust zum Studiren – bald wieder auf, wurde von seinem Vater in einer der Wiener Kanzleien als Praktikant untergebracht, erhielt später bei der Hofkammer eine bleibende Anstellung als Registraturs-Accessist, in [445] welcher Stelle er auch bis zu seinem Tode verblieb. Weder seine schlichte amtliche Laufbahn, noch seine Geschicklichkeit im Drechseln, das er bereits als Student zu üben begonnen und vortrefflich erlernt hatte, noch seine schriftstellerischen Proben räumen ihm einen Platz in diesem Werke ein. Als ein rüstiger Fußgeher unternahm er im Jahre 1825 eine ausgedehnte Fußreise, welche er in dem Werke: „Skizzen einer Fussreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Bayern nach Wien, nebst einer romantisch-pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher, auf dieser Wanderung unternommen im Jahre 1825“, 2 Bde. (Wien 1829, Ant. Pichler, 8°., mit K. K.) ausführlich beschrieben hat. Dieses Werk, ohne eigentlich wissenschaftlichen Werth, besitzt doch den nicht zu unterschätzenden der Wahrheit; denn der Wanderer erzählt darin nur das, was er selbst gesehen, sozusagen mit seinen eigenen Füßen erprobt hat. Der Culturhistoriker wird auch noch einige Ausbeute darin machen. Doch, wie oben bemerkt, alles dieß wäre nicht im Stande gewesen, seinem Namen jene Verbreitung zu geben, die er in der That besitzt, ihn zu einer Zeit, da noch Viele lebten, die ihn gekannt, mit ihm befreundet waren, zu einer eigenthümlichen, ja märchenhaften Gestalt zu machen, an der sich ebenso die Poesie der Sage, wie der Witz und Humor des Volkes erprobt haben. Schon besitzt die deutsche Nation eine jener wunderlichen poetischen Gestalten, welche durch die unvergleichlich gelungene Darstellung des Dichters zu einer stehenden Volksfigur geworden, nämlich Peter Schlemihl, der Mann ohne Schatten, den Chamisso verewigt hat. Das vollendete Gegenbild zu Schlemihl ist Kyselak, der noch seines Chamisso harrt. Es ist hier nicht der Ort, an die weitere Ausführung dieses Gedankens zu gehen, der den heimischen Poeten überlassen bleiben möge. Herausgeber hat es an nichts fehlen lassen, um über diesen merkwürdigen Sonderling, dessen hervorstechendste Eigenthümlichkeit es war, überall seinen Namen aufzuzeichnen, zuverlässige Erkundigungen einzuziehen. Das Ergebniß seiner Nachforschungen [vergl. die Quellen] ist die Skizze, welche dem Leser hier geboten wird. Es ist eine Thatsache. daß sich der Name Kyselak in den Bergen Tirols, Steiermarks, Salzburgs, in den Karpathen Ungarns und Siebenbürgens, oft in Höhlen und auf fast unzugänglichen Stellen, wie Felsplatten, Thalwänden, Grotten u. dgl. m. vorfinde, und es ist auch wahr, daß diese Inschriften – wenigstens zu ihrem größten Theile – von ihm selbst herrühren. Es wurde von einer Seite mir mitgetheilt, diese Manie K.’s, überall seinen Namen aufzuschreiben, habe in einer unglücklichen Liebe ihren Grund gehabt, indem er sich an seiner Geliebten dadurch rächen gewollt, daß sie, wo sie immer hinkam und es am wenigsten vermuthete, an ihn, durch Erblickung seiner Inschrift oder durch Nennung seines Namens von Anderen, erinnert werden sollte. Wahrscheinlicher aber ist und wird auch durch seinen noch lebenden Vetter, den Herrn Criminalrath Franz Kyselak, bestätigt, K. habe einmal in einem geselligen Kreise, in welchem von Ruhm, ewigem Nachruhm und Unsterblichkeit die Rede war, die ihm angebotene Wette