BLKÖ:Miklosich, Franz Ritter von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Miklósy, Franz von
Band: 18 (1868), ab Seite: 269. (Quelle)
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Miklosich, Franz Ritter von (Sprachforscher, geb. zu Radmeščak bei Luttenberg in Steiermark 20. November 1815; dieses Geburtsjahr gibt der Almanach der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1852, S. 115, und auch die folgenden an, während sonst überall das Jahr 1813 als sein Geburtsjahr angegeben steht). Die lateinischen Schulen besuchte er zu Warasdin, dann zu Marburg, die Philosophie und die Rechtswissenschaften hörte er zu Gratz, wo er im Jahre 1837 die philosophische Doctorwürde erlangte, und, sich im Anbeginn dem Lehramte widmend, als Supplent der Lehrkanzel der Philosophie an der Gratzer Hochschule thätig war. An den Verhältnissen und Zuständen des damaligen Unterrichtswesens wenig Freude empfindend, begab er sich im Jahre 1838 nach Wien, wo er die juridische Doctorwürde erwarb und zugleich, um sich der Advocatur zu widmen, die Praxis in einer Advocatenkanzlei nahm. Aber auch diese Laufbahn sollte er nicht betreten; die Bekanntschaft mit Kopitar [Bd. XII, S. 437], mit dem ihn gleiche sprachliche Studien und Neigungen immer enger verbanden, veranlaßte ihn zum Eintritte bei der k. k. Hofbibliothek, an welcher er im Jahre 1844 die Stellung eines Scriptors erhielt. Bald lenkten seine linguistischen, durch den Druck veröffentlichten Arbeiten, in denen sich neben seltener gründlicher Kenntniß der slavischen Dialekte auch ein ungewöhnlicher Scharfsinn offenbarte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn, und er wurde im Jahre 1848 zum außerordentlichen [270] und in Folge eines von der Universität zu Breslau an ihn ergangenen Rufes, im Jahre 1850 zum ordentlichen Professor des Slavischen an der Wiener Hochschule ernannt. Auf diesem Posten ist er zur Stunde noch thätig. Im Jahre 1860, bei Begründung des seither wieder aufgelösten Unterrichtsrathes, wurde M. Mitglied desselben. Als Mitglied der Wiener Hochschule berief ihn das Vertrauen seiner Collegen dreimal zum Amte eines Decans und im Jahre 1854 zur höchsten Würde des Universitäts-Rectors. Seine wissenschaftliche Wirksamkeit veranlaßt von Seite verschiedener gelehrten Gesellschäften des In- und Auslandes seine Wahl zum Mitgliede derselben, und unter diesen am 1. Februar 1848 zum correspondirenden, am 28. Juli 1851 zum wirklichen Mitgliede und seit Wolf’s Tode zum Secretär der philosophisch-historischen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Auch auf politischem Gebiete bewegte sich M. mit charakterfester Entschiedenheit. So wurde er schon im J. 1848 von seinen Landsleuten in den ersten österreichischen constituirenden Reichstag gewählt, aus welchem er jedoch wieder austrat, als die Ausschreitungen desselben ein ferneres Miteinandergehen dieser Körperschaft mit der Regierung nicht mehr voraussehen ließen. Im Jahre 1862 wurde er aber auch mit Allerh. Handschreiben vom 7. Juli in das Herrenhaus des österreichischen Reichsrathes auf Lebensdauer berufen. Während der ganzen Periode seiner öffentlichen Dienstleistung wirkte er überdieß durch Theilnahme an zahlreichen Berathungen über wichtige Gegenstände des öffentlichen Unterrichtes, und wurde mit der Leitung der wissenschaftlichen Prüfungscommission für Gymnasial-Lehramts-Candidaten betraut. Seit dem Jahre 1845 auf linguistischem Gebiete schriftstellerisch thätig, sind von ihm bisher in chronologischer Folge nachstehende eigene oder von ihm herausgegebene Werke erschienen: „S. Joannis Chrysostomi homilia in ramos palmarum slav., lat. et graece“ (Vindobonae 1845, 8°.); – „Radices linguae slovenicae veteris dialecti“ (Lipsiae 1845, Weidmann, 8°. maj.); – „Vitae Sanctorum. E codice antiquissimo palaeoslovenico cum notis criticis et glossario. Accedunt epimetra grammatica quinque“ (Viennae 1846, Wenedikt, 8°. maj.); – „Vita S. Clementis