BLKÖ:Swerts, Jan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 41 (1880), ab Seite: 25. (Quelle)
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Swerts, Jan (Historienmaler und Director der Akademie der bildenden Künste in Prag. geb. zu Antwerpen im Jahre 1820, gest. zu Marienbad in Böhmen 11. August 1879). Mit hervorragendem Talent für die Kunst begabt, trat er im Jahre 1839 in die Akademie zu Antwerpen ein, welche zu jener Zeit mit Schülern so überfüllt war, daß der 16jährige Gottfried Guffens, der sich um Aufnahme bewarb, dieselbe nur dem Umstande zu verdanken hatte, daß einer der Schüler – es war Swerts – sich erbot, seinen Platz mit ihm zu theilen. Bald verband die beiden Kunstjünger innige Freundschaft. Gemeinsam arbeiteten sie später ein Jahr lang im Atelier de Keyser’s, und als dieser nach Rom ging, beschlossen sie, in einem gemeinschaftlichen [26] Atelier ohne die Hilfe eines Meisters weiter zu schaffen. Im Jahre 1847 wanderten sie zusammen nach Paris, wo sie ein Jahr lang weilten. Mächtig war der klärende Einfluß, welchen der Anblick der Zeichnungen Overbeck’s zu den Evangelien und der apokalyptischen Reiter von Cornelius auf ihren bis dahin noch ziemlich dämmerhaften Künstlerdrang übte. Die in ihnen entfesselte Sehnsucht, Deutschlands und Italiens Kunstleben und Kunstschätze kennen zu lernen, führte sie im Jahre 1850 nach Köln, Düsseldorf, Dresden, München und dann nach Italien. Voll und rein begeisterten sie sich dort für die monumentale Malerei. Schon vor dieser Reise hatte Swerts in einer neuen Kirche des Städtchens St. Nikolas bei Antwerpen über einem Altar ein Wandbild gemalt, welches die h. Jungfrau du sacré coeur, umringt von Hilfeflehenden, darstellte. Als die beiden Freunde nach zwei Jahren heimkehrten, unterzogen sie sich mit Freuden der Aufgabe, weitere Wandgemälde für diese Kirche auszuführen. Sie arbeiteten mit sehr günstigem Erfolge und erhielten im Jahre 1855 den Auftrag, den Neubau der Börse von Antwerpen mit Wandgemälden zu schmücken, welche die Hauptperioden des Handels dieser Stadt darstellen sollten. Drei Jahre lang schufen sie mit vollem Eifer an diesem Werke und dachten es eben zu beendigen, als in der Nacht vom 2. zum 3. August 1858 in dem Gebäude der Börse ein Brand ausbrach, der dasselbe vollständig in Asche legte. Wohl hatten sie die meisten Cartons schon mit nach Hause genommen, aber gerade die beiden größten, auf die Hansa und auf Venedig bezüglichen waren mitverbrannt. Zum Glück besaßen sie von den letzteren noch die Photographien, so daß sie nach diesen später Staffeleigemälde anfertigen konnten. Noch in dem nämlichen Jahre besuchten sie im Auftrage der belgischen Regierung die erste historische Ausstellung deutscher Kunstwerke in München. Sie legten ihre Wahrnehmungen in einem trefflichen Berichte nieder und gaben die Anregung, durch eine Cartonausstellung dem belgischen Publicum einen Einblick in die Prachtschöpfungen eines Cornelius, Kaulbach und Schwind zu erschließen. Diese Ausstellung fand in Brüssel und Antwerpen statt und erzielte einen großartigen Erfolg. Swerts und Guffens erhielten den belgischen Leopoldorden. Die beiden Künstler, die in ihrem gemeinsamen Schaffen eine interessante Doppelindividualität darstellten – in der Kunstgeschichte ein in dieser Art kaum noch vorkommender Fall – wußten bei vielen ihrer Compositionen nachträglich fast selbst nicht herauszufinden, wer von ihnen dieses oder jenes Detail