BLKÖ:Urbański, Adalbert (Wojciech) Ritter von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 49 (1884), ab Seite: 129. (Quelle)
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Urbański, Adalbert (Wojciech) Ritter von (Mathematiker, Naturforscher, zur Zeit Universitäts-Bibliothekar in Lemberg, geb. zu Dubrawka in Galizien am 28. März 1820). Ein Sohn adeliger Eltern, erhielt er den ersten Unterricht im väterlichen Hause, besuchte sodann die Normalschule Brzežany und im eilften Jahre daselbst das Gymnasium, zu dessen besten Zöglingen er zählte. Die 6. Gymnasialclasse beendete er in Stanislau, wo er zum größten Theile sich selbst durch Lectionengeben erhielt. Schon zu dieser Zeit gab er Proben eines ganz ungewöhnlich leichten Auffassungsvermögens und ausgezeichneten Gedächtnisses. Ohne hinreichende Mittel, die Hochschule in Lemberg zu beziehen, mußte er sich in den Willen seines Vaters fügen, der ihn an die philosophische Lehranstalt Tarnopol brachte und der Obhut der Jesuiten anvertraute. Hier entfaltete sich sein besonderes Talent für Mathematik, welches ihn in den Stand setzte, jede in der Schule einmal gehörte mathematische Vorlesung ganz getreu vor seinen Collegen zu Hause zu wiederholen, weshalb auch eine größere Anzahl derselben ihn bald zu ihrem gemeinsamen Correpetitor erwählte und für diese ständige Mühe honorirte. Von dieser Zeit an war der Vater für immer der Sorge um den Lebensunterhalt des Sohnes gänzlich enthoben. Im nächsten Semester wurde Adalbert Correpetitor in einem der vornehmsten Häuser der Stadt und ertheilte überdies auch eine für die dortigen Verhältnisse sehr einträgliche Privatstunde. Der Jesuitenrector Markjanowicz, ein tüchtiger Mathematiker, von dem Talente seines Schülers angeregt, gab demselben durch drei Semester Privatunterricht in der höheren Analyse und deren Anwendung auf Probleme der Mechanik und Astronomie. Bei Gelegenheit einer von dem Lemberger Erzbischof Pistek im Jahre 1839 vorgenommenen [130] kirchlichen Visitation wurde zu Tarnopol am Lojolafeste eine mit theatralischem Pomp in Scene gesetzte Prüfung Urbański’s und zweier seiner Collegen vor einer sehr zahlreichen Versammlung von Jesuiten und Würdenträgern der Stadt in Gegenwart des Erzbischofs abgehalten. Probleme aus der Ballistik, Astronomie und Himmelsmechanik waren durch zwei volle Stunden Gegenstand der Production und fanden geläufige Lösung mit Kreide auf der Tafel – in lateinischer Sprache. – Der Hauptexaminator Markjanowicz, zu jener Zeit Jesuitenprovinzial, erklärte die Prüfung als sehr gelungen und fügte die Bemerkung hinzu, daß diese Gegenstände an keiner philosophischen Lehranstalt der österreichischen Monarchie gelehrt würden. Die geprüften Zöglinge aber wurden sodann zur Tafel im Convente gezogen, belobt und mit Heiligenbildern und Reliquien reichlich beschenkt!! Zwei Monate später bezog der 19jährige Urbański die Lemberger Hochschule, auf welcher er sich der Rechtswissenschaft widmete, ohne jedoch die mathematischen Studien zu vernachlässigen, denen er gewöhnlich die späteren Abendstunden opferte, weil er die freie Tageszeit auf Lectionengeben verwenden mußte, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Sorge um das tägliche Brot war auch der Grund, daß er am Schlusse des Studienjahres 1840 eine ihm angetragene Erzieherstelle in einem angesehenen gräflichen Hause annahm und seitdem die Jurisprudenz ganz aufgab. Nachdem er daselbst die nächsten fünf Jahre in seinen Mußestunden fleißig Mathematik und Physik getrieben hatte, unterzog er sich mehrere Male den zu jener Zeit geforderten Concursprüfungen für erledigte Lehrkanzeln dieser Fächer, jedoch immer fruchtlos, indem die Verhältnisse in Galizien derlei