episcopi Bulgarorum graece“ (ibid. 1847, 8°.); – „Formenlehre der altslovenischen Sprache“ (Wien 1850, Braumüller, zweite Aufl. ebd. 1854, Lex. 8°.); – „Lautlehre der altslovenischen Sprache“ (ebd. 1850, Lex. 8°.); – „Lexicon linguae slovenicae veteris dialecti“ (ibid. 1850, imp. 4°.); – „Slavische Bibliothek, oder Beiträge zur slavischen Philologie und Geschichte“, 1. Band (ebd. 1851, 8°.), der zweite Band zusammen mit J. Fiedler (ebd. 1858, 8°.); – „Monumenta linguae palaeoslovenicae e codice suprasliensi“ (ibid. 1851, gr. 8°.); – „Vergleichende Grammatik der slavischen Sprachen“, 1. Band, auch unter dem Titel: „Vergleichende Lautlehre der slavischen Sprachen. Von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien gekrönte Preisschrift“ (Wien 1852, gr. 8°.); der zweite Band ist noch nicht erschienen, hingegen der dritte unter dem Titel: „Vergleichende Formenlehre der slavischen Sprachen“ (ebd. 1856, gr. 8°.); – „Apostolus e codice monasterii Sisatovac, palaeo-slovenice“ (ibid. 1853, gr. 8°.); – „Chrestomatia palaeo-slovenica“ (ibid. 1854; 2. edit. 1861, gr. 8°.); – „Lex Stephani Dušani. Fasc. 1, textum continens“ (Vindob. [271] 1856, 8°.); – „Evangelium S. Matthaei palaeo-slovenice e codicibus edidit“ (ibid. 1856, 8°.); – „Bart. Kopitar’s kleinere Schriften, sprachwissenschaftlichen, geschichtlichen, ethnographischen und rechtshistorischen Inhalts“ (Wien 1857, gr. 8°.); – „Monumenta serbica spectiantia historiam Serbiae, Bosnae, Ragusii“ (Vindobonae 1858, 8°.); – „Chronica Nestoris textum russico-slovenicum, versionem latinam, glossarium, Vol. I, textum continens“ (ibid. 1860, 8°.); – zusammen mit Jos. Müller: „Acta et Diplomata graeca medii aevi sacra et profana“, Vol. I: „Acta patriarchatus Constantinopolitani 1315–1402, e codicibus manuscriptis bibliothecae palatinae Vindobonensis“ (ibid. 1860, gr. 8°.); Vol. II: „Acta patriarchatus Constantinopolitani 1315–1402 e codicibus manuscriptis caesareae scientiarum academiae“ (ibid. 1861); Vol. III: „Acta et Diplomata res graecos italasque illustrantia e tabulariis Anconitano, Florentino, Melitensi, Neapolitano, Veneto, Vindobonensi“ (ibid. 1865, gr. 8°.); – „Lexicon palaeo-slovenico-graeco-latinum emendatum auctum“, Vol. 6 (ibid. 1862–1865, gr. 8°.), dreizehn Jahre hat M. an diesem Werke gearbeitet, dessen Ausgabe im Jahre 1862 begann und in vier Jahren beendet war. In gelehrten Sammelwerken sind erschienen, und zwar in den Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historischer Classe [die mit einem Stern (*) bezeichneten sind auch in Separatabdrücken ausgegeben]: „Lehre von der Conjugation im Altslovenischen“ (Bd. I, 1. Abthlg., S. 167–206); – *„Die Sprache der Bulgaren in Siebenbürgen“ (Bd. VII, 1. Abthlg., S. 105 bis 146); – *„Die Wurzeln des Altslovenischen“ (Bd. VIII, 1. Abthlg., S. 154–179); – *„Die Bildung der Nomina im Altslovenischen“ (Bd. IX, 1. Abthlg., S. 135–232); – *„Zum Glagolita Clozianus“ (Bd. X, 1. Abth., S. 195–214); – *„Die Bildung der slavischen Personennamen“ (Bd. X, I. Abth., S. 215–330); – *„Die slavischen Elemente im Rumänischen“ (Bd. XII, 1. Abthlg., S. 1–70); – „Die nominille Zusammensetzung im Serbischen“ (Bd. XIII, 1. Abthlg., S. 1–28); – *„Die Bildung der Ortsnamen aus Personennamen im Slavischen“ (Bd. XIV, 1. Abthlg., S. 1–74); – *„Die verba impersonalia im Slavischen“ (Bd. XIV, 1. Abthlg., S. 199–244); – *„Die Fremdwörter in der slavischen Sprache“ (Bd. XV, 1. Abthlg., S. 70–141); – in den Sitzungsberichten derselben Akademie, gleiche Classe: „Ueber den reflexiven Gebrauch des Pronomens ού und der damit zusammenhängenden Formen für alle Personen“ (Bd. I, S. 119 bis 127); – „Ueber die Sprache der ältesten russischen Chronisten, vorzüglich Nestors“ (Bd. XIV, S. 3–52); – „Die Rusalien. Ein Beitrag zur slavischen Mythologie“ (Bd. XLVI, S. 386 bis 405); mehrere andere in den Sitzungsberichten enthaltene Aufsätze sind nur Auszüge der Abhandlungen, welche ihrem