BLKÖ:Kuranda, Ignaz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Kurelac, Franz
Band: 13 (1865), ab Seite: 407. (Quelle)
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Kuranda, Ignaz (Mitglied des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes und publicistischer Schriftsteller, geb. zu Prag im Jahre 1811). [408] Sohn wenig bemittelter israelitischer Eltern. Vater und Großvater waren Antiquar-Buchhändler in Prag und auch der Sohn sollte sich dem Buchhandel widmen. Aber zog den wißbegierigen Jüngling auch wenig der Vertrieb der Bücher an, diese selbst, mit jenen Schätzen, die Geist und menschliches Wissen in ihren Blättern niedergelegt, weckten seine Leselust, mit welcher auch der Drang zu ernsten Studien immer mächtiger wuchs. Die anhaltende, geistige Beschäftigung, die bei den mannigfaltigen Schätzen des väterlichen Antiquariats nach verschiedenen Richtungen Nahrung erhielt, weckte bald den Drang zu schaffen in K., und frühzeitig schon tummelte er den Pegasus. In der Bohemia, einem vormärzlichen Blatte, das mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit jungen Talenten seine Spalten öffnete, erschien am 13. Februar 1835 seine erste Arbeit im Drucke; es ist ein Gedicht, betitelt: „Der zwölfte Februar“, zur Geburtstagsfeier des Kaisers Franz. Dem folgten mehrere andere Arbeiten, welche bei der Jugend des Verfassers nicht Anspruch auf bleibenden Werth haben, aber Belege eines poetischen Talentes, eines schöpferischen Geistes waren. Der Weg, den K. einschlagen wollte, war entschieden, und von Seite des Vaters eben kein Widerspruch erhoben worden, da Schriftsteller und Buchhändler denn doch zwei Wesen sind, die zusammen gehören. Im Jahre 1834 begab sich der junge Kuranda nach Wien und hörte daselbst bei Lichtenfels Philosophie; zwei Jahre später sehen wir ihn bei einem Journale thätig, das in der vormärzlichen Periode Oesterreichs seinen achtungswürdigen Charakter so zu wahren verstand, daß es nach Bestand von nur wenig Jahren eingehen mußte. Es ist der von Lembert redigirte „Telegraph“. Kuranda schrieb für dieses Blatt über die Leistungen des Burgtheaters und Skizzen aus dem Wiener Leben, von denen erstere sein kritisches Talent, letztere seine feine Beobachtungsgabe beurkunden. Um diese Zeit auch entstand, während eines längeren Aufenthaltes in Baden, die Bearbeitung oder richtiger die freie Benützung eines Theiles des Stoffes des Schiller’schen Fragmentes „Warbeck“, welches K. zu einer Tragödie gestaltete, die unter dem Tit.: „Die letzte weisse Rose , in den weitesten Kreisen bekannt geworden. Im Vaterlande war K. mit seinem Drama nicht glücklich; die damalige Direction der Wiener Hofbühne hatte es aus Censurrücksichten abgelehnt, aber bereits ein Jahr später kam es in Stuttgart, Karlsruhe und in Frankfurt a. M. zur Aufführung. Das Stück fand eine begeisterte Aufnahme und der Kritiker Karl Weil schrieb nach der ersten Darstellung: „Herr K. hat zwar im Stücke Geschichte gemacht, statt das wirklich Geschehene zur Grundlage seines Drama’s zu nehmen; allein dem Dichter ist das wohl erlaubt und es gereicht seinem Talente zur Ehre, daß die Contouren seiner Gestalten so wahr hervortreten und die Verwicklung sich so natürlich darstellt, daß der Geschichtskundige glaubt, es sei einst Wirklichkeit gewesen“. Diese Ansicht ist die schlichteste Anerkennung des schönen dramatischen Talentes K.’s. Die Dichtung kam später (1844) auch in Wien und auf anderen Bühnen (Weimar, Berlin) zur Darstellung und fand nicht minderen Beifall. K., welcher im Frühjahre 1838 nach Stuttgart gereist war, um der ersten Aufführung seines Drama’s persönlich beizuwohnen, verlängerte alsbald seinen Aufenthalt in einer Stadt, in welcher das geistige Leben, das in Wien zu jener Zeit in wahrhaft entehrender [409] Weise niedergehalten wurde, ziemlich vernehmbar pulste. Abwechselnd in Stuttgart und in Tübingen, wo er die Universitäts-Collegien hörte, lebend, spornte ihn der Umgang mit Männern, wie Ernst Münch, Gfrörer, David Strauß, Mohl, Uhland, Graf Alexander von Württemberg u. A. zu eindringlichen und ernsten Studien; Geschichte und Literatur, vornehmlich die deutsche, beschäftigte ihn in ihrem ganzen Umfange. Von Stuttgart ging K. nach Paris, wo er Empfehlungen an Cousin hatte und und wo sich seinem regen Wissensdrange neue Gebiete eröffneten. Von Paris begab er sich nach Brüssel, um dort einen bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Daselbst hielt er einige Zeit starkbesuchte Vorträge über deutsche Literatur. In Belgien, das eben in jener Zeit nach einer Sicherstellung seiner Nationalität suchte und sich von Frankreich bedroht sah, erhob sich eine einflußreiche politische und nationale (die flämische) Partei, welche Alles zu pflegen begann, was die