BLKÖ:Stroßmayer, Joseph Georg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
fertig
<<<Vorheriger
Stroński
Band: 40 (1880), ab Seite: 88. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Josip Juraj Strossmayer in der Wikipedia
GND-Eintrag: 118799185, SeeAlso
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Stroßmayer, Joseph Georg|40|88|}}

Stroßmayer, Joseph Georg (Bischof von Bosnien und Syrmien, geb. zu Esseg in Slavonien am 4. Februar 1815). Ein Sohn slavischer Eltern bürgerlichen Standes mit deutschem Namen. In seiner Vaterstadt Esseg besuchte er die unteren Schulen und das Gymnasium, sich ebenso durch ungewöhnliche Geistesgaben, wie durch großen Eifer auszeichnend. In allen Classen war er der Erste. Im Jahre 1831 wurde der talentvolle 16jährige Jüngling von dem Diöcesanbischof Paul Mathias Sučic (?) in das Alumnat zu Diakovar aufgenommen, wo er zwei Jahre hindurch die philosophischen Studien hörte. Hierauf bezog er das Pesther Central-Seminarium, in welchem er die theologischen Studien beendete und zugleich die philosophische Doctorwürde erlangte. Nach Empfang der Priesterweihe am 16. Februar 1838 wurde er zur weiteren Ausbildung in den theologischen Wissenschaften von seinem Bischofe nach Wien in das Augustineum, ein höheres priesterliches Bildungsinstitut, geschickt, in welchem er sich noch die theologische Doctorwürde erwarb. Nun erst trat er in die Seelsorge, und zwar als Caplan in Peterwardein, aber schon nach kurzer Zeit übertrug ihm sein Bischof ein Lehramt am Lyceum zu Diakovar. Von dort suchte er als Professor der Dogmatik an die Pesther Hochschule zu gelangen, scheiterte aber dabei an seiner Unkenntniß der ungarischen Sprache, welche damals in Pesth mit ostentativem Eifer gepflegt wurde. Indeß war sein Concurselaborat an maßgebender [89] Stelle nicht ungeachtet geblieben, und konnte er auch das gesuchte Lehramt nicht erlangen, so wurde er doch als Vice-Director und Spiritual des Augustineums, wo seine Tüchtigkeit und sein Eifer noch in lebhafter Erinnerung standen, nach Wien berufen und am 27. August 1847 zum Hofcaplan ernannt. In dieser Stellung hielt er Vorträge über das Kirchenrecht, wurde auch Mitglied der theologischen Facultät an der Wiener Hochschule, Prüfungs-Commissär bei den Rigorosen und betheiligte sich nicht selten an den Doctor-Disputationen, wo er namentlich durch seine ungewöhnliche Beredtsamkeit und das elegante Latein, welches er sprach, Aufmerksamkeit erregte. Die Ereignisse des Jahres 1848 fanden ihn in Wien. Als es galt, Partei zu nehmen, zögerte er nicht einen Augenblick in seinem Entschluß. Schon als Professor zu Diakovar stand er zu seinen Landsleuten, den Croaten und trat den magyarischen Anmaßungen und Vergewaltigungen entschieden entgegen. In Wien hielt er zur slavischen, zunächst croatischen Partei, welche sich damals im vollen Gegensatze zu den Deutschen und Magyaren befand, er pflog innigen Verkehr mit dem Ban Jelačić [Bd. X, S. 140], dem croatischen Minister Franz Baron Kulmer [Band XIII, S. 361, Nr. 3], mit Metell Ozegović [Band XXI, S. 141] und anderen slavischen und croatischen Stimmführern jener Tage, wurde in die Absichten und politischen Tendenzen seiner Landsleute vollkommen eingeweiht und betheiligte sich überhaupt an dem regen politischen Leben mit allem Eifer und voller Hingebung für die Interessen seiner slavischen Brüder. So wurden sein Name, seine Kenntnisse und Fähigkeiten immer mehr und mehr bekannt und gewürdigt, und so geschah es denn, daß, als im Jahre 1849 der Bischof von Diakovar Joseph Kuković wegen Krankheit und Altersschwäche mit Bewilligung des