ganzen Inhalte nach in den Denkschriften abgedruckt sind, daher dieselben hier nicht wieder angeführt erscheinen; – in den Wiener Jahrbüchern der Literatur: „Kritik über Bopp’s vergleichende Grammatik der indo-europäischen Sprachen“ (1844, Band 105, S. 43–70), mit welchem Aufsatze M. zuerst das Gebiet der linguistischen Kritik öffentlich betrat, und schon damals die Bedeutung ahnen ließ, die er auf diesem Felde in der Zukunft einnehmen sollte; – in der Oesterreichischen [272] Revue: „Die serbische Epik“ (Wien 1863, II. Jahrg.). Die Reihe der vorgenannten theils selbstständigen, theils in Sammelwerken aufgenommenen Schriften und Abhandlungen M.’s zeigte zur Genüge die Richtung, welche er in seinen sprachlichen Forschungen eingeschlagen. M. hat nicht nur die geistige Mission Kopitar’s, seines Vorgängers, übernommen, sondern sie auch in einer seines Meisters würdigen Weise durchgeführt. „Er ist“, wie einer seiner Biographen schreibt, „in diesem Augenblicke so ziemlich die Spitze aller Bestrebungen des slavischen Idioms: seine geistige Durchdringung zu finden und sich als Glied der riesigen Sprachenkette, welche die Völker des Erdballs umwindet, zu legitimiren. Slovene von Geburt, steht er heute bereits als Repräsentant aller Slavenfamilien da.“ Der Vollständigkeit halber sei noch bemerkt, daß M. zu wissenschaftlichen Zwecken mehrere Reisen gemacht hat, und zwar in den Jahren 1836 und 1842 nach Italien, wo er die angesehensten Bibliotheken durchforschte; 1851 nach Constantinopel, 1852 nach Frankreich und Deutschland, 1856 nach Dalmatien und Montenegro. Im Jahre 1862, nachdem er als Mitglied auf Lebensdauer in das Herrenhaus des österreichischen Reichsrathes berufen worden, legte M. seine Stelle an der Hofbibliothek nieder. Die Bestrebungen M.’s auf dem Gebiete der Wissenschaft und des Unterrichts wurden von Sr. Majestät auch noch dadurch gewürdigt, daß ihm mit Allerh. Entschließung vom 23. Juli 1863 das Ritterkreuz des Leopold-Ordens verliehen wurde, welcher Verleihung statutengemäß im folgenden Jahre die Erhebung in den erbländischen Ritterstand folgte. Im Februar des laufenden Jahres (1867) wurde M. bei der Neuerrichtung des Ministeriums für Cultus und Unterricht als Unterrichtsminister bezeichnet, und noch gegenwärtig sein Name genannt, wenn das Ministerium die Absicht verwirklichen sollte, sich aus parlamentarischen Kreisen zu ergänzen.

Ritterstands-Diplom vom 20. August 1864. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) 1863, Nr. 1025, S. 132: „Dr. Franz Miklosich“. – Bleiweis(Dr.) , Koledarčik slovenski, d. i. Slovenischer kleiner Kalender (Laibach, kl. Taschenb., 8°.) 1854, S. 38 [nach diesem geboren am 20. November 1813]. – Brockhaus’ Conversations-Lexikon, 10. Aufl., X. Bd. S. 471. – Slovník naučný. Redakt. Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Frz. Lad. Rieger (Prag 1859, Kober, Lex. 8°.) Bd. V, S. 312. – Jordan, Slavische Jahrbücher (Leipzig, gr. 8°.) Jahrgang 1845, S. 133. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) XV. Supplement-Band, S. 663. – Porträte. 1) Facsimile des Namenszuges Fr. Miklosich. Zinkstich ohne Angabe des Zeichners und Stechers (12°.), auch in des Dr. Bleiweis Koledarčik slovenski 1854 [nicht sehr ähnlich]; – 2) Holzschnitt nach einer Photographie auf S. 132 des Jahrganges 1863, Nr. 1025, der Leipziger Illustrirten Zeitung; – 3) Facsimile des Namenszuges Fr. Miklosich. Dauthage nach der Natur gez. u. lith. Gedruckt bei J. Höfelich (Wien, bei Jos. Bermann, Fol.). – Wappen. In Roth ein goldener, rothbezungter Greif, begleitet von zwei silbernen Sternen in den blau ausgefüllten Oberwinkeln. Auf dem Schilde ruhen zwei gekrönte Turnierhelme. Aus der Krone des rechten wächst ein goldener rothbezungter Greif, einwärts gekehrt; aus jener des linken ein silberner, aus Rachen und Ohren feuersprühender Panther. Helmdecken. Jene des rechten Helms sind roth mit Gold, jene des linken blau mit Silber unterlegt.