BLKÖ:Muffat, Gottlieb

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Muhr, Alois
Band: 19 (1868), ab Seite: 447. (Quelle)
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Muffat, Gottlieb [Theophil] (Tonsetzer, die Angaben seines Geburtsortes und Jahres sind sehr verschieden, als ersterer werden Salzburg, Wien und Passau, als letzteres das Jahr 1684, 1690 und 1695 bezeichnet, gestorben ist er zu Wien 10. December 1770). Schon sein Vater Georg[WS 1], der noch 1698 lebte, war ein gründlich gebildeter Musicus, der in seiner Jugend mehrere Jahre in Paris in der Musik sich gebildet und dort vor allem Lully zum Vorbilde sich genommen hat. Dann wurde er Organist am Straßburger Münster, von welchem Posten er durch den Krieg vertrieben wurde, worauf er sich nach Wien, von da nach Rom und zuletzt nach Salzburg begab, wo er um das Jahr 1690 als Organist und Kammerdiener in die erzbischöflichen Dienste trat. Wie lange er in denselben geblieben, ist nicht bekannt. Zuletzt war er fürstl. Passau’scher Capell- und Pagen-Hofmeister. Von seinen Werken sind besonders bemerkenswerth: „Suavioris harmoniae instrumentalis hyporchematicae Florilegium primum, oder Blumenbund lieblicher Balettstücke aus 50 auf 4 oder 5 Geigen ... gerichteten und bestehenden Pièces, so 7 Ouvertures zusammen ausmachen“ (Augsburg 1695, Fol.); – „Florilegium secundum“, aus 62 Pièces bestehend“ (Passau 1698, Fol.); – „Apparatus musico organisticus“ aus XII Toccaten bestehend“ (Augsburg 1690); – „Nothwendige Anmerkungen bei der Musik“, ein Manuscript, das sich im Jahre 1763 noch im Besitze der Buch- und Musikalien-Handlung Breitkopf befand. – Sein obenerwähnter Sohn Gottlieb wurde zuerst von dem Vater in der Musik ausgebildet, später wurde er ein Schüler des berühmten Fux [Bd. V, S. 41]. Im Jahre 1717 ernannte ihn Kaiser Karl VI. zu seinem Hoforganisten und zugleich zum Clavierlehrer der kaiserlichen Prinzen und Prinzessinen. Die Hoforganistenstelle versah M. bis zu seiner im Jahre 1764 erfolgten Pensionirung, also durch 47 Jahre. M. war ein ausgezeichneter Orgelspieler, zugleich aber auch ein geschickter Componist. Von seinen Compositionen, welche zum größten Theile aus Fugen, Toccaten, Arien, Pastoralen und Präludien für die Orgel bestehen, ist der bei weitem größte Theil Handschrift geblieben und befindet sich in Sammlungen und Besitz von Privaten zerstreut. Gedruckt ist von ihm ein Werk für das Clavier, betitelt: „Componimenti musicali per il Cembalo“ (Wien 1727), welche 7 Ouverturen enthält und auf dessen Titel sich Muffat ausdrücklich „Kammer- und Hoforganist Kaiser Karl’s VI. und der verwitweten Kaiserin Wilhelmine [448] Amalie“ nennt. In Muffat’s Compositionen spiegelt sich noch immer ziemlich deutlich der Charakter der zu seiner Zeit herrschenden Suitenform, deren Inhalt sich fast gänzlich auf damals übliche, wie auch ältere Tanzformen, als Allemande, Courante, Sarabande, Gigue, Gagliarde, Chacconne, Bourre, Branle, Rigaudon, Gavotte, Passepied u. a. m. zurückführen läßt. Dabei behält er die Regeln des Contrapunctes ziemlich streng im Auge. Aber man gewahrt in vielen von seinen Werken schon das Bestreben, von der bis dahin üblichen Tanzform sich loszuringen und zu freier Gestaltung aufzuschwingen; es ist so zu sagen der nächste Schritt zur eigentlichen Sonatenform, die unter Phil. Emanuel Bach[WS 2] zur ersten Entwickelung gelangte und dann von seinen Nachfolgern zu jener vollendeten Form gebracht wird, die man in jener Mozart’s und Haydn’s bewundert. Gottlieb Muffat erreichte ein hohes Greisenalter, welches bei der verschiedenen Angabe seines Geburtsjahres bald mit 76, 80 und 75 Jahren angesetzt wird. In neuester Zeit erst wurde eine „Toccata und eine Fuge in C-moll für Orgel componirt 1720 von Gottlieb Muffat. Für das Harmonium übertragen und zum Concertvortrage eingerichtet von L. A. Zellner“, von der Musikhandlung Spina in Wien im Drucke herausgegeben. – Auch ist noch ein Ernst Muffat anzuführen, der im Jahre 1698 geboren und am 25. Juni 1746, 48 Jahre alt, zu Wien als k. k. Hofkammermusicus gestorben ist. Ob er ein Bruder des Gottlieb oder sonst mit ihm verwandt gewesen, ist nicht bekannt. Es ist wohl eine und dieselbe Person mit dem von Dlabacz erwähnten Johann Ernst Muffat, von dem Dlabacz berichtet, daß er sich in der großen Oper Constanza et fortezza, welche im Jahre 1723 zu Prag gegeben wurde, als Violinist hervorgethan habe.

Gerber (Ernst Ludwig), Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1790, J. G. J. Breitkopf. gr. 8°.) Bd. I, Sp. 976. – Derselbe, Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, A. Kühnel, gr. 8°.) Bd. III, Sp. 499. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 630. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Jul. Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Dresden 1856, R. Schäfer, gr. 8°.) Bd. II, S. 1067. – Dlabacz (Gottfr. Joh.), Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theile auch für Mähren und Schlesien (Prag 1815, G. Haase, 4°.) Bd. II, Sp. 341.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Georg Muffat (Wikipedia).
  2. Vorlage: Bock. Korrigiert nach Carl Philipp Emanuel Bach (Wikipedia).