Bestrebungen nicht günstig waren. Deshalb entschloß er sich im Jahre 1846, nach Wien zu gehen, um daselbst gleichem an den Quellen solcher Bewerbungen die nöthigen Bekanntschaften zu machen. In Wien hörte er die Vorlesungen Ettingshausen’s über höhere Physik, sowie Chemie unter Professor Schrötter im Polytechnicum, und legte 1847 die strengen Prüfungen zur Erlangung der philosophischen Doctorwürde ab. Noch im Sommer dieses Jahres kehrte er nach Galizien zu seiner Familie zurück. In Lemberg verwendeten Professor Dr. August Kunzek [Band XIII, S. 390] und der Bibliothekar Dr. Franz Stroński [Bd. XL, S. 83] ihren Einfluß, daß das galizische Landesgubernium ihm die Supplirung der in Przemyśl erledigten Lehrkanzel der Philosophie übertrug und ihn sogleich „in Eid und Pflicht“ nehmen ließ. Durch drei Semester lehrte er diesen Gegenstand und im vierten, dem Sommersemester 1849, Mathematik und Physik an der dortigen philosophischen Lehranstalt, nach deren Verbindung mit dem Gymnasium in Folge des neuen Unterrichtsplanes in Oesterreich Dr. Urbański, um an die Lemberger Hochschule kommen zu können, sich um die an der Bibliothek derselben erledigte Scriptorstelle in Bewerbung setzte und dieselbe auch im September 1849 erhielt. In Lemberg beginnt eine neue Phase im geistigen Leben Urbański’s. Neben seinen Berufspflichten als Beamter an der durch den Brand im Jahre 1848 zerstörten Universitätsbibliothek ließ er sich beim Mangel an Lehrkräften in den neu geschaffenen achtclassigen Gymnasien, wie einige der Universitätsprofessoren, als Supplent im Obergymnasium verwenden, anfänglich [131] für Geschichte und philosophische Propädeutik, später für Mathematik und Physik. 1850 habilitirte er sich als Docent der mathematischen Physik an der Hochschule, 1851 schrieb er eine Geometrie und Physik für Gymnasien in polnischer Sprache und wissenschaftliche Aufsätze zum „Pamiętnik literacki“ und ließ im Programm des akademischen Gymnasiums für 1850 einen Theil seiner Habilitationsschrift drucken, welche vom Director des physikalischen Institutes in Wien, Chr. Doppler, sehr hoch belobt wurde. Im Jahre 1852 beantragte das philosophische Professorencollegium die Errichtung eines Lehrstuhles für mathematische Physik und die Verleihung desselben an den Docenten Dr. Urbański. Jedoch ging das Unterrichtsministerium aus Sparsamkeitsrücksichten nicht darauf ein, sondern ernannte ihn zum Bibliothekscustos, in Folge dessen er die Supplentur am Gymnasium aufgab, die Docentur aber fortbehielt und sich seitdem mehr schriftstellerisch beschäftigte, indem er eine treffliche Uebersetzung von Humboldt’s „Ansichten der Natur“ ausführte, auch mehrere Aufsätze zu der Posener Zeitschrift „Przyroda i przemysł“ (Natur und Industrie) schrieb, wofür die Redaction derselben in der Vorrede zum zweiten Jahrgange ihm (und dem bekannten Historiker Joachim Lelewel) den besonderen Dank auszusprechen sich veranlaßt fand. Als im Jahre 1857 der Lehrstuhl der Physik an der Hochschule in Erledigung kam, übernahm er im Auftrage bes Unterrichtsministers denselben zugleich mit dem physikalischen Cabinet. Auch wurde er in die Gymnasialprüfungscommission als Examinator für Physik berufen. Jetzt hieß es mit allem Aufwande geistiger Kraft sich im Besitze dieser lange Zeit angestrebten Kanzel stabil zu erhalten. Zugleich veranlaßte er den Druck seiner „Vorträge über höhere Physik“, ließ ein Magnetometer aus Leipzig kommen, um „magnetische Beobachtungen und Messungen“ anzustellen, und veröffentlichte im Druck die Ergebnisse derselben in deutscher Sprache. Diese wissenschaftlichen Leistungen fanden in Deutschland Anerkennung, und er würde das Ziel seiner Bestrebungen zweifellos erreicht haben, wenn