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BLKÖ:Titze, Franz Nicolaus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 45 (1882), ab Seite: 201. (Quelle)
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Titze, Franz Nicolaus (Professor der Geschichte, geb. zu Leitmeritz in Böhmen am 4. December 1769, gest. in Wien 1858). In seiner Geburtsstadt Leitmeritz besuchte er das Gymnasium, die philosophischen Studien hörte er an der Prager Hochschule, wo er sich zugleich für das Lehramt vorbereitete. Schon 1792 zum Grammaticallehrer am Gymnasium seiner Vaterstadt ernannt, rückte er 1799 daselbst zum Professor der Rhetorik vor, wie damals die sechste Gymnasialclasse hieß. Im Jahre 1802 kam er als Professor der allgemeinen Welt- und deutschen Reichsgeschichte an das Lyceum in Linz und von da nach zwei Jahren als Professor der allgemeinen Weltgeschichte an die Universität in Prag. Nach vieljähriger Thätigkeit daselbst, in welcher er die höchsten akademischen Wurden bekleidete, wurde er als Professor desselben Lehrfaches mit Einschluß der Geschichte Oesterreichs und der inobligaten Fächer der Diplomatik und Heraldik an die Universität in Wien berufen, wo er noch lange Zeit wirkte und im hohen Alter von 89 Jahren starb. Als Schriftsteller war Titze gleichfalls thätig, und sind von ihm in Druck erschienen: „Bibliotheca latina classica. Tomi VIII complectens auctores romanos veteres, prosaicos et poeticos etc. In commodum studiosae juventutis adornavit, textum auctorum recognovit etc. Tomus I et II Cornelii Nepotis vitae...“ [Bd. I, Linz 1804, akademische Buchhandlung; Bd. II, Prag 1813, Widtmann, 8°.), war auf mehrere Bände angelegt, es sind aber nur diese zwei erschienen; – „De epitomes rerum romanarum quae sub nomine Lucii Annaei Flori sive Senecae fertur, aetate probabilissima vero auctore operis antiqua forma, quaest. novar. libri III“ (Linz 1804, akademische Buchhandlung, 8°.); – „Pomponius Mela de situ orbis libri III edid. F. N. Titze“ (Linz 1804, akademische Buchhandlung, 8°.); – „Vorgeschichte der Deutschen. Zur Ergänzung der meisten bisher erschienenen Bearbeitungen und Lehrbücher der deutschen Geschichte“ (Prag 1820 [Cnobloch, Leipzig] Krauß, gr. 8°.); – „M. Moschopuli Cretensis opuscula grammatica, in quibus etiam de usitata graecis ex omni aevo diphthongorum pronundatione doctrina insignis, e codice nuper in Bohemia reperto edidit...“ (Prag 1822 [Cnobloch in Leipzig] Krauß, 8°., maj.); – „G. Caecilii Plinii epistolarum libri X ad fidem maxime cod. praestantiss. Pragensis collatis ceteris libris scriptis edid., recensuit, praefatione, [202] notis crit., indicibus et tabula ad repraes. cod. Pragens. scripturam efformata instruxit...“ (Prag 1820, Krauß; edit. nova. 1823, 8°., maj.); – „Aeltere Geschichte der Deutschen. Erstes Bändchen anschliessend an dessen Vorgeschichte der Deutschen“ (Prag 1823, Krauß, gr. 8°.); – „De Aristotelis operum serie et distinctione liber singularis“ (Leipzig 1826, Cnobloch, 8°., maj.). Titze war ein Schulmann, der in eine bessere als in die mundtodte Zeit des Vormärz gepaßt hätte. Daß er das minder heikliche Lehramt der Philologie mit jenem der Geschichte vertauschen mußte, war ihm mehr als peinlich, aber wenn er auch über die Zeiten der Inquisition mit schonendem Schweigen hinüberglitt und jedes Wort, welches zu Gunsten Martin Luther’s gelautet hätte, mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung unausgesprochen ließ, genoß und bewahrte er sich immerhin die Liebe und Achtung seiner Zuhörer durch sein würdevolles und doch Vertrauen erweckendes, ja anheimelndes Wesen. Um im geschichtlichen Vortrage jede gefährliche Klippe zu vermeiden und nicht in die Gefahr zu gerathen, Ansichten auszusprechen, welche mit denen der Studienhofcommission in grellem Gegensatze standen, hatte er sich eine Vortragsweise angeeignet, die ihn gleichsam selbst dazu verhielt, bei einer sorgfältig durchgearbeiteten Ansicht zu verbleiben und nie von derselben abzuweichen, aber auch bei den Prüfungen der Candidaten jedes Raisonnement von vornherein abzuschneiden, indem er seine Fragen, während der Geprüfte eben daran ging, darauf Rede zu stehen, immer gleichsam in Gemeinschaft des Gefragten selbst beantwortete und diese seine Antwort, als wäre sie aus dem Munde des Examinirten gekommen, mit einem selbstzufriedenen Lächeln und Kopfnicken