BLKÖ:Eötvös, Joseph Freiherr

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Enyetter, Andreas von
Band: 4 (1858), ab Seite: 55. (Quelle)
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Eötvös, Joseph Freiherr[BN 1] (Staatsmann und Dichter, geb. zu Ofen 13. Sept. 1813). Besuchte die unteren Schulen zu Ercsi u. Ofen u. hörte Philosophie und Rechtswissenschaft 1826–31 auf der Pesther Hochschule. 1833 wohnte er dem Landtage bei, 1834 wählte ihn das Weißenburger Comitat zum Vicenotar, 1835 wurde er Concipist bei der ungarischen Hofkanzlei und 1837 Assessor bei der Eperieser Districtstafel. Hier endet seine amtliche Laufbahn. In diese Zeit fallen auch mehrere Reisen, auf welchen er Deutschland, die Schweiz, England, Belgien u. Frankreich besuchte, seine gediegene Schulbildung durch eigene Anschauungen vervollständigte, und jenen Reichthum von Ideen und Kenntnissen in sich aufnahm, den er später in allen seinen Schriften offenbarte. Schon 1830 betrat er die schriftstellerische Laufbahn. Sein erstes Werk ist die Uebersetzung des „Götz von Berlichingen“ von Goethe. Diesem folgten „Bosszu“, d. i. Rache, Drama in 5 Acten, das erst später gedruckt wurde; – 1835 die Schauspiele: „Házasulók“, d. i. Die Freier, und „Angelo“ (letzteres auch Uebersetzung). Die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich ihm zu, als 1838 seine Flugschrift: „Vélemény a fogházjavitás ügyében“, d. i. Gutachten über die Gefängnißreform, deutsch von H. Klein (Pesth 1842, gr. 12°.), worin er das Schweigsystem gegen das Zellensystem vertheidigte, und dann 1838–41 sein Roman: „Karthausi“, d. i. Der Karthäuser, deutsch von Herm. Klein, 2 Bde. (Pesth 1841, gr. 8°.) erschien, den er zuerst im Pesth-Ofner Ueberschwemmungsbuche („Budapesti árvizkönyv“) veröffentlichte. Schon 1835 hatte ihn die ungar. Akademie zum correspondirenden Mitgliede ernannt, nun, 1839, zeichnete sie ihn durch Ernennung zum Ehrenmitgliede aus und übertrug ihm die akad. Gedächtnißrede auf den Dichter Kölcsei. Der Karthäuser ist das erste Werk in ungarischer Sprache, worin die Prosa in einer Weise blühend und schwungvoll gehalten ist, wie sie kein anderes Werk vor dem aufzuweisen hat. Der Roman fand auch Verbreitung und Anerkennung im Auslande. Eine einflußreiche und energische Thätigkeit entfaltete E. auf dem Felde der Publizistik. Ein Reichthum an Kenntnissen, nicht blos aus Büchern, sondern aus Anschauungen und gründlicher Einsichtnahme an Ort und Stelle geschöpft und so zu sagen praktisch durchgearbeitet, befähigte ihn ganz besonders zu jener staatswissenschaftlichen Thätigkeit, in welcher um jene Zeit mehrere tüchtige Talente in Ungarn auftauchten. In der „Budapesti Szemle“, d. i. Pesth-Ofner Revue, erschienen die Abhandlungen: „A szegénység Irlandban“, d. i. Der Pauperismus in Irland (1840) und „A zsidók emancipatiója“, d. i. Die Emancipation der Juden. In seiner Flugschrift: „Kelet népe és Pesti Hirlap“, d. i. Das Volk des Orients und die Pesth-Ofner Zeitung, widerlegte er den Grafen Steph. Széchenyi und trat damals als Vertheidiger Kossuths auf; auch war er der thätigste und bedeutendste Mitarbeiter des „Pesti Hirlap“, damaligen öffentlichen Organs der Opposition. Seine in diesem Blatte enthaltenen Leitartikel erschienen später gesammelt unter dem Titel: „Reform“ (Leipzig 1846). Im J. 1847 veröffentlichte er eine neue Folge von Artikeln unter dem Titel: „Teendőink“, [56] d. i. Unsere Aufgabe, und wurde alsbald als das Haupt der Opposition und der von ihr bezweckten Reform angesehen. Während dieser Thätigkeit als Publizist und seit 1840 als Mitglied des Landtags im Oberhause, worin er besonders als Redner glänzte, pflegte er auch mit Vorliebe das schöngeistige Gebiet und schrieb mehrere Romane und Lustspiele. 