apostolischen Stuhles seine Würde niederlegte, am 18. November d. J. die Wahl Stroßmayer’s zum Bischofe von Bosnien, oder Diakovar und Syrmien erfolgte. Ein 34jähriger Bischof, wenn nicht von fürstlichem Geblüte, war in jenen Tagen eine Seltenheit. Am 20. Mai 1850 wurde er präconisirt, am 8. September von dem damaligen apostolischen Nuntius in Wien und späteren Cardinal Viale Prelà zum Bischof geweiht und als solcher am 27. September 1850 von seiner Vaterstadt Esseg auf das feierlichste empfangen. Am folgenden Tage hielt der jugendliche Kirchenfürst den Einzug in seine Residenz Diakovar, in welcher am 29. d. M. seine Inthronisation als Bischof der kanonisch-vereinten Diöcesen Bosnien und Syrmien stattfand. Seine Stellung war eine ebenso schwierige als wichtige, schwierig sowohl durch die Berührung zwischen den römisch-katholischen und griechisch nicht unirten Glaubensgenossen, als namentlich dadurch, daß bei einer intellectuel noch nicht fortgeschrittenen Nation die kirchlichen Zustände von den politischen nur selten sich scheiden lassen. In den Jahren der nun hereinbrechenden Reaction, in welchen alle Parteileidenschaften schweigen mußten und die durch die vorangegangenen Kämpfe und diesen auf dem Fuße folgenden Ausnahmsgerichte erschöpften gedemüthigten Völker erst nach und nach wieder zur Besinnung kamen, trug Stroßmayer’s Popularität, Toleranz, kirchliche und politische Umsicht ganz besonders [90] zur Beschwichtigung der Gemüther bei. In seiner Diöcese, welche im Revolutionskriege der Schauplatz greulichster Verwüstungen gewesen, gab es genug zu schaffen, die Parteileidenschaften zu zügeln, die geschlagenen Wunden zu heilen, die Spuren der Brutalitäten eines Racenkrieges zu verwischen, und dies Alles hat er mit geistlicher Milde, in herrlichster Ausübung seines bischöflichen Segensamtes gethan. Auf die Wiederbelebung der gesunkenen geistigen Interessen war er gleichfalls sorgfältig bedacht. Als Mitglied der Matica ilyrska, eines 1850 zur Förderung der geistigen Zustände der Südslaven gegründeten Vereins, that er Vieles, was unvergessen bleiben wird. Namentlich richtete er auf die Herausgabe guter Bücher sein Hauptaugenmerk. Auf seine Kosten erschien das stattliche, in der südslavischen Literatur hochgeschätzte Werk von Peter Kanavelic „Sveti Jan biskup trogirski i Kralj Koloman“, d. i. Der heil. Johann Bischof von Traù (Esseg, 1858, bei Lehmann, gr. 8°.); er sammelte Manuscripte und kaufte an 40 alte Ragusaner und andere Dalmatiner Handschriften, welche er später der südslavischen Akademie zum Geschenke machte, kurz was den geistigen Aufschwung im Leben der Südslaven anbelangt, so wird es kaum irgend ein Moment geben, in welchem nicht Bischof S. mit helfender oder fördernder Hand mitgewirkt hätte. Beim Eintritt des jungen Bischofs in seine Diöcese lag das Schulwesen im Lande ganz und gar vernachlässigt danieder. Mit kräftiger Hand griff er ein, um dasselbe nach allen Seiten hin zu fördern. Es muß der Feder eines Biographen überlassen bleiben, diese Thätigkeit des Kirchenfürsten im Detail zu schildern, hier können nur Hauptmomente hervorgehoben werden, die aber jedenfalls genugsam zeigen, daß, wie einseitig auch die Bestrebungen des Bischofs sein mögen, welcher immer nur die zu erringende Selbständigkeit und die Machtvollkommenheit seines Volkes im Auge hat, dieselben doch wieder so großartig und selbstloser Natur sind, daß sie unser Staunen erregen und anderen Kirchenfürsten, die mit ihren enormen Einkünften gar nichts anzufangen wissen, zum Vorbilde dienen können. Bischof Stroßmayer gründete in Diakovar das Kloster und Mädchen-Erziehungsinstitut