Richtung nach dem germanischen Leben kennzeichnete. Unter solchen Umständen war Kuranda’s Auftreten zeitgemäß und erfolgreich. Seine geistreichen Vorträge wurden als „Vorlezingen over de hoogduitsche letterkunde door den heer Kuranda“ in den Jahrbüchern für flammändische Literatur durch den Vicepräsidenten des Tribunals erster Instanz Delcour übersetzt. Das Journal „L’Indépendant“, damals das Journal des Königs, das, über den Parteien stehend, dieselben mit Geist und Ruhe zu begütigen strebte, brachte Uebersetzungen mehrerer seiner Vorträge in’s Französische, welche der Akademiker Van Hasselt besorgt hatte. Unter solchen Umständen wuchs sichtlich die Theilnahme für den jungen Deutschen und seine geistigen Bestrebungen. Insbesondere machte Minister Nothomb seinen ganzen Einfluß zu Gunsten Kuranda’s und seiner Pläne geltend. Von diesem und dem berühmten belgischen Dichter und Novellisten Henrik Conscience kräftig unterstützt, gelang es K., im Jahre 1841 das Wochenblatt die „Grenzboten“ zu gründen. Anfänglich sollte das Blatt Belgien mit Deutschland politisch-literarisch vermitteln. Der preußische Gesandte in Brüssel, Baron Heinrich Arnim, der diese Zeitschrift unter seine Botmäßigkeit und preußischen Einfluß bringen wollte, dabei aber an Kuranda’s Unabhängigkeitssinn scheiterte, bewirkte endlich, daß die „Grenzboten“, welche, um nach Deutschland zu gelangen, das Postamt zu Aachen passiren mußten, dort jedesmal confiscirt wurden. Hierdurch war K., dessen Energie durch die Schwierigkeiten nicht erlahmte, veranlaßt, die Uebersiedelung des Blattes von Brüssel nach Leipzig zu bewerkstelligen. Diese weit und breit berühmten „grünen Hefte“ begründeten und mit Recht Kuranda’s Ruf. Diese im Vormärz vervehmten, aber insgeheim viel verbreiteten und noch mehr gelesenen Wochenhefte waren für Jeden, der sich über Oesterreich unterrichten wollte, die einzige authentische Quelle. Die „Grenzboten“ nahmen eine ganz eigenthümliche und hervorragende Stellung in der publicistischen Literatur der Jahre 1842 bis 1848 ein. Im Allgemeinen war Deutschland gewohnt, sobald über Oesterreich im „liberalen“ Sinne geschrieben wurde, die Existenz dieser Monarchie bekämpft, das geistige Leben derselben herabgewürdigt, seine Stellung zu Deutschland als ein Joch, als unberechtigt in gehässigster Weise geschildert zu sehen. Mit Erstaunen sah man daher die in Leipzig erscheinende [410] Wochenschrift Kuranda’s, deren vorgeschrittener liberaler Charakter unzweifelhaft zu Tage lag, deren Redacteur die Rückkehr in die Heimat versperrt, deren Verbreitung durch hohe Geldstrafen verpönt war, die Fahne Oesterreichs in allen Fragen seiner äußeren Macht hoch erheben und mit feurigem Patriotismus vertheidigen, während gleichzeitig gegen die innere Politik des damaligen Oesterreichs in ihrer Gesammtheit wie in allen ihren Details eine auf genaue Sachkenntnisse gegründete (mit Benützung von Actenstücken und Verhandlungen, deren Veröffentlichung bis dahin eine Unmöglichkeit schien) energische Opposition geführt wurde. Der unverkennbare österreichische Geist, der die „Grenzboten“ durchzog, sowie der Ruf ihres Leiters als Ehrenmann, von dem eine Indiscretion nicht zu befürchten stand, führte denselben eine Reihe von oppositionell gestimmten Männern zu, die in den ständischen Versammlungen Nieder- und Oberösterreichs, Steiermarks und ganz besonders Böhmens für die Wiederbelebung der altständischen Rechte thätig waren. Baron Doblhof, Graf Friedrich Deym, Freiherr von Stift, Fürst Lamberg, Graf Morzin, Graf Wurmbrand u. A. sendeten an Kuranda theils selbstständige Arbeiten, theils Relationen über die ständischen Bewegungen und Landtage. Aber während die „Grenzboten“ diese bisher in Oesterreich geheim gehaltenen Dinge zur Oeffentlichkeit brachten und dem ständischen Repräsentativleben Vorschub leisteten, verkannte die Redaction keineswegs die Gefahr, welche in diesem Uebergewicht wesentlich feudalistischer Repräsentativkörper für die Freiheit in Oesterreich sich ergeben könnte, und beinahe in jeder Nummer der Wochenschrift wurde gegen die Einseitigkeit dieser aristokratischen Bestrebungen im Sinne des modernen Verfassungssystems angekämpft. Gleichzeitig waren die „Grenzboten“ bemüht, den in jener Zeit in Oesterreich auftauchenden poetischen und literarischen jugendlichen Kräften zu einem Sammel- und Stützpuncte zu dienen. Moriz Hartmann, Alfred Meißner, Joseph Rank, Uffo Horn u. A. wurden durch die „Grenzboten“ in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit gebracht, als siegreiche Beweise für das frische und unverwüstliche geistige Leben, welches in Oesterreich trotz der drückendsten politischen Verhältnisse pulsirte und sich Bahn machte. Wer den Schmerzensschrei nach Freiheit, den er selbst zuweilen