BLKÖ:Sierawski, Julian

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 34 (1877), ab Seite: 266. (Quelle)
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Sierawski, Julian (polnischer General, geb. in Krakau 23. October 1777, gest. in Paris im Jahre 1849). Seine wissenschaftliche Ausbildung erlangte er an den Schulen und der Universität seiner Vaterstadt Krakau, an welcher damals Männer wie: Sniadecki, Czech, Soltykowicz, Czacki, Wodzicki u. A. thätig waren. Besonders zog ihn die Mathematik an, in welcher er bald so tüchtig war, daß ihn seine Lehrer beauftragten, Anderen aus dieser Wissenschaft Unterricht zu ertheilen. Als 1794 der Aufstand ausbrach, eilte auch S. unter Kosciuszko’s Fahnen, wurde dann bei den Befestigungen der Vorstädte Krakau’s verwendet, kämpfte in den Schlachten bei Raclawicze und Opatow, in welch’ letzterer er verwundet wurde. Während der Belagerung von Warschau, ward er als Ingenieur-Lieutenant dem General Woycziński zugewiesen, focht bei Rozana, Makow, Ostrolenka, dann in den Guerillakämpfen gegen den russischen General Cycyanoff, zuletzt in den Wäldern von Sokotow, wo er in Gefangenschaft gerieth. General Cycyanofftrug ihm an, in russische Dienste zu treten. S. erklärte, eher nach Sibirien gehen zu wollen, als diesen Antrag anzunehmen, worauf der hochherzige Russe S. die Freiheit gab. Nun begab sich S. in die Walachei, wo sich einige Trümmer der polnischen Armee unter General Denisko gesammelt, kämpfte dort, wie immer, tapfer, doch ohne Erfolg und war zuletzt genöthigt, Zuflucht in der Türkei zu suchen. Die nächsten Jahre gingen unter wechselvollen Geschicken vorüber. Zuerst wurde er von algierischen Seeräubern gefangen; frei geworden, trat er in Italien in die polnische Legion, kämpfte in Mantua, wo er bei einem Ausfall zweimal schwer verwundet wurde, dann in Deutschland bei Kehl und Offenburg, stand unter General Delaborde in der ersten Linie der Blockade von Philippsburg und hatte sechs Bataillone unter seinem Befehle. Neue glänzende Proben seines Muthes gab er bei Frankfurt und Hohenlinden, worauf ihn General Moreau zum Bataillonschef ernannte. Auf dessen Befehl setzte er bei Laufen im Salzburg’schen über die Salza, hob die österreichischen Vorposten auf, nahm zwei Standarten und, abgeschnitten von jeder Verstärkung, denn die Brücke war abgebrannt, marschirte er direct auf Salzburg. Während Sierawski von einer Seite heranrückte, griff General Rochambeau die Stadt von der anderen Seite an. Sierawski’s Unternehmen ward von Erfolg gekrönt, er hatte, außerdem daß er viele Ueberläufer von der Besatzung an sich gezogen, nicht weniger [267] denn zwölf Stück Geschütze erbeutet. Im Jahre 1801 stand S. als Bataillonschef in der Schweiz und Italien, später focht er auf der Insel Elba und ging dann nach Paris, von wo er mit einer wichtigen Mission der französischen Regierung nach Polen betraut wurde. Im Jahre 1805 war er in Nürnberg bei der Organisation der neuen Weichsel-Legion thätig. Im Feldzug des Jahres 1806 focht er unter General Dombrowski, wurde 1808 Oberst, zeichnete sich als solcher bei Radzimin und Pora aus, im Jahre 1812 bei der Belagerung von Bobraisk, bei Borisow und an der Beresina, wo er auf dem Schlachtfelde General wurde. 1814 organisirte er zu Tours trotz aller Hindernisse, die ihm der dortige Präfect in den Weg legte, im Auftrage des Kaisers eine neue polnische Legion. Aber der Einmarsch der Alliirten in Paris machte Allem ein Ende und S. begab sich mit den Trümmern der polnischen Armee nach Warschau. Dort ernannte ihn Kaiser Alexander zum Commandanten der Garde zu Fuß. Seine patriotische Haltung zog ihm aber bald das Mißfallen des Großfürsten Constantin zu. Seiner Bitte um Entlassung, um nach Amerika zu gehen, wurde nicht willfahrt, sondern S. als Commandant auf die Festung Modlin geschickt, was ziemlich einer Verbannung nach Sibirien gleich sah. Sein Verhalten daselbst, veranlaßte seine Berufung nach Warschau, wo er unter Polizeiaufsicht stand und die mannigfachsten Bedrückungen erdulden mußte. Am denkwürdigen Tage des 29. November 1830, an welchem die in den Annalen der Geschichte einzig dastehende erste polnische Erhebung Statt fand, zuerst von den Russen verhaftet, machte