der barmherzigen Schwestern, das Seminar für die bosnischen Franziskaner-Zöglinge; für das in Diakovar neu zu errichtende Knaben-Seminar erlegte er ein Capital von 60.000 fl., zur Vermehrung des Diöcesan-Deficienten-Fondes spendete er 10.000 fl. in Urbarial-Entschädigungs-Obligationen; in denselben Effecten widmete er zum Diöcesanfonde, aus welchem für außerordentliche Nothfälle dem Diöcesan-Clerus Unterstützungen verabreicht werden, eine Summe von 5000 fl.; eine gleiche Summe dem Fonde, aus welchem für die Priester bei ihrem Eintritte in die Seelsorge die nothwendigen Bücher angeschafft werden sollen; und ebenso zur Beihilfe für jene Capläne, die auf ärmeren Stationen ein karges Auskommen haben, die Interessen eines Capitals von 5000 fl. Dem croatischen Gymnasium zu Sinj in Dalmatien schenkte er 1000 fl., und eine gleich große Summe dem glagolitischen Seminar in Priko bei Almissa in Dalmatien. Für die Herausgabe eines Werkes, worin aus dem Vaticanischen Archive alles das Südslaventhum betreffende aufgenommen [91] wurde und dessen Umfang sich auf etwa 200 Druckbogen belief, spendete er eine Summe von 3500 römischen Scudi; die ihm als Obergespan des Virovaticer Comitates bewilligte jährliche Dotation von 6000 fl. widmete er auf die Dauer seiner Function als Obergespan dem Fonde für eine südslavische Universität in Agram; zur Gründung der südslavischen Akademie der Wissenschaften hinterlegte er das ansehnliche Capital von 60.000 fl. Diese Akademie trat im Jahre 1867 ins Leben, und ihre bis zur Zeit veröffentlichten „Mittheilungen“ umfassen bereits an 30 Bände, welche theils die alten Dichter und die Alterthümer des Landes, theils historische Denkmale, die Landesgewohnheitsrechte u. s. w. enthalten. Seit Jahrzehnten hatte der Bischof Gemälde gesammelt, deren Ankaufspreis bis zum Jahre 1874 die Summe von 250.000 fl. betrug, während ihr wirklicher Werth sich bedeutend höher beläuft. Die ganze Sammlung schenkte er dem Lande zur Anlegung eines Kunstmuseums. Ein Gleiches that er mit seiner ansehnlichen Münz-, Antiquitäten- und technischen Sammlung. Unter solchen Förderungen der Humanität und der Wissenschaft flossen ihm die Jahre 1850–1859 dahin; und aus dieser Periode seines stillen Wirkens heben wir hier nur noch seine im Monate Mai 1859 ad limina apostolorum nach Rom unternommene Pilgerreise hervor. Da endlich führten ihn die Ereignisse des 59ger Jahres und der durch dieselben eingetretene politische Umschwung im Kaiserstaate auf die öffentliche Bühne. Zum Mitgliede des im Mai 1860 einberufenen verstärkten Reichsrathes erwählt, trat er nicht als stiller Votant, sondern als Redner in allen wichtigen Fragen auf. Schon in der zweiten Sitzung vom 4. Juni 1860 stellte er das Verlangen, daß sein Name als Reichsrath für Croatien ausdrücklich verzeichnet werde, so von vornherein den Standpunkt bezeichnend, den er einzunehmen und zu behaupten entschlossen war. Er sprach in diesem denkwürdigen den Dualismus der Monarchie begründenden Reichsrathe bei allen nur einigermaßen wichtigen Anlässen, so über das Concordat, über die Subventionirung einzelner Kronländer, über die Sprachenfrage, über die Landesfonde, den Tabaksbau in Dalmatien, Croatien und Slavonien, über die Verhältnisse Dalmatiens u. s. w., und es waren mitunter bedeutsame Worte, welche der Prälat rückhaltlos und obgleich er als Reichsrath für Croatien ausdrücklich gelten wollte, der Versammlung zu Gehör brachte. So sprach er denn in der Sitzung vom 21. Juni: „Ich halte die einheitliche Gestaltung Oesterreichs für ein wahres Gebot der göttlichen Vorsehung, Oesterreich hat eine