1846 erschien sein Tendenzroman: „Falu jegyzője“, d. i. Dorfnotar, deutsch von Graf Mailath in 3 Bänden (Leipzig 1846, 2. Aufl. 1851, 8°.), worin ähnlich wie in „Oncle Toms Hütte“ die Greuel der Sclaverei, die im alten Municipalleben wurzelnden Mißbräuche mit Treue und in echt dichterischer Weise geschildert werden; auch dieser Roman zog die Aufmerksamkeit des Auslandes, insbesondere Englands auf sich und machte in der Heimat großes Aufsehen, weil er auf mittelbarem Wege die Unhaltbarkeit aller den Verhältnissen der Zeit längst nicht mehr entsprechender Uebelstände nachwies. In dem darauf folgenden Roman: „Magyarország 1514-ben“, d. i. Ungarn im Jahre’ 1514, deutsch von Ad. Dux in 3 Bdn. (Pesth 1850, gr. 8°.), worin E. den Dozsa’schen Bauernaufstand sich zum Vorwurf nahm, betrat er das Gebiet des historischen Romans. So hatte E. in der Richtung des Romans nach zwei Seiten hin, der socialen im „Dorfnotar“ und der historischen in „Ungarn im Jahre 1514“ die Befreiung des Unterthans und dessen Einreihung als sittliches Glied in den Staatsverband eingeleitet, sich selbst aber als Schriftsteller und Dichter bewährt, ebenso reich an neuen und zeitgemäßen Ideen, als an philosophischem Geiste und Scharfblicke. Unter seinen dramatischen Arbeiten geißelt das Lustspiel: „Éljen az egyenlöség“, d. i. Es lebe die Gleichheit, mit Humor die Schwächen der Zeit und zählt zu den besten Arbeiten dieser Act in der magyarischen Literatur. Wie bereits bemerkt worden, betrat E. im Jahre 1840 die Reichstagstribune; seine öffentliche und schriftstellerische Thätigkeit liefen parallel, eine ergänzt die andere. E. war Mitglied des Oberhauses; seine Versuche, im Unterhause aufgenommen zu werden, namentlich im Jahre 1847, blieben erfolglos. Das Jahr 1848 sah ihn als Kultusminister in Ungarn, als welcher er sich mit Männern wie Karl Szász, Szönyi, Andreas Papp u. A. umgab. Auch führte er an die Stelle des bisherigen Classenunterrichtes den Fächerunterricht ein, erhob die Religion zum besondern Lehrgegenstande, beabsichtigte die Aufhebung der Convicte und brachte im August 1848 seinen die Reform des Unterrichtes in Ungarn betreffenden Gesetzvorschlag vor das Repräsentantenhaus. Nach der blutigen entsetzlichen Katastrophe des 28. Sept. (Ermordung des Grafen Lamberg auf der Pesther Brücke) reiste er zuerst nach Wien, später mit der ganzen Familie nach München. Daselbst lebte seine Schwester an einen Grafen von Viereck vermält. Dort in Zurückgezogenheit setzte er seine schriftstellerische Thätigkeit fort und gab zuerst anonym die Schrift: „Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in Oesterreich“ (Pesth 1850, zweite Auflage mit des Verf. Namen, Ebenda 1851, gr. 8°.) heraus, deren Ausgangspunct die „Centralisation der Politik und die Decentralisation der Verwaltung in jedem Lande der Monarchie“ bildet. Bald darauf folgte sein großes staatsphilosophisches Werk: „A XIX. század uralkodó eszméinek befolyása a Társadalomra“ (Wien 1851, Jasper Hügel und Manz IV, 473 S., gr. 8°.). [Vergl. darüber Athenäum français 1856, Nr. 29 (vom 19. Juli) von Louis Enault], wovon zu gleicher Zeit eine deutsche Bearbeitung unter dem Titel: „Der Einfluss der herrschenden Ideen des 19. Jahrhunderts auf den [57] Staat“ (Ebenda, gr. 8°.) erschien, womit E. ein neues Gebiet in seiner Entwicklungsphase betrat, nämlich das staatsphilosophische und sich als tiefen Denker bewährte. Im J. 1855 wurde E. zum Vicepräsidenten der ungar. gel. Akademie in Pesth gewählt und seine Wahl höchsten Ortes bestätigt.

