BLKÖ:Reineggs, Jacob

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Reinegger, Gabriel
Band: 25 (1873), ab Seite: 200. (Quelle)
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Reineggs, Jacob (Abenteurer, geb. zu Eisleben 28. November 1744, gest. in Rußland im März 1793). Nach Kunitsch wäre R. in Oesterreich geboren, doch wenn dieß auch nicht der Fall ist, so spielt sich doch ein großer Theil seiner Schicksale im Kaiserstaate ab und ist seine Erwähnung in diesem Werke vollkommen gerechtfertigt. Sein wahrer Name war Ehlich, und sein Vater Christian Rudolph lebte als Bürger und Barbier in Eisleben. Erst später, als Jacob Schauspieler wurde, nahm er den Namen Reineggs an. R. befand sich im Jahre 1762 als Barbiergeselle in Leipzig, daselbst begann er das Studium der Medicin und dann jenes der Chemie, hatte sich selbst in die Matrikel als Christian Rudolph Oelich eingeschrieben, trieb aber so tolle Streiche, daß er zuletzt abgeschafft wurde. Nun ging er auf Wanderung, auf welcher er ein sehr abenteuerliches Leben führte und nach mannigfaltigen Schicksalen in das Böhmerland kam. In einer kleinen Stadt Böhmens befand sich eine wandernde Truppe, welche Komödien spielen sollte, als der Director der Gesellschaft erkrankte und dadurch die Aufführungen in Frage gestellt wurden. Zu dieser Zeit kam unser wandernder Barbier und relegirte Student in dem Städtchen an, hörte von der Verlegenheit, in welcher sich die Truppe durch Erkrankung ihres Principals befand und erbot sich der Principalin, an des Erkrankten Stelle einzutreten, was denn auch mit Freuden angenommen wurde. In der That wanderte nun R. mit dieser „Schmiere“ in Böhmen umher, ging dann nach Mähren, wo er zu Iglau, Znaim und Brünn spielte, und zuletzt nach Wien, wo er im Jahre 1770 unter dem Namen Reineggs auftrat. Bis zum Jahre 1774 scheint er Schauspieler geblieben zu sein, nun sagte ihm dieses Leben nicht mehr zu, er gab es auf und ging nach Tyrnau in Ungarn, wo er Medicin studirte und später in Pesth die Doctorwürde erlangte. Er kehrte nun nach Wien zurück, um daselbst die ärztliche Praxis auszuüben, da er aber [201] wenig Beschäftigung fand, gab er auch diese Laufbahn auf und widmete sich dem Bergwesen. Er ging nun, von einigen Menschenfreunden unterstützt, nach Schemnitz in Ungarn, wo er das Bergfach studirte und in einiger Zeit eine Praktikantenstelle mit kleinem Gehalte erlangte. Daß eine solche Stellung einem Manne von Reineggs’ Sinnesart auf die Dauer nicht genügen konnte, begreift sich leicht, und in der That träumte R. nur immer von Reisen in die weite Welt, namentlich in den Orient, in welchem er seine ärztlichen Kenntnisse verwerthen wollte. Daß er sich ernstlich mit dem Vorhaben trug, seinen Plan auszuführen, dafür spricht der Umstand, daß er sich auf Erlernung der türkischen Sprache verlegte und seine medicinischen und chirurgischen Studien mit allem Eifer wieder aufnahm. Aber ohne alle Mittel ließ sich ein solches Vorhaben doch nicht gut ausführen. Nun sollte auch dafür Rath geschafft werden. Ein ungarischer Cavalier, der den Hof verlassen und auf sein Gut sich zurückziehen mußte (man nennt einen Grafen Kohary; wie es scheint, war es Johann (III.) Graf Kohary [Bd. XII, S. 279, Nr. 6]), wurde mit R. bekannt, der ihm bald seine Pläne auseinander setzte. Diese mochten den Beifall des Grafen gefunden haben. Eines Tages waren der Graf und Reineggs’ aus der Gegend verschwunden und wurden nicht wieder gesehen. Erst aus einem aus dem Nachlasse Reineggs’ veröffentlichten Werke erfuhr man zum Theile seine weiteren Schicksale. Der Graf und R. waren in den Orient, und zwar nach Georgien gegangen, der Graf soll daselbst zu Tiflis in einem Kapuzinerkloster in Kummer und Elend gestorben sein, R. aber versuchte sein Glück weiter, erwarb sich Gönner und Freunde, allmälig auch ein bedeutendes Vermögen, wodurch sein Ansehen