gezeichnet oder das Motiv dazu angegeben hatte. Sie schritten auch später gemeinsam zur Ausmalung der neuen St. Georgskirche in Antwerpen. Wie in der Kirche zu St. Nikolas, besorgten sie auch jetzt mit Farbe und Ornamenten die Wasserglasmalereien und die gesammte architektonische Decoration. Im Jahre 1862 befand sich auf der internationalen Ausstellung in München von Swerts „Der Empfang der venetianischen Gesandten in Antwerpen“, und 1864 begann er mit Guffens die Ausschmückung des Stadthauses in Ypern. Im Jahre 1874 wurde er Trenkwald’s Nachfolger in der Direction der Akademie der bildenden Künste in Prag. Er blieb in dieser Stellung auch als schaffender Künstler eifrig thätig. Seine bedeutendste Arbeit in dieser [27] Zeit war die Ausmalung der Annacapelle im St. Veitsdom zu Prag. Er lieferte mit dieser Schöpfung, an welcher er etwa zwei ein halb Jahr zubrachte, eines der schönsten Werke der Monumentalmalerei unserer Zeit und stellte sich ebenbürtig an die Seite eines Schwind, Führich, Steinle u. A. Der Freskencyclus an den Wänden stellt einzelne Momente aus dem Leben der h. Anna und der h. Jungfrau Maria dar, während im oberen Theile der Capelle die vier Hauptmysterien aus dem Leben Jesu unser Auge fesseln. Auch die mit Glasmalereien versehenen Fenster der Capelle sind eine Schöpfung unseres Künstlers. Er hat auf ihnen zahlreiche bedeutsame Gestalten des alten Testamentes zu einem ausdrucksvollen Gesammtbilde vereinigt. Die Malereien selbst sind in der trefflichen Glasmalereianstalt A. Neuhauser’s [Bd. XX, S. 254] ausgeführt worden. Außerdem lieferte er während der Zeit seiner Wirksamkeit in Prag viele treffliche Porträts meist angesehener Persönlichkeiten und arbeitete an dem Carton zu einem Gemälde, welches den Papst Leo XIII. darstellt, dem der Cardinal Erzbischof Fürst [BLKÖ:Schwarzenberg, Friedrich Johann Nepomuk Fürst|Schwarzenberg]] den Fischerring an den Finger steckt. Zu diesem Werke hat der Cardinal dem Künstler persönlich gesessen. Director Swerts, bereits seit längerer Zeit leidend, ging auf den Rath seiner Aerzte zur Erholung und zur Linderung seines Uebels nach Marienbad. Er sollte von dort nicht wiederkehren, sein Leiden verschlimmerte sich derart, daß er demselben nach wenigen Wochen im Alter von 59 Jahren erlag. Der Künstler wurde in Marienbad bestattet. Er scheint unvermält gewesen zu sein, denn die Kunstakademie, deren Vorsteher er war, erstattete die Anzeige von seinem Tode. Wenige Monate nach seinem Hingange kam eine Swerts-Ausstellung zu Stande, in welcher eine stattliche Reihe seiner großartigen Werke zusammengestellt und so ein Gesammtbild seiner künstlerischen Thätigkeit dem Beschauer vor Augen geführt wurde. Außer den bereits genannten Arbeiten sah man daselbst auch eine Sammlung von zehn Diplomen jener Genossenschaften und Vereine, welchen er als Ehrenmitglied angehört hatte, sowie kostbare als verkäuflich bezeichnete Kunstschätze aus seinem Nachlasse, wie z. B. herrliche Gobelins, kleine Renaissancekästen, Blenden mit Goldledertapeten u. m. Dadurch, daß Swerts die Ausstellung der Cartons deutscher Meister in Brüssel und Antwerpen veranstaltete und diese Kunstrichtung in Belgien bekannt machte, hat er sich ein großes Verdienst um die deutsche Malerei erworben. Als Künstler nimmt er eine hohe Stelle ein. In seinen früheren Werken zeigt er uns eine Farbenpracht und Harmonie wie sie de Keyser’s beste Werke auszeichnen. In seinen kirchlichen