Vasárnapi ujság, d. i. Sonntagszeitung (Pesth, 4°.) 1855, Nr. 39: „Báró Eötvös József“ [mit Porträt im Holzschnitt]. – Ujabb kori ismeretek tára, d. i. Ungar. Conversations-Lexikon der neueren Zeit (Pesth 1850, Heckenast) II. Bd. S. 58–71 [nach diesem geb. 3. Sept. 1813]. – Estike. Évkönyv 1855-re kiadja Szigmund Vilmos, d. i. Estike. Jahrbuch auf 1855, herausgeg. von S. Vilmos (Pesth, Müller, 4°.) I. Jahrg. 2. Hft. S. 55. – Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jakob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1846, Gust. Emich) S. 120 [nach diesem geb. 13. Sept. 1813]. – Csengery (Anton), Ungarns Redner und Staatsmänner (Leipzig u. Wien 1852, Manz, 8°.) II. Bd. S. 274–322. [Diese von Csengery selbst verfaßte eingehende Charakteristik schildert den Dichter, Redner, Staatsmann und Denker. Er bemerkt: „Was im Staatsmanne vielleicht als Fehler zu betrachten kommt, das bildet bei ihm das Email des dichterischen Gemüthes. Der Schriftsteller aber besitzt in ihm keine jener Schwachheiten die er als Staatsmann an den Tag legte.“ – „Wie in der Literatur, so hat der Humor E. auf seiner politischen Laufbahn, ja sogar im gewöhnlichen Leben niemals verlassen.“ – Eötvös aber schreibt in einem seiner Briefe: „Außer dem Kreise meiner Frau und meiner Kinder gibt es noch kaum ein Lebensverhältniß, das mir nicht verbittert worden wäre.“] – Der Pester Bote. Großer gemeinnütziger Kalender f. 1857 (Pesth, Länderer u. Heckenast, 4°.) III. Jahrg. S. 76. – Levitschnigg (Heinr. Ritter v.), Kossuth und seine Bannerschaft (Pesth 1850, Heckenast, 2 Bde.) I. Bd. S. 232–239 [charakterisirt ihn: „Romandichter ersten Ranges, Publicist von gleicher Größe, Parlamentsredner von europäischer Tüchtigkeit, vielseitig gebildeter Staatsmann, etwas Schwärmer daneben, sein Geist trägt zudem ein noch liebenswürdiger machendes Schönheitspflästerchen eines gewissen Aberglaubens“]. – Zur Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes. Authentische Berichte (Leipzig 1851, Arnold, 8°.) I. Bd. S. 109. – Kertbény (K. M.), Album hundert ungr. Dichter (Dresden und Pesth 1854, 16°.) S. 496, 104 u. 163 [nach diesem geb. 1813]. – Sonntagszeitung (Pesth, 4°.) 1856, II. Jahrg. Nr. 18, S. 140: „Joseph Freih. v. Eötvös, Vicepräsident der ungarischen Akademie“ [mit Porträt in Holzschnitt]. – Neuer Plutarch. Bildnisse und Biographien (Pesth 1850 u. f., Hartleben, gr. 8°.) 