so leise hinhauchte, daß es Niemand, der es weiter tragen konnte, hörte, schwarz auf weiß vor sich haben wollte, der las die „Grenzboten“. Die „Grenzboten“ waren, wie sie ein Schriftsteller treffend nennt, der „Moniteur“ aller derer, die in Oesterreich über seinen Druck und geistigen Verfall bittere Thränen weinten; die allezeit getreue Opposition im Prager Ständehause legte in den „Grenzboten“ ihre Anschauungen nieder; der Wiener Liberale flüchtete mit seinen Wünschen und Hoffnungen in die „grünen Hefte“, und der in Oesterreich geknebelte Poet ließ in denselben das freie deutsche Wort und Lied ertönen. Das waren die „Grenzboten“ bis zum Jahre 1848, das ist: so lange sie Kuranda geleitet, dem sie ihre Bedeutung, der ihnen den guten Klang seines Namens verdankt. Daß sie nach Kuranda’s Abgang das Plauderstübchen einer Oesterreichs Schriftstellern feindlichen literarischen Koterie geworden, ist allgemein bekannt. In der Zwischenzeit veröffentlichte K. noch ein größeres publicistisch-historisches Werk: „Belgien seit seiner Revolution“ (Leipzig [411] 1846), worin er die Geschichte eines freien Verfassungslebens lebendig mit aller Sachkenntniß schildert, und welches auch in mehreren Sprachen übersetzt wurde. Auch unternahm er in jener Periode eine längere Reise nach dem Süden, auf welcher er Genua, Florenz, Rom und Neapel besuchte. Als nach dem März der Bann fiel, der so viel Strebende in Oesterreich vom Vaterlande ferne hielt, kehrte auch K. dahin zurück, wurde daselbst in den Fünfziger-Ausschuß nach Frankfurt, im Mai d. J. von der Stadt Teplitz zum Abgeordneten für die deutsche National-Versammlung gewählt; kehrte aber von Frankfurt schon im September d. J. nach Wien zurück, wo er das Journal die „Ostdeutsche Post“ begründete, deren Eigenthümer und Redacteur er noch zur Stunde ist. In dieser Eigenschaft als Leiter eines großen Blattes, das einerseits mit einer gewissen Vornehmheit auftritt, wodurch es sich kenntlich von den anderen Tagesblättern unterscheidet, das aber andererseits im großösterreichischen Sinne wirkt und für ein freies Verfassungsleben laut seine Stimme erhebt, war K. bis zur Zeit thätig, als in Folge des italienischen Feldzuges im Jahre 1859 im Kaiserstaate große Reformen Platz griffen. Ein Jahr lang dauerte noch die in der Publicistik treffend als „polnische Wirthschaft“ gekennzeichnete Periode des Ministeriums Grafen Gołuchowski; endlich wurde dieser entlassen und durch den Verfassungs-Minister Ritter von Schmerling ersetzt. In jene Zeit fällt auch der denkwürdige Preßproceß in causa, Sebastian Brunner contra Ignaz Kuranda, den Letzterer siegreich bestand. Die Verhandlungen dieser Cause célébre erschienen in zwei Broschüren (bei Gerold und bei Mayer in Wien) und wurden in’s Italienische und Französische übersetzt. Dem October-Diplom von 1860 folgte im Jahre 1861 das Februar-Patent, und am 20. März d. J. wurde K. von der inneren Stadt Wien mit 1723 Stimmen in den niederösterreichischen Landtag und von letzterem am 6. April in das Abgeordnetenhaus des Reichsrathes gewählt. Und nun beginnt eine neue Thätigkeit K.’s, gleichsam eine höhere Potenz seiner bisherigen publicistischen. Auch diese muß, indem auf die ausführlichere Uebersicht in den Quellen gewiesen wird, in einen engeren Rahmen gefaßt, und kann nur der hervorragenden Momente derselben aphoristisch gedacht werden. Im Reichsrathe trat K., dem die Macht der Rede in nicht gewöhnlicher Weise zusteht, mit aller Entschiedenheit als Großösterreicher auf und zeichnete mit Bestimmtheit den liberalen, deutschen Standpunct, welchen er in den verschiedenen Fragen, mit denen sich die Politik in der Gegenwart beschäftigt, einnimmt. Kuranda hat an der Universität zu Leipzig, wo er jahrelang wohnte und neben seiner schriftstellerischen Thätigkeit die Collegien über Geschichte und Staatswissenschaft eifrig besuchte, das Diplom eines Doctors der Philosophie sich erworben. Er ist dem Glauben seiner Väter treu geblieben, und geschah dieß, wie die „Neuzeit“, ein israelitischen Interessen gewidmetes Blatt, schreibt: „mit Hintansetzung seiner Privatinteressen“. In Folge seiner publicistischen Thätigkeit wurde er zur Zeit der Pariser Kunst-Ausstellung von Frankreich mit der Ehrenlegion, später vom Sultan mit der Officiers-Decoration des Medschidje-Ordens ausgezeichnet. Die Stadt Wien hat ihn wiederholt in ihren Gemeinderath gewählt und die Stadt Baden ihm für seine Verdienste um das Wohl und Gedeihen geistiger [412] Interessen, insbesondere aber für seine energische Bemühung zur Errichtung einer Unterrealschule in Baden, als Referent des Schulausschusses im Landtage, das Ehrenbürger-Diplom übergeben. K. ist seit dem Jahre 1848 mit dem Fräulein Regina Wittelshöfer, einer gebornen Pragerin, verheirathet.