europäische Mission, und die göttliche Vorsehung hat eben an den Bestand Oesterreichs Fragen von höchster Wichtigkeit geknüpft, welche ohne Oesterreich lösen zu wollen ein Eingriff in die höhere Ordnung der Dinge wäre und zum eigenen Schaden gereichen müßte. Eben aber weil Oesterreich in der Völkerfamilie Europas hochwichtige Zwecke zu verfolgen hat, muß es ein einheitlicher Staat, muß es stark und angesehen sein, und damit es mächtig, stark und angesehen sein könne, muß es vor Allem einig sein. Von dieser Ueberzeugung geleitet, muß ich mich dahin aussprechen, daß Oesterreich in seiner einheitlichen Gestaltung so eingerichtet sein soll, daß jede Nation, [92] jeder Volksstamm, er möge dieser oder jener sein, eine sichere Bürgschaft seiner nationalen volksthümlichen Institutionen finde“. Als endlich in den Berathungen der Versammlung die Frage über die künftige Constituirung der Monarchie in lebhafter Weise erörtert wurde, schloß sich Bischof Stroßmayer in der Sitzung vom 25. September 1860, in welcher wieder sehr viel von der Einigkeit und Einheit der Monarchie gesprochen wurde, nach einer längeren Rede befremdlicher Weise – wir sagen, nachdem wir seine Worte in der Sitzung vom 21. Juni wörtlich mitgetheilt, ausdrücklich: befremdlicher Weise, dem Majoritätsvotum an, mit welchem denn auch der Dualismus in der Monarchie sozusagen inaugurirt wurde. Zur Vermeidung von Wiederholungen und zum Verständniß der ganzen Sachlage weisen wir auf die Biographien des Dr. Franz Hein [Band VII, S. 215], Joseph Maager [Band XVI, S. 185] und Freiherrn von Lichtenfels [Bd. XV, S. 79] hin. Der früher fast ausschließlich auf dem Boden des herrlichen und köstliche Früchte verheißenden Humanismus wirkende Kirchenfürst ist nunmehr vorwiegend offen oder heimlich auf politischem Felde thätig. Immerhin aber sind auf humanitärem Gebiete auch aus dieser Zeit bedeutende Thatsachen von ihm zu berichten, von denen wir als der bedeutenderen gedenken: der Spende von 20.000 fl., die er im Frühling 1866 zur Gründung eines Knaben-Seminars darbrachte, für welches er bereits früher 60.000 fl. gestiftet, und des Baues der neuen Kathedrale in Diakovar, die als ein Kunstwerk erstehen soll, würdig, der Wiener Votivkirche an die Seite gestellt zu werden, nur daß hier viele Kräfte zusammen wirkten, dort Alles in Allem der Bischof Stroßmayer ist. Alles Detail übergehend, bemerkten wir nur, daß der Gottesbau auf 35 Wandflächen großartige Fresken trägt. Für dreizehn dieser Flächen schuf Overbeck noch in den letzten Jahren seines Lebens herrliche Cartons, deren Ausführung den beiden Malern Alexander und Ludwig Seitz (Vater und Sohn) übertragen ist, die auch die übrigen Cartons herzustellen haben. Bereits im Jahre 1863 hatte Bischof Stroßmayer seine Obergespanstelle niedergelegt. Dagegen war er stets auf dem croatischen Landtage erschienen, daselbst als Vorfechter anerkannt, sogar zum Präsidenten der croatischen Ausgleichs-Commission erwählt und von seinem Volke mit dem Namen: „Der erste Sohn Croatiens“ bezeichnet. In der nun folgenden Epoche des magyarischen Ausgleichs trat er in die Reihen der Opposition und seine politische Haltung wurde immer schroffer. Jedoch drang die Kunde von seinem Wirken nur hin und wieder in die Oeffentlichkeit, und wurde dann der Name des Kirchenfürsten als der eines entschiedenen großcroatischen Parteiführers laut. Da mit einem Male, als im Jahre 1869/70 das große Concil im Rom stattfand, ward sein Name aus den österreichischen Landen über alle Reiche der Christenheit in wahren Jubeltönen hinausgetragen. Im Anfange stand er gegen die damals vielgenannten