BLKÖ:Oberrauch, Herkulan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Oberrauch, Franz
Band: 20 (1869), ab Seite: 462. (Quelle)
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Oberrauch, Herkulan (gelehrter Franziskanermönch, geb. zu Sarnthein im Sarnthale Tyrols 5. December 1728, gest. zu Schwaz 22. October 1808). Oberrauch, der in der Taufe den Namen Anton Nikolaus erhalten hatte, war der Sohn wohlhabender Bauersleute; der Vater selbst war, wie man zu sagen pflegt, ein „Studirter“. Da der Sohn mit trefflichen Talenten auch Lust und Lernbegierde besaß und frühzeitig Neigung für den Priesterstand zeigte, schickte ihn der Vater im Jahre 1740 nach Innsbruck, wo er nun zugleich mit seinem älteren Bruder das dortige Gymnasium besuchte. Das bedeutende Vermögen, das sich nach des Vaters Tode vorfand, setzte O. in die Lage, auch jetzt noch seine Studien fortzusetzen, und er begann im Jahre 1750, nachdem er früher noch den philosophischen Magistergrad erlangt, das Studium der Theologie. Zu Ostern letztgenannten Jahres trat er im Kloster zu Kaltern in den Franziskanerorden und nahm den Klosternamen Herkulan an. Nach im Jahre 17351 feierlich abgelegten Ordensgelübde kam er nach Botzen, wo er die philosophischen und theologischen Studien beendete und im Jahre 1753 die h. Weihen empfing. Er setzte auch jetzt noch unablässig seine Studien fort, wurde dann in das Kloster nach Innsbruck als Repetitor der Theologie berufen und im Jahre 1759 zum Director der Conferenzen über verwickelte theologische Fragen und Pastoralfragen ernannt. Im Jahre 1760 kam Herkulan als Lector der Philosophie nach Füssen und im Jahre 1762 in gleicher Eigenschaft nach Botzen. Daselbst bewährte er bei einer gelehrten Disputation aus dem Kirchenrechte gegen die Dominikaner sein gründliches und umfassendes Wissen und wurde in Folge dessen im Jahre 1763 zum Lehrer des canonischen Rechts in Hall und schon 1765 im Hauptkloster der Ordensprovinz zu Innsbruck ernannt. Im [463] Jahre 1766 wurde O., nachdem die Jesuiten von allen Lehrkanzeln entfernt worden waren, öffentlicher Professor an der Innsbrucker Hochschule und trat am 22. November g. J. als Doctor Theologiae sein öffentliches Lehramt an. Auf demselben wirkte O. bis zum Jahre 1782, und es war dieß wohl die fruchtbarste Periode seiner rastlosen Thätigkeit, in welcher er auf die moralische und intellectuelle Bildung der studirenden Jugend sein stetes Augenmerk richtete. Als im Jahre 1782 Kaiser Joseph alle theologischen Bildungsanstalten in den einzelnen Diöcesen aufhob, in Innsbruck ein General-Seminar errichtete und die Universität in ein Lyceum verwandelte, wurde O. bei der neuen Organisirung der Lehrämter in Ruhestand versetzt. Indeß war seine Beliebtheit bei der studirenden Jugend so allgemein, daß er auch jetzt noch von derselben immer wieder aufgesucht und in zweifelhaften Fällen zu Rathe gezogen wurde, was der damals in Innsbruck herrschenden Partei der Illuminaten ganz und gar nicht zusagte. Mit Freude wurde daher von dieser die Verfügung vernommen, daß der Franziskanerconvent von Innsbruck nach Lienz übersetzt sei, denn nun sollten sie Oberrauch’s unliebsamer Gegenwart enthoben werden. Aber es kam nicht so, wie sie wünschten. Die seit 1781 in