I. zur Biographie Kuranda’s. Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien, kl. Fol.) 1862, S. 242. – Waldheim’s Illustrirte Blätter 1864, Nr. 21, S. 82, in den „Wiener Gasflammen“ von Karl Sitter. – Frankl (Ludw. Aug. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) III. Jahrgang (1844), S. 1115 [in der Beurtheilung seiner weißen Rose die Biographie K.’s]. – Reichenberger Zeitung 1861, Nr. 157: „Die Linke im Reichsrathe“. [Der Feuilletonist entwirft darin die politische Silhouette Kuranda’s, den er einen Führer der Linken im Reichsrathe nennt]. – Allgemeine illustrirte Juden-Zeitung, herausgegeben von Dr. D. Schwab (Pesth, 4°.) 1862, Nr. 47, S. 375. – Jüdisches Athenäum. Gallerie berühmter Männer jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens (Grimma und Leipzig 1851, 8°.) S. 119. – Der Reichsrath. Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes (Wien 1861, 8°.) 1. Heft, S. 43. – Die neuen Väter der Großcommune Wien. Von Moriz Bermann und Franz Evenbach (Wien 1861, Beck u. Comp., 8°.) S. 11. – Oesterreich im Jahre 1840. Von einem österreichischen Staatsmann (Leipzig 1840, Otto Wigand, gr. 8°.) Bd. II, S. 316. – Zeitung für die elegante Welt. Herausgegeben von Laube. Jahrg. 1843, S. 709 [über ein von Kuranda an Lelewel[WS 1] in Brüssel gerichtetes Sendschreiben, den Panslavismus betreffend]. – Carte blanche (Leipzig 1862, Friedrich Volkmar, 12°.) [Xenien, als deren Verfasser der Reichsraths-Abgeordnete (unter dem Dichternamen Julius von der Traun bekannte) Dr. Julius Schindler angesehen wird. Xenie 37, 38 u. 39 (auf S. 41) sind auf Kuranda gerichtet]. – Photogramme aus dem niederösterreichischen Landtage. Von Joannes Nepomucenus Nonultra Montanus (Wien 1861, F. Manz u. Comp., 12°.) S. 8. [Als Verfasser dieser Photogramme (gleichfalls Xenien) gilt der Advocat und Reichsraths-Abgeordnete Dr. Joh. Nep. Berger. Vergleiche mein biographisches Lexikon Bd. I, S. 303] – Silhouetten aus dem österreichischen Reichsrathe (Leipzig 1862, Otto Wigand, 12°.) S. 22. [Als Verfasser dieser, auf Mitglieder des österreichischen Reichsrathes gerichteten Xenien wird der frühere Justizminister Freiherr von Pratobevera angesehen. Die Xenie K.... auf S. 22 ist auf Kuranda.] – Oesterreichischer Parnaß, bestiegen von einem heruntergekommenen Antiquar (Frey-Sing, Athanasius u. Comp. [Hamburg, Hoffmann u. Campe], 8°.) S. 27. – Verhandlungen des österreichischen Reichstages nach der stenographischen Aufnahme (Wien, Staatsdruckerei, 4°.) 1848, Bd. I, S. 609 [Schuselka stellt an die Minister des Innern und der Justiz eine Interpellation, betreffend die Demonstrationen, welche von Seite der čechischen Partei gegen Kuranda bei Gelegenheit seiner Vermälung in Kolin in das Leben K.’s bedrohender Weise Statt hatten]. – Stenographische Protokolle des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes (Wien, k. k. Hof- und Staatsdruckerei, 4°.) I. Session, 1861 auf 1862, S. 588 [interpellirt das k. k. Justizministerium wegen Vorlage eines Preßgesetzes (Antwort S. 613)]; S. 20, 21, 60, 72, 80 u. 84 [spricht in der Adreßdebatte]; S. 1019 [aus Anlaß der Auflösung des ungarischen Landtages]; S. 1336, 1337, 1432 u. 1435 [in den Verhandlungen über das Gemeindegesetz]; S. 1615 [über die Gewerbegenossenschaften]; S. 1728 [über das Brief- und Schriftengeheimniß]; S. 1959, 1965, 1976, 1977 u. 1991 [über das Preßgesetz]; S. 2163 u. 2187 [über die Strafgesetz-Novelle]; S. 2246 u. 2404 [über das Strafverfahren in Preßsachen]; S. 2422 u. 2432 [über die ohne Zustimmung des Reichsrathes seit 20. October 1860 ergriffenen Finanzmaßregeln]; S. 3931 [über das Handelsgesetz]; S. 4162, 4179, 4180 [über das Preßgesetz und die Strafgesetz-Novelle]. – Stenographische Protokolle u s. w. für die II. Session. 