BLKÖ:Levitschnigg, Heinrich Ritter von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 15 (1866), ab Seite: 31. (Quelle)
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Levitschnigg, Heinrich Ritter von (Poet, geb. zu Wien 25. September 1810, gest. ebenda in der Nacht vom 24. auf den 25. Jänner 1862). Sein [32] Vater war Rechtsgelehrter und ein wohlhabender Mann, der im Jahre 1815 geadelt, im Jahre 1818 aber als Herrschaftsbesitzer wegen Beförderung des Wohlstandes seiner Unterthanen zu Ober-Stinckenbrunn und Stetten mit dem Prädicate von Glomberg in den Ritterstand erhoben worden. L. verlor seinen Vater durch den Tod, als er 15 Jahre alt war. Nach beendeten philosophischen Studien wollte L. in die orientalische Akademie treten, erhielt aber leider keinen Stiftsplatz. Unmuthig über eine vereitelte Lieblingsidee, begann er das Studium der Rechte, vertauschte es aber nach zwei Jahren mit jenem der Medicin, der er schon in Jahresfrist den Rücken kehrte, worauf er im Jahre 1830 als Cadet in das Dragoner-Regiment König Ludwig von Bayern eintrat. Anfänglich in Ungarn stationirt, kam er im Frühjahre 1831 nach Italien. Dort machte er bald eine Convention, in Folge welcher er gegen Erlag einer Summe von 2400 fl. mit Ueberspringung der Fähnrichscharge als Unterlieutenant in das 3. Oguliner Grenz-Regiment kam. Am 16. Jänner 1832 war L. in das Regiment eingetreten und bis 16. Juli 1834 darin geblieben, worauf er den Dienst, dessen Monotonie an der Grenze er überdrüssig geworden und nachdem er vergebens eine Uebersetzung in ein Linien-Infanterie-Regiment erbeten, mit Beibehalt der Officierscharge quittirte. Nun that sich L. in Wiens gebildeteren Kreisen um, lernte im Jahre 1825 in Neuner’s sogenanntem Café littéraire Oesterreichs beste Dichter, Bauernfeld [Bd. I, S. 186], Grillparzer [Bd. V, S. 338], Grün [Bd. I, S. 86], Lenau, kennen und trat in Witthauer’s „Wiener Zeitschrift“ mit graciösen Liebesgedichten und prächtigen Ghaselen zum ersten Male in die Oeffentlichkeit. Durch Feuchtersleben [Bd. IV, S. 210] und Chr. Wilhelm Huber [Bd. IX, S. 374, Qu. Nr. 3], den damaligen k. k. Consul in Alexandrien, wurde L. in die Dichtungen des Morgenlandes eingeführt, welche eine nachhaltige Wirkung auf seine eigene Dichtungsweise übten. Der im December 1836 erfolgte Tod seiner Mutter brachte L. in eine sehr traurige Lage. Er hatte sich bisher für wohlhabend gehalten und nun stellte sich ein so gesunkener Vermögensstand heraus, daß er so zu sagen der Noth und Sorge Preis gegeben war. In dieser traurigen Lage fand er an M. G. Saphir den Mann, der ihm hilfreich die Hand bot und den jungen talentvollen Poeten unter seine Mitarbeiter aufnahm. Bis 1843 blieb er in dieser Thätigkeit und es waren dieß, wie sein Biograph treffend bemerkt, seine „sieben fetten Jahre“, reich an Gedichten, Erzählungen, Kritiken und anderen belletristischen Aufsätzen, alles mit sichtlicher Liebe entworfen und ausgeführt und nirgends der Schweiß des unfreiwilligen Frohndienstes erkennbar, wie an den meisten ähnlichen Ephemeriden der Journalistik. Eine im Jahre 1842 erschienene Sammlung vermischter Gedichte fand von Seite der Kritik und des Publicums eine so günstige Aufnahme, daß L. seit dieser Zeit unter den hervorragenden Gestalten des österreichischen Parnasses genannt wurde, obgleich es schon damals nicht an heftigen Angriffen fehlte, die ihm diese Stelle streitig machten. Im März 1845 nahm L. einen Antrag, bei der Redaction der Pesther Zeitung einzutreten, an, er redigirte auch das Feuilleton derselben bis zum Abmarsche der Kaiserlichen im April 1849. Nun privatisirte er einige [33] Zeit in Pesth und arbeitete an seinem Werke über „Kossuth und seine Bannerschaft“, welches interessante Einblicke in das innerste Treiben der ungarischen Revolution gestattet und wie sehr auch der groteske, durch den herbeigenöthigten Parallelismus mit der ersten französischen und mit der Juli-Revolution überladene Styl nicht selten