BLKÖ:Thayer, Alexander Wheelock

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Theben, Koppel R.
Band: 44 (1882), ab Seite: 187. (Quelle)
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Thayer, Alexander Wheelock (Biograph Beethovens, geb. in Natiek im Staate Massachusetts 22. Oct. 1817). Herausgeber dieses Lexikons glaubt den in Rede Stehenden um so weniger übergehen zu dürfen, als derselbe nicht nur bereits zwei Jahrzehnte in Oesterreich lebt – seit 1865 als amerikanischer Consul in Triest – sondern als Biograph des Tonheros Beethoven mit seinem Werke, welches sich der Mozart-Biographie von Otto Jahn ebenbürtig zur Seite stellt, auch für Oesterreich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat. Thayer’s Eltern stammen beide aus Familien, welche zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts aus England nach Amerika wanderten. Sein Vater, der den gelehrten Eleazar Wheelock, den Begründer des College zu Dartmouth im Staate New-Hampshire, zu seinen Vorfahren zählte, übte in Natiek die ärztliche Praxis aus. Durch dessen frühen Tod sah sich Alexander, der älteste von drei Geschwistern, in die Nothwendigkeit versetzt, nachdem er die Volksschule in seinem Heimatstädtchen durchlaufen hatte, in ein Geschäft einzutreten. Aber von unwiderstehlichem Drange nach höherer Bildung ergriffen, gab er in seinem achtzehnten Jahre die merkantile Laufbahn auf und studirte, nach mehrjähriger Vorbereitung in Philipp’s Academy zu Andover, auf Harvard’s University in Cambridge bei Boston, wo er im Jahre 1843 zum Baccalaureus artium promovirte. Bald erhielt er eine Stelle als Assistent an der Bibliothek daselbst und erwarb auch, in Fortsetzung seines Studiums, im Jahre 1848 den Grad als Baccalaureus legum. Von früher Jugend ein leidenschaftlicher Freund der Musik, gelangte er doch nie dazu, ein Instrument spielen zu lernen. Um so eifriger aber ging er allen bedeutenden Erscheinungen auf musikalischem Gebiete nach. In seiner amtlichen Stellung zu Boston hatte er Gelegenheit, Beethoven in dessen vorzüglichsten und größten Schöpfungen kennen zu lernen, und bald wurde er von dem Gedanken beseelt, etwas Näheres über das Leben und Wirken dieses Mannes in Erfahrung zu bringen. Aber unter den Bücherschätzen Bostons, die er sämmtlich durchstöberte, fand er nichts als eine englische Uebersetzung der ältesten Beethoven-Biographie, nämlich jener von Schindler, und dazu als Anhang einen gleichfalls übertragenen Auszug der biographischen Notizen von Wegeler und Ries. Anfänglich nur mit der Absicht sich tragend, das Schindler’sche Buch mit den Notizen umzuarbeiten, kam er allmälig auf die Idee, eine neue, auf eigenen Forschungen beruhende Biographie Beethoven’s zu schreiben, eine Aufgabe, von deren gewaltigen Schwierigkeiten und riesenhaft anschwellendem Umfange er damals keine Ahnung hatte. Zur Ausführung seines Vorhabens, welches ihm die Erlernung der deutschen Sprache zur ersten Bedingung machte, [188] entschloß er sich, nach Europa zu gehen. Hierzu verschaffte ihm der Auftrag, für die „Bostoner Zeitung“ Kunst- und Literaturbriefe aus Europa zu liefern, die nöthigen Mittel, und er kam 1849 über Antwerpen nach Bonn, wo er das erste Sommerhalbjahr, eifrig mit dem Sammeln von Daten beschäftigt, zubrachte. Er ging sodann nach Berlin und im Jahre 1851 auf kurze Zeit nach Wien, wo er unter Anderen mit Alois Fuchs bekannt wurde. Leider war es ihm unmöglich, dem Wunsche dieses Freundes zu willfahren und dauernden Aufenthalt daselbst zu nehmen; er sah sich vielmehr schon im Herbste 1851 genöthigt, nach Amerika zurückzukehren. Was während dieser dritthalb Jahre in eifriger Forschungsarbeit an Nachrichten und Schriften, an gedrucktem und ungedrucktem Material über Beethoven konnte gesammelt werden, war an sich bedeutend, ließ aber nun erst die ganze Größe und Weite des vorgesteckten Zieles erkennen. Drei Jahre später, nachdem Thayer inzwischen eine Stelle in der Redaction der „New York Tribune“ angenommen hatte, war es ihm vergönnt, als deren Correspondent für deutsche Kunst und Literatur, seine Forschungen in Europa wieder aufzunehmen. Im Herbst 1854 nach Berlin gekommen, war er