Fresken wohl Nachahmer des religiösen Kunststyls in Deutschland, ist er ein sicherer Zeichner, versteht trefflich zu gruppiren und zeigt sich immer glücklich in der Wahl der Stoffe. Franz Reber in seiner „Geschichte der neueren deutschen Kunst“ schreibt über Swerts und Guffens, welche so unzertrennlich verbunden sind, daß beide Namen beinahe zur untheilbaren Künstlereinheit geworden, daß sie, unbeeinflußt von dem coloristischen Aufschwunge ihrer Heimat, sich gleichwohl aller realistischen Bestrebungen enthielten und bei dem strengen Styl der Zeichnung und Composition der Italiener des Quatro- und Cinquecento in der Weise der deutschen Romantiker [28] und vorab eines Cornelius blieben. Naturgemäß war ihre Richtung dem Cultbilde und der Allegorie angemessener als die eines Wappers, und selbst monumentale Darstellungen aus dem Mittelalter, welche der modernen Anschauung zu ferne stehen, um in die volle Realität übertragen werden zu können, entfalteten sich entsprechender in der strengen Formbestimmtheit der beiden Meister. Leider ist ihr Hauptwerk profaner Richtung; die Ausmalung der Chambre de commerce an der Börse zu Antwerpen, an welchem sie drei Jahre lang ununterbrochen geschaffen, kurz vor Vollendung der Gemälde 1858 mit dem Gebäude ein Raub der Flammen geworden; doch geben die erhaltenen Cartons von der Gediegenheit der Composition Zeugniß. Es ist den Künstlern, wie unter den deutschen Nazarenern dem ihnen in religiösen Darstellungen verwandten Düsseldorfer Deger, gelungen, bei aller Strenge und Schlichtheit doch den modernen Ansprüchen so weit gerecht zu werden, daß dem Beschauer der Einblick einer gesuchten und bewußten Alterthümelei erspart bleibt.

Bohemia (Prager polit. und belletr. Blatt, 4°.) LII. Jahrgang, 12. August 1879, Nr. 220, S. 4. – Kölnische Zeitung 25. Jänner 1862: „Kunstberichte“. – Dieselbe, 10. October 1864, 2 Blatt: „Belgische Kunstausstellung. IV“. – Die Künstler aller Zeiten und Völker u. s. w. Begonnen von Professor Fr. Müller, fortgesetzt und beendigt von Dr. Karl Klunzinger und A. Seubert (Stuttgart 1864, Ebner und Seubert, gr. 8°.). Erste Auflage, Bd. III, S. 638 und Anhang, S. 418. – Oesterreichische Kunst-Chronik. Herausgegeben und redigirt von Dr. Heinrich Kábdebo (Wien, 4°.) I. Jahrg. (1878), Nr. 4, S. 58: „Prager Dom“. – Dieselbe, II. Jahrg. (1879), Nr. 11, S. 170: „Die Swerts-Ausstellung“. – Indépendance belge, 26 août 1854, im Feuilleton: „Exposition nationale des beaux arts“. – Reber (Franz Dr.), Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873. Mit Berücksichtigung der gleichzeitigen Kunstentwicklung in Frankreich, Belgien, Holland, England, Italien und den Ostseeländern (Stuttgart 1876, Meyer und Zeller, gr. 8°.) S. 602.
Votivtafel zum Andenken J. Swerts’. Der böhmische Kunstverein ließ in der Capellenwand der St. Annacapelle im Prager Dome eine Votivtafel einmauern mit folgender Inschrift: „D. O. M. Ao. MDCCCLXXIX societas fovendis per Bohemiam artibus occupata altare in honorem sanctae Matris Annae erigi parietesque una cum fenestra picturis exornare curavit opera Josephi Mocker architecti Joannis Swerts pictoris Ludovici Simek sculptoris“. – Auch soll dem Künstler in seiner Vaterstadt Antwerpen in der von ihm in Gemeinschaft mit seinem Freunde Gottf. Guffens ausgemalten St. Georgen-Capelle eine Gedächtnißtafel errichtet, zugleich aber in der dortigen Akademie seine Marmorbüste zum ehrenden Gedächtnisse aufgestellt werden.