Führer der freisinnigen Elemente des Concils, Dupanloup und Fürst Schwarzenberg zurück, bis ihn der Gang der Verhandlungen aus seiner Passivität riß. Schon in seiner Rede am 28. December 1869 trat er in einer Weise auf, daß sie ein Ereigniß nicht blos in Rom, sondern in [93] der ganzen christlichen Welt bildete. Er richtete sich gegen die Vorlagen, welche er als von den Jesuiten beeinflußt erklärte, deren Lehren er verurtheilte. Immer klarer, immer gewaltiger wurden seine Worte, immer wuchtiger die Schläge, die er auf diese Feinde der wahren Kirche fallen ließ. Der päpstliche Legat Cardinal Capalti, welcher die Sitzung leitete, erhob sich zum Ordnungsrufe, aber Bischof Stroßmayer ließ sich dadurch nicht einschüchtern. „Ein Bischof“, rief er, „hat nur auf die Stimme seines Gewissens zu hören. Die Kirche Gottes ist von den Jesuiten bedroht, und ich habe mich erhoben, sie zu vertheidigen! Nicht gegen die Kirche, sondern gegen die Gesellschaft Jesu richte ich meine Worte! Der heilige Vater hat uns die Freiheit unserer Berathungen versichert, und diese Freiheit nehme ich für mich in Anspruch. Ich beschuldige die Jesuiten, den Geist und die Lehre und den Unterricht der Kirche verderbt und gefälscht zu haben“. Als er dann die römische Curie der Schwerfälligkeit und Unwirksamkeit beschuldigt hatte und der Bischof von Moulins Dreux-Breze die Concilienmitglieder daran gemahnte, daß der Papst ihr „heiliger Vater“ sei, rief er jenem zu: „Ja, aber die Kirche ist unsere heilige Mutter“. In der Begeisterung seiner vom heiligen Zorn erfüllten Rede geschah es ihm, daß, als er eines seiner Argumente mit einem Schwure „beim Grabe St. Peters“ bekräftigen wollte, ihm der lapsus linguae entschlüpfte: per deos immortales. In einer anderen Rede erneuerte er die Beweise seines Freimuths und sprach von der Nothwendigkeit, den Papst zu universaliren, d. h. auch Nicht-Italienern zugänglich zu machen; ebenso betonte er die Universalirung der römischen Congregationen, damit die Kirche aus beschränkter und engherziger Weise hervortrete. Er will einen Einfluß der Synoden auf Bischöfe. Er kehrt sich gegen die Feindschaft der Kirche im Verhältnisse zu dem modernen Fortschritte, er hält an der Ueberzeugung fest: die Freiheit der Kirche habe nur ihre Bürgschaft in der Freiheit der Nationen. Er nennt die canonischen Gesetze eine babylonische Confusion, welche der Klärung dringend bedarf u. s. w. Am weitesten klaffte der Spalt zwischen Stroßmayer und dem Concil nach seiner Rede vom 22. März, in welcher er zu dem wichtigsten Punkte, zu der Frage kam: ob das Concil die Glaubensdecrete blos mit numerischer Mehrheit oder mit moralischer Stimmeneinhelligkeit votiren werde? welche Frage auf die Antwort hinauslief, man könne einen Glaubenssatz nicht ohne moralische Uebereinstimmung des gesammten Episkopats definiren. Kaum jedoch waren diese so wichtigen Worte gesprochen, folgte eine Scene, welche mit der Feder sich nicht wiedergeben läßt. Stroßmayer versuchte eine Zeitlang dem Sturme Trotz zu bieten, vergebens; er wurde gezwungen, von der Tribüne herabzusteigen, mitten im Satze mußte er sie verlassen. Er protestirte gegen diese Gewaltthat mit aller Energie, aber was half es, er mußte der Uebermacht weichen. Für die Anfeindungen und Verfolgungen der Jesuitenpartei erntete er aber die Anerkennung und Bewunderung der vernünftigen Glaubensgemeinde, welche in wahrer Religiosität, in der Rückkehr zur ungefälschten Lehre Christi das Heil der Gesellschaft, die Sicherheit des von den Socialisten und den Ultramontanen [94] gleich gefährdeten Staates sieht. Man nannte den Bischof Stroßmayer