angenommen, seinen Namen durch das Gebiet der österreichischen Monarchie bekannt zu machen, ohne jedoch dieß zu thun, indem er ein ungeheures Verbrechen begehe, oder eine neue Art des Selbstmordes anwende. Kyselak verlangte drei Jahre [446] Zeit und versprach, nach Verlauf derselben wolle er auch im einsamsten abgelegensten Thale, auf unzugänglichen Bergen zu finden sein, so daß selbst Fischer, Jäger, Hirten u. dgl. auf seine Spur hinweisen würden. Die ausbedungene Zeit war noch nicht zur Hälfte verstrichen, als K. zugestanden wurde, seine Wette gewonnen zu haben. Sein Name war im ganzen Reiche bekannt, Tausende von Fremden trugen ihn in’s Ausland, ja selbst jenseits des Continents wurde er genannt. Die Sache war einfach zugegangen. K., ein rüstiger Fußgeher, ein schwärmerischer Freund der Natur, ein Waghals im Klettern und Steigen, hatte auf seinen Wanderungen Pinsel und schwarze Farbe mitgenommen und überall, wohin er, oft unter halsbrecherischen Schwierigkeiten, gelangen konnte, seinen Namen mit weithin leserlichen Buchstaben geschrieben. Wenn nun andere Freunde der Natur, Touristen, Lustreisende desselben Weges kamen, fanden sie immer wieder diesen Namen, der so von Mund zu Mund, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land ging und dessen Manie, sich überall aufzuschreiben, dem immer dichtenden Volke ein willkommener Stoff war, Schnurren, Anekdoten u. dgl. m. über ihn zu erzählen. So, um einige Beispiele anzuführen, hätte Alex. Humboldt auf dem Urgestein des Chimborasso die Inschrift: Kyselak 1837, gefunden. Hier hat sich aber die dichtende Volksmuse selbst ein Schnippchen geschlagen, denn Kyselak ist bereits im J. 1831 gestorben. – Kyselak’s Sorge um die Erhaltung seines Andenkens durch die Aufzeichnung seines Namens habe ihn in Conflicte mit Behörden und Privaten gebracht. So wurde ihm amtlich untersagt, eine neue über die Donau geschlagene Brücke mit seinem Namen zu bemalen. Er schien zu gehorchen; wenigstens war am Tage, als die neue Brücke feierlich eröffnet wurde, sein Name wirklich nicht zu sehen. Als aber ein paar Tage später ein Nachen unter dem Bogen der Brücke dahin fuhr, entdeckte der Schiffer Kyselak’s Namen auf der Bogenwölbung der Brücke mit Riesenzügen aufgemalt. – Als sich seine Manie sogar an die kaiserlichen Gebäude wagte, habe ihn Kaiser Franz zu sich bescheiden lassen. Der Kaiser saß vor dem Arbeitspulte und ließ K. vortreten. Er verwies ihm die Unart, seinen Namen überall hinzuschmieren und untersagte ihm dieselbe für die Zukunft. Kyselak hörte schweigend zu. „Was hanthiert Ihr denn eben da“, rief er mit einem Male K. zu, der, ohne zu erschrecken, entgegnete: „Zu unterthänigstem Dienst, Majestät – ich bin schon fertig“. Der Kaiser, der den Sonderling nicht recht zu verstehen schien, entließ ihn; als er aber seinem Arbeitstische sich zuwendete und das Blatt Papier, das er vor Kyselak’s Eintritt gelesen, zur Seite legte, starrte ihm der Name Kyselak und die Jahreszahl in großen Buchstaben von seinem Schreibtische entgegen. Dieß einige Proben der dichtenden Volksmuse, die auch seinen ganz natürlichen Tod in’s sagenhafte Dunkel hüllte, sich aber auch dabei wieder um ein ganzes Jahrzehend verirrte. Kyselak habe nämlich, heißt es, im Jahre 1842, in welchem die Welt von einer drückenden Sonnenhitze belästigt wurde, eiligst Wien verlassen, als ihm mitgetheilt worden, daß ein Stein in der oberen