BLKÖ:Marenzeller, Mathias

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 16 (1867), ab Seite: 427. (Quelle)
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Marenzeller, Mathias (Arzt und Begründer der Homöopathie in Oesterreich, geb. zu Pettau in Steiermark 15. Februar 1765, gest. zu Wien 6. Jänner 1854). Der Sohn eines Handwerksmannes, verfolgte er unter Noth und Entbehrungen die wissenschaftliche Laufbahn. Das Gymnasium beendete er zu Marburg, die philosophischen Studien zu Gratz, die Medicin zu Wien, wo er, 21 Jahre alt, im allgemeinen Krankenhause prakticirte und als Privatdocent die Anatomie und Operationslehre vortrug. Der Umstand, daß Kaiser Joseph einmal einer seiner Vorlesungen beiwohnte, wurde entscheidend für seine Zukunft. Nachdem er am 15. August 1788 die medicinische Doctorwürde erlangt hatte, wurde er Oberarzt, kam nach Agram und hatte auf Allerh. Befehl nun im dortigen Hauptfeldspitale seine Vorträge über Anatomie und Operationslehre für Feldärzte zu halten. Der Ausbruch einer heftigen Skorbutepidemie zu Remeda, in der Nähe von Agram, unterbrach seine Vorträge, da dort seine Hilfeleistung nöthig wurde. In kurzer Zeit wurde er Regimentsarzt im Vukassovich’schen Freicorps, kam dann als Qua-Stabsarzt in das Hauptspital nach Posega und wurde im Jahre 1791 als Regimentsarzt zu Merveldt-Uhlanen übersetzt. Aus jener Zeit schon stammte in Folge sorgfältiger Beobachtung seine Erkenntniß, welch Unheil aus der Anwendung von Aderlässen und Purgantien für die leidende Menschheit entspringe, und sein Entschluß, diese Methode unter allen Umständen zu vermeiden. Nachdem [428] das Regiment in die Lombardei marschirt war, kam M. nach Cremona, war dort mehrere Jahre im Hauptspitale thätig und brachte überhaupt die Kriegsjahre 1793 bis 1797 in Italien zu. Die folgenden Jahre, bis 1815, änderte er mit dem Regimente vielfach die Stationen, kam nach Pardubitz, Kladrau, Radkersburg, nach Zittau in Sachsen, nach Geya in Mähren, nach Padua, und im J. 1815 nach Mailand, wo er Stabsarzt wurde. In dieser Stellung trachtete er vornehmlich den Mißbrauch der Aderlässe und Purgantien abzustellen, und gerieth dadurch mit den ihm untergebenen Collegen in widerwärtige Conflicte, welche ihm den Dienst erschwerten und unangenehm machten; endlich wurde er dieses Wanderns und dieser Nergeleien müde, er verlangte seine Ablösung und Anstellung im Invalidenhause zu Prag, welche er auch nicht ohne Mühe erhielt. Seitdem weilte er bleibend in Prag. Indessen studirte er mit großer Sorgfalt die verschiedenen medicinischen Systeme, machte sich mit den Lehren eines Brown, Röschlaub, van Swieten, Schelling u. A. bekannt, ohne sich zur praktischen Anwendung derselben bewegen zu lassen. Ja sein Unmuth über die Unhaltbarkeit der verschiedenen medicinischen Systeme war nachgerade so groß geworden, daß er seine ganze medicinische Bibliothek wegschaffte, mehrere medicinische Schriften den Flammen übergab, bei welcher Gelegenheit ihm eine Recension der neuen Curmethode des Samuel Hahnemann in die Hände fiel und seine ganze Aufmerksamkeit erregte. Der Aufsatz hatte ihn in Aufregung versetzt. Die Satzungen dieser neuen Lehre waren ihm aus der Seele geschrieben und sofort begann er die Versuche mit den von ihm nach Hahnemann’s Angabe getreu bereiteten Arzneien. Die glänzendsten Erfolge krönten seine rastlosen