bereits in bester Arbeit, aus den bedeutsamen Schätzen der dortigen Bibliothek die Ausbeute für sein Werk zu vervollständigen, als eine schwere Krankheit ihn niederwarf. Ein heftiges Kopfleiden, wohl durch Ueberanstrengung mit hervorgerufen, trieb ihn nach kaum halbjährigem Aufenthalte wiederum nach Amerika zurück. Nach langsamer Erholung, die ihm leider durch einen schweren materiellen Schlag getrübt wurde, indem er durch das Falliment eines New-Yorker Hauses alle seine zur nächsten Reise gesammelten Ersparnisse an einem Tage verlor, sollte es ihm endlich, da jetzt bereits auch Amerikaner sich lebhaft für die Förderung seines Werkes interessirten, zum dritten Male gelingen, trotz aller Widerwärtigkeiten sein Ziel fest vor Augen haltend, Europas Boden zu betreten. Nachdem er noch im Jahre vor seiner Abreise dem ehrenwollen Auftrage, für die große und berühmte musikalische Bibliothek des Dr. Mason bei New-Jersey den Katalog anzufertigen, nachgekommen war, begab er sich im Herbste 1858 auf die Reise. Von Berlin, seinem nächsten Aufenthaltsorte, ging er im folgenden Frühjahre nach Breslau, wo er besonders in der Landsberger Sammlung Beethoven’scher Autographen viel Werthvolles fand, und von da über Prag, das ihm gleichfalls wichtige Aufschlüsse bot, nach Wien. Hier blieb er ein volles Jahr, dann machte er zu weiteren Forschungen eine Reise an den Rhein und nach Paris. Leider ging ihm an letzterem Orte viel kostbare Zeit unter den wiederholten vergeblichen Versuchen verloren, von dem auswärtigen Ministerium Napoleons III. Einsicht in die alte diplomatische Correspondenz aus Bonn zu erlangen. Schließlich führte ihn sein Forschungseifer nach London, wo er durch eine reiche Ausbeute unerwarteter und hochbedeutsamer Materialien sein Werk auf das erfreulichste zu fördern vermochte. Da erhielt er im Sommer 1861 die Aufforderung, nach Wien zu kommen, um als Hilfsarbeiter in die Kanzlei der amerikanischen Gesandtschaft einzutreten. In dieser Stellung blieb er bis Ende 1864. Die persönliche Bekanntschaft mit dem nordamerikanischen Gesandten, dem berühmten Geschichtsschreiber Motley, mit dem berühmten Senator Sumner und dem nachmaligen Vicepräsidenten Wilson, [189] sowie mit Seward, dem Minister des Auswärtigen unter Lincoln, verschaffte ihm im November 1864 von Letzterem die Anstellung als Consul in Triest, ein Amt, das er seit Beginn des Jahres 1865 bekleidet. Neben einer sehr ausgebreiteten, auf sein Werk über Beethoven bezüglichen Correspondenz und zahlreichen Beiträgen für amerikanische größere Journale und Kunstzeitschriften verfaßte Thayer eine Sammlung musikalischer Novelletten unter dem Titel: „Signor Masoni and other papers of the F. Brown“ (Berlin 1862, F. Schneider, und Boston, A. Williams); sodann 1865 als eine Art Vorarbeit zu seinem genannten Hauptwerke: „Chronologisches Verzeichniss der Werke Ludwig Beethoven’s von Alexander W. Thayer“ (Berlin 1865, F. Schneider). Endlich, nachdem er Bekanntschaft mit dem ausgezeichneten Musikkenner und Philologen Professor Hermann Deiters, dem jetzigen Director des Gymnasiums in Posen, gemacht hatte, erschien der von Letzterem nach dem Originalmanuscript deutsch wiedergegebene erste Band von „Ludwig Beethoven’s Leben“ (Berlin 1866, F. Schneider). Im Jahre 1871 konnte der zweite, aber erst 1879 der dritte Band des Werkes im Druck veröffentlicht werden (beide bei W. Weber in Berlin). Eine Vorlesung im Triester Schiller-Verein: „Kritische Beiträge zur Beethoven-Literatur“, gehalten 1877 und darauf als selbständige Broschüre in Berlin (W. Weber) erschienen, erregte durch die überraschenden neuen Aufschlüsse über Beethoven’s Familienverhältnisse allgemeine Aufmerksamkeit. Mit der Arbeit an dem vierten und letzten Bande, sowie mit den Vorbereitungen der Revision zur amerikanischen Ausgabe des ganzen Werkes ist der Verfasser gegenwärtig beschäftigt. Leider verzögert die häufige Wiederkehr seines alten Kopfleidens den Abschluß des Ganzen.

Nach schriftlichen Aufzeichnungen des Doctor Leopold Jacobi. – Nach Thayer’s mündlichen Mittheilungen.
Porträt. Eine vortreffliche und ähnliche Photographie von der Fotografia Benque-Sebastianutti in Triest.