1863 auf 1864, S. 12 [spricht in Betreff der Behandlung umfangreicher Gesetzesvorlagen im Reichsrathe]; S. 29 bis 31 [anläßlich der Adresse auf die Thronrede]; S. 375, 380 u. 381 [über das Heimatgesetz]; S. 626 u. 690 [über die Benützung des öffentlichen Credits anläßlich des Nothstandes in Ungarn]; S. 825, 826, 834–836, 838–840, 842 [als Berichterstatter über den Staatsvoranschlag pro 1864. Polizeiministerium]; [413] S. 891–894 [als Berichterstatter über die Ablösung des Scheldezolles]; S. 1244 bis 1247 [über den Staatsvoranschlag für 1864, Ministerium des Aeußern]; S. 1817, 1830 u. 1331 [über die Erwerb- und Einkommensteuer von Actien-Unternehmungen]; S. 2010–2013 [über die Nachtragsforderung von 10 Millionen Gulden zur Bestreitung der Kosten der Bundesexecution in Schleswig-Holstein]; S. 2266–2268 [über die Regulirung der Elbezölle]. – Figaro (Wiener Witzblatt, 4°.) Jahrgang 1861, Nr. 26: „Aus der politischen Arena“ [anläßlich des Rieger’schen Insultes gegen Kuranda]. – L’Europe. Journal français de Francfort, 1863, Nr. 194 [im Feuilleton]. – Rittersberg, Kapesní slovníček novinářský i konversační, d. i. Kleines Taschen-Conversations-Lexikon (Prag 1850, 12°.) Theil II, S. 311. – Slovník naučný. Redaktor Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Lad. Rieger (Prag 1859, Kober, Lex. 8°.) Bd. IV, S. 1075.
II. Porträte. 1) Lithogr. von J. Kriehuber (Wien 1850, Halb-Fol.). – 2) Nach dem Leben lithographirt von Eduard Kaiser (Brustbild, Wien 1861, Halb-Fol.) – 3) In der Suite der von Canon gezeichneten 20 Blätter, die Reichsräthe in humoristischer Auffassung darstellend (Wien, bei Stammler und Karlstein, gr. 4°.). – Photographien in Visitkarten-Format von Jagemann, Löwy und Ost; in gr. 4°. von L. Angerer (5 fl.) und als Briefpetschaft in neuester Zeit.
III. Zur parlamentarischen Charakteristik Kuranda’s. Kuranda ist Großösterreicher und hat in allen bisherigen Berathungen des Abgeordnetenhauses diesen Standpunct energisch festgehalten. Der čechischen Fraction gegenüber ist er deutsch und tritt allen ultraslavischen Anmaßungen, welche nichts gemein haben mit den Rechten der slavischen Kronländer, mit anerkennenswerthem Muthe entgegen. Der Lohn bleibt ihm nicht aus. Wie dem Verfassungs-Minister, so haben auch ihn neben einigen anderen Gesinnungsgenossen die slavischen Witzblätter, wie z. B. Vilimek’s Humoristické listy u. a. zur stehenden Figur erkoren, an der sie ihre schalen Witze abnützen. Zu welchen Pöbelhaftigkeiten diese Winkelblätter ausschreiten, erfuhr man aus einer in der deutschen „Reichenberger Zeitung“ (1861, S. 129) mitgetheilten Uebersetzung einer čechischen Darstellung des Gebarens unserer deutschen Abgeordneten, worin natürlich auch Kuranda nicht geschont wird. Im Folgenden stellt sich Kuranda’s politische Stellung im Parlamente aus seinen eigenen Reden dar. Schon in einer der ersten Verhandlungen, im Juni 1861, bei Gelegenheit der Adreßdebatte, trat K. der unparlamentarischen Weise des čechischen Abgeordneten Franz Ladislaus Rieger, der immer nur von einer Selbstständigkeit der Königreiche spricht, die übrigen Kronländer und ihre Autonomie aber nur so nebenher in’s Schlepptau nehmen und diese Länder als Statisten der čechischen Autonomie gelten lassen will, mit Entschiedenheit entgegen. Ja, als Rieger sich so weit vergaß, Kuranda’s Bemerkung, man könne den Abgeordneten wohl nicht dafür zur Rechenschaft ziehen, was er außerhalb des Hauses treibe, wohl aber dafür, was er im Hause spreche, mit der auf Kuranda’s Confession hinziehenden beleidigenden Phrase „Wie man Geschäfte macht“ zu unterbrechen, da ging Kuranda mit dem Vertreter der böhmischen Krone unerbittlich in’s Gericht und vernichtete denselben mit dem später sprichwörtlich gewordenen Ausspruche, „daß auch Geschäfte in Nationalität gemacht werden“, welche Wahrheit von dem stürmischen Beifall des Hauses begleitet wurde. – Im weiteren Verlaufe der Adreßdebatte (30. August) formulirt K. mit Entschiedenheit die ungarische Frage und kennzeichnet klar den Standpunct, den er als Großösterreicher und jeder solche mit ihm ihr gegenüber einnimmt! „Wer hat“, fragt K., „das ungarische Recht, nachdem es der Dictator zerrissen, wieder hergestellt? Wer hat die Majorität der ungarischen Nation von der Dictatur und den Debrecziner Beschlüssen losgelöst und diese beseitigt? – Der Kaiser! – Der Kaiser allein? Nein, der Kaiser an der Spitze der österreichischen Nachbarländer Ungarns. Wer sich erinnert im Jahre 1849, wie hier auf dem Glacis 16–17jährige Kinder, Stadtkinder und Söhne aus allen Ländern einexercirt wurden, so rasch und so flüchtig, daß sie kaum die ersten Anfangsgründe der Kriegskunst erlernen konnten, um eiligst hinunter geschickt zu werden, als Futter für die Kanonen der Honvéds zu dienen, der weiß, daß das übrige Oesterreich mit seinem Blute, mit dem Blute seiner Kinder die Niederwerfung der Dictatur und der ungarischen Revolution bezahlte.