BLKÖ:Oppolzer, Johann

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Oppolzer, Theodor
Band: 21 (1870), ab Seite: 76. (Quelle)
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Oppolzer, Johann[BN 1] (Arzt, geb. zu Gratzen im Budweiser Kreise Böhmens am 4., nach Anderen am 3. August 1808). Der Sohn unbemittelter Eltern, der Vater stand nämlich als Wirthschaftsbeamter in Diensten des Grafen Bucquoy; mit liebevoller Aufopferung war es ihm gelungen, dem befähigten Knaben den Besuch des Gymnasiums in Prag zu ermöglichen, aber dieß war auch das letzte Opfer der Elternliebe. Der Tod entriß ihm Vater und Mutter und der junge Oppolzer befand sich nun in den dürftigsten Verhältnissen; aber trotz aller Hindernisse war er entschlossen, die angetretene wissenschaftliche Laufbahn zu verfolgen. Seine Nahrungsquelle bestand, wie einer seiner Biographen schreibt, in der Ertheilung von Unterricht, so daß er gleichzeitig Lernender und Lehrer war. Unter solchen Mühen, Sorgen und Anstrengungen arbeitete O. sich durch und bezog, für das Studium der medicinischen Wissenschaften sich entscheidend, die Prager Hochschule. Nach beendeten Studien und abgelegten strengen Prüfungen promovirte er im Jahre 1835, bei welcher Gelegenheit seine Dissertationsschrift: „De febri nervosa intestinali, vulgo typho abdominali anno 1834 Pragae epidemica in nosocomio generali observata“ (Pragae 1834, Thom. Tabor, 8°.) erschien. Nun war er als Assistent zuerst in der chirurgischen Klinik unter Professor Dr. Fritz, dann in der medicinischen Klinik unter Professor Dr. Krombholz [Bd. XIII, S. 247] thätig. Im Jahre 1838 begann O. als selbstständiger Arzt in Prag seine Privatpraxis, und zwar mit so glücklichem Erfolge, daß er sehr bald den Ruf eines ausgezeichneten Arztes und scharfblickenden Erkenners der körperlichen Leiden erwarb. Aber nicht die Gelehrsamkeit allein war es, welche O.’s Ruf begründete, sondern „seine eigenthümlich fesselnde, den Kranken wie Gesunden freundlich ansprechende und zugleich imponirende Persönlichkeit, ein Reiz, der nicht bloß dem jungen Arzte, sondern auch dem gereiften älteren Manne treu geblieben und der gar nicht unterschätzt [77] werden darf“. Nach kaum dreijähriger Praxis erhielt O. bereits eine Berufung als Professor der medicinischen Klinik und erster Arzt des allgemeinen Krankenhauses zu Prag. Daselbst hatte O. die Behandlung der Cholerakranken unter sich gehabt und seine Erfahrungen und Beobachtungen über diese Epidemie hat er in einem an das böhmische Gubernium erstatteten wissenschaftlichen Berichte niedergelegt. Als Professor der medicinischen Klinik wuchs sein Ruf immer mehr und mehr, der Zudrang zu seinen Vorlesungen, zu denen Schüler aus allen Gegenden Europa’s herbeieilten, erinnerte an die Vorgänge an den berühmten Schulen im Mittelalter, wo, um einen gepriesenen Lehrer zu hören, von weit und breit aus den fernsten Ländern die Unterrichtsuchenden und Wißbegierigen sich herzudrängten. So trug O. mehrere Jahre in Prag vor, als im Bewegungsjahre 1848 seine Berufung an die Leipziger Hochschule als Professor der Klinik erfolgte. Daselbst setzte nun O. als Lehrer und Arzt, und zwar als Director des Jacobs-Hospitals, welches von jeher nur von den ausgezeichnetsten Aerzten von großem Rufe geleitet worden ist, seine segensreiche Thätigkeit fort. Im Jahre 1850 aber, als er den Ruf an die Wiener Hochschule erhielt, folgte er, um in seine großösterreichische Heimat zurückzukehren, freudig demselben und weilt seither als bewunderter Lehrer und gesuchter Arzt bis zur Stunde in der Residenz. Selbstverständlich kann sich ein Universitätsprofessor nicht wie jeder Privatarzt der Heilpraxis hingeben, und sobald ein Arzt zu dociren beginnt, findet seine Berufung zu Consultationen kaum mehr Statt; bei Oppolzer hingegen war gerade das Gegentheil der Fall, schon als er in Leipzig docirte, wurde er sehr häufig