BLKÖ:Starčević, Anton

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Starčević, Simon
Band: 37 (1878), ab Seite: 152. (Quelle)
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Starčević, Anton (croatischer Landtags-Deputirter, geb. in Croatien, Geburtsjahr unbekannt), Zeitgenoß. Ueber Lebens- und Bildungsgang dieses politischen Parteimannes fehlen alle Nachrichten. So viel ist gewiß, [153] daß er an einer österreichisch-deutschen Hochschule seine wissenschaftliche Bildung und den Doctortitel erlangte. Er ist auch seit Jahren Mitglied des croatischen Landtages. Zuerst richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit nicht blos Croatiens, sondern der ganzen Monarchie im Jahre 1866 auf ihn, als er anläßlich der Zrinyi-Feier, welche im November g. J. sowohl an mehreren kleinen Orten Croatiens, als zuletzt in Agram und daselbst mit großem Aufwande nationaler Begeisterung begangen wurde, im croatischen Landtage gegen diese nationale Feier sich erhob und den ganzen Apparat an Festlichkeiten, deren Erfindung und Ausführung „österreichischen Schmierern“ und den „verhaßten Magyaren“ in die Schuhe schob. Dieser Vorgang erregte in den betheiligten Kreisen große Aufregung und Verstimmung. Seine im genannten Jahre am 27. Jänner im croatischen Landtage gehaltene Rede erschien auch unter dem Titel: „Govor, što ga je izustio u sednici sabora hervatshoga na 27. siečnja 1866“ (Agram 1866, 8°.) im Drucke. Dr. S. ist der energische Verfechter des croatischen Staatsrechtes und so das Haupt einer besonderen Partei sowohl im croatischen Landtage wie im politischen Leben Croatiens. Die eine, die sogenannte „Pozor-Partei“, bekennt sich zu den Grundsätzen des Bischofs Stroßmayer, die andere zu jenen des Abgeordneten Starčević, der von der Pozor-Partei scherzweise der „croatische Diogenes“ genannt wird. Natürlich fehlt es nicht unter den beiden Parteien an demonstrativen Kundgebungen zur Bekräftigung ihrer Ansichten und als im Frühling 1867 die Pozoristen dem Andenken des Banus Jelacic vor dessen Monumente eine Serenade brachten, wollten die Anhänger des „croatischen Diogenes“ demselben als Gegner dieser dem Standbilde des Banus dargebrachten Ovation ein Zeichen ihres Vertrauens und der anerkennenden Würdigung geben, und beschlossen, ihm einen glänzenden Fackelzug zu bringen, überreichten ihm aber, da ihnen zu dem Fackelzuge die behördliche Bewilligung verweigert worden, eine von seinen Anhängern unterzeichnete Vertrauensadresse. Bei der Ueberreichung dieser Adresse nahm S. Gelegenheit, seinen politischen Standpunct aufs neue zu betonen und zu erklären, „daß er in der vollständigen Wiederherstellung der Verfassung das einzige Heil für sein Vaterland erblicke. Territoriale Integrität ohne integrirte Verfassung sei, wie diese ohne jene, ein todter Körper. Die croatische Nation nach ihrer geographischen Lage, mit dem Naturreichthume des Landes und allen Bedingungen einer mächtigen Entwicklung, diese Nation, welche Jahrhunderte hindurch mächtig, frei, glücklich und ruhmreich gewesen, bei welcher Heldenmuth mit Geist sich vereinige. diese Nation für ihre selbständige Erhaltung unfähig erklären, heiße dieselbe bloßstellen und ihren Untergang sanctioniren. Wer sich selbst als Sclaven ansieht, dürfe sich nicht wundern, wenn ihn auch Andere dafür halten; wer nicht sich selbst gehöre, der gehöre Jedermann und habe kein Recht, über den Wechsel seiner Herren sich zu beklagen. Die Zukunft Croatiens stehe in den Händen der Croaten“. In ganz entschiedener Weise aber tritt S. in jüngster Zeit auf, als der Panslavismus seine Fledermausfittige wieder fühlbar schlägt und die Ereignisse im Süden Europa’s die Wachsamkeit der österreichischen Politiker mehr denn je erregten. Da ließ S. in den letzten Tagen des Jänner 1878 eine politische Flugschrift [154] erscheinen, betitelt: „Woran stehen wir?