“ ... „Um 300 Millionen ist die österreichische Staatsschuld beschwert worden durch die Hilfeleistung, welche sie dem ungarischen Könige, [414] welche sie der Majorität des Landes gab, um den ungerechtfertigten Zustand der Dictatur niederzuwerfen“. Weiter führt K. aus, welche nachteiligen Folgen für Oesterreichs Machtstellung, ja für seine finanziellen Verhältnisse die zur Niederwerfung der das ungarische Volk tyrannisirenden Dictatur nothwendig gewordene russische Hilfe gehabt; in welche Zwitterstellung durch diese Verbindlichkeit gegen Rußland Oesterreich im orientalischen Kriege gerathen. „Ist es nun unbillig“, bemerkt nun K., „wenn wir zu unseren Nachbarländern jenseits der Leitha sagen, wir haben nichts Geschriebenes miteinander. aber wir haben für Euch gelitten, wir sind doch für Euch verarmt, wir sind für Euch aus dem Gleichgewicht gekommen; wir haben ja doch wohl das Recht, daß ihr darauf Rücksicht nehmt ... daß ihr mit uns einig steht, auf jenem Boden, auf dem wir das meiste gelitten haben, auf dem Boden der Finanzen“. Es ist dieß die klarste eindringlichste Sprache, welche das Verhältniß der übrigen Kronländer zu Ungarn in der einfachsten Weise präcisirt – In der Sitzung vom 7. Mai 1862 erörtert K. in einer längeren, von historischen Nachweisen reich belegten und öfter von stürmischem Beifalle unterbrochenen Rede die deutsche und die italienische Frage. Was das Verhalten Oesterreichs in der deutschen Frage betrifft, so stand Oesterreich bis zum Jahre 1848, wie K. bemerkt, auf der „Hockwarte der Reaction“. Die Regierung glaubte, jede freie Bewegung in Deutschland sei für Oesterreich todesgefährlich; es war die Zeit der Karlsbader Beschlüsse; die Zeit, wo Oesterreich der Hemmschuh war für jedes höhere, geistige Streben, für jeden freiheitlichen Sinn, für jede verfassungskräftige Entwicklung. Was diese Zeit der Karlsbader Beschlüsse für eine Saat gestreut hat, daß haben wir im Jahre 1848 erfahren. Im Jahre 1848 hat, mit seinen politischen Zuständen unzufrieden, das deutsche Volk einen Appell gerichtet an alle freisinnigen, mit dem Vaterlande eng verbundenen Männer, um sie zu einem Gesammt-Parlamente nach Frankfurt zu laden, um dort Deutschland zu reorganisiren und in seinem Zusammenhange zu kräftigen. Auch an Oesterreich, trotz aller Unbill, die Deutschland, von österreichischer Seite erfahren hatte, erging dieser Ruf, und ein Staatsmann, der so verketzert war in seinem Leben, und dem man es namentlich zum schweren Vorwurf machte, daß er die Wahlen für das deutsche Parlament damals in Oesterreich ausschreiben ließ, dieser Staatsmann (Pillersdorf), Ehre sei seinem Namen, hatte die gesunde Idee und den richtigen praktischen Blick, daß die österreichischen Vertreter auf ihren Plätzen in Frankfurt sein müssen. Jene Männer haben es durchgesetzt, daß nicht damals schon der Bruch zwischen Oesterreich und Deutschland eingetreten ist, den wir heute von bestimmter Seite angestrebt sehen. Sie haben gekämpft und den Platz Oesterreichs in Deutschland festgehalten und die Zukunft vorbereitet, den rechtshistorischen Boden aufrecht erhalten, auf dem jetzt weiter zu bauen die Aufgabe gewesen wäre. Nun kam die Epoche des Fürsten Felix Schwarzenberg. Es war ein Moment voll Schwung und Glanz; als diesem energischen, kühnen, waghalsigen Manne und diesem großartigen und glücklichen Spieler gelungen war, Oesterreichs Macht, welche früher in dem Jahre 1848 so darniederlag, wieder zu entfalten und die österreichischen Banner flattern zu lassen von Ancona bis Rendsburg; dieser Mann durfte einen Augenblick mit Stolz sagen: Ich bin der Restaurator der österreichischen[WS 2] Macht. Aber dieser Stolz hat ihn zu weit geführt, er führte ihn in den nämlichen Fehler, den das Metternich’sche System hatte, nämlich in den Fehler, Alles in der äußeren Macht zu sehen und nichts in der inneren. Dieser Stolz hat ihn dazu verleitet, die Grundlage, auf welche man hätte bauen können, nämlich die Verfassung, welche Oesterreich am 4. März 1849 hatte, zu beseitigen und die Regierung zu einer Omnipotenz zu erheben, die ausschließlich