25. Liefg. – Nouvelle Biographie générale ... publiée sous la Mr. de Mr. le Dr. Hoefer (Paris 1852) XVI. Bd. Sp. 98. – Wanderer (Wiener Blatt, Fol.) 1850, Nr. 30. – Meyer (J.), |Das große Conversations-Lexikon (Hildburghausen 1842, Bibl. Inst., Lex. 8°.) III. Suppl. Bd. S. 404 [nach diesem geb. 3. Sept. 1813]. – (Brockhaus) Conversat.-Lexikon (10. Aufl.) V. Bd. S. 541. – Porträte. 1) Unterschrift: Facsimile des ganzen Namens: B. Eötvös József. Rajz Barabás. Metsz Mahlknecht. (Stahlstich nach einer Zeichnung von Barabás, gest. von Mahlknecht in Wien, 8°.). – 2) Auf dem ersten der zwei großen Blätter: Magyar irók arczképcsarnoka, gezeichn. von Barabas. Im Medaillonformat. Ober dem Kopfe: B. Eötvös József. – 3) Unterschrift: Eötvös József Királyi Tanácsos és a’ Pesti Megyei Csász. Kir. Törvény Szék Elnökének tisztelet és emlék jelül a’ Pesti Megyei Cs. K. törvényközési személyzet. Barabas Nyomt. Walzel A. F. Pesten 1852, kl. Fol.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Eötvös, Joseph Freiherr [Bd. IV, S. 55], gest. zu Pesth 3. Februar 1871.
    Neue freie Presse 1865, Nr. 273 u. 276: „Eötvös über die Nationalitätenfrage“; Nr. 325; „Eötvös über und gegen ein gemeinsames Parlament“; Nr. 326: „Replik an Eötvös“; Nr. 346: „Eötvös für ein deutsches Parlament“; Nr. 396: „Die Wahlrede des Freiherrn von Eötvös“; 1867, Nr. 961: „Eötvös und die Kirche“; 1868, 4. Februar: „Eötvös interconfessioneller Gesetzentwurf“; 1871, Nr. 2314, im Feuilleton: „Jos. Freih. v. Eötvös“; Nr. 2555: „Wie man Concipist wird“; 1872, Nr. 2643: „Aus Eötvös’ Leben“; Nr. 2734: „Briefe von Eötvös“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1871, Nr. 38–41 u. 47, Nachrichten über seinen Tod, über seine Bestattung, Nekrolog, Handschreiben Sr. Majestät an die Witwe u. dgl. m. – Pester Lloyd (polit. Blatt, Fol.) 1864, Nr. 157: „Ueber die von dem Freiherrn v. Eötvös zusammengestellte Gallerie der ungarischen Oberlandesrichter“. – Constitutionelle Volks-Zeitung (Wien, Fol.) 1867, Nr. 16: „Joseph Freiherr von Eötvös“ [mit Bildniß im Holzschnitt]. – Die Leitha (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 9 im Feuilleton. – Die Dioskuren. Literarisches Jahrbuch des ersten allgemeinen Beamten-Vereins der österreichisch-ungarischen Monarchie (Wien, Rosner, Lex. 8°.) I. Jahrg. (1872), S. 325: „Joseph Freiherr von Eötvös. Biographisches Fragment“, von Falke von Lilienstern, und S. 347: „Literarischer Nachlaß“. – Franz Pulszky gab 1871 eine Broschüre, betitelt: „Babérlombok Báró Eötvös Jozsef müveiből“, d i. Lorbeerblätter aus den Werken des Baron Jos. Eötvös“, heraus. – Wyatt (Capitain W. J.), Hungarian celebrities (London 1871, Longmans, Green and Co., 8°.) p. 137. [Bd. 24, S. 404.]