den zweiten Ventura; der als Redner und Gelehrter gleich berühmte Bischof von Orleans Dupanloup bezeichnete ihn als den ausgezeichnetsten Redner des Concils, und Cardinal Merode ließ sich zur Bemerkung hinreißen: „Das Concil hat seinen Mann gefunden“. Da seine Gegner mit positiven Beschuldigungen nicht aufwarten konnten, griffen sie ihn mit conjecturalen Verdächtigungen an, und eine solche erschien in den „Times“, sie enthielt unter anderen folgende Stelle: „Stroßmayer hat mehr denn einmal zu verstehen gegeben, daß er keinen Anstand nehmen würde, dem Uebertritt der katholischen Minorität zu der griechisch-schismatischen Kirche des Orients das Wort zu reden, wenn dies für die Vereinigung der Südslaven nothwendig sein sollte“. Auf diese grelle Anschuldigung entgegnete er mit einem „Rom, Juni 1870“ datirten Schreiben, worin er Thatsachen vorbringt, welche das gerade Gegentheil obiger Verdächtigungen, nämlich seine Bemühungen darthun, den jetzt dissentirenden Theil seines Volkes zur katholischen Einheit zurückzuführen. Nach beendetem Concil zog er sich in seine Diöcese zurück, seine humanitären Werke, seine Förderung der Künste und Wissenschaften wieder aufnehmend. Im Uebrigen hielt er sich von allem öffentlichen Leben fern und ging darin so weit, daß, als im Jahre 1875 in seiner Diöcese zu seinem 25jährigen Bischofsjubiläum Vorbereitungen getroffen wurden, er dieselben untersagte; patriotische und humane Rücksichten gegen seine christlichen Connationalen in der Herzegowina, die damals für die Freiheit litten und bluteten, veranlaßten ihn zu dieser Verfügung. In den letzten Jahren hatte sich die öffentliche Aufmerksamkeit, so sehr sie durch die bei den Südslaven sich abspielenden Kriegsgreuel gerade den Gegenden zugewendet war, in welchen er eine Rolle spielte, doch nur wenig mit ihm beschäftigt. Nur einmal, im Jahre 1877 hieß es, daß der Führer der englischen Whig-Partei Gladstone seit längerer Zeit mit Bischof Stroßmayer in regem schriftlichen Verkehr stehe, dessen Gegenstand hauptsächlich die religiösen und politischen Fragen der Gegenwart bilden. Dies sind in wenigen Zügen die Umrisse zu dem Lebensbilde eines Kirchenfürsten, den seltene Geistesgaben auszeichnen und der seinem Wahlspruche gemäß: „Sve za vieru i za domovinu“, d. i. Alles für den Glauben und das Vaterland, sein Handeln und Wandeln eingerichtet hat. Ein Gegner der Magyaren, deren Magyarisirungsgelüsten er mit aller Entschiedenheit entgegentritt, und das Haupt eben jener Partei in Croatien, welche, die nationale genannt, sich gegen die magyarischen Vergewaltigungen mit aller Kraft ihres nationalen Bewußtseins stemmt, hat er auch sonst noch Grund, der ungarischen Regierung nicht gerade Wohlwollen entgegenzubringen. Als nämlich im Jahre 1870 der erzbischöfliche Stuhl in Agram erledigt war, richteten sich aller Augen wie von selbst auf Stroßmayer, denn wie die Dinge damals lagen, hatte eben er, der für sein Vaterland so Vieles gethan, die nächsten und gegründetsten Ansprüche auf diese höchste geistliche Würde in seinem Vaterlande. Aber die Ungarn wußten es besser, als sie aus irgend einem Winkel Ungarns einen bis dahin ganz unbekannten Priester auf [95] die höchste kirchliche Stelle Croatiens beriefen. Er nahm die ihm wiederfahrene Unbill stillschweigend hin, aber den zur Stunde in Croatien dominirenden Magyaren hat sie ihn nicht näher gebracht, im Gegentheile setzt er ihren Entnationalisirungsgelüsten entschiedenen und berechtigten Widerstand entgegen. Seit dem Jahre 1858 ist er wirklicher geheimer Rath, eine andere kaiserliche oder fremde Auszeichnung besitzt er nicht.