Innsbruck residirende Erzherzogin Maria Elisabeth, eine Tochter der Kaiserin Maria Theresia, und nachmalige Aebtissin, wünschte O., der ihr Beichtvater war, in Innsbruck zu behalten, und so blieb O. zum Verdruße der Illuminaten in Innsbruck, als Beichtvater der Erzherzogin und als Missionär der Hauptstadt. Er versah letzteres Amt bis an seinen Tod, entwickelte aber innerhalb dieser ereignißreichen Periode nach verschiedenen Seiten hin eine einflußreiche Thätigkeit. So trug er wesentlich dazu bei, daß, nachdem Leopold II. den Kaiserthron bestiegen, die General-Seminarien im ganzen Reiche wieder aufgehoben und die bischöflichen Seminarien von Neuem eingesetzt wurden. Als der auf den 22. Juli 1790 einberufene große Landtag in Innsbruck zusammentrat, auf welchem der Kaiser die Beschwerden und Wünsche aller vier Stände vernehmen wollte, war, wie seine Biographen melden, „Herkulan, der einfache Franziskanermönch, das Orakel, das die Abgeordneten, die fürstlichen Hochstifte Trient und Brixen, die Aebte und Pröpste, die meisten Deputirten vom Herrenstande und noch mehr vom Bauernstande besuchten und befragten“. Seine vaterländische Gesinnung bewährte aber O. in den schweren Kriegsjahren 1793–1800, in welchen er Alles that zur Erhaltung des patriotischen Gemeingeistes, wofür er natürlich von gegnerischer Seite manche Verschmähung und Verunglimpfung einheimste. Vornehmlich im Jahre 1797 belebte er durch seine Zusprüche die Anstalten zur Landesdefension, war der Tröster und Rathgeber fast aller südtirolischen Familien, die im genannten Jahre, vor den Franzosen fliehend, nach Innsbruck gekommen waren. So genoß Herkulan von allen Classen der Bevölkerung unbegrenztes Zutrauen. Als im Jahre 1805 die Erzherzogin Maria Elisabeth Tirol bleibend verließ, drang sie in Herkulan, ihr zu folgen. Aber der schon hochbetagte Greis, der seine Tage gezählt wähnte, mochte doch nicht in fremder Erde ruhen und lehnte diesen gütigen Antrag ab. Er blieb in Tirol, wo ohnehin die kriegerischen Ereignisse dieses Jahres seinen Rath so nöthig machten [464] wie je zuvor. Im Februar 1808 machten sich die Spuren des schmerzhaften Leidens, dem er nach mehreren Monaten erlag, fühlbar. Aber bis zu seinem letzten Augenblicke bewahrte er die an ihm gepriesene Frische des Geistes, philosophischen Gleichmuth im schmerzlichsten Leiden und stets rege Arbeitslust. Seinem Wunsche, die letzten Stunden seines Daseins unter seinen Ordensbrüdern zu leben, wurde willfahrt. Und wie sehr er leidend war, scheute er den Transport nicht. Um aber jede Aufregung zu vermeiden, die unausbleiblich war, wenn die Zeit seiner Uebersiedlung bekannt wurde, ließ er sich am 23. Mai in aller Frühe und ganz unbemerkt von Innsbruck in’s Kloster nach Schwaz bringen, wo er fünf Monate später im Alter von 80 Jahren starb. Herkulan war als philosophischer und theologischer Schriftsteller seit dem Jahre 1760, aus welchem seine ersten ungedruckt gebliebenen Arbeiten, vier geistliche Theaterstücke, stammen, bis in sein Todesjahr thätig. Die Zahl seiner Werke erhebt sich zu der ansehnlichen Summe von 63 Nummern, jedoch nur dreizehn davon sind im Drucke erschienen. Sie sind in chronologischer Folge: „Institutiones justitiae christianae, seu Theologia moralis“ (Oeniponti 1774, 8°.). Herkulan’s erstes gedrucktes Werk; diese „Institutiones“ wurden, merkwürdiger Weise, nachdem sie 23 Jahre vom apostolischen Stuhle ungerügt und als Lehrbuch unbeanständet geblieben waren, im Jahre 1797 auf den römischen Index zweiter Classe gesetzt, und zwar aus dem Grunde, „weil nicht alle darin vorkommenden Sätze im katholischen Sinne ausgelegt würden“. Ein Brief P. Herkulan’s ddo. 4. Jänner 1798 zeigt, was er von Rom und diesem römischen Vorgang dachte. Auch die 23 Jahre später erschienene neue Auflage dieses Werkes, die „Theologia moralis“, sollte in den Index versetzt werden, doch wurde dieß noch rechtzeitig durch Einschreiten des Ordensgenerals verhindert; – „Vindiciae Theologiae moralis adversus Recensentem Friburgensem“ (ibid. 1776, 8°.); – „Septem Dissertationes ad Theologiam moralem pertinentes“ (ibid. 1776–1784, 8°.); die Titel der einzelnen, nach den Schriften des h. Augustin ausgearbeiteten Abhandlungen lauten: „De prima rerum omnium causa et earum fine ultimo“; – „De concordia, gratia cum libero arbitrio“; – „De peccatis ignorantiae“; – „De spe theologica“; – „De charitate et justitia generali“; – „De charitate theologica seu speciali“; – „Theon und Amynthas, oder Gespräche über Religion und Gerechtigkeit“, 4 Theile (Innsbruck 1786–1788; zweite Aufl. 1792; dritte verm. Aufl. ebd. 1804, 8°.). Herkulan’s Hauptwerk, eine in Dialogenform durchgeführte Religionsphilosophie, in welchen die Grundfesten der katholischen Kirche mit dialektischem Geiste herausgearbeitet und dargestellt sind; – „Vom Stande der Zernichtung an die Kritiker zu Augsburg“ (Innsbruck 1797, 8°.); – .,Aufruf an alle Fürsten und Völker Europa’s in Betreff der französischen Angelegenheiten“ (1795), ohne Angabe des Verfassers und Druckortes; – „Theologia moralis“, 8 tomi (Bambergae et Norimbergae 1797 et 1798, 8°.); – „Einleitung zur christlichen Vollkommenheit“ (Brixen 1800, 8°.); – „Blut mit Thränen ungleich vergolten, oder vom Leiden Christi“ (ebd. 1800, 8°.); – „Der h. Kreuzweg oder die 14 Stationen“ (Innsbruck 1800, 12°.); – „De eligendo vitae statu tractatus“ (ohne Angabe des Jahres und Druckortes, 12°.); – „Das Allerwichtigste und einzig Nothwendige; [465] oder: was ist das letzte Ziel des Menschen und wie erreicht er es?“ (1800, 8°.), ohne Angabe des Namens; – „Etwas über Künste und Wissenschaften“ (Innsbruck 1804, 8°.), die letzte Schrift, die von ihm im Drucke erschien. Von den fünfzig in Handschrift hinterlassenen Schriften sind bemerkenswerth: In Pauli a Rieger Institutiones jurisprudentiae ecclesiast. commentarius: – Systema Metaphysices generalis de rebus creatis; – Ueber die Vereinigung der Protestanten und Katholiken (1786); – Miscellanea quae continent sententias asceticas, opiniones scientificas, scripta politica (1791); – Aufruf an die Deutschen von einem Deutschen (1796); – Von dem Vorzuge der moralischen Gewißheit über die mathematische; – Ueber die Worte: „Quantum potes tantum aude“; – Typus totius philosophiae“; – Bias et Cleon i. e. brevissimum de firmitate Praeteritorum colloquium (1804); – Gregorius et Joannes seu: de vera pace animi dialogus. Als Herkulan starb, zeichnete ein bei dieser Gelegenheit erschienener Nekrolog nachstehendes Bild dieses