BLKÖ:Schelle, Karl Eduard

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 29 (1875), ab Seite: 187. (Quelle)
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Schelle, Karl Eduard (Schriftsteller, geb. zu Biesenthal, einer kleinen Stadt unweit von Berlin, am 31. Mai 1816). Der Vater war protestantischer Geistlicher in dem Orte und hatte den Sohn ebenfalls zur Theologie bestimmt. Von ihm erhielt dieser den ersten Unterricht in den Wissenschaften, im Clavierspiele, und zwar als Kind zunächst von der Mutter, dann später von dem Cantor und Organisten der Stadt, der ihn auch die Elemente der Harmonie lehrte und, nachdem eine gewisse Fertigkeit auf dem Clavier erlangt war, auf die Orgelbank setzte. Schon früh hatte sich bei dem Knaben eine entschiedene Neigung zur Musik entwickelt, und zwar derart, daß sie häufig mit den Wünschen und Absichten der Eltern in Gegensatz kam. Dieselbe erhielt noch mehr Nahrung in Potsdam, wohin ihn die Eltern gesandt hatten, um sich am dortigen Gymnasium für die Universität vorzubilden. Hier erweiterten sich unter den Einflüssen des Musikdirectors Schärtlich seine Kenntnisse in der Musik, und der damals dort bestehende Singverein, wo er häufig bei den Uebungen und Proben das Accompagnement am Clavier übernehmen mußte, bot ihm zugleich die Gelegenheit, im Partiturspiele sich zu üben und mit den hervorragenden Werken der classischen Kirchenmusik vertraut zu werden. Einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck machte auf ihn das Orgelspiel Friedrich Schneider’s, der aus Dessau zur Leitung eines Musikfestes herübergekommen war und sich bei dieser Gelegenheit mehrmals hören ließ. Der schon früher erfolgte Tod des Vaters und die Umstände nöthigten ihn, nach Berlin zu übersiedeln, wo er am Gymnasium, genannt das „Graue Kloster“, seine Gymnasialbildung vollendete. An diesem Gymnasium fand die Musik eine besonders liebevolle und sorgsame Pflege, und alljährlich fanden hier größere musikalische Aufführungen mit Orchesterbegleitung Statt, zu welchen meist Händel’sche Oratorien und die Motetten Bach’s gewählt wurden und an denen sich auch die ersten Künstler der Stadt betheiligten. In Folge dieser Eindrücke wurde in ihm der schon längst gehegte Wunsch, sich ausschließlich der Musik zu widmen, zum festen Entschlusse. Nach beendetem Gymnasium bezog er die Universität in Berlin, studirte hier Philologie und Theologie und nahm zugleich mehrere Jahre hindurch Unterricht in der Composition bei dem damals als Musiktheoretiker so berühmten Professor Marx. Eine genaue Selbstprüfung indeß überzeugte ihn bald, daß ihm die eigentlich schöpferische Kraft abgehe und so übernahm er nach vollendeten Universitätsstudien eine Hauslehrerstelle bei einer adeligen Familie nahe bei Berlin und gedachte, sich später als Docent der Aesthetik und Musikgeschichte an der Berliner Universität zu habilitiren. [188] Diesen Vorsatz wollte er im Jahre 1847 ausführen. Allein bereits begannen die Vorboten der Revolution sich zu zeigen, und bei der unsicheren Lage der Verhältnisse zog er es vor, einem Rufe nach Südrußland Folge zu leisten. In Rußland verblieb er, mit der Unterbrechung eines halbjährigen Aufenthaltes in Deutschland, abwechselnd in Poltawa, Moskau und Petersburg lebend, bis zum Jahre 1856 und reiste dann über Paris nach Rom, um hier musikgeschichtliche Studien zu unternehmen. Hier lernte er die berühmte päpstliche Sängerschule, gewöhnlich genannt „die Sixtinische Capelle“, kennen und faßte die Idee, die Geschichte dieses merkwürdigen Institutes zu schreiben. Er arbeitete in