BLKÖ:Wolfrum, Karl

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wolfram, Leo
Band: 58 (1889), ab Seite: 32. (Quelle)
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Wolfrum, Karl (Industrieller und Mitglied des Abgeordnetenhauses des österr. Reichsrathes, geb. zu Hof in Oberfranken 17. November 1813, gest. zu Aussig in Böhmen 30. Mai 1888). Die Wolfrum sind eine ursprünglich böhmische Familie, welche nach der Schlacht am weißen Berge dem Vaterlande den Rücken kehrte und zu Hof in Bayern sich ansiedelte. Als Karl noch ein Kind war, starb sein Vater Georg Wilhelm, welcher daselbst eine große Baumwollspinnerei errichtet und den Betrieb derselben in schwerer Zeit – während der Continentalsperre – aufrecht erhalten hatte. Er ließ die Familie in ziemlich bedrängten Verhältnissen zurück, und zuletzt gerieth die Mutter in solche Noth, daß ihr Sohn den Schulbesuch aufgeben und in ein Gewerbe treten mußte. So wurde derselbe denn Färberlehrling bei seinem Onkel. Es war ein trauriger Tausch, diese vierzehnstündige mechanische Arbeit des Eintauchens der Wollstränge in verschiedenen Farbenkesseln gegen die früheren genußvollen Stunden mit den Erklärungen der alten Classiker und der Lecture der schwungvollen Lieder aus den Tagen der Befreiungskriege. Endlich wird er als Färberlehrling freigesprochen und geht als Geselle auf Wanderung. Er selbst hat über diese merkwürdigste Zeit seines Lebens in anziehender Weise berichtet. Mit leeren Taschen und einem vollen Herzen – denn er läßt eine geliebte Mutter zurück – zieht er hinaus in die Welt, besucht München, die Städte der Schweiz und tritt in Basel bei einem Meister ein, bei dem sich ihm zum ersten Male die Geheimnisse seines Handwerkes erschließen. Als er dann in die berühmten Färbereien am Rhein kommt, da erkennt er, wie weit seine heimischen Meister im Gewerbe zurückstehen. In Basel noch erreicht ihn sein Bruder Hermann, der ihn zu überreden sucht, nach Paris zu ziehen, wo den Arbeiter eine große Welt erwarte. Hermann wanderte unter dem Vorwande, Abonnenten für eine landwirthschaftliche Zeitung zu sammeln, [33] durch die Pfalz, Hessen, die Schweiz, in Wahrheit aber warb er Anhänger für einen revolutionären Verein, dessen Mitglieder damals – in den Dreißiger-Jahren – durch alle Länder Europas zerstreut waren und für Verbreitung der kosmopolitischen und freisinnigen Lehren ihres Vereines wirkten. Endlich entschließt sich Karl, nach Paris zu wandern. Auf dem Wege dahin kam er mit anderen Gesellen zusammen, und die Abende brachten sie in unscheinbaren Wirthsstuben zu, wo dann die Gesellschaft hohe, aber höchst gefährliche Politik trieb. Der berühmte Jacob Venedey war einer der Hauptredner an diesen Abenden. Dort predigte er über sein Lieblingsthema, die Könige, mit denen er wie mit Kartenblättern spielte, dort predigte er seinen Zuhörern, die meist aus Arbeitern: Kupferschmieden, Färbern, Schneidern, Gerbern u. d. m. bestanden, daß die Völker sich ihr Pflichttheil an dem öffentlichen Leben erobern müssen, wenn sie wollen, daß nur der Lohn finde, welcher auch verdiene, etwas zu werden. In diesem Vereine fand sich Karl Wolfrum bald nicht nur zurecht, sondern that es auch manchem seiner Vereinscollegen voraus, indem er die neuesten Sturmeslieder kannte und als Vorsänger verbotener Weisen, wie „Haro Harung“, „Die Schwarzen von Gießen“, „Die beim Krampampuli“ u. s. w., fungirte, lauter Lieder, deren Tendenz die morschgewordenen Einrichtungen der alternden Staaten mit wildem Hohn verspottete. Endlich kam er nach Paris, wo er seinen Bruder Hermann zu treffen hoffte. Mühsam findet er sich in dem Babel der Seine zurecht, und als er endlich die Wohnung seines Bruders ausgeforscht, erfährt er von dessen Hausleuten: „Herr Hermann ist eingesperrt.