nicht ein Zwischenfall eingetreten wäre, welcher ihn demselben für immer entrückte. Dr. Stroński erhielt im Mai 1859 die Bibliothekarstelle in Krakau, und Minister Graf Leo Thun ernannte aus Dienstesrücksichten, welche es geboten, der nach dem Brande sich neu gestattenden Lemberger Universitätsbibliothek nicht auch den zweiten wissenschaftlich gebildeten, mit dem Stande ihrer Organisation vertrauten Beamten zu entziehen, im kurzen Wege den Custos Dr. Urbański zum Nachfolger Stroński’s. Um die im Zuge befindliche Organisation der Bibliothek ihrem Ende zuzuführen, verwendete Ersterer seine ganze Zeit und Mühe auf die Anfertigung der Bücherinventare und die Fortsetzung der Kataloge. Rasch schritt er in seiner Aufgabe vorwärts und gelangte mit derselben schon Mitte 1861 zum Abschlusse. Indessen hatte bei der fortdauernden und anstrengenden Beschäftigung in Bücherstaub und Moderluft seine ohnehin nicht zu feste physische Gesundheit stark gelitten. Aber durch einen mehrmonatlichen, jährlich wiederholten Ferienaufenthalt in frischer reiner Gebirgsluft sich kräftigend, fand er noch Zeit und Muße, sich an der Herausgabe der großen Orgelbrand’schen Encyklopädie in 28 Bänden: „Encyklopedya powszechna“ vom zweiten Bande angefangen zu betheiligen und [132] für dieselbe alle die Physik betreffenden und überdies viele mit dieser Wissenschaft verwandten Artikel zu schreiben. Im Jahre 1864 wurde ihm vom philosophischen Professorencollegium der Krakauer Hochschule der Lehrstuhl der Mathematik angetragen, zu dessen Annahme er sich bereit erklärte. Jedoch das Unterrichtsministerium bestätigte wiederum „aus Dienstesrücksichten auf die Lemberger Bibliothek“ die Krakauer Anträge nicht, und so blieb Urbański auf seinem Bibliothekarposten. 1865 gab er seine „Wissenschaftliche Physik“ in zwei Bänden (104 Bogen stark), sowie ein Compendium derselben, dann 1868 eine zweite gänzlich umgearbeitete Auflage seiner „Physik für Untergymnasien“ heraus, drei stattliche, in Warschau bei Orgelbrand gedruckte Werke, welche zusammen 160 Druckbogen umfaßten. Unter seiner Anleitung und Controle wurde auch in letztgenanntem Jahre von seinem zeitweilig bei der Bibliothek beschäftigten Sohne Aurel die Ordnung, Inventarisirung und vollständige Beschreibung der über 10.600 Stück enthaltenden Münzsammlung zu Ende gebracht. Da, im Jahre 1870, wird dieses im Ganzen bisher ruhig und still verlaufende Gelehrtenleben zuerst durch den Tod einer eilfjährigen Tochter erschüttert, dann gesellte sich zu dieser natürlichen seelischen Aufregung eine zweite, veranlaßt durch ein Referat über seine „Fizyka umiejętna“ im Ausschusse der Krakauer gelehrten Gesellschaft, deren Mitglied er seit 1850 war, ein Referat, welches ihn in Conflict mit den Koryphäen dieser gelehrten Körperschaft durch sein „Offenes Sendschreiben an den Präsidenten“ derselben (List otwarty do W. Pana Dra. Józefa Meyera, Lwów 1870) brachte, dann eine unwissenschaftliche Polemik im Krakauer „Czas“ und eine männlich würdigere im Lemberger „Dziennik Polski“ hervorrief und die Folge hatte, daß er sich nicht unter den Mitgliedern der anderthalb Jahre später errichteten Krakauer Akademie befindet, was bei dem Umstande, daß die wissenschaftliche Welt die Gelehrten der Krakauer Akademie überhaupt nicht kennt, eben kein großes Unglück ist. Endlich kam zu Allem im Jahre 1872 der Schmerz um den Tod seiner Frau hinzu. Die Beschäftigungen in seinem amtlichen Berufe als Bibliothekar und mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten brachten ihn über die Schläge des Schicksals und die Abgeschmacktheiten der Gelehrtenzunft hinweg. Von seinen Arbeiten aus dieser Zeit liegen blos vier Aufsätze: „In Schulsachen“ (W sprawach