BLKÖ:Sanguszko-Lubartowicz, Ladislaus Fürst

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 28 (1874), ab Seite: 191. (Quelle)
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Sanguszko-Lubartowicz, Ladislaus Fürst (erbliches Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Reichsrathes, geb. in Wolhynien im Jahre 1803, gest. zu Cannes 15. April 1870). Der jüngste Sohn des Fürsten Eustach aus dessen Ehe mit Clementine Fürstin Czartoryska. Sein Vater Eustach diente unter Kościuszko und in den Reihen Napoleon’s. Prinz Ladislaus erhielt seine erste Erziehung gleich seinen Brüdern im Elternhause, bald auf den Gütern in Wolhynien, bald in Tarnow in Galizien, wo ihn der Vater in den soldatischen Uebungen zu Roß und mit Gewehr unterwies, während die tiefreligiöse Mutter auf die Eigenschaften des Herzens und die Entwickelung religiöser Stimmungen einzuwirken bemüht war. Im Alter von 18 Jahren schickten ihn die Eltern unter Aufsicht des Mentors, eines französischen Priesters, auf die Universität nach Berlin, wo S. die Vorlesungen Hegel’s hörte und, wie er oft scherzweise bemerkte, nicht verstanden hat. Von einer Reise im Auslande kehrte er im Jahre 1829 in sein Vaterland zurück und vermälte sich am 6. Juli genannten Jahres mit Isabella Prinzessin Lubomirska (geb. 1808), um bald aus den stillen Freuden seines jungen Ehestandes gerissen zu werden, da ja bald darauf die polnische Revolution ausbrach, die auch ihn in die Reihen der Vaterlandsvertheidiger rief. Der ältere Bruder Roman war schon vor ihm in den Kampf gezogen, um im Schlachtgetümmel und Kriegsgewirre den Schmerz über seine eben erst dahingeschiedene Frau Natalie geb. Gräfin Potocka (gest. 17. November 1830) leichter zu verwinden. Ladislaus trat als gemeiner Uhlane in die Armee, wurde aber bald Flügel-Adjutant des Generals Skrzynecki. In dieser Stellung bewies er Muth und Entschlossenheit und zeichnete bei mehreren Gelegenheiten, insbesondere aber bei Grochow sich aus. Er beschrieb auch in späten Jahren in einem polnischen [192] Blatte den Verlauf dieser Schlacht als Augenzeuge, als welcher er an der Seite des Generals Chlopicki in dem Augenblicke sich befand, als eine berstende Granate das Pferd des Generals im Bauche verwundete. Nach niedergeworfenem Aufstande begab sich Fürst Ladislaus, schwer betroffen von dem Geschicke, dem sein Vaterland verfallen war, nach Galizien, wo er sich auf seinem Schlosse Gumniska nächst Tarnow niederließ und in der Verwaltung seiner Güter den Schmerz um das verlorene Vaterland wenn nicht zu vergessen, so doch zu betäuben suchte. Weniger glücklich war sein Bruder Roman, der, in Gefangenschaft gerathen, nach dem Kaukasus gebracht wurde, wo er viele Jahre in den Strafcompagnien arbeitete, bis er, ein Krüppel, heimkehrte. Sein Biograph gibt eine interessante Charakteristik des Fürsten Ladislaus, als dieser, wenngleich die europäischen Geschicke mit Aufmerksamkeit verfolgend, sich bei seinen landwirthschaftlichen Geschäften in eine Passivität hineinlebte, aus welcher nur seine Liebe zu dem geknechteten Vaterlande und sein religiöser Glaube als tröstende Lichtstrahlen hervorbrachen. So lebte S. viele Jahre, ferne von aller Theilnahme an den politischen Bewegungen, welche Oesterreich hin- und herwarfen, bis ihn das Ministerium Schmerling in den constitutionellen Rath der Krone berief, denn am 18. April 1861 wurde Fürst Ladislaus zum erblichen Mitgliede des Herrenhauses ernannt, worauf ihm später noch die geheime Rathswürde verliehen wurde. Im Herrenhause des Reichsrathes trat der Fürst wohl einige Male als Redner auf, doch nur ein paar Male gelang es ihm, die Aufmerksamkeit des Hauses zu fesseln, das eine Mal, als er über die Aufhebung der Frohne sprach und der liberalen deutschen Partei gegenüber die Vergangenheit seiner Nation gegen die ihr aufgebürdeten Anschuldigungen in Schutz nahm, ein zweites Mal, als er gegen die Aufhebung des Concordates das Wort ergriff, ohne jedoch trotz des tiefreligiösen Gefühles, das ihn in dieser Angelegenheit gegen die Zeitströmung ankämpfen ließ, einen Erfolg zu erzielen. Und nur wenige Wochen vor seinem Ableben richtete er, nachdem ihm der Präsident des