als Arzt in Anspruch genommen. „Viele auswärtige Kranke, schreibt sein Biograph, wendeten ihr Angesicht nach Leipzig, um von dem aus Prag gekommenen Sterne das Licht der Hilfe und des Trostes zu erlangen“. Später, als O. nach Wien übersiedelte, steigerte sich sein Ruf als berathender Arzt in so hohem Grade, daß er ihm häufig nicht ohne persönliche Aufopferung genug thun konnte; sein Ruf als Consiliararzt war geradezu ein europäischer geworden, bis in die entferntesten Gegenden des Continents, nach Rußland, in alle Theile Deutschlands, in die Schweiz wurde O. zu Consultationen berufen und erst in den letzten Jahren nach Nizza an das Sterbebett des russischen Thronfolgers, nach dessen Tode der Kaiser Alexander Dr. Oppolzer bat, noch einen Tag in Nizza zu verweilen und die ärztliche Untersuchung der sämmtlichen kaiserlichen Kinder vorzunehmen, deren Ergebniß ein ganz befriedigendes war. Wie als Arzt ebenso bedeutend, ist O. als Lehrer. Er findet Freude im Lehren, dehnt seine Lehrstunden täglich weit über die gesetzlich bestimmte Zeit aus, sucht und findet seine Erholung an den wöchentlichen, zur Ruhe bestimmten Ferialtagen in längeren Vorträgen am Krankenbette und kommt oft nach anstrengender Nachtfahrt von fernen Kranken müde und erschöpft an seine Klinik zurück, um dort in geistigen Contact mir seinen Hörern seine volle Frische und Elasticität wieder zu finden. So versammelt O. seit zwei Decennien einen immer wachsenden Hörerkreis um sich und es gewährt einen erhebenden Anblick, zu sehen, mit welcher begeisterten Anhänglichkeit die Schüler sich um das Krankenbett drängen, an welchem er lehrt, wie sie ihm gegenüber willig die sonst so sorgsam gehüteten [78] Privilegien der Ferialtage hingeben; wie sie ihm noch in Schaaren über Treppen und Höfe nachdrängen, um noch manch goldenes Korn seiner reichen Erfahrungen aufzulesen. Solchem Manne fehlte es auch weder im Vaterlande noch in der Fremde an wohlverdienten Ehren. Die meisten gelehrten Gesellschaften haben ihn zu ihrem Mitgliede ernannt. Der König von Schweden verlieh ihm bei seiner Thronbesteigung den Nordstern-Orden. Se. Majestät der Kaiser im April 1869, am Jahrestage der Vermälung Ihrer Majestäten, das Ritterkreuz des Leopold-Ordens, ähnliche Auszeichnungen wurden ihm von anderen Fürsten zu Theil; während seiner Wirksamkeit in Leipzig ernannte ihn der König von Sachsen zum Hofrathe; die Wiener Hochschule aber erwählte ihn im J. 1861 zum Rector magnificus, bei welcher Gelegenheit Lehrkörper und Studirende diesem Helfer der leidenden Menschheit öffentlich die Beweise der Verehrung und Liebe, welche sie ihm widmen, gaben. Seine angestrengte Thätigkeit als Arzt und Lehrer gönnte ihm nicht die Muße, auch schriftstellerisch zu wirken. Außer der oberwähnten Dissertationsschrift und einigen Aufsätzen in medicinischen Zeitschriften hat Oppolzer kein größeres wissenschaftliches Werk geschrieben, welches das Andenken an ihn in der medicinischen Literatur bewahren könnte und nur die zahlreichen Schüler, die er gebildet, verbreiten seinen Ruf und Ruhm als Lehrer und Arzt im In- und Auslande. Aber nicht der reiche Schatz ärztlichen Wissens, nicht die Fülle der Erfahrung allein begründen O.’s Celebrität, sondern und noch vielmehr die bewunderungswerthe Genialität, der tiefdringende Scharfsinn, der meist untrügliche praktische Blick, mittelst deren er das Wesen, den Sitz, den Grund wie das Stadium der Krankheit erkennt, die Sicherheit in Feststellung der Diagnose, sowie die zweckgemäße, tactvolle, auf die richtige Erkenntniß der Natur des Uebels gegründete, in den meisten Fällen erfolgreiche Anwendung einer rationellen Heilmethode. Diese seltenen, nur wenigen auserkornen Priestern Aeskulap’s verliehenen Vorzüge gewinnen durch anspruchslose Einfachheit und Bescheidenheit, durch einnehmende, Trost und Vertrauen einflößende Freundlichkeit und warme Theilnahme