BLKÖ:Węgierski, Thomas Cajetan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Węgierski, Thomas
Band: 54 (1886), ab Seite: 288. (Quelle)
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5. Thomas Cajetan (geb. in Podlasien 1755, gest. zu Marseille 7. April 1787). Aus adeliger Familie, genoß er bei den Jesuiten in Neustadt (Nowa mieśc) und bei den Theatinern in Warschau eine sorgfältige Erziehung. Im Alter von 18 Jahren schrieb er das Gedicht „Organy“, welches er 1784 unter dem Pseudonym Wichert herausgab und dem Bischof Krasicki widmete. Der König Stanislaus August wurde auf den Poeten aufmerksam und ernannte ihn zu seinem Kammerherrn. Am königlichen Hofe aber verdarb Węgierski es bald durch seine zügellose Satyre, seine Pasquille, in denen er Niemand, selbst nicht seinen Mäcen, den König, schonte, so daß er endlich genöthigt war, Hof und Land zu verlassen. Dies ist die eine Version, nach einer anderen glaubwürdigeren hätte er auf einem Balle der Hetmannsgattin Oginski, auf den Wunsch der Gesellschaft, eine Pharaobank aufgelegt und sei nach beendetem Spiele mit einem Gewinn von zehntausend Ducaten aufgestanden. Nun besaß er die Mittel zur Ausführung seines längst gehegten Wunsches, Paris zu besuchen. Denn dort weilten damals seine, wie vieler anderer Zeitgenossen, Ideale, Voltaire und die Encyklopädisten. So ging er denn auf Reisen. Zunächst begab er sich 1779 nach Italien, dann nach Paris, zuletzt nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo er Washington. Jefferson, Franklin kennen lernte. Ende 1783 kehrte er nach Europa zurück und lebte in Paris und London, kam aber durch sein zügelloses Leben bald körperlich und auch in seinen Vermögensverhältnissen ganz herunter. Anfangs Jänner 1787 ging er von Avignon, wo er sich eben befand, nach Marseille und starb auch daselbst nach einigen Monaten. Seine gesammelten Werke sind in dem von Mostowski herausgegebenen „Wybor pisarzy polskich“, d. i. Auswahl polnischer Schriftsteller, in Warschau 1803 erschienen. Thomas Cajetan, der oft auch nur mit [289] dem Taufnamen Cajetan aufgeführt wird, war als Mensch und Poet eine eigenartige Erscheinung, eine Art polnischer Grabbe, nur nicht mit dieser himmelanstürmenden Phantasie, wie dieser und wohl auch weniger cynisch. Die polnischen Literaturhistoriker haben ihn mit Vorliebe behandelt, wenngleich das Ergebniß weniger ein literarisches als ein psychologisches ist. [Chodynicki (Ign,), loco cit., Bd. III, S. 318–322. – Siemieński (Łucyan). Portrety literackie, d. i. Literarische Porträts (Posen 1865). – Kłosy i kwiaty. Ksiązka zbiorowa, d. i. Aehren und Blüten. Sammelbüchlein (Krakau 1869, Kirchmayr, 8°.) S. 290–313: „Tomasz Kaj. Węgierski. Przez Estreichera“. – Rycharski (Łucyan Tomasz). Literatura polska w historyczno-krytycznym zarysie, d. i. Polnische Literatur in historisch-kritischem Abriß (Krakau 1868, J. M. Himmelblau, gr. 8°.) Bd. I, S. 24, 26; Bd. II, S. 3, 32, 34 und 43.] – Der „Przyjaciel ludy“, d. i. Der Freund des Volkes, ein beliebtes illustrirtes Journal in Polen und eine wahre Fundgrube für Geschichte, Biographie, Culturgeschichte, Volksbräuche, Archäologie u. s. w. der alten Polen, enthält in einem seiner ersten Jahrgänge Węgierski’s Bildniß im Holzschnitt, mit einer kleinen biographischen Skizze.