BLKÖ:Tenger, Mariam

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 43 (1881), ab Seite: 278. (Quelle)
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Tenger, Mariam (Romanschriftstellerin, geb. auf dem elterlichen Gute im Warasdiner Comitate Croatiens am 8. December 1821). Unter diesem Pseudonym birgt sich eine Schriftstellerin, deren wahren Namen Herausgeber dieses Lexikons wohl kennt, aber nicht enthüllen darf. Die Tochter eines in Croatien begüterten ungarischen Edelmannes, der Vicegespan des Warasdiner Comitates war, erhielt die in Rede Stehende ihren ersten Unterricht im Ursulinerinenkloster zu Warasdin und ihre spätere Ausbildung in dem durch gediegenes Erziehungssystem allgemein gerühmten Pensionat der Baronin Dreger-Menshengen in Wien. Hierauf lebte sie abwechselnd in Ungarn und Siebenbürgen bei Verwandten, in ultramagyarischen und französischen Anschauungen befangen, und hatte Gelegenheit, Charaktere aller Art ihres Volkes zu studiren, welche uns später in ihren Werken in anschaulichster Treue entgegentreten. Ihren Vater verlor sie in früher Jugend. Der als militärischer Schriftsteller und Dichter gleich begabte Oberst von Pannasch [Bd. XXI, S. 262] mit seiner feingebildeten Gattin und einige hervorragende sächsische Gelehrte übten später den ersten geistig läuternden Einfluß auf sie aus. Nach der ungarischen Revolution wählte sie mit ihrer Mutter Wien zu dauerndem Aufenthalte. Hier lernte sie in einem österreichisch gesinnten ungarischen Kreise hervorragende Dichter und Künstler kennen und wurde mit Adalbert Stifter [Bd. XXXIX, S. 13] und dem Bildhauer Hans Gasser [Bd. V, S. 92] näher befreundet. Der [279] Erstere war es besonders, welcher sie zu schriftstellerischer Thätigkeit ermunterte. Aber erst in reiferem Alter und nach dem Tode der Mutter suchte und fand Mariam Tenger Trost und Erhebung auf diesem Wege. Sie lebte seitdem abwechselnd in Berlin, in geistig verwandten Kreisen, und begab sich auch viel auf Reisen. In ihren ungarischen Romanen tritt sie entschieden für das deutsche Culturelement in Ungarn auf. [Wir verweisen hierüber auf die Quellen.] Sie hat bisher im Buchhandel herausgegeben: „Anna Dalfy“, drei Theile (Berlin 1862, Janke, gr. 16°.); – „Das Fest auf Árpádvar. Roman“, zwei Theile (ebd. 1870, „Hausfreund“-Expedition, 8°.); – „Ungarische Erzählungen. I. Der letzte Capy. II. Eszther Zivatar. III. Honképek“, d. i. Heimatbilder, enthält die zwei Novellen; „Die kleine Weberin“ und „Die rothe Schnur“; „So reich und doch so arm“, „Reisebilder aus Siebenbürgen und Ungarn“ (Prag, Verlag der „Bohemia“), in der von der Verlagsanstalt der „Bohemia“ unter dem Titel: „Interessante Gestalten“ erschienenen Romansammlung; – „Drei Cassetten. Roman“, vier Bände (ebd. 1874, Verlag der „Bohemia“, 8°.); – „Der Koppenteufel. Eine Geschichte aus Maria Theresias Zeit“ (Berlin 1875, Wedekind und Schwieger, 8°.); – „Bischof und König. Historische Novelle aus Friedrichs des Grossen Zeit“ (Berlin 1875, ebd., 8°.); – „Sophie von Hohem. Aus den Papieren der Frau von Br. sen.“, zwei Bände (Berlin 1875, ebd., 8°.); – „Die Papiere des Caplans. Roman“, zwei Bände (Berlin 1876, ebd., 8°.); – „Der Amuletmann. Siebenbürgischer Roman in zwei Bänden“ (Stuttgart und Leipzig 1879, Ed. Hallberger, 8°.). Außerdem kamen von ihr kleinere Novellen und Skizzen zerstreut in verschiedenen Blättern heraus, und zwar: „Beim Dichter der Studien“, in der Keil’schen „Gartenlaube“, 1868, Nr. 8; – „Meister Hans. Blätter aus einem zugeklappten Buche“ (den Bildhauer Hans Gasser betreffend), ebd. 1868, Nr. 28; – „Eine Schülerin Beethoven’s“, in Wachenhusen’s „Hausfreund“, Jänner 1876; – „Der Glöckner von St. Dièze. Novelle“, in der „Belletristischen Correspondenz“ des „Daheim“, 1876; – „J. A. T. A. Novelle“ und „Han Kuljevich. Novelle“, in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, März 1877 und August 1878; – „Die ungarischen Zigeuner und ihre Musik. I. –IV.“, in der Sonntagbeilage der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, 1879, Nr. 26 und 27; – „Van Swieten’s Histörchen“, in der „Elsaß-Lothringen’schen Zeitung“, 1880, Mai. Mariam Tenger (Tenger ist ein ungarisches Wort und bedeutet das Meer) schildert Land und Leute in Ungarn, letztere in den interessanten Stammesverschiedenheiten und der gesellschaftlichen Stellung wahrheitsgetreu und in unbefangener Weise; sie erörtert unumwunden die Schattenseiten in den verschiedenen Schichten der Bevölkerung; sie bekämpft lebhaft die Ungerechtigkeit ihrer Landsleute gegen das deutsche Element namentlich in Siebenbürgen und führt mit Wärme und Ueberzeugung das Wort deutschem Unterricht, deutscher Erziehung. Durch die Werke dieser Dame geht wie ein rother Faden der sittliche Zug unantastbarer Anerkennung der Cultur, die über allen nationalen Phrasen steht, hinter welchen sich meist Rohheit und Chauvinismus bergen. Dabei schreibt sie einen Styl, einfach, aber markig und abgerundet, der mit der Plastik ihrer aus dem Leben genommenen Gestalten Hand in Hand geht.

Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta) [280] 26. Mal 1879, Nr. 146: „Deutschfreundliche ungarische Dichter“. – Magazin für die Literatur des Auslandes (Leipzig, 4°.) 1874, S. 280 u. f.: von R. Badewitz.
Zur Charakteristik der Romane von Mariam Tenger. Bei Gelegenheit einer Charakteristik deutschfreundlicher ungarischer Schriftsteller schreibt die „Allgemeine Zeitung“, diese nicht katzenbuckelnde und schweifwedelnde, sondern unbefangene und ehrliche Vertreterin des Deutschthums, auf welchem Winkel der Erde sich dasselbe befindet, über Mariam Tenger: „Diese Freundin Adalbert Stifter’s, dessen interessante Briefe in dem von Heckenast veröffentlichten Briefwechsel erschienen sind, hat in einer ganzen Reihe von Romanen und Culturbildern Land und Leute in Ungarn mit solcher Treue gezeichnet, daß viele Persönlichkeiten sich in ihren Abbildern wieder erkannten. Obwohl Vollblut-Magyarin, legte sie doch in den Vorreden ihrer Bücher das offene Geständniß ab, daß die ungarische Culturwelt auf deutschen Grundelementen ruhe. Sie sagt geradezu: „Ich liebe die hervorragenden politischen und socialen Tugenden meiner Landsleute, aber ich kann mich dem Wahne nicht hingeben, daß das Magyarische bestimmt sei, sich auf dem Felde der Wissenschaft und Kunst, wie der Staatswirthschaft, ausschließlich zur Geltung zu bringen und die Cultursprache in Ungarn zu bilden! Dem Deutschen muß die bisherige hohe Bedeutung in der Culturentwicklung auch für die Zukunft erhalten bleiben. Ich habe daher mit Vorliebe neben den edlen magyarischen Gestalten, neben den poetischen Erscheinungen der Puszta, das sächsische Wesen und dessen Träger behandelt. Der sächsische Stamm hat längst angefangen, aus seiner Abgeschiedenheit herauszutreten und sein eigentümliches Element mit dem ungarischen zu verschmelzen. Wir aber müssen die deutschen Fäden, wie die slavischen, als innige Vermittler des Verbandes im Kaiserstaate hegen und pflegen, nicht unterdrücken. Ist doch unser Symbol der gemeinsame Wahlspruch unseres Königs: „Viribus unitis“. Dieses Glaubensbekenntniß M. Tenger’s hat ihren Landsleuten bisher nicht gefallen. Sie hat sich deshalb ihre Verleger in Prag, Berlin und Stuttgart suchen müssen. [Das beklagen wir nicht im Geringsten, weil wir ein Buch mit den Verlagsfirmen der genannten Städte doch mit ganz anderen Empfindungen zur Hand nehmen, als wenn Szegedin, Kecskemét, Kaschau u. s. w. als Verlagsort auf dem Titelblatte stünde.] Die Verfasserin scheint ihre Jugend meist in Siebenbürgen verlebt zu haben und hat dort die Verhältnisse der Sachsen, des Szekler Adels und der Szekler Bauern, wie die verschiedenen Lebens- und gesellschaftlichen Beziehungen genau kennen gelernt. Die culturgeschichtlichen Einblicke, welche M. Tenger’s Schriften bieten, verdienen es wohl, daß die „Allgemeine Zeitung“ Notiz von dieser Schriftstellerin nimmt: Ihre reichen Lebenserfahrungen, wie ihre Darstellungsgabe, reihen ihre Arbeiten würdig denen von Eötvös, Jósika und Jókai an. Bis zum Ende der Dreißiger-Jahre reichen ihre frischen Erinnerungen hinauf, und sie hat die Hauptwandlungen und Hauptereignisse der folgenden Jahrzehnte inmitten der Begebenheiten verlebt. Sie hat offenbar von frühester Jugend an sich in der höheren Gesellschaft bewegt und stets die zahlreichsten Anknüpfungspunkte in derselben gehabt. Széchenyi und Wesselényis sind ihre Ideale; – mit dem kleinen Advocaten, welchen die Volksbewegung so hoch erhob – mit Kossuth, hat sie sich nie befreundet. Ihre Schilderungen behandeln vorzugsweise die Glanz- und Schattenseiten jener Kreise, während Jókai, bei aller Vielseitigkeit, doch gerade das Leben der mittleren und unteren Volksschichten mit besonderer Vorliebe und Meisterschaft behandelt und mit seiner Fruchtbarkeit auf schöngeistigem Gebiete neben seiner großen politischen Thätigkeit Staunen erregt. Deutschland ist dieser edlen Magyarin, die wir leider nur unter dem deutschen Pseudonym kennen, die unsere Sprache trefflich handhabt und mit so großer Ausdauer für das deutsche Wesen in ihrer Heimat auftritt, gewiß Anerkennung und den Wunsch schuldig, daß sie recht bald noch mehr aus der Isolirung durch Kritik gleichgesinnter Schriftsteller befreit werde, und daß ihre Anschauungen in ihrer Heimat fruchtbaren Boden finden. Sie können für Oesterreich nur segensreich werden.“