wuchs. Der Prinz Heraklius ernannte ihn zu seinem Arzte und R. verstand es, durch seine mannigfachen Kenntnisse im Bergfache und in den Naturwissenschaften sich nützlich zu machen. So lehrte er die Georgier Pulver bereiten, Kanonen gießen, Erz schmelzen u. dgl. m. Im Jahre 1780 bereiste er im Auftrage des Prinzen Heraklius den Kaukasus. Dann kam er nach Rußland, wo er in St. Petersburg von der Kaiserin Katharina huldvoll empfangen und dazu benützt wurde, den Fürsten Heraklius zu bewegen, Rußlands Oberhoheit anzuerkennen, was auch im Jahre 1785 geschah. Zuletzt scheint R. seinen bleibenden Wohnsitz in St. Petersburg genommen zu haben; wenigstens erhielt er den Titel eines kais. russischen Collegienrathes, Directors des Instituts für junge Wundärzte und eines beständigen Secretärs des reichsmedicinischen Collegiums mit einem ansehnlichen Gehalte. Auf seinen öfteren Reisen in den Kaukasus hat er Materialien zu einer historisch-topographischen Beschreibung dieses Landes gesammelt, welche einige Jahre nach seinem Tode von Fr. Enoch Schröder (u. fortg. d. Gerstenberg) unter dem Titel: „Historisch-topographische Beschreibung des Kaukasus aus R.’s nachgelassenen Papieren“, 2 Bände (Gotha 1796 u. 1797, gr. 8°.; mit 3 K. K. und 1 Karte) herausgegeben wurde. Von anderen wissenschaftlichen Arbeiten R.’s sind bekannt: „Systematis chemici ex demonstrationibus Tyrnaviensibus pars naturalis et experimentalis theoretica etc.“ (Tyrnaviae 1773, 4°.); – zu Tiflis übersetzte er die Grundsätze der Polizeiwissenschaft des Herrn von Sonnenfels in’s Persische, aus welcher Sprache sie der Fürst Heraklius selbst [202] in’s Georgische übertrug und in seiner von Reineggs eingerichteten Druckerei, deren Bestandtheile mit großen Kosten aus Venedig herbeigeschafft wurden, drucken ließ. Verschiedene andere Arbeiten, wie Nachrichten und eine kurze Geschichte von Georgien, über die Spuren der Phönizier an der Ostsee- und Bernsteinküste, über das Opium und seine Wirkungen bei den Morgenländern stehen in Pallas neuen nordischen Beiträgen (Bd. III, S. 323), in Büsching’s wöchentlichen Nachrichten (1787, Stück 25 u. 28) und in Blumenbach’s medicinischer Bibliothek (Bd. II, Stück 2). Es sind jedenfalls eigenthümliche Schicksale eines merkwürdigen Menschen, die jedoch in vielen Puncten der Aufhellung bedürfen. In Folge seines Namenstausches hat man ihn mit dem berühmten, am 1. October 1787 zu Dresden verstorbenen Schauspieler Johann Friedrich Reineke, der auch mehrere Jahre mit der Bondinischen Gesellschaft in Prag spielte, verwechselt. Die wenig übereinstimmenden Angaben in den verschiedenen unten bezeichneten Quellen lassen sich ohne actenmäßige Belege nicht vereinbaren.

In der nach seinem Tode von F. Enoch Schröder herausgegebenen „Beschreibung des Kaukasus“ befindet sich auf S. 209–395 Reinegg’s biographische Skizze von Gerstenberg. – Denkwürdigkeiten aus dem Leben ausgezeichneter Teutschen des 18. Jahrhunderts, S. 727 u. f. – Gruner’s Almanach für Aerzte und Nichtärzte 1794, S. 216. – Allgemeiner literarischer Anzeiger 1797, S. 465–471, 713–715, 1559 bis 1560, und 1798, S. 1129-1132. Von Gerstenberg und Meidinger. – Reichsanzeiger 1797, Nr. 117. – Kunitsch (Michael), Biographien merkwürdiger Männer der österreichischen Monarchie (Gratz 1805, Gebr. Tanzer, kl. 8°.) Bdchn. I, S. 60 u. f. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1867, I. Beilage zu Nr. 75. [Da kommt nun wieder ein eclatanter Fall literarischer Piraterie vor. Der Aufsatz erscheint daselbst unter folgendem Titel: „Die Schicksale eines Barbiergesellen. Original-Mittheilung von G. D..tsch“. Nun aber ist dieser hier als „Original-Mittheilung“ bezeichnete Aufsatz schon vor mehr als vierzig Jahren in einem in der Strauß’schen Officin gedruckten Wiener Blatte und in dem im Jahre 1854 in Prag ausgegebenen belletristischen Blatte „Salon“ abgedruckt.]