Herrenhauses, als dieser dem Hause das neue Cabinet vorstellte und der Fürst sich das Wort erbat, dasselbe aus formellen Gründen verweigert hatte, einen offenen – in der „Politik“ 1870, Nr. 46, abgedruckten – Brief an seine Collegen, worin er gegen den Ministerrath, der lediglich aus einer Nationalität gebildet war, als ein ebenso „unpolitisches wie ungerechtes Antecedens“ Protest erhob. Zehn Wochen später war der Graf, der sich zu seinem in Cannes krank darniederliegenden Sohne begeben hatte, nach einer nur kurzen Krankheit derselben im Alter von 67 Jahren erlegen. Der Fürst, einer jener polnischen Paladine, die wie ungebrochene Säulen aus den Ruinen des alten zertrümmerten Polenreiches emporragen, war nicht nur eine Zierde seines Standes überhaupt, sondern des österreichischen Magnatenthums insbesondere. Stolz auf seine katholische Ueberzeugung, sie war mit seinem Wesen, seinem Denken und den Erinnerungen an die Vergangenheit eines untergegangenen Staates zu enge verflochten, verleugnete er nie, entgegen den anderen Sprechern und Führern seiner Partei, die österreichische Loyalität, und ohne gegen das Deutschthum feindlich gesinnt zu sein, verlangte er in einem aus so verschiedenen Volksstämmen zusammengesetzten Staate in den Lenkern der [193] obersten Verwaltung eine der deutschen Nation paritätische Stellung aller übrigen Nationalitäten. Die vielen Jahre, welche der Fürst in einem otium operosum seine bedeutenden Güter in Galizien verwaltete, war er auf die Hebung der volkswirthschaftlichen Zustände nicht nur auf denselben, sondern im Lande selbst bedacht. Vor Allem ließ er sich die Pferdezucht und ihre Verbesserung in Galizien angelegen sein und schrieb auch aus diesem Anlasse ein von Kennern gewürdigtes Büchlein, betitelt: „O chowie koni i polepszeniu rasy w Galicyi“, d. i. Von der Zucht des Pferdes und der Veredlung seiner Race in Galizien (Lemberg 1839; 2.. Auflage Krakau 1850, 8°.). Dann ließ er sich noch einmal und dieses Mal auf publicistischem Gebiete vernehmen, als er im verhängnißvollen Jahre der Bewegung 1848 seine Flugschrift: „Rachunek sumienia“, d. i. Die Rechnung des Gewissens (Krakau 1848; 2. Aufl. Posen 1851, 8°.), erscheinen ließ, worin er, durch und durch conservativ gesinnt, mit allen Beweisgründen des Polen und Aristokraten für den Status quo plaidirt; er war ja auf dem Lande, fern von allen geistigen und politischen Bewegungen der Menschheit, von der Zeit überholt worden, welche nicht mehr mit Postkutschen fährt, sondern mit Hilfe des Dampfes und elektrischen Drahtes uns in einem Tage durchleben läßt, wozu wir früher Wochen, Monde, ja vielleicht gar Jahre brauchten. Sein Conservatismus beruhte nicht auf unlauterem, selbstsüchtigem Eigennutz, er war die Frucht einer patriarchalischen, durch vieljährigen Aufenthalt auf dem Lande in die engsten Kreise gebannten und von wahrer Religiosität getragenen Sinnesart. Außer seiner parlamentarischen Stellung als erblicher Reichsrath versah der Fürst noch die Stelle eines Präsidenten im Tarnower Kreisrathe und war Vorstand und Mitgründer der Gesellschaft der schönen Künste in Krakau. Als Landwirth galt er im Lande als eine Autorität; auch war er ein tüchtiger Mineralog und besaß eine werthvolle und reiche Mineraliensammlung. Wie schon bemerkt worden, war Fürst Sanguszko seit 1830 mit Isabella gebornen Prinzessin Lubomirska verheirathet, aus welcher Ehe zwei Töchter und drei Söhne stammen: Prinzessin Hedwig (geb. 28. November 1830), vermält (seit 22. April 1852) mit Adam Fürsten Sapieha; Prinzessin Helene (geb. 1836), vermält (seit 1865) mit Alois Graf Károlyi; Prinz Roman Paul (geb. 1832); Prinz Paul Damian (geb. 1834), vermält (seit 8. October 1862) mit Marie gebornen Gräfin Borch auf Warkland (geb. 7. November 1835), und Prinz Eustachius Stanislaus (geb. 1842).

Czas, d. i. die Zeit (Krakauer polit. Blatt) 1870, Nr. 90, im Feuilleton. – Das Vaterland (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 108, in der Beilage. – Bohemia (Prager polit. und Unterhaltungsblatt, 4°.) 1861, Nr. 133. – Aquarellen aus den beiden Reichsstuben. Von J J. K.(rasnigg) (Wien 1868, R. v. Waldheim, 8°.) II. Serie, S. 52 u. 53.