BLKÖ:Steinwendner, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 38 (1879), ab Seite: 169. (Quelle)
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Steinwendner, Joseph (Bauer, geb. in Lungau im Salzkammergute[WS 1] im Jahre 1722, gest. zu Werfen 6. October 1788). Diesen merkwürdigen Mann hat ein deutscher Autor, um zu der „eisernen Maske“ der Franzosen, für welche Erfindung ihnen ein für alle Mal die Priorität eingeräumt werden muß, ein Gegenstück in Deutschland zu haben, als die „Deutsche eiserne Maske“ bezeichnet, obwohl Steinwendner weder stumm war, noch eine Maske trug. Die Sache verhalt sich so: Im Jahre 1805 sind bei Geßner in Zürich zwei Bände „Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland. Aus dem Französischen“ erschienen, welche von einer eisernen Maske im Schlosse Werfen im Salzburgischen berichten. Diese „Briefe eines reisenden Franzosen“ haben nun eine eigene Geschichte. Nach Einigen wären sie weder von einem Franzosen geschrieben, noch aus dem Französischen übersetzt, sondern ihr Verfasser wäre Joh. Casp. Risbeck (gest. 9. Februar 1786). Nach Anderen wären diese Briefe wirklich nur eine Uebersetzung des Werkes: „Lettres sur l’Allemagne“ (Mannheim 1784, 12°.), als dessen Verfasser C. Alexandre Collini (geb. zu Florenz 1727, gest. 22. März 1806), der Secretär Voltaire’s, bezeichnet wird. Klarheit über die Autorschaft dieser Briefe, über welche Weiß im Artikel Risbeck der „Biographie universelle“, ferner Beuchot im Artikel Collini derselben „Biographie universelle“ und auch Barbier ihre Ansichten ausgesprochen haben, fehlt noch zur Stunde und uns damit zu befassen, ist nicht unsere Aufgabe. Aber diese Briefe gedenken einer „Eisernen Maske“ im Schlosse Werfen, an welcher der Titel „Eiserne Maske“ eine plumpe Lüge, am Ganzen aber doch ein Fünkchen Wahrheit vorhanden ist. Das Schloß Werfen hatte wirklich einen merkwürdigen Gefangenen, der Joseph Steinwendner hieß und ein Bauer auf dem Lasaberge im Lungau war. Dieser Bauer nun wäre die eiserne Maske des Schlosses Werfen. Steinwendner war ein der Heterodoxie verdächtiger Mann, und wurde in Folge dessen unter der Regierung des Erzbischof’s Sigismund aus dem Hause Schrattenbach nach dem Schlosse Werfen gebracht und daselbst in Haft gehalten. Kaum war Steinwendner in Haft genommen worden, als er die Rolle des Stummen spielte und sie mit Staunen erregender Consequenz beinahe sieben Jahre fortspielte, ohne je in irgend einer Beziehung aus derselben zu fallen oder sich in irgend Etwas zu verrathen. Erst nach diesem Zeitraume gelang es dem Zureden eines Mannes, zu dem Steinwendner ein besonderes Vertrauen zu haben schien, ihn zur Sprache zu bewegen. Mit diesem Bruch seiner Hartnäckigkeit hatte sich S. auch sein Loos wesentlich verbessert; er wurde mit großer Schonung behandelt, die zwei Schloßgeistlichen besuchten ihn und luden ihn oft zu sich und der Pfleger; Patriz Kurz von Goldenstein machte ihn zum Aufseher über die übrigen Gefangenen. Er durfte nicht nur frei auf dem Schlosse herumgehen, sondern sich auch auf mehrere Stunden daraus entfernen, [170] was er jedoch vorher melden mußte. Er mißbrauchte diese ihm gewährte Freiheit nie und gewann dadurch immer mehr Zutrauen. Man überließ ihm unbedenklich die Schlüssel zu den Thoren und Schränken, er verrichtete häusliche Geschäfte und Arbeiten mannigfacher Art und erhielt auch den Vorzug, die Fremden im Schlosse umherzuführen. So war ihm sein Loos mit der Zeit nicht nur erträglich, sondern sogar angenehm geworden. Denn als unter der Regierung des letzten Erzbischofs von Salzburg, Hieronymus aus dem Hause Colloredo, der Befehl kam, ihn ganz in Freiheit zu setzen, dankte er für diese Gnade und bat, den Rest seines Lebens auf dem Schlosse zubringen zu dürfen. Vergebens drangen sein Weib und seine Verwandten in ihn, das Schloß zu verlassen und heimzukehren. Er erklärte entschieden, auf dem Schlosse bleiben und sterben zu wollen. Was ihn dazu veranlaßte, ist Geheimniß geblieben. So hatte er über 22 Jahre auf dem Schlosse zugebracht und ist daselbst, 66 Jahre alt, gestorben. Im Protokoll des Vicariates Werfen ist sein Tod mit folgenden Worten aufgezeichnet: „Die sexta Octobris anni 1788 sepultus est hic loci in coemeterio, sed sine ceremonia, tempore nocturno Josephus Steinwendner de se rusticus ob periculum seductionis e poenitentia jam ultra 22 annos in arce qui et per pluros annos se mutum simulavit et nec verbum locutus est, aetatis 66 annorum“.

Erneuerte vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, 4°.) 1817, S. 256.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Lungau, Salzburg (Wikipedia).