Oesterreich zu sein glaubte. Diese Vernichtung aller und jeder Volksvertretung in Oesterreich, die Verwandlung desselben in einen starrabsoluten Staat brachte uns um alle Früchte der Schwarzenberg’scheri Erfolge. Die Freunde Oesterreichs wurden mißtrauisch, abspänstig und nach einer Reihe von Jahren gelang es einem System, an dessen Spitze Baron Manteuffel stand, einem so verrotteten System, den Einfluß Oesterreichs in Deutschland zu verdrängen und die Oberhand in Deutschland zu erhalten, derart, daß auch dieses corrupte System von moralischen Eroberungen zu sprechen wagen konnte. Nun ist das Verfassungssystem in Oesterreich von Sr. Majestät proclamirt worden, und nun stehen wir Deutschland gegenüber mit einem ganz anderen Programme. Es ist aber auch nothwendig, daß man uns einen Umriß davon [415] gebe, welches Programm der Vertreter des neuen und constitutionellen Oesterreichs in der deutschen Frage anstrebt. Es ist jetzt nicht genug, die Wünsche des Hofes und der Minister zu berücksichtigen, man müsse auch die Wünsche des Volkes in Erwägung ziehen.“ – Die italienische Frage bezeichnet K. als eine große, schmerzensreiche Erbschaft der Verträge vom Jahre 1815. „Es ist nie einem Staate ein größeres Unglück durch Machtzuwachs passirt, als uns in Italien. Es war eine scheinbare Macht. Seit der Zeit, wo wir diese Macht besessen haben, war unser Körper wund, in allen großen Fragen mußten wir zittern, daß man uns jene kostbare „Macht“ entreiße und mußten Verschanzungen aufführen, Militärbesatzungen, Interventionen und das ganze Gefolge der despotischen Troppauer und Laibacher Congreßbeschlüsse heranziehen sehen, welche ganz Europa gegen uns aufbrachten, unseren Staatsschatz verminderten, unsere Schulden vermehrten, Alles, um diese sogenannte Machtstellung in Italien zu erhalten. Was dadurch geschehen ist, was die Folge davon war, wissen Sie Alle. Es war der Vertrag von Villafranca und noch mehr der Vertrag von Zürch. Wenn je die Diplomatie ihre Impotenz gezeigt hat, ist es eben in Zürch gewesen. Trauriger hat nie eine geistige Macht ihre Ohnmacht bewiesen, als unsere Diplomatie in dem Vertrage von Zürch; denn, was heute von diesem Vertrage noch aufrecht ist, das ist einzig und allein unser Festungsviereck, das Oesterreichs Volk vertheidigt mit seinen tapferen Söhnen, mit seinem Staatsvermögen, mit seinem einigen Willen. Alle anderen Bestimmungen des Zürcher Vertrages flattern in den vier Winden. Ich glaube, es ist kein Unglück, daß wir endlich die sogenannte Machtstellung in Italien verloren haben und daß wir aufgehört haben, eine „italienische Macht“ zu sein. Venetien, ich wiederhole es, wollen wir halten und vertheidigen mit allen Kräften, die uns zu Gebote stehen; aber wir vertheidigen es nicht, um eine italienische Großmacht zu sein, sondern wir vertheidigen es als eine Vormauer Oesterreichs, als eine Vormauer in orientalischen Angelegenheiten, als eine Vormauer Bayerns und Süddeutschlands, dessen Wächter wir immer bleiben werden, welche Proteste aus Norddeutschland auch immer eintreffen mögen. Darauf aber, glaube ich, sollen wir uns beschränken. Es fällt mir nicht ein, dem Minister zuzumuthen, daß er die Verträge, die heute noch existiren und als rechtsgiltige Documente bestehen, hinauswerfe auf den freien Markt. Daß sind Wechsel, die, wenn auch derjenige, der sie ausgestellt hat, Banquerotteur daran geworden ist, wenn er auch seine Unterschrift verleugnet, doch Wechsel sind, die am Tage des großen Vergleichsverfahrens ausgetauscht werden sollen gegen andere Werthe. Diese Wechsel herausgeben soll der Herr Minister nicht; aber daß er darauf bestehen sollte, daß sie nach ihrem ganzen Wortlaute eingelöst werden, dagegen mußte ich für meine Person mich aussprechen. Restaurationspolitik in Italien zu treiben, dazu ist die Zeit nicht angethan.