Daheim (illustr. Blatt, Leipzig, Velhagen und Klasing, 4°.) 1870, S. 686: „Beim Bischof Stroßmayer in Diakovár“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1867, Nr. 67: „Aus Agram“: – Nr. 125: „Bischof Stroßmayer in Prag“; – Nr. 128 und 131: „Aus Prag“; – 1870, Nr. 172: „Wien 23. Juni“; – Nr. 103 und 55; – 1876, Nummer vom 19. April, 22. August und 6. December. – Groß-Becskereker Wochenblatt, 1856, S. 209 in den „Miscellen“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) Nr. 939, 29. Juni 1861. – Neue freie Presse, 1865, Nr. 406: „Agram 6. October“; – 1866, Nr. 800: „Agram 16. November“; – 1867, Nr. 954: „Pest 26. April“; – Nr. 957, 854, 960, 964, 1116 und 1123 [in den Correspondenzen aus Wien, Prag, Esseg und Agram]; – 1870, Nr. 1936: „Rom 15. Jänner“; – Nr. 1973: „Stroßmayer und Haynald“; – Nr. 1981: „Brief Stroßmayer’s an P. Gratry“; – Nr. 2007: „Rom 24. März“; – 1871, Nr. 2442: „Sonderbares Loos“: – 1872, Nr. 2735: „Stroßmayer’s Concilrede“; – 1875, Nr. 3947, in der „Kleinen Chronik“. – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1870, Nr. 34: „Bischof Stroßmayer im Concil“. – Neues Wiener Tagblatt, 1870, Nr. 7, im ersten Artikel, und Nr. 11, im Feuilleton: „Intime Briefe aus dem Concil“; – Nr. 32: „Bischof Stroßmayer“; – Nr. 49: „Intime Briefe aus dem Concil“; – Nr. 84: „Telegramme“; – Nr. 85: Leitartikel. – Der Osten (Wiener Parteiblatt, 4°.) 1870, Nr. 27: „Ein Brief des Bischofs Stroßmayer“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 118, unter den „Correspondenzen“; – 1863, Nr. 309, unter den „Kleinen Nachrichten“ – 1864, Nr. 109, Abendblatt, und Nr. 194: „Aus Wien“; – 1865, Nr. 289: erster Leitartikel. – Ueber Land und Meer (Stuttgart, Hallberger, Fol.) XXIV. Bd. (1870), Nr. 27: „Bischof Stroßmayer“. – Besidka. Illustrovne listy, d. i. Die Gartenlaube. Illustrirtes Journal (Brünn, 4°.) 1866, S. 70: „Jiří Josef Strossmayer“. – Moravska Orlice, d i. Der mährische Adler (Brünner Blatt) 1863, Nr. 100, im Feuilleton: „Jiři Josef Strossmayer“. – Svĕtozor (Prager illustrirtes Blatt) Nummer vom 26. Juli 1867: „Biskup Jos. Jiři Strossmayer“; – Nummer vom 11. und 12. Februar 1870; – Nummer vom 20. August 1875, in den Kunst- und Literatur-Notizen. – Feldkircher Zeitung, 1870, Nr. 31: „Bischof Stroßmayer“. – Vorarlberger Landes-Zeitung, 1870, Nr. 58 und 59, im „Feuilleton“. – Politik (Prager Parteiblatt) 1870, Nr. 104, in der „Tageschronik“. – Oesterreichisch-ungarisches Volksblatt vom 4. Juni 1871, im Feuilleton: „Galerie hervorragender Patrioten. Dr. J. Georg Stroßmayer“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.), 29. October 1874, Nr. 202, Beilage: „Die neue Universität in Agram“; – 1877, Nr. 25, S. 360: „Großbritannien“, und Nr. 101, S. 1518, im „Brief aus Pest ddo. 8. April“; – 1878, Nr. 22, S. 312: „Aus dem unteren Drau-Thale. II.