begleitete. Es war dies freilich für seine Schüler eine mehr als willkommene Einrichtung, aber bei dem Umstande, daß diese sich mit entschiedenen Geschichtsfälschungen nicht den Kopf belasteten, wenigstens unbedenklich. Er selbst täuschte sich darüber nicht, aber lieber wollte er sich in das Unabwendbare fügen und das seinen eigenen Wünschen nicht Entsprechende geduldig hinnehmen, wenn er darüber nicht in sittlichen Conflict mit sich selber gerieth, als Schritte unternehmen, die zuletzt doch keine Aenderung der Dinge zur Folge gehabt hätten. Als Philolog ein selbständiger Denker und Forscher, war er der Erste, der in des Florus römischer Geschichte einen anderen Verfasser suchte. Nicht L. A. Florus, welcher unter den Kaisern Trajan und Hadrian lebte, hatte seiner Meinung nach diese lebendige, gedrängte, mit Eleganz geschriebene, wenn auch hie und da etwas gekünstelte Erzählung römischer Schicksale und Begebenheiten verfaßt, sondern ein Zeitgenosse des Augustus, und wahrscheinlich jener Julius Florus, an den Horaz zwei seiner schönsten Episteln gerichtet. Ob nun Titze damit das Richtige getroffen, immerhin entwickelte er in der Durchführung seiner Ansicht, in der Untersuchung seiner Zweifel so viel kritischen Scharfsinn, Fleiß und Kenntnisse und bediente sich eines so schönen lateinischen Styls, daß die Arbeit die Aufmerksamkeit der Fachmänner in hohem Grade erregte und der Autor wohl zunächst in Würdigung seiner philologischen Kenntnisse von der königlich bayrischen Akademie der Wissenschaften zum Mitgliede erwählt wurde. Als Mensch, wie achtungswürdig auch und ob seiner Herzensgüte beliebt bei seinen Schülern, war er doch ein Pedant, ganz wie er im Buche steht, und von einer [203] Zerstreutheit, die nur ein Gelehrter, dem die Außenwelt ein völlig Fremdes ist, in solcher Potenz entwickeln kann. Mögen auch seine Schüler den Witz aufgebracht haben, daß er auf dem Wege von seiner Wohnung in der Bäckerstraße bis zum Universitätsgebäude sich ängstlich bemüht habe, täglich immer nur dieselben Pflastersteine zu betreten, was ihm übrigens ganz ähnlich sah, so charakterisirt doch seine Heiratsgeschichte diese „gute Seele“ vollkommen. Während nämlich Titze noch als Professor in Prag docirte, besuchte er häufig das Haus eines Kaufmanns, welcher zwei Töchter hatte, von denen die jüngere größer war als die ältere. Dieses Längenverhältniß brachte den Professor zur Annahme, daß die ältere, eben weil sie kleiner war, auch die jüngere sein müsse. Er fühlte zu ihr herzliche Neigung, kam aber, so lange er sich in Prag aufhielt, bei seinen philologischen Forschungen nie dazu, sich gegen sie oder ihre Eltern auszusprechen. Erst als er seine mit höheren Bezügen verbundene Anstellung an der Universität in Wien bereits angetreten, und er sich daselbst häuslich eingerichtet hatte, schrieb er an den Kaufmann: „was maßen dessen jüngere Tochter einen gar mächtigen Eindruck auf sein Herz gemacht habe“ und daß er, wenn sie seine Gefühle theile, ernstlich gesinnt sei, ihr am Traualtare seine Hand zu reichen. Da er aber in Folge seiner Anstellung Wien nicht verlassen könne, müsse sie sich schon entschließen, mit ihrer Mutter zu ihm zu kommen. Und da in dem Schreiben kein Name genannt war, theilte der Kaufmann dasselbe seiner wirklich jüngeren, aber größeren Tochter mit, welche, wohl zunächst durch die Aussicht, die Gemalin eines so ehrenhaften und angesehenen Mannes zu werden, und da sie sonst keinen Bewerber hatte, bestimmt, den Antrag sofort annahm und, ohne erst eine schriftliche Erwiderung abzusenden, auch sogleich in Begleitung ihrer Mutter nach Wien reiste. Anfänglich sah wohl der Professor etwas verblüfft darein, als ihm von seiner künftigen Schwiegermutter die Schwester seiner Geliebten statt dieser selbst als Braut zugeführt wurde, doch fügte er sich bald den Folgen seines Irrthums und sprach: „Gewissermaßen habe ich nicht Sie, mein übrigens sehr verehrtes Fräulein, sondern Ihre Schwester gemeint, indeß, da Sie einmal hier sind, wollen wir, um weiteres Hin- und Herfahren zu vermeiden, das Mißverständniß als eine Fügung des Himmels betrachten und eine christkatholische Ehe eingehen!“ Und so geschah es.

Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 372. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliographisches Institut, gr. 8°.). Zweite Abtheilung. Bd. XI, S. 1110.