BLKÖ:Wagenseil, Georg Christoph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 52 (1885), ab Seite: 71. (Quelle)
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Wagenseil, Georg Christoph (Clavierspieler und Componist, geb. zu Wien im Jahre 1688, gest. daselbst am 1. März 1777). Seine musicalische Ausbildung erhielt er noch durch den berühmten kaiserlichen Obercapellmeister J. J. Fux [Bd. V, S. 41]. 1739 wurde er als Compositor mit einem Jahrgehalt von 360 fl. an der kaiserlichen Hofmusikcapelle in Wien angestellt und auf diesem Posten unter der Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Joseph II. bestätigt. Da er sich aber eines ungemein vortheilhaften Rufes in der Doppeleigenschaft als Mensch und Musicus erfreute, berief ihn die Kaiserin Maria Theresia zu ihrem Musikmeister und später als solchen zu ihren Erzherzoginen Töchtern. Er versah dieses ehrenvolle Amt viele Jahre hindurch, und zwar bei einem ansehnlichen Gehalt, welches er auch von dem Tage an, da er nicht mehr bei Hofe erschien, bis zu seinem Tode bezog. In seinen letzten Lebensjahren kam zu dem Podagra, welches ihm schon früher drei Finger seiner linken Hand gelähmt hatte, noch eine weit stärkere Lähmung, die sich über seine ganze rechte Hüfte ausdehnte und ihn bleibend an das Zimmer fesselte. Nichts desto weniger lag er seinen gewohnten musicalischen Arbeiten wie immer ob und ertheilte noch als 85jähriger Greis Musikunterricht. Wenige Jahre vor seinem Hingange spielte er noch vor Burney mit einer Sicherheit und einem Feuer auf dem Clavier, daß man sein hohes Alter nicht ahnte. Wagenseil war als Compositor und Lehrer vielfach thätig. Er versuchte sich in größeren dramatischen Werken und schrieb die Oper „Siroe“ und das Oratorium „Gioas rè di Giuda“, ohne jedoch weder mit ersterem noch mit letzterem durchzudringen. Auch componirte er mehrere italienische Lieder mit nicht größerem Glücke, daher auch von seinen Vocalcompositionen nichts zum Drucke gelangte. Mehr Erfolg dagegen hatte er mit seinen Clavierwerken, von denen folgende im Stich erschienen sind: „Suauis artificiose elaboratus concentus musicus, continens VI parthias selectas ad clauicembalum compositas“ (Bamberg 1740); – „XVIII Divertimenti da Cembalo“ Op. 1 bis 3 (Wien); – „X Symphonien fürs Clavier mit zwei Violons und Bass“ Op. 4, 7, 8; – „II Divertimenti fürs Clavier mit einem Violon und [72] Bass“, nebst einem „Divert. für zwei Flügel“ Op. 5 (ebd.); – „VI Claviersonaten mit einer Violin“ Op. 6 (Paris). Ungleich größer ist jedoch die Zahl seiner ungedruckt gebliebenen Compositionen, welche nach älteren Verzeichnissen umfassen: 30 Orchestersymphonien, 36 Violintrios, 27 Clavierconcerte, 30 Claviersuiten. Alle diese handschriftlichen Werke befanden sich zu Ende des vorigen Jahrhunderts in der Breitkopf’schen Musicalien-Niederlage zu Leipzig. Der Katalog der Wiener Musicalienhandlung Traeg führt aber von Wagenseil’s kirchlichen Compositionen an: ein „Confitebor für vier Stimmen“, ein „Salve Regina“, ein „Magnificat“, ein „Anima mea“ und verschiedene kleinere Werke. Unser Künstler war zu seiner Zeit ein sehr beliebter Componist, dessen Werke, obwohl sie in Berlin nicht gefielen, in Wien großen Beifall fanden. In Vocalsachen nicht bedeutend, verband er in seinen Claviercompositionen mit strengem Satz Originalität und feinen musicalischen Sinn. Als Lehrer war er in Wien sehr gesucht, und von seinen Schülern sind zu nennen: Mederitsch, genannt Gallus ]Band XVII, Seite 242], Johann Schenk [Bd. XXIX, S. 198][WS 1], der Compositeur des seinerzeit so beliebten „Dorfbarbier“, und die Gebrüder Anton und Franz Teyber [Bd. XLIV, S. 107 und 110][WS 2]. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß der bei E. Weingart in Erfurt 1864 unter dem Titel „Musica theatralis“ ausgegebene Katalog gedruckt erschienener Opernclavierauszüge von Wagenseil eine Oper „Ehrlichkeit und Liebe“ (Leipzig bei Wienbrack) anführt.

Musik-Lexikon von Dr. Hugo Riemann. Theorie und Geschichte der Musik u. s. w. (Leipzig 1882, Bibliogr. Institut. 8°,) S. 980, Nr. 2. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Herausgegeben von Schladebach-Bernsdorf (Offenbach 1861, Joh. André, Lex.-8°.) Bd. III, S. 833. – Gaßner (F. S. Dr.). Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Franz Köhler, schm. 4°.) S. 876. – Gerber (Ernst Ludwig). Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler u. s. w. (Leipzig 1792, Breitkopf, gr. 8°) Bd. II, Sp. 753. – Köchel (Ludwig Ritter von). Die kaiserliche Hofmusikcapelle in Wien von 1543 bis 1867. Nach urkundlichen Forschungen (Wien 1869, Beck, gr. 8°.) S. 73, Nr. 820; S. 81, Nr. 1032; S. 85, Nr. 1121 und S. 88, Nr. 1184 [nach Köchel wäre Wagenseil im Aller von 62 Jahren gestorben, was unrichtig ist, da er 89, nach Anderen gar 92 Jahre alt geworden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [Bd. XXIX, S. 199].
  2. Vorlage: [Bd. XLIX, S. 107 und 110].