störend auf den Leser einwirkt, doch für den späteren Geschichtsschreiber dieser denkwürdigen Ereignisse eine reiche, nicht zu übersehende Fundgrube von mitunter wichtigen Einzelheiten bildet. Von Pesth begab sich L. nach Wien, wo er fortan von schriftstellerischen Arbeiten lebte. Seine Versuche auf dramatischem Gebiete – wenngleich er mit dem oftgegebenen „Tannhäuser“ einen glücklichen Wurf gethan – blieben im Wesentlichen ohne Erfolg. Glücklicher war er im Roman und in der Erzählung, wo er für seine Arbeiten ein dankbares Publicum fand, ohne jedoch Kunstwerke, sondern vielmehr Brotarbeit zu schaffen. In der letzteren Zeit führte er die Redaction des politisch-satyrischen Journals „der Zeitgeist“, welches mit seinem Tode zu erscheinen aufhörte. Levitschnigg hat in chronologischer Folge nachstehende Werke erscheinen lassen: „Rustan, romantisches Gedicht in vier Gesängen“ (Stuttgart 1841, Metzler, 8°.); – „Gedichte“ (Wien 1842, Pfautsch und Voß, mit dem Bildniß des Dichters, 8°.); – „Ein Märchen“ (Gedicht) (Pesth 1846, Heckenast, 12°.); – „West-Oestlich, Gedichte“ (Wien 1846, Mörschner’s Witwe und Bianchi, Min. Ausg.), enthält vermischte Gedichte, epische Dichtungen, darunter „die letzte Fee“, „Nadar“ und „Jubal“; – „Kossuth und seine Bannerschaft. Silhouetten aus dem Nachmärz in Ungarn“, 2 Bände (Pesth 1850, Heckenast, 8°.), dessen Bedeutsamkeit schon oben ausgesprochen wurde; – „Brennende Liebe. Zwei Sträusse Gedichte“ (Wien 1852, Greß, 2. Auflage 1853, 16°.), ein Gedichte-Cyklus (wohl derselbe) unter gleichem Titel war bereits in „West-Oestlich“ abgedruckt; – „Soldatenfibel“ (Wien 1852, Greß, 2. Aufl. im näml. J., 16°.); – „Die Geheimnisse von Pesth“, 4 Bände (1. u. 2. Auflage, Wien 1853, Greß); – „Die Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei. Roman“ (Pesth 1853, Heckenast, gr. 8°.); – „Der Diebsfänger“, 2 Bände (Wien 1860, typ.-lit.-artist. Anstalt, 8°.); – „Wien wie es war und ist. Federzeichnungen“ (ebd. 1860, Hartleben, 8°.); – „Turandot. Nüsse zum Aufknacken für schöne doch feste Zähne. Eine Sammlung von 300 neuen Räthseln, Charaden, Homonymen“ (Pesth und Wien o. J. [1860], Hartleben, 16°.); – „Der Schachmeister. Handbuch zum Selbstunterricht im Schachspiele mit Schachpartien“ (Pesth o. J. [1861], Hartleben, 8°.); – „Der Gang zum Giftbaum. Roman“, 2 Bände (Wien 1862, typ.-lit.-artist. Anstalt, 8°.), bildet auch das 23. bis 30. Heft des II. Jahrganges der im nämlichen Verlage erscheinenden „Roman-Bibliothek“; – „Die Leiche im Koffer oder ein zweiter Blondin von Namur. Roman“, 2 Bände (ebd. 1863, 8°.), bildet das 13. bis 21. Heft des III. Jahrganges der im nämlichen Verlage erscheinenden „Roman-Bibliothek“. Außerdem erschienen in der von L. Foglar herausgegebenen Sammlung: „Verworfene Schauspiele“ (Pesth 1847, Heckenast), zwei Trauerspiele von L.: „Lord Byron“ und „Löwe und Rose“, welche beide jedoch nicht zur Aufführung kamen; glücklicher war er mit dem schon erwähnten Zauber- und Ausstattungsstücke „Tannhäuser“, das viele Aufführungen in Wien erlebte. Aus seinem Nachlasse erschien: „Leier und Schwert. Eine Zukunfts-Novelle“ [34] (Wien 1864, typ.-lit.-artist. Anstalt, 8°.). Was mit seinem Heldenliede „Hunyady“, in der Form wie A. Grün’s letzter Ritter, geschehen, welches druckfertig war und eben in die Presse wandern sollte, als die Märztage anbrachen, in Folge deren es begreiflicherweise ungedruckt blieb, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. Schließlich sei noch bemerkt, daß die schönen Verse der Zelia in Told’s „Zauberschleier“, der über 400 Mal im Josephstädter Theater Wiens gegeben worden, Levitschnigg, welcher sie auf Told’s Bitte schrieb, ihr Entstehen verdanken. Ein Urtheil über seine Schriften enthalten die Quellen. Daß es ihm in letzterer Zeit ziemlich schlecht gegangen sein mag, dafür spricht der Umstand, daß er, der Dichter des „Rustan“ und der „brennenden Liebe“, ein Räthsel- und Schachbuch herauszugeben gezwungen war.