Donau trocken gelegt worden, der nur in vielen Jahrhunderten einmal sichtbar werde. Kyselak kommt an, seine Farbenbüchse, Pinsel und Schablone – denn es ist Thatsache, der Name hat überall, wo er vorkommt, dasselbe Aussehen, [447] weil er patronirt ist – lassen keinen Zweifel über seine Absicht übrig. Aber schon gehen die Wellen hoch über den denkwürdigen Stein. Kyselak kann diesen Schmerz nicht ertragen; in der Verzweiflung, diese kostbare Gelegenheit, sich in seiner Weise zu verewigen, versäumt zu haben, sucht er den Tod in den Wellen und findet ihn. Wie die Volksmuse – von der hier die wenigsten Proben mitgetheilt worden – sich des Mannes bemächtigt hat, so treten auch die edleren, in strengere Formen sich kleidenden Musen der Dichtung, nämlich jene des Romans und des Drama’s, an diesen räthselhaften Namen. Bäuerle hat im J. 1855 einen Roman begonnen: „Wien, wie es war“ (Theater-Zeitung 1855, Nr. 93), dessen zweites Capitel die Ueberschrift „Kyselak“ führt. Kyselak sollte in diesem Roman eine Hauptrolle spielen; merkwürdiger Weise hat der „alte Wiener“, wie seine Memoiren, so auch diesen Roman unvollendet gelassen, ja diesen letzteren bereits nach einigen Fortsetzungen aufgegeben. Auf meine Frage, warum er dieß gethan, erwiderte er, er habe Unannehmlichkeiten bei der Behörde gehabt. Nach aufmerksamer Lesung des Fragments bin ich nicht im Stande, die Ursachen dieser Unannehmlichkeiten[WS 1] aufzufinden. In Berlin erschien während der Neujahrsmesse 1861 die Posse: „Kyselak und seine Nichte vom Ballet“. Robert Heller im Nieritz’schen Volkskalender brachte im Jahre 1847 eine humorvolle Bluette, betitelt: „Kyselak. Eine Unsterblichkeit des neunzehnten Jahrhunderts“, welche später auch in dem Buche „Geschichten und Bilder“ (Leipzig, Georg Wigand, 8°.) abgedruckt erscheint, und der noch eine höchst komische Illustration: Kyselak, an einem Stricke vor einem Felsen hängend und seinen Namen zeichnend, beigegeben ist. Ja selbst in’s deutsche Sprichwort – aber wohl nur local – hat sich K. eingeschlichen, und man bedient sich für eine bombenfeste Fußbekleidung hie und da der Bezeichnung „Kyselak’s“. Um aber das Gebiet der Sage und Dichtung zu verlassen und noch mit einigen Thatsachen diese Skizze zu schließen, die jedoch das von der Dichtung geschaffene excentrische Bild dieses Mannes nur ergänzen helfen, sei noch bemerkt, daß er, was seine äußerliche Erscheinung betrifft, eine robuste gedrungene Gestalt war, etwas über Mittelgröße, und immer in Begleitung zweier Pudel von ungewöhnlicher Größe einherging. Er machte, um sich abzuhärten, weite Spaziergänge zu jeder Jahres- und Tageszeit, von denen er oft spät Nachts heimkehrte. Auch sein Tod ist bemerkenswerth. Er starb an der Cholera, sozusagen der schrecklichen Krankheit den Krieg erklärend und mit ihr den Kampf aufnehmend. Je mehr von den Aerzten strenge regelmäßige Lebensweise, eine gewiße Diät in der Kost und Enthaltung vom Obstgenuß angeordnet wurde, desto mehr sündigte er dagegen und kam, in allen Taschen Zwetschken und Obst, das er mit einer Art Bravour verzehrte, in’s Amt. Alle Vorstellungen seiner Freunde nützten nicht nur nichts, sondern reizten ihn vielmehr zu noch schlimmeren Excessen. Endlich packte ihn der Gegner und warf ihn auf’s Lager; aber auch jetzt noch beharrte er auf seinem Eigensinn und wollte durchaus keinen Arzt annehmen, so daß der zurückgewiesene Arzt, der