an den Pflegebefohlenen – und sei er der ärmste – noch höheren Werth und eine einfache Umfrage bei jenen, die auf Oppolzer’s Klinik behandelt worden, die nur segnend den Namen dieses Engels der Menschheit aussprechen, wird es erklären, wie solche Huldigung mit Verehrung einem einfachen Sterblichen dargebracht werden könne. Männer der Wissenschaft aber schreiben von ihm: „Oppolzer bildet Aerzte, er bildet junge Männer zum ersten edlen Lebensberufe. Vor Decennien studirte man nur die Krankheit und übersah den Kranken, der leidende Mensch sank zum pathologischen Objecte herab. Oppolzer schlug ein neues, der ärztlichen Würde entsprechendes, im Arzte wie im Kranken den Menschen edelndes Verfahren ein. Der ärztliche Beruf ist ein höherer als der bloß anatomische. Die Errungenschaften der Wissenschaft sollen nicht allein dem Arzte, sondern auch dem Kranken zu Gute kommen, nicht bloß unser Wissen steigern, sondern auch Linderung, Heilung verwerthen. Diesen richtigen Weg hat Oppolzer eröffnet. Er bildet seine Hörer an dem vom Leben, von der Gesellschaft verworfenen, ausgeschiedenen Menschenmaterial, der kranke [79] Leib wird bei ihm eine Stufe zum Tempel Hygiea’s. Indem der Aermlichste, Verdorbenste, noch zu höheren Zwecken dient, ist uns einer der edelsten Processe der Gesellschaftsthätigkeit geoffenbart. Der Kranke auf Oppolzer’s Klinik fühlt dieß mit. Er lächelt dem Arzte zu, der ihm so viel Mühe, so viel eingehende Aufmerksamkeit widmet; er hat ihm das ganze Vertrauen geschenkt, er ist voll Anhänglichkeit gegen ihn, ein Gefühl, das tröstend zur Genesung, lindernd zum Ende führt. Schließlich sei hier noch angeführt, daß O. im Jahre 1863, um bei der studirenden Jugend den wissenschaftlichen Eifer und die Lust zur selbstständigen Forschung zu wecken und anzuregen, zwei Preise für die besten, auf eigene Untersuchung und klinische Beobachtung basirte Arbeiten über Pericarditis (Herzbeutel-Entzündung) ausgesetzt hat. Der erste Preis war mit 200, der zweite mit 100 fl. angesetzt und waren nur die Studirenden der praktischen Medicin an der Wiener Hochschule als Bewerber zugelassen.

Sonntags-Zeitung (Pesth, 4°.) II. Jahrg. (1856), S. 400 [mit dem Bildniß im Holzschnitt auf S. 393]. – Die Glocke (Leipzig, Payne, kl. Fol.) 1862, Nr. 178. – 'Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien, kl. Fol.) 1862, Nr. 4, S. 39. – Illustrirtes Familien-Journal (Leipzig, Dresden, Wien und Berlin, A. H. Payne, gr. 4°.) XXX. Bd. (1868), S. 39 [mit dem Bildniß im Holzschnitt auf S. 40. In dieser Biographie heißt es: „er erblickte das Licht der Welt am 3. August 1809, im Jahre vor der Ruhmesschlacht von Aspern und Eßlingen“; nun aber ist diese Schlacht ja eben im Jahre 1809 gefochten worden; es soll somit heißen 1808 statt 1809; dann heißt der Ort nicht Eßlingen, wie eine Stadt in Württemberg heißt, sondern Eßling, das ein Dorf im Kreise u. d. M. B. ist]. – Neue freie Presse (Wiener polit. Journal) 1865, Nr. 183, im Feuilleton: „Ein Gang durch Oppolzer’s Klinik“. – Theater-Zeitung. Herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 1857, Nr. 273. – Deutsche allgemeine Zeitung (Leipzig, 4°.) 1865, Nr. 106: „Professor Oppolzer in Nizza“ – Tagespost (Gratzer polit. Blatt) 1869, Nr. 161: „Aus Oppolzer’s Leben“. – Porträte. Außer den Holzschnittbildnissen, deren bereits oben gedacht, sind von Oppolzer vorhanden: 1) von Dauthage lith; – 2) Lith. von Weinhold in Fol.; – 3) Lith. von Kaiser (Wien, Neumann, Fol.); – 4) Stahlstich von Weger u. Singer (Leipzig, 4°.); – 5) lithogr. bei Herrmann in Leipzig (Fol.). Eine gute Photographie Oppolzer’s ist jene von den Gebrüdern Harmsen in Wien (4°.), im Jahre 1861 herausgegeben.

Berichtigungen und Nachträge

  1. Oppolzer, Johann [Bd. XXI, S. 76], gestorben zu Wien 16. April 1871.
    Deutsche Roman-Zeitung (Berlin, 4°.) VIII. Jahrg. (1871), Bd. Ill, Sp. 475. [Bd. 28, S. 368.]