Album österreichischer Dichter (Wien 1850, Pfautsch u. Voß, 8°.) I. Serie, S. 448 u. f.: „Biographische Skizze Levitschnigg’s“ von Ludwig Foglar. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. vom 27. Jänner. – Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien, kl. Fol.) I. Jahrg. (1862), S. 51. – Wiener Zeitung 1862, Abendblatt Nr. 27 [in H(ieronymus) L(orm’s) „Arabesken des Tages“]. – Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1862, Nr. 25. – Harmonia (Oedenburger Localblatt) 1862, Nr. 12. – Gratzer Tagespost 1862, Nr. 22. – Schlesische Zeitung 1862, Nr. 51. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) IV. Suppl. Bd. S. 436. – Schütze (Karl Dr.), Deutschlands Dichter und Schriftsteller von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (Berlin 1862, Alb. Koch), S. 203. – Gottschall (Rud.), Die deutsche Nationalliteratur in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts (Breslau 1861, Trewendt, 8°.) Bd. III, S. 126. – Oesterreichischer Parnaß, bestiegen von einem heruntergekommenen Antiquar (Frey-Sing, Athanasius u. Comp. [Hamburg, Hoffmann u. Campe] 8°.) S. 29 [eine der frechsten Charakteristiken dieses berüchtigten Libells]. – Lorm (Hieron.), Wiens poetische Schwingen und Federn (Leipzig 1847, Grunow, 8°.) S. 239 [eben diese Charakteristik – aber bedeutend gekürzt – war in den „Hamburger literarischen und kritischen Blättern“ 1847, Nr. 24, S. 186, abgedruckt]. – Porträt. Facsimile des Namenszuges: Levitschnigg. F. Weigel del. C. Preisel sc. (Wien 1850, 8°. und 4°.) [auch im Pfautsch’schen „Album österreichischer Dichter“). – Zur literarischen Charakteristik Levitschnigg’s. Gottschall, indem er Tschabuschnigg und Levitschnigg nebeneinander stellt, die übrigens nichts als die Endsilbe gemein haben, schreibt in seiner Literaturgeschichte: „Mehr reflectirend (als Seidl) in sentimentalen Wendungen, ein Poet der edlen Resignation, erscheint Tschabuschnigg in seinen „Gedichten“, während der Ritter von Levitschnigg mit größerer Ostentation auftritt und ein geniales Gebehrden kokett zur Schau trägt. Da klingt Vieles pikant, keck, bedeutend; die Bilder scheinen neu und originell, doch entspricht der Kern selten der glänzenden und barocken Schale. Die gegen sociale Bestrebungen gerichtete Tendenz seines „Märchens“ (1847) kann sich durch die uncorrecte, genial gährende Form nicht zu voller Geltung durcharbeiten.“ – Minder schonend geht mit unserem Dichter Hieronymus Lorm um: „Ein Orientalist des alten Wien, schreibt Lorm, war der kürzlich verstorbene H. v. Levitschnigg, ein Dichter, der in einem anderen geistigen Klima unter den tausend und aber tausend duftbetäubenden Blumen, die er zu seinen Versen verwendete, zuletzt auch den Lorber gefunden hätte. Er muß ursprünglich sehr viel Geist gehabt haben, sonst hatte es bei weitem weniger Rosen von Schiras gebraucht, um ihn darunter zu ersticken. Ihm war das Schwelgen in morgenländischer Bilderpracht geistige Lebensaufgabe, die Poesie schien ihm dazu bestimmt zu sein, sich als ein unendlich bunter und unendlich weicher Teppich, in den nur farbige Wundervögel und nicht Gedanken eingestickt sind, über alle harten Stellen des Lebens und über alle harten Räthsel des Denkens zu breiten. Wenn sonst das Bild dem Poeten dazu dient, einen bloß abstracten Gedanken in die lebendige Welt der Anschauung zu rücken, so war er der Erfinder der umgekehrten Weise, er setzte das Innerliche zum bloßen Bild herab und erhob [35] zum Lebensinhalt, was von außen ergötzte. Er sagte nicht, des Sünders Herz war schwarz wie die finstere Nacht, sondern er besang die Nacht und erklärte sie als so schwarz, wie – eines Sünders Herz. Ein unbestreitbar großes Talent, hat er einige Ghaselen von unerreichter Schönheit geschrieben und vielen, selbst größeren Poeten als er war, die es in seinem Duftgewölke nicht lange aushalten konnten, ist an Einzelnes von ihm eine entzückte Erinnerung für das ganze Leben geblieben. Die morgenländische Schwelgerei seines Gemüthes spiegelte sich noch in der Liebe zum Schach, das nur aus dem Osten stammen konnte, wo man das Leben wie eine Spielerei auffaßt und den Tiefsinn in das Spiel legt; sein orientalisches Gemüth raffte sich sogar zu der naiven Kühnheit auf, noch im Jahre 1861 und mit seinem vollen Namen eine Sammlung von Räthseln und Charaden erscheinen zu lassen. Er selbst mochte dem alten Wien wie ein Räthsel vorgekommen sein, das erst die neue Zeit erklärt und das der Tod leider zu früh aufgelöst hat.