verschiedenen Archiven Italiens, in Rom, Florenz, in dem alten Kloster Monte Cassino, in Neapel und ging dann für mehrere Monate nach München, um daselbst in der Bibliothek seine Materialen zu ergänzen und von dort nach Paris für längere Zeit. Im Sommer 1864 erhielt er einen Ruf nach Wien, um dort das Musik-Referat bei dem Journale „Die Presse“ zu übernehmen und lebt seitdem daselbst. Seine ausgedehntere literarische Thätigkeit beginnt erst mit seinem zweiten Aufenthalte in Paris. Die nächste Veranlassung dazu gab die bekannte Katastrophe des „Tannhäuser“ von Wagner in der Pariser Oper, in Folge deren er in einer Broschüre, betitelt: „Der Tannhäuser in Paris oder der dritte musikalische Krieg“, erschienen bei Breitkopf in Leipzig, für Richard Wagner öffentlich in die Schranken trat. Zugleich trat er in Verbindung mit der von Brendl in Leipzig herausgegebenen Musikzeitung. Er erhielt den Antrag, an der Redaction dieses Journales sich zu betheiligen; dieses Project zerschlug sich aber an der Principienfrage, die dabei in’s Spiel kam. Während er hauptsächlich seine Thätigkeit dieser Zeitung widmete, verfaßte er auch mehrere zerstreute Aufsätze, die Musikzustände in Paris betreffend, für mehrere fremde Blätter, unter anderen auch für das Journal: „Der Invalide“ in Petersburg. Auch in Italien hatte er einzelne Kleinigkeiten für die damals in Neapel erscheinende Musikzeitung verfaßt. In Paris wurde dann auch das schon in Rom angelegte Werk: „Die päpstliche Sängerschule in Rom, genannt die Sextinische Capelle“ wieder in Angriff genommen, aber erst in Wien vollendet, wo es im Jahre 1871 bei J. P. Gotthardt erschienen ist. Gegenwärtig arbeitet S. an einer „Geschichte der französischen Oper“, zu welcher er in Paris die umfassendsten Materialien gesammelt. Eine Anzahl anderer Schriften, meist Schilderungen der Zustände und Verhältnisse der Länder, in denen er sich aufhielt, hat er bisher der Oeffentlichkeit vorenthalten, da sie außerhalb des von ihm vertretenen Faches fallen. Von den verschiedenen, in Fach- und anderen Blättern enthaltenen Aufsätzen S.’s sind die nachfolgenden wichtigeren erwähnenswerth, und zwar in der in Leipzig erscheinenden, von Franz Brendel herausgegebenen Neuen Zeitschrift für Musik: „Alceste“ in Paris und Madame Viardot“ (22. November 1861); – „Pariser Musikzustände während der Saison 1861–1862“; – „Die „Serva padrona“ des Pergolese und ihre Abenteuer. Ein Essay“ (12. December 1862); – „Ein Requiem in Notre Dame“ (20. März 1863); – „Gluck und die Oper“ von A. B. Marx[WS 1]“ (17. Juli 1863, in mehreren Folgen); – in den Signalen für die musikalische Welt: „Aus dem französischen Musikleben im 18. Jahrhunderte (Rameau)“ [189] (17. November 1863); – im „Concordia-Kalender“ 1870: „Wiener Tanzmusik“; – in der von Hilberg herausgegebenen „Oesterreichischen National-Revue“ 1868: „Biographie der Frau Viardot-Garcia“; – im Wiener Journale Die Presse: „Eine Opernprobe in Wien“ (1864, eine Humoreske); – „Giacomo Meyerbeer“ (1864); – „Artikel über Gluck“, bei Gelegenheit der ersten Aufführung der „Iphigenia“ unter Dingelstedt (1867); – „Von Dingelstedt bis Herbeck“ (eine Reihe von Feuilletons, schildernd die Zustände des Wiener Hof-Operntheaters, 1870); – „Die Bühnentechnik im 18. Jahrhunderte“, zwei Feuilletons; – „Musikalische Rundgänge in der Wiener Weltausstellung“ (in mehreren Folgen, 1873); – „Wiener Componisten“ (in mehreren Folgen. 1873).

Klapp (Michael), Wiener Bilder und Büsten (Troppau 1867, H. Kolck, 8°.) S. 189.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: A. R. Marx.