er sich nach dem Tode des Generals Siemontkowski selbst frei und begab sich in die Reihen des nachmals so berühmt gewordenen 4. Linien-Regiments. Nun schlug er vor, den General Chlopicki an die Spitze der Armee zu stellen, dann wurde er selbst zum Commandanten von Warschau ernannt und traf als solcher seine Anordnungen. Mit Chlopicki gerieth er bald in Zwiespalt und dieser schickte S. nach Zamosc, damit er in dieser Festung commandire. Im Zeitraum von sechs Wochen setzte er diese Festung in Vertheidigungszustand und konnte noch 27 Kanonen nach Warschau schicken. Nun übertrug ihm Chlopicki ein Commando in den Wojwodschaften Sandomir und Krakau, wo er mit den unzulänglichsten Streitmittel Monate lang dem General Kreuz entschiedenen Widerstand entgegenstellte. Dort operirte er einige Zeit in Gemeinschaft mit General Dwernicki, später, als dieser nach Volhynien marschirte, allein, und dann wieder gemeinschaftlich mit General Par. Am 17. April schlug sich S., den man trotz wiederholter Aufforderungen, ihm Kanonen und Munition zu senden, ohne die erforderlichen Vertheidigungsmittel gelassen, mit einem vierfach überlegenen Feinde von früh Morgens bis Abends Uhr, zog sich dann geordnet zurück, vertheidigte am folgenden Tage die Stadt Kazimierz und stieß auf seinem Rückzuge am 19. auf den rechten Flügel der polnischen Armee. Die Situation, in welcher S. sich befand, war eine solche, daß er nun, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu entkräften, sofort ein Kriegsgericht verlangte. Generalquartiermeister Prodzińsky gebot jedoch Namens des Generalissimus Stillschweigen über den ganzen Vorgang. Da man aber den erbitterten und argwöhnisch gewordenen Sierawski nicht in unmittelbarer Nähe des Centrums aller Geschäfte wissen [268] wollte, schickte man ihn wieder in die Wojwodschaft Sandomir, aber nicht um im activen Dienste verwendet zu werden, sondern um die militärischen Gerichtshöfe zu organisiren. So demüthigend S. dieser Auftrag erschien, er unterzog sich demselben, blieb aber nicht langer auf seinem Posten, als bis er Nachricht von der Schlacht, welche bei Ostrolenka geschlagen worden, erhielt; sofort eilte er in’s Hauptquartier nach Praga und verlangte ein Commando. Er erhielt jenes der 5. Division des bei Ostrolenka gebliebenen Generals Kamiński. Aber auch in diesem Commando hatte S. Unglück, so zwar, daß ihn der Generalissimus nach Praga zurückberief und die Regimenter der von S. befehligten Division an andere Divisionen vertheilen ließ. Solche Schmach traf den General tief, er verließ Warschau und trat als Freiwilliger in die Armee, als aber bald darauf eine Aenderung in der Wahl des Generalissimus vor sich gegangen war, erhielt S. von neuem das Commando der 5. Division im Corps des Generals Ramorino, mit welcher er bei Misdryrzec, Opole und Jozefow gekämpft und alle Geschicke dieses Corps bis zu dessen Uebertritt auf galizischen Boden getheilt hat. Sierawski begab sich nun mit seiner Frau, die damals in Krakau lebte (über diese auf der zweiten Spalte), in ihre Heimat nach München, wo sie hoffte, für ihren Gatten eine seinem polnischen Generalsrange entsprechende Stellung zu erlangen. Die politischen Verhältnisse machten es aber dem bayerischen Hofe unmöglich, etwas für S. zu thun. S. trennte sich nunmehr von seiner Gemalin, die er seither nicht wieder sah, begab sich nach Paris, wo er seinen bleibenden Aufenthalt nahm und bis an sein Lebensende, das ihn im Alter von 72 Jahren erreichte, verblieb. S. war der erste von allen polnischen Generalen, der sich der Revolution vom 29. November anschloß und ihr inmitten des Verraths, der sie zum Falle gebracht, bis zum letzten Augenblicke treu geblieben war. Wie weit ihn der Fluch der damaligen Verhältnisse verfolgte, wie weit er durch eigenes Verschulden das Geschick gegen sich selbst heraufbeschworen, das kann nur durch eine actengemäße Geschichte des polnischen Erhebungskrieges 1830/31 festgestellt werden. Eines ist gewiß, S. war ein Soldat mit Leib und Seele, der oft seine Bravour bewiesen, wie es das polnische Kreuz Virtuti militari, jenes der Ehrenlegion, das ihm Napoleon verliehen, und der Großcordon des St. Stanislaus-Ordens, die ihn schmückten, bezeugten. –