“ – Noch einer Rede K.’s muß hier gedacht werden, um sozusagen die ganze Peripherie des politischen Glaubensbekenntnisses K.’s zu ziehen, welches das Programm einer großen Partei im Kaiserstaate in seinen Hauptpuncten[WS 3] abspiegelt. Es handelte sich nämlich um Oesterreichs in der äußeren Politik isolirte Stellung und um die Frage, welche Allianzen dasselbe schließen solle. Es war in der Sitzung vom 23. November 1862. Indem K. verlangt, daß mindestens Notate über unsere Stellung zum Auslande von Seite des auswärtigen Amtes dem Reichsrathe vorgelegt werden; indem er ferner meint, daß die Vertheidigungskraft eines Staates nicht bloß in der Kraft eines schlagfertigen Heeres[WS 4], sondern noch in einem zweiten Factor bestehe, nämlich in zuverlässigen guten Allianzen, geht er nun diese Allianzen durch. Vorher aber legt er Oesterreich an’s Herz, die italienische Frage endlich zu einem Abschlusse zu bringen, aber nicht mit erneueter Anwendung von Waffengewalt; dieß soll durch Unterhandlungen geschehen; allerdings jedoch ist deren Gelingen ohne das Zusammenwirken Oesterreichs mit einer der zwei maßgebenden Mächte unmöglich. Der Versuch des Ministers des Auswärtigen, eine russische Allianz zu negotiiren, scheiterte; die heilige Allianz ist zum Glücke der Völker und zum Besten der Regierungen todt. Die russische Allianz ist zur Zeit keine, die uns nützen kann; unsere natürlichste Verbindung liegt in Deutschland, doch mag er den traurigen deutschen Zwiespalt nicht berühren; von Preußen sei ebenso wenig wie von Rußland eine Unterstützung in der italienischen Frage zu erwarten. Nun faßt er die Frage in’s Auge, ob eine Allianz mit England bezüglich der italienischen Frage einen Erfolg haben könne. Da weist nun K. nach, daß in der italienischen Frage [416] Oesterreichs und Englands Interessen nicht harmoniren; daß aber England Oesterreich als Bundesgenossen selbst suchen werde, wenn die orientalische Frage an die Reihe kommt. Die Consequenz dieser Betrachtungen führt K. zuletzt auf Frankreich und hier entwickelt er in eigenthümlicher Weise seine Ansicht „Können wir“, fragt K., „mit einer Macht, die Verträge, auf welchen ihr Name unterzeichnet steht, nicht ausführte, uns einlassen? Ist es möglich durch eine Verständigung mit ihr, ich sage nicht eine Allianz, die italienische Frage zu einem europäischen Abschlusse zu bringen? Ich glaube nach den neuesten Wendungen, dieses mit einem Ja beantworten zu sollen. Es ist eingestanden nicht bloß von französischen Regierungsmännern, sondern von französischen Demokraten, von Proudhon, daß die italienische Unification eine Gefahr für Frankreich sei. Das ist auch das österreichische Programm. Ein zweiter Punct ist für mich persönlich delicater Natur; ich meine die Erhaltung der weltlichen Herrschaft des Papstes. Auch in dieser Beziehung ist es klar, daß Frankreich und Oesterreich als zwei katholische Staaten dieselben Interessen haben. Nun denn, ist es wahr, daß Frankreich und Oesterreich in Italien in der Hauptfrage gemeinsame Interessen haben, weßhalb soll Oesterreich nicht Frankreich die Hand reichen, damit endlich Frieden werde? Wenn das bisher nicht geschehen ist, so muß man vermuthen unsere Regierung hege im Herzen nach wie vor noch Legitimitäts- und Restaurations-Ideen, über welche Frankreich allerdings hinaus ist, und welche ein Einverständniß mit dieser Macht verhindern. Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, anzuerkennen, was nicht rückgängig zu machen ist; nicht aber Gewehr im Arm dazustehen und sich finanziell zu ruiniren, um vielleicht einige bessere Bedingungen, legitimistische Restaurationen zu erlangen. Die entente cordiale mit Frankreich localisire ich rein auf das Gebiet gemeinsamer Interessen. Ein Einverständniß zwischen Oesterreich und Frankreich in der italienischen Frage würde uns England gar nicht entfernen. Im Gegentheil, wenn wir uns in einer Angelegenheit, welche England nur in zweiter Linie berührt, und in der es sich trotz aller Noten lau in Thaten zeigt, an seinen Alliirten, Frankreich, wenden, andererseits aber in der deutschen Angelegenheit nicht ein Haarbreit von unserem Rechte und unseren Pflichten abweichen; wenn wir in der orientalischen Frage zeigen, daß England auf uns rechnen kann, dann werden wir ein einflußreiches und vermittelndes Zwischenglied in der französisch-englischen Allianz bilden. Oesterreich wird endlich die ihm gebührende Weltstellung wieder erlangen und schließlich in der Lage sein, sein Kriegsbudget bedeutend herabzumindern.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Marcin Borelowski, pseudonym Lelewel.
  2. Vorlage: östereichischen.
  3. Vorlage: Hautpuncten.
  4. Vorlage: Herres.