Bemühungen. Seine Praxis gewann eine Ausdehnung, wie sie in Prag bis zu dieser Zeit nicht erhört gewesen. Kranke, die von den Aerzten der alten Schule bereits aufgegeben waren, wendeten sich in ihrer Verzweiflung an ihn. In vielen Fällen brachte er Hilfe und feierte immer neue Triumphe. Seine Verehrung für Hahnemann, den er das größte Genie unseres Jahrhunderts nannte, wuchs mit jedem Tage. Im Jahre 1823 kam er sogar durch einen glücklichen Zufall, da er zu einem schwer leidenden Kranken nach Leipzig berufen wurde, mit Hahnemann persönlich zusammen. Das Zusammentreffen von Meister und Schüler steigerte leicht begreiflich den Enthusiasmus des Letzteren, man mußte, um dieß zu begreifen – ohne Rücksicht auf die Bedeutsamkeit des Systems Hahnemann’s – dessen Liebenswürdigkeit im Umgange gekannt haben. Nun entspann sich ein Briefwechsel zwischen Hahnemann und Marenzeller, und Letzterer wurde in der That als Arzt Hahnemann’s Apostel in Oesterreich. Innerhalb zwölf Jahren hatte er über zwölftausend Kranke nach der homöopatischen Heilmethode behandelt und war unter diesen eine unglaublich kleine Anzahl von Todesfällen vorgekommen, aber mit diesen überraschend glücklichen Erfolgen auch der Neid und die Mißgunst seiner Zunftgenossen gewachsen. Die Gegner theilten sich in zwei Lager: die Einen erklärten die Gaben der Homöopathie für Nichts und die unleugbaren Heilungen für Naturheilungen, die Anderen wieder erklärten diese Heilmethode für eine Giftpraxis, die Arznei für Gifte und die Heilungen für gefährliche Experimente. Alles geschah nur um M. in Ausübung seiner Methode zu hindern. In Blättern und anderen [429] Druckschriften häuften sich die Beschuldigungen und Angriffe gegen diese Heilart als Charlatanerie und der Staat als oberste Aufsichtsbehörde ordnete Untersuchungen an, drohte mit Cassation und Entziehung persönlicher Freiheit, sperrte und versiegelte die Hausapotheken u. dgl. m. Unter diesen Drangsalen war der Ruf der glänzenden Erfolge der sogenannten Marenzeller’schen Heilart indeß weit über die Grenzen der Provinz bis in die Residenz gedrungen und zur Kenntniß des Kaisers Franz I. gelangt. Der Monarch ließ sofort die neue Lehre einer am Krankenbette anzustellenden Prüfung unterziehen. Durch ein Handbillet ordnete der Kaiser an, daß an der k. k. medicinisch-chirurgischen Josephs-Akademie klinische Versuche mit der homöopathischen Heilart anzustellen seien, welche mit dem 2. April 1828 zu beginnen hatten. M. begab sich zu diesem Zwecke eigens von Prag nach Wien. Ueber den Verlauf dieser Versuche und deren Ergebniß gibt M.’s Sohn in der Biographie des Vaters nähere Aufschlüsse. Während M.’s kurzem Aufenthalte in Wien war aber der Zuspruch der Kranken ein so großer, daß er bald erkannte, Wien sei der einzige Ort, von wo aus der neuen Lehre eine größere Verbreitung in Oesterreich und von dort in anderen Staaten des Continents[WS 1] erwachsen könne. Er reichte nun sein Gesuch um Dienstenthebung ein und wurde nach mehr als vierzigjähriger Dienstleistung in den erbetenen Ruhestand versetzt. Um die Mitte des Jahres 1829 übersiedelte er aber nach Wien, wo seine Praxis bald eine glänzende war. Dieser Umstand, ferner, daß er in seinem Enthusiasmus für die neue Heilart über die alte rücksichtslos den Stab brach, und endlich die Angriffe seiner Collegen auf dieselbe mit Kühnheit