damaligen Vorschrift gemäß, sich genöthigt sah, davon Anzeige zu erstatten. Kyselak war in diesem verhängnißvollen Kampfe erlegen; schon in wenigen Tagen war er an der Cholera gestorben. Von lebenden Personen, die ihn in der abenteuerlichen Situation des Aufmalens [448] seines Namens gesehen, lebt noch eine, Franz Haydinger, der bekannte Alterthümler Wiens, der ihn an der alten Pfarrkirche zu Petersdorf bei Wien hoch auf einer Leiter mit Farbe und Pinsel stehen sah, während er eben an die Wand Namen und Jahreszahl hinmalte. Als ihn ein dortiger Bewohner warnte, daß die Witterung seine Schrift bald verlöschen würde, erwiderte er, er wisse schon, wo er hinschreiben müsse. Und in der That, seine Aufschriften finden sich gewöhnlich an Stellen, die eine schöne Fernsicht bieten und doch durch vorspringendes Gestein, Dächer oder sonst gut geschützt sind. An einer Stelle aber befindet sich sein Name, wo er ihn nicht selbst hingeschrieben, wenngleich diese seine Manie Ursache der Aufnahme desselben ist, nämlich in diesem Lexikon, in welchem er die ungemein reiche Namensreihe des Buchstabens K. abschließt.

Ich habe nichts unversucht gelassen, über diesen merkwürdigen Sonderling Zuverlässiges zu erfahren. Wiederholte Besuche bei Wiens ältesten Schriftstellern, u. A. bei dem Herrn Archivs-Director Triml (bekannter unter dem Dichternamen Emil), dem Touristen Weidmann, Briefe und Anfragen bei verschiedenen Personen, von denen ich Mittheilungen erwarten durfte, unter Anderen bei dem, seiner antiquarischen Kenntnisse in Wiener Sachen so geschätzten Gastwirthe in St. Margarethen, Franz Haydinger [Bd. VIII, S. 107], blieben nahezu erfolglos, und waren die verschiedenen Mittheilungen der Genannten zusammengehalten eher dazu angethan, das bereits Festgestellte zu verwischen, statt die Zweifel aufzuhellen. Da wurde mir bekannt gegeben, daß ein Bruder oder doch sehr naher Verwandter K.’s noch am Leben sei, und mir der in Pension (in Wien, Neubau, Stiftgasse Nr. 31) lebende Criminalrath Herr Franz Kyselak als solcher bezeichnet. Ich suchte denselben sofort auf und verdanke ihm, da er den Vetter gekannt und Manches, was ihn betraf, aufgezeichnet, die zwar noch immer lückenhaften, aber im übrigen authentischen Daten. Ich kann nicht umhin, dem liebenswürdigen Greise für seine freundliche, mir so nutzreiche Bereitwilligkeit hier öffentlich meinen Dank auszusprechen. Die sonstigen Quellen – die sich zumeist auf Anekdotisches beschränken – unterlasse ich hier anzugeben, da die wichtigsten ohnehin in der obigen Lebensskizze angedeutet sind. Man findet meistens das Jahr 1837 als jenes angegeben, in welchem K. seine Manie, sich überall aufzuzeichnen, in der wunderlichsten, oft wunderbarsten Weise ausgeübt haben soll. Nun gibt die „Wiener Zeitung“ im October 1831 in ihrem Todtenverzeichnisse vom 16.–26. October Kyselak ausdrücklich unter den an der Cholera Verstorbenen an. Es ist also über sein Todesjahr kein Zweifel zulässig, und sind somit alle von ihm im Jahre 1837 und später vorgenommenen Aufzeichnungen seines Namens in’s Reich der Fabel zu verweisen oder nach ihm von Anderen ausgeführt worden, wie es denn auch kaum zu bezweifeln ist, daß lustige Brüder, nachdem der Name Kyselak bereits in Aller Mund war, sich nicht selten den Scherz gemacht, ihm in’s Handwerk zu pfuschen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Uannehmlichkeiten.