“ Im Landtage, als der Gründer und das Haupt der croatischen Rechts- oder der eigentlichen großcroatischen Partei, die sich hauptsächlich aus dem jungen Nachwuchse recrutirt, hat Dr. S. das Verhältniß Croatiens zu Ungarn bisher nie berührt, unter dem Vorwande, daß der Dualismus vorher die Probe seiner Lebensfähigkeit zu bethätigen habe. Dagegen bekämpfte er die „Nationalen“ in Croatien mit leidenschaftlichem Hasse in Bezug auf ihre „auswärtige Politik“. Die Čechen betrachtet er als schlechte Acteure in der politischen Komödie, läugnet entschieden alle Anrechte, welche die Serben in den Ländern der Stephanskrone sich anmaßen, und geißelt mit scharfem Spott das Kokettiren mit Rußland, gegen das ihn tödtlicher Haß erfüllt. Immer wieder weist er auf Polen hin, wenn in Croatien die Rede von Rußland und seinen Sympathien ist. Angesichts der Thatsachen, welche der Krieg in Bulgarien bereits geschaffen und noch zu schaffen droht, erörtert S. in der obengenannten Broschüre, alle jene Gefahren, welche speciell für Croatien entstehen könnten, wenn der serbischen Propaganda nicht rechtzeitig ein Halt entgegengedonnert wird. S. greift tief in die Geschichte der orientalischen Frage und dieselbe wissenschaftlich behandelnd, beweist er, daß mit deren Lösung zu Gunsten Rußlands die Individualität der slavischen Stämme in Frage gestellt werde, weil man doch den Russen nicht zumuthen könne, je eine andere als russische Politik zu verfolgen. „Mehr als im Westen“, schreibt S., „ist in Rußland der Panslavismus ein Hirngespinnst; aber die Russen selbst gebrauchen diese „Idee“ als ein Werkzeug und lachen doppelt, weil es ihnen gelingt, mit einer unausführbaren Idee die ganze Welt zu blenden. Dabei aber werden nur die Slaven die Zeche für das byzantinische Rußland bezahlen.“ S. weist auf die Gefahr hin, die daraus für die österreichisch-ungarische Monarchie entstehen wird, falls diese Bosnien und die Herzegowina nicht annectiren sollte; denn nur derjenige sei Herr des adriatischen Meeres, welcher sich die julischen und dinarischen Alpen zu sichern versteht. Die Gründung eines großserbischen Reiches sei nicht allein eine Gefahr für Oesterreich-Ungarn als Großstaat, sondern sie überliefere ein ganzes Volk, nämlich das croatische, der Vergangenheit, dessen Loyalität gegenüber der Dynastie nie in Zweifel gezogen werden könne. Am Schlusse seiner Flugschrift, welche als der politische Ausdruck einer starken Partei in Croatien anzusehen und darum auch in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen ist, ruft S. den Magyaren zu: „Kannst du den Freund nicht retten, so rette dein eigenes Leben.“ Dieß aber könne nur dann geschehen, wenn unsere Staatsmänner noch in der letzten Stunde sich besinnen und jene Länder annectiren, die tief in den südöstlichen Theil der Monarchie wie ein Keil hineindringen. Wenn man dieß zu thun versäume, so werde man den staatsfeindlichen Elementen in Croatien den größten Gefallen erweisen, denn für diese gebe es dann ein Terrain, wo sie ihre Propaganda fortsetzen werden, bis eines Tages der präsumtive „christliche Gouverneur“ auf nicht christliche Weise beseitigt und aus Bosnien eine serbische Provinz wird; dann könnte Serbien wirklich zu Piemont und Milan zum Ré galantuomo befördert werden u. s. w.“ Diese Broschüre erregte allgemeines Aufsehen, und dieß um so mehr, als die ungeschminkte Darlegung der Verhältnisse an den südöstlichen [155] Gränzen der Monarchie aus der Feder eines Mannes stammt, der nie mit den eigennützigen Loyalitätsschwindlern gemeinsame Sache gemacht, nie nach Aemtern und Orden gehascht und so in seiner unabhängigen Stellung sich ein großes Vertrauen, eine starke Partei und auch die Achtung seiner politischen Gegner erworben hat. Vergleiche auch die Quelle Nr. 2 über David Starčević.