“ Er geht nun auf die Polizei, wo er die Erlaubniß erhält, seinen Bruder im Gefängniß St. Pelagie, in welchem derselbe sich befand, zu besuchen. Nach einigen Tagen schon war Hermann frei. Nun führte er, was ihm in seiner Eigenschaft als Buchhändler nicht schwer fiel, seinen Bruder Karl zu Heinrich Heine, zu Börne, zu dem alten Freiheitsmann Lafayette, bei dem sich Jeder einfand, der sich mit dem Gedanken einer Weltrepublik trug. Bruder Hermann hatte sich indessen in neue Umtriebe eingelassen, wurde dann aus Paris ausgewiesen und floh nach England, wo er im Vordergrunde der politischen Bewegung stand. Karl indeß blieb in Paris und arbeitete bei einem Färber Namens Cherrault, hörte aber auch die Vorträge des berühmten Chemikers Chevreuil, wo er die Kunst Farben zu mischen lernte. So hatte er ein Jahr lang gearbeitet, als eines Tages sein Bruder leidend und als politischer Emissär verfolgt, unter fremdem Namen in Paris eintraf. Niemand wollte den schwer kranken Mann aufnehmen, endlich wurde er in einem Maison de santé untergebracht, in welchem Karl seinen Bruder mit seinem Tageslohn unterstützte. Einen Monat später saß Karl am Sterbelager seines Bruders. Noch einmal besuchte er, um Hermann’s Tod zu melden, General Lafayette, den er schwer krank im Bette liegend antraf. Am folgenden Tage, 20. Mai 1834, war Lafayette gestorben. Nun schickte sich auch Karl an, Paris zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren. So weit reichen Wolfrums eigene in höchst anziehender Weise geschriebene Aufzeichnungen. Die nächsten zehn Jahre verlebte Karl Wolfrum in Deutschland, bis er im Jahre 1843 sich [34] als Fabrikant halbwollener Kleiderstoffe zu Aussig in Böhmen niederließ. Dort lebte er viele Jahre, mit der Leitung seiner Fabrik beschäftigt und im Stillen den Gang der politischen Ereignisse verfolgend. Ins öffentliche Leben trat er erst, als er 1861 von den Städten Aussig und Teplitz in den böhmischen Landtag gewählt wurde, welche Wahl sich in den Jahren 1867 und 1870 wiederholte. Dem Abgeordnetenhaus des Reichsrathes, in welchem er bis 1885 saß, und aus dem er bei der Reichsrathswahl genannten Jahres von einem Candidaten der „schärferen Tonart“ verdrängt wurde, gehörte er seit dem Jahre 1867 ununterbrochen an. Im böhmischen Landtage, in welchem er zuerst die schon genannten Städte Aussig und Teplitz, später aber auch die Reichenberger Handelskammer vertrat, stimmte er stets mit der verfassungstreuen Partei und trat zu wiederholten Malen, insbesondere bei Adreßdebatten, als Redner auf. Im Abgeordnetenhause des Reichsrathes hatte er sich dem Club der Linken angeschlossen, in welchem er, nachdem Herbst aus demselben ausgetreten, eine Führerrolle spielte. Im Abgeordnetenhause war er unter Anderem auch als Berichterstatter über den Gesetzentwurf, betreffend den Bau von Nothstands-Eisenbahnbauten und Errichtung von Staatsvorschußcassen zur Linderung der financiellen Krise, und in den Jahren 1877 und 1879 als Generalberichterstatter über das Budget thätig. 1885 hat Wolfrum auch sein Mandat für den böhmischen Landtag niedergelegt, und wenn er diesen Schritt auch mit seinem hohen Alter und dem Wunsche, die wenigen Jahre, die ihm noch gegönnt seien, ganz seiner Familie zu widmen, erklärte, so war es weniger die vorgeschützte Bürde der Jahre, welche ihn zu diesem Schritte veranlaßte, als vielmehr der Miß- und Unmuth über die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Oesterreich und besonders in Böhmen, welcher ihn bestimmte, sich vom politischen Leben zurückzuziehen. In einem dem wackeren Abgeordneten gewidmeten Nachrufe heißt es: „Wolfrum war ein bewährter Parteimann der deutschliberalen Sache, der dieselbe seit seinem Eintritt in den böhmischen Landtag und in das Abgeordnetenhaus des Reichsrathes in beiden energisch vertrat. Er war ein ausgezeichneter Kenner der financiellen Verhältnisse Oesterreichs, der vieljährige Referent über das Budget im böhmischen Landtag und nach Brestel auch der Generalberichterstatter über das Reichsbudget. Ferner war Wolfrum auch Mitglied des technischen Aufsichtsrathes der gewerblichen Fachlehranstalten des Handelsministeriums und seit 1. Februar 1872 Ritter des Ordens der eisernen Krone dritter Classe.“

Neue Freie Presse, 21. Juni 1888. Nr. 8557 im Feuilleton: „Karl Wolfrum. Nach dessen eigenen Mittheilungen.“ – Neues Wiener Tagblatt, 4. März 1874, im Feuilleton: „Wolfrum der Städte-Verwüster.“ – Augsburger Abendzeitung, 2. Juni 1888, Nr. 153, unter Oesterreich. – Allgemeine Zeitung (München, 4°.) 1. Juni 1888, Nr. 151, S. 2207.
Porträt. Holzschnitt in der Bildnißgruppe des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes, welche die „Neue Illustrirte Zeitung“ (Wien, Zamarski) im VIII. Jahrgang (1880) Nr. 22 brachte. – Charge. Im „Floh“ vom 21. November 1874, Nr. 47, gezeichnet von C. v. Stur. Wolfrum vor seinem Pulte mit erhobenen Händen, die Rechte ein Lineal haltend, das die Aufschrift „Parteidisciplin“ trägt; vor ihm sitzen auf einer Bank Giskra und Herbst. Auf der Lehne seines Stuhles als Vogel Ignaz Kuranda.