BLKÖ:Weber, Vincenz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weber, Sophie
Band: 53 (1886), ab Seite: 217. (Quelle)
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37. Weber, Vincenz (dramatischer Dichter, geb. zu Trautenau, einem Städtchen am Fuße des Riesengebirges in Böhmen, am 11. Jänner 1809, gest. zu Mährisch-Trübau am 5. August 1859). Das Gymnasium besuchte er in Königgrätz, wo er unter der Obhut seines Onkels Vincenz Weber, der damals eine Professur der Theologie am bischöflichen Seminar daselbst versah, den Studien oblag. Ein Dilettantentheater, dessen Vorstellungen den Bewohnern des Ortes Ersatz boten für die wechsellose Einförmigkeit eines Landstädtchens, gab ihm die erste Veranlassung, das dramatische Gebiet zu betreten. Neben theatralischen Versuchen entstanden auch andere Dichtungen, aber weder Onkel noch Vater waren mit diesen Reimereien, welche sie für Bettelzeug und Zeitverderb erklärten, einverstanden, und namentlich der strengere Oheim ließ es aus Anlaß dieser Beschäftigung nicht an ernsten Verweisen [218] fehlen. Nach beendeten Gymnasialclassen ging Weber nach Brünn, wo er Philosophie hörte, und von da nach Wien, um für das gewählte Fachstudium der Medicin sich auszubilden. Später bezog er die Prager Universität. Doch blieb er während dieser ernsten Berufsarbeiten nicht poetisch unthätig, schrieb vielmehr einige Prologe und zahlreiche Gedichte, von denen mehrere gelegentlich der Installationen von Professoren oder sonst bei festlichen Anlässen öffentlich vorgetragen wurden, auch begann er einen Roman unter dem Titel „Der Philosoph des 19. Jahrhunderts“ und beendete einen zweiten geschichtlichen in zwei Bänden, der in der Josephinischen Zeit spielt und den Titel führt: „Das Mädchen von Sebele“; er übergab aber denselben wenige Monate vor seinem Tode den Flammen, wie er Gleiches mit einer großen Menge seiner Gedichte that. Gedruckt erschienen von ihm in der von Rudolf Glaser herausgegebenen Zeitschrift „Ost und West“ im Jahrgang 1837: „Besuche in dem Prager Irrenhause zu St. Katharina“. Eine größere um diese Zeit entstandene metrische Arbeit „Der Beruf. Gedicht in sechs Gesängen“ blieb unvollendet. Dann schrieb er auf Anregung eines ihm befreundeten Compositeurs im Jahre 1838 die historische dreiactige Oper „Heinrich IV.“, welche aber, da derselbe die Musik zu liefern vergaß, nie zur Aufführung gelangte. Nachdem nun Weber 1839 noch eine Reise nach Italien unternommen und mittlerweile das medicinische Doctorat erworben hatte, ließ er sich auf Wunsch seiner Eltern in seinem Geburtsorte Trautenau als praktischer Arzt nieder. Bald darauf verlor er seinen Vater durch den Tod, und nachdem er selbst eine längere schwere Krankheit überstanden, übersiedelte er nach Zwittau in Mähren, in welcher Stadt er bis 1847 die ärztliche Praxis ausübte. Hier war es, wo er ohne alle äußere Anregung, nur dem eigenen Schaffensdrange folgend, seinen „Spartacus“ dichtete. Mit der vollendeten Dichtung reiste er nach Wien, las das Stück in einem Kreise geistiger Freunde vor und elektrisirte die Zuhörer, die bald die feste Zeichnung der Charaktere, bald die Energie der Sprache und stets einen poetisch-schöpferischen Geist an dem Verfasser bewunderten. Am 16. April 1845 gelangte das fünfactige Trauerspiel im Burgtheater zur Aufführung, bei welcher ihm mit mehrmaligem Hervorruf jubelnde Anerkennung zutheil wurde; das Stück erschien im nächsten Jahre auch im Druck. Dem „Spartacus“ folgte das Trauerspiel „Die Wahabitin“, welches auch auf demselben Theater, gleichfalls mit günstigem Erfolge in