und Freimüthigkeit widerlegte, zog ihm bald viele und sehr ergrimmte Feinde zu, welche nichts unterließen, ihm und seiner Methode wie und wo sie nur konnten, Schaden zuzufügen. Die Verfolgungen und Chikanen von Seite der Facultät und Behörden nahmen mit jedem Tage zu, und M. selbst war von Stunde zu Stunde auf das Aeußerste gefaßt. Er wendete alle Mittel an, um diesen Verfolgungen zu entgehen oder sie doch vergeblich zu machen, dieß aber steigerte nur den Grimm seiner Gegner. Wiederholte Audienzen bei dem Kaiser Franz, der M.’s Widersetzlichkeit scharf tadelte, blieben erfolglos. Doch aber ging M. seinen Weg ruhig weiter und hatte endlich die Genugthuung, daß der Kaiser mittelst Handbillet im Jahre 1832 das Verbot der Ausübung der Homöopathie aufhob; Erzherzog Johann ihn zu seinem Leibärzte erhob und König Friedrich Wilhelm IV. in einem Handbillete aussprach, daß er M.’s Bitte, dieser Heilmethode in seinen Staaten die allergnädigste Unterstützung angedeihen zu lassen, berücksichtigen werde. Endlich ertheilte noch Kaiser Ferdinand im J. 1840 die Genehmigung zur Gründung eines Vereins homöopatischer Aerzte und die Gestattung des freien Selbstdispensirens homöopatischer Arzneien. Als Schriftsteller zu wirken, gestattete ihm seine umfangreiche Praxis nicht, doch aber hatte sich in seinem Nachlasse eine reiche Anzahl von Ansichten über verschiedene Krankheitsgenera, viele Krankheitsgeschichten, Krankenprotokolle u. dgl. m., und endlich eine ganz besondere Arbeit: „Die Constitutionseintheilung“ mit der betreffenden Tabelle gefunden. Zu dieser „Constitutionseintheilung“ wurde M. durch Lavater’s Physiognomik[WS 2], die sein Lieblingsstudium bildete, angeregt. [430] Bekanntlich hat Lavater aus der Form des menschlichen Kopfes, einzelner Theile desselben, ja einzelner Züge, und noch mehr aus den Linien, Kanten, Ecken und der Rundung dieser auf verschiedene und sämmtliche Eigenschaften und Fähigkeiten des Geistes und Gemüthes, auf Affecte und Leidenschaften geschlossen, und auf diesen Schluß seine merkwürdige Lehre gebaut. M. nun schlug einen anderen Weg ein: er schloß aus einzelnen Körpertheilen, als: Kopf, Hals oder Rumpf u. s. w., welche stets in der vollkommensten Harmonie stehen oder aber aus allen zusammengenommen durch Autopsie auf die inneren Organe, auf ihre Verrichtung, weiter dann auf die Krankheitsanlage, die Krankheitsform, den Krankheitsverlauf, die Arzneiempfänglichkeit u. s. w. Auf diese Weise ergab sich ihm eine Reihe von Constitutionen, welche er in drei große „Constitutionsscalen“, die magere, die starke und die fette abtheilte. In diese drei Scalen lassen sich alle Menschen eintheilen. In einer diese Eintheilung bildlich darstellenden Constitutionstabelle werden die Gesichtsform, der Körperbau, der Bau der inneren Organe, die Functionen, die Krankheitsanlagen für jede einzelne der drei Constitutionen angeführt. M., der unstreitig als Begründer des Hahnemann’schen Systems in Oesterreich anzusehen ist, hatte das seltene Alter von 89 Jahren erreicht.

Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Aerzte Oesterreichs. Redigirt von Dr. J. O. Müller (Wien, Gerold, 8°.) I. Bd. (1857), S. 142–168: „Dr. Mathias Marenzeller. Biographische Skizze von Dr. A. Edlen von Marenzeller“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Contingents.
  2. Vorlage: Ppysiognomik.