szkolnych I–IV) und ein Aufsatz: „Ueber das Theater“ (Krytyczny Pogląd na sprawę teatru we Lwowie) vor. Mit seiner 1874 erfolgten Verehelichung mit der Tochter des polnischen Dichters Vincenz Pol [Bd. XXIII, S. 49] nahm er wieder regeren Antheil am wissenschaftlichen Leben und veröffentlichte mehrere Abhandlungen über Meteoriten, Kometen und Zodiakallicht, sowie einen Abriß der Urgeschichte des Erdkörpers im „Przewodnik naukowy“. Die bibliographischen Titel seiner im Drucke erschienenen Schriften sind: „Galwanizm w praktyce“, d. i. Galvanismus in der Praxis (Przemyśl 1848); – „Nauka gospodarstwa wiejskiego. Część przygotowcza“, d. i. Propädeutik der Landwirthschaftslehre. I. Theil (Lemberg 1849); – „Wiadomości z Fizyki, chemii i mechaniki Dra. Kunzeka, wolny przekład z niemieckiego“, d. i. Kenntnisse aus der Physik, Chemie und Mechanik, frei übersetzt aus dem Deutschen des Werkes von Kunzek (Lemberg [133] 1849); – „Ein Problem aus der Elektrostatik“, im Programm des akademischen Gymnasiums, Lemberg 1850; – „Geometrya dla użytku w gimnazyach niższych“, d. i. Geometrie für Untergymnasien (Lemberg 1851); – „Fizyka dla niższych Gimnazyów“, d. i. Physik für Untergymnasien, zwei Bände (Lemberg 1851); – „Vorträge über höhere Physik“ (Lemberg 1857); – „Magnetische Beobachtungen, ausgeführt im October 1858“ (Lemberg 1858); – „O Kometach“, d. i. Ueber Kometen (Posen 1858); – „Obrazy Natury Alex. Humboldta“, d. i. Ansichten der Natur von Al. Humboldt, zwei Bände (Petersburg 1859–1860); – „Pisma drobne“, d. i. Kleinere Aufsätze (Lemberg 1861); – „Theorie des Potenzials“ (Berlin 1864); – „Fizyka umiejętna“, II Tomy, d. i. Wissenschaftliche Physik, Bd. I, II, 1., 2. (Warschau 1866–1867); – „Zasady fizyki dla młodzieży szkolnej“, d. i. Grundzüge der Physik für die Schuljugend (Warschau 1868); – „Fizyka na trzecia i czwarta klasę w niższych gimnazyach, T. 1., 2.“, d. i. Physik für die dritte und vierte Classe an Untergymnasien (Warschau 1868); – „Pisma pomniejsze razem zebrane“, d. i. Sammlung kleinerer Schriften, die in periodischen Schriften zerstreut sind und aus diesen noch einmal abgedruckt und theilweise ergänzt wurden (Lemberg 1869); – „W sprawach szkolnych“, d. i. In Schulsachen, I–IV (Lemberg 1869–1871); – „Krytyczny pogląd na sprawę teatru polskiego w Lwowie“, d. i. Kritischer Blick auf die Theaterangelegenheit in Lemberg (Lemberg 1869); – „List otwarty do Fana Dra. Józefa Mayera prezesa Tow. nauk. Krak.“, d. i. Offenes Sendschreiben an Dr. J. M., Präsidenten der Krakauer gelehrten Gesellschaft (Lemberg 1870); – „Stosunek Bakona Werulamskiego do dzisiejszej metody w naukach przyrodnich“, d. i. Bako’s von Verulam Verhältniß zur heutigen naturwissenschaftlichen Methode („Przewodnik naukowy“, Lwów 1874); – „O meteorytach i gwiazdach spadających“, d. i. Ueber Meteoriten und Sternschnuppen („Tydzień“, Rok I, Lwów 1874); – „O związku komet z gwiazdami spadającemi“, d. i. Zusammenhang der Kometen mit Sternschnuppen (ebd.); – „O ciemnych ciałach niebieskich“, d. i. Dunkle Himmelskörper („Przewodnik naukowy“, Lwów 1876); – „Uwagi nad skutkami gazowych wybuchów na słońcu i gwiazdach“, d. i. Bemerkungen über Gasausbrüche auf der Sonne und Sternen („Kosmoś“, Lemberg 1877) – „Zarys pierwotnych dziejów ziemi“, d. i. Abriß der Urgeschichte der Erde („Przewodnik naukowy“, Lwów, 1877).

Encyklopedyja powszechna, d. i. Polnische Real-Encyklopädie (Warschau 1867, Orgelbrand, gr. 8°.) Bd. XXVI, S. 59. – Kłosy, d. i. Aehren. Illustr. Zeitschrift Bd. XVII (Warschau 1873) S. 335, 344. – De Gubernatis (Angelo). Dizionario biografico degli scrittori contemporanei ornato di oltre 300 ritratti (Firenze 1879, coi tipi dei successori Le Monnier, Lex.-8°.) p. 1015.