Scene ging. Sein nächstes Drama „Athenais“ wurde als zu wenig bühnenwirksam von der Hofburgtheaterdirection zurückgestellt; er ging nun an eine Umarbeitung desselben und reichte es unter verändertem Titel: „Eine Kaiserin aus dem Volke“ von neuem ein, ohne jedoch einen günstigeren Erfolg zu erzielen: denn auch jetzt blieb es unaufgeführt. Wenn der Dichter über diesen wiederholten Mißerfolg auch die Aeußerung machte: „keine Zeile mehr schreiben zu wollen“, so konnte er doch seinem angeborenen Schaffensdrange nicht widerstehen und als ihn eine hochgestellte Persönlichkeit aufforderte, einen Stoff aus der vaterländischen Geschichte dramatisch zu bearbeiten, dichtete er das Drama „Der letzte Ritter“, worin er aber nicht wie Anastasius Grün episch den Kaiser Max verherrlichte, sondern dessen treuen Vasallen Franz von Sickingen auf die [219] Bühne brachte. Nun fand wohl Heinrich Laube, damals Director des Burgtheaters, das Stück „von hohem poetischen Werthe“, aber doch zur Aufführung nicht geeignet. Durch eine dreijährige Krankheit, die ihn in der Ausübung seiner Praxis hinderte, in seinen pecuniären Verhältnissen sehr gedrückt und von einem materiellen Ersatze seiner dramatischen Schöpfungen nach vorangegangenen glücklichen Erfolgen mit einem Male auch im Stiche gelassen, verließ er 1847 auf Anrathen seines Freundes F. Czerny, Apothekers in Mährisch-Trübau, seinen bisherigen Aufenthalt und nahm seinen bleibenden Wohnsitz an letzterem Orte, wo er das Amt eines Stadtphysicus und in der Folge das eines Bezirks- und Gerichtsarztes versah, ohne jedoch für seine Dienstleistungen in ersterer Eigenschaft ein Entgelt zu beziehen! In dieser Zeit arbeitete er, von dem Director des Theaters an der Wien aufgefordert, das dramatische Gedicht „Paracelsus“. Dasselbe wurde wohl als Bühnenmanuscript gedruckt, gelangte aber nie zur Aufführung. Der über diesen Mißerfolg erbitterte Poet bedauerte dann oft, den Stoff nicht selbständig, unbeeinflußt von allen directorlichen Anforderungen, als Tragödie behandelt zu haben, und trug sich auch bis zu seinem Tode mit diesem Gedanken herum. Nach den traurigen Erfahrungen, die er mit seinen dramatischen Arbeiten gemacht hatte, betrat er endlich das Gebiet des Romans und vollendete auch nahezu einen solchen in drei Bänden. Aber bei seiner strengen Selbstkritik brachte er es über sich, diese Frucht dreijähriger Arbeit und emsiger Vorstudien selbst den vernichtenden Flammen preiszugeben. Von seiner letzten dramatischen Arbeit, der Tragödie „Stilicho“, mit welcher er sich schon seit Jahren im Geiste trug, schrieb er noch wenige Monate vor seinem Hinscheiden einige Scenen, dann riß ihm Meister Tod den Griffel aus der Hand, und das Werk blieb ein Torso. Weber starb nach fünfjährigem schweren Leiden im Alter von 50 Jahren. Eine Witwe, drei Söhne und drei Töchter, welche den Leidenden sorgfältig gepflegt, umstanden den Sarg des Dahingeschiedenen, der die Seinigen unversorgt zurückließ, da das Wenige, was er besaß, die langjährige Krankheit aufgezehrt hatte. Keine Literaturgeschichte, kein Dichter- und Schriftsteller-Lexikon nennt den Namen des hochbegabten Dichters, der es nicht verdient, vergessen zu werden.

Europa. Herausgegeben von Gustav Kühne (Leipzig, schm. 4°.) 1859, Nr. 38, Sp. 1380. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) 1859, Nr. 845 im „Nekrolog“. – Sonntagsblätter. Herausgegeben und redigirt von Ludwig August Frankl (Wien, 8°.) III. Jahrg. (1844) S. 304: „Spartacus deutsch“. – Dieselben. IV. Jahrg. (1844) S. 367 über die Aufführung des „Spartacus“ im Burgtheater.