“. Von M. B. – Verhandlungen des österreichischen verstärkten Reichsrathes 1860. Nach den stenographischen Berichten (Wien 1860, Friedrich Manz, 8°.) Bd. I, S. 29, 104, 124, 133, 179, 192, 252, 272 und 632; Bd. II, S. 29, 206, 236, 289 und 293. – Kvĕty, d. i. Blüthen (Prag, 4°.) 1870, Nr. 8, S. 62.
Porträte. 1) Unterschrift: „Josip Juraj Strossmayer biskup etc. etc. etc. Sve za vieru i za Domovina“ (d. i. Alles für den Glauben und das Vaterland). Stahlstich ohne Angabe des Zeichners und Stechers. – 2) Holzschnitt. Sein Bildniß mit dem anderer Consilsbischöfe um jenes des Bischofs Dupanloup. Gezeichnet von C. Schweitzer, in „Daheim“, 1871, S. 506. – 3) Holzschnitt von Patocka, nach einer Zeichnung von Pet. Maixner, in der čechischen Zeitschrift „Kvĕty“, d. i. Blüthen, 1870, Nr. 8, S. 57. – 4) Holzschnitt von [96] Bartel in Prag – 5) Holzschnitt von B. Mara, nach einer auf Grund einer Photographie ausgeführten Zeichnung von B. Kriehuber, im „Svĕtozor“, 1870, Nr. 9, S. 69 [das beste Bild dieses Kirchenfürsten]. – 7) Holzschnitt aus C. H(allberger’s) X(yl.) A.(nstalt), in „Ueber Land und Meer“, XXIV. Bd. (1870), Nr. 27.
B. Carneri auf Bischof Stroßmayer. Als Bischof Stroßmayer im Jahre 1862 jenen denkwürdigen Brief schrieb, der mit den Worten beginnt: „Unsere Herzegowinaer und Montenegriner Helden vergießen ihr Blut für die heiligste Sache auf dieser Welt – für den Glauben und für die Freiheit u. s. w.“, da richtete der Reichstagsabgeordnete und späteres Mitglied der österreichischen Delegation B. Carneri, als Dichter und Denker gleich bekannt und gewürdigt, folgende Distichen an den croatischen Kirchenfürsten: „Edler ist nichts, fürwahr, als Kampf und Tod für die Freiheit, | Wenn ihr stolzes Panier flattert für Recht und Cultur, | Aber das herrliche Bild entehren blutige Horden, | Denen die Freiheit gilt einzig als rohe Gewalt. | Ohren und Nasen schneidet ihr ab den Besiegten, und darum | Sollte das Slaventhum schneller sich brechen die Bahn? | Christen seid ihr genannt? Ihr mißbraucht nur den ehrenden Namen, | Nur Unchristlichkeit zeigend in jeglicher That. | Für das Kreuz erhebt ihr das Schwert zum Kampfe? Nun freilich | Euerer Nachbarn Kreuz seid ihr im traurigsten Sinn“. Wildhaus 8 August 1862. B. Carneri.