würdigen und gelehrten Priesters: „Er hat sich in den Herzen Aller, die ihn kennen lernten, ein bleibendes Denkmal gebaut, durch seine mit ausnehmender Einsicht, Gelehrsamkeit und Klugheit verbundenen ausgezeichneten Tugenden, durch seine erhabene Frömmigkeit, durch seine parteilose Wahrheitsliebe, seine ungeheuchelte Bescheidenheit und Demuth, seine seltene Uneigennützigkeit, die bei geringem Einkommen sich abdarbte, um Armen zu geben, durch seine rastlose Hingebung für das Wohl der Mitmenschen, durch seine immerwährende Freundlichkeit und Geduld, die durch nichts ermüdet werden konnte. Unzählige Hilfsbedürftige von jedem Stande und Alter fanden bei ihm Hilfe, Unterricht, Rath, Trost und Muth zum Guten. Er erwarb sich so allgemeine Schätzung, daß selbst Gegner seinen Einsichten und Tugenden Recht widerfahren ließen.“ Im Nekrologe, den das „Liber mortuorum Fratruni minorum Prov. Tirol.“ enthält, wird Herkulan ebenso kurz als treffend „Gemma Provinciae, Ordinis et Sacerdotum“ genannt. Und Hermann von Gilm widmet dem edlen Priester ein Sonett, worin es heißt: „Soll Stern um Stern am Horizont erbleichen? | Tritt du heraus aus deinem heitern Thale (Sarntheim vallis serena, O.’s Geburtsort). | Um uns die süß’ste Frucht der Ideale, | Die Liebe, mit der Wissenschaft zu reichen.“

Programm des k. k. Gymnasiums zu Botzen für 1862: „Herkulan Oberrauch. Franziskaner und Universitäts-Professor zu Innsbruck, 1728 bis 1808“, von Johann Paul Ehrenberger [mit einer kritischen Uebersicht der Quellen zu O.’s Biographie]. – Staffler (Joh. Jacob), Das deutsche Tirol und Vorarlberg, topographisch mit geschichtlichen Bemerkungen (Innsbruck 1847, Felician Rauch, 8°.) Bd. II. S. 1095–1101, – Nelk (Theophilus), Herkulan Oberrauch; eine merkwürdige Lebensgeschichte (München 1834, 8°.) [Nelk ist Pseudonym für Adalbert Waibl[WS 1]]. – Felder (Franz Karl Borr.)[WS 2], Gelehrten- und Schriftsteller-Lexikon der katholischen Geistlichkeit und der Schweiz (Landshut 1817 u. f., 8°.) Bd. II, S. 47–71. – Porträt. Ein von dem Maler Schöpf ausgeführtes Bildniß Oberrauch’s sollte im akademischen Senate der Innsbrucker Hochschule aufgestellt werden; auch beabsichtigte Graf Tannenberg seinem verewigten Freunde ein Denkmal zu errichten. Der Ausbruch der Tiroler Insurrection 1809 und der Tod des Grafen vereitelte das Eine wie das Andere. Bei Nelk’s Biographie befindet sich ein Bildniß O.’s. – Denkmal. Im Jahre 1836 ließ der Exprovinzial Amand Freysing dem Verewigten ein kleines Denkmal aus Gußeisen errichten, auf welchem folgende Inschrift zu lesen ist:
R. P. Herculanus Oberrauch, Franciscanus Prov. Tirol, Lector, Definitor, [466] :Sacerdos Jubil. Olim Professor publicus Universitatis Oenip. a Confessionibus Serenissimae Archiduc. Elisabethae; et a consiliis omnium hominum generis. Ortus in valle serena ante annos 80, mortuus in conventu Suacensi an. 1808, die 22. Oct.

Justitiam coluit; quae dixit, scripsit, amorem
     Aeternae legis, justitiaeque sonant.
Hanc solam in tectis, cathedris adytoque sacrato
     Et docuit semper, fecit et ipse prior

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Anmerkungen (Wikisource)

  1. ADB:Waibel, Aloys Adalbert (Wikisource).
  2. ADB:Felder, Franz Karl (Wikisource).