BLKÖ:Straschiripka, Johann (Canon)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Strasoldo
Band: 39 (1879), ab Seite: 253. (Quelle)
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Straschiripka, Johann, genannt Canon (Bildniß- und Historienmaler, geb. zu Wien 1829). Im Aufnahme-Protokoll der Zöglinge der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien vom Jahre 1845 (pag. 361) steht Johann S. als 16jähriger, aus Wien gebürtiger Sohn des Wirthschaftsrathes Straschiripka eingetragen. Wir führen diese urkundliche Notiz an erster Stelle an, weil sich um die Person des ebenso [254] bedeutenden als eigenartigen Künstlers mit der Zeit ein Nimbus gebreitet hat, welcher nicht nur die Angaben über seine Geburt, sondern auch die weiteren Mittheilungen über seinen Lebens- und Bildungsgang als so unbestimmt erscheinen läßt, daß in das Dunkel der durchaus widersprechenden Nachrichten wohl schwerlich Klarheit zu bringen ist. Uebereinstimmend lautet nur, daß er in Wien das Gymnasium, dann das polytechnische Institut besuchte und aus diesem zur Akademie der bildenden Künste übertrat, in welcher er, wie berichtet wird, nur wenige Wochen verblieb. Hierauf wurde er ein Schüler Waldmüller’s, blieb es aber auch nur für kurze Zeit, nämlich fünf Monate, da er 1847 in die kaiserliche Armee eintreten mußte. In dieser diente er mehrere Jahre. Schon hierin weichen die Angaben völlig von einander ab. Nach Pecht [vergleiche die Quellen S. 261] „bringt er es rasch zum Artillerieunterofficier, weshalb er sich denn auch später den Namen Canon beilegte“. Nach Anderen habe er bis 1854 als Lieutenant in einem Cürassier-Regiment gedient, in der Brigade Ottinger den ungarischen Feldzug 1849 mitgemacht, auch an jenem der Südarmee unter Hardegg-Cürassieren theilgenommen und 1853 quittirt. Vom Jahre 1854 ab, nach seines Vaters Tode, widmete er sich, dem Drange zur Malerei folgend, dieser Kunst, ohne aber eine Schule zu besuchen, sondern nur in näherem Verkehr mit den Schülern Rahl’s, welcher den meisten Einfluß auf S.’s künstlerische Entwicklung übte. Dieser Einfluß zeigt sich auch insofern als vorherrschend bei unserem Maler, als wir denselben nur nach großen Vorbildern arbeiten und in seinen Werken immer nur im großen Style sich entfalten sehen. Und wenn es Kleinigkeiten sind, in welche sich einmal sein gewaltiger Künstlergeist, gleichsam einen Ruhepunct suchend, versenkt, so ist er doch auch in diesen nie klein und unbedeutend, sondern es blickt selbst aus solchen Bagatellen der Canon’sche Feuergeist hervor. In Bezug auf diese Studien stimmen die Nachrichten über den Künstler wenigstens in den Hauptmomenten einigermaßen überein. Schwer aber ist es, das Leben des Künstlers, der bald da, bald dort auftaucht, weiter zu verfolgen. Seine Biographen melden nur im Allgemeinen, daß er Frankreich, England, Italien, Spanien durchreist, dann in Afrika seiner Leidenschaft als Jäger und Fischer nach Herzenslust gefröhnt, später Europa wieder aufgesucht, mehrere Jahre in Karlsruhe gelebt und die Künstlerverhältnisse dieser Stadt außer Rand und Band gebracht habe, doch endlich nach Wien zurückgekehrt sei. Im Folgenden theilen wir auf Grundlage der Nachrichten, wie solche von Zeit zu Zeit in den Journalen aufgetaucht, genauere Angaben mit. In Wien erregte zuerst ein Bild der Schauspielerin Kathi Schiller, das in der April-Ausstellung 1857 zu sehen war, große Aufmerksamkeit. Die durch ihre Anmuth bekannte Künstlerin stützt sich mit der rechten Hand auf ein Buch mit der Aufschrift „Th. Krones“. Das Bild ist mehr als ein bloßes Bildniß: das verkörperte Leben in Farbe und Auffassung. Mit großer Virtuosität gemalt, ist es ein wahres Charakterstück und repräsentirt in der Dargestellten die letzte Priesterin Thaliens aus der, erloschenen Schule der Krones. Nun blieb der Name des Künstlers wieder verschollen, bis es einige Jahre später hieß, er lebe in [255] Paris. Daselbst soll er in den Ateliers von Paul Delaroche und Horace Vernet Studien gemacht, dann von dort sich nach Oltenitza in der großen Walachei begeben und die Gastfreundschaft Omer Paschas genossen haben. 1860 befindet er sich wieder in Paris, kommt aber noch im nämlichen Jahre nach Wien, wo seine „Moderne Judith“ Aufsehen erregte. Das Bild, das eine kräftige, dabei schöne Mädchengestalt, die einen Hahn hält, darstellt, wurde sofort als Allegorie aufgefaßt, aber verschieden gedeutet, bis auf die direct an Straschiripka gerichtete telegraphische Anfrage eines großen Kunstfreundes: welche Idee seinem Bilde zu Grunde liege? auf gleichem Wege die Antwort erfolgte: „Germania und gallischer Hahn“. Es war dies sozusagen ein prophetisches Bild, da erst ein Jahrzehent später die Fesselung des gallischen Hahnes durch die Germania erfolgte. Vorderhand nahm der Künstler seinen Aufenthalt in Wien, wo er im folgenden Jahre (1861) durch seine Reichsrathscaricaturen von sich reden machte. Während Einige dieselben verteufelt schlecht fanden, schwärmten Andere für den Genius des Malers, der sich wieder in anderer Gestalt, als Caricaturist, offenbarte. Wir halten die Satire nicht für des Malers stärkste Seite und meinen, daß er mit diesen Zeichnungen seinen Künstlerruhm nicht bereichert habe. Auf der Rückkehr von einer Reise, welche er 1862, n. A. 1863 mit dem Grafen Wilczek nach London unternommen, um Thiere für den in Wien gegründeten zoologischen Garten zu erwerben, wurde er durch Krankheit genöthigt, in Karlsruhe zu bleiben, wo er denn auch 1863 sein künstlerisches Heim aufschlug. Nur ab und zu hörte man jetzt seinen Namen noch nennen, wenn seine Bilder in öffentlichen Ausstellungen nicht mehr die Aufmerksamkeit, sondern vielmehr die Bewunderung der Beschauer erregten. Dies war der Fall mit seinem tizianisch gemalten „Fischmarkt“, dem „Mädchen mit den Früchten“, dem „Pagen“ und „König Mammon“, Bildern, welche den Eindruck machten, als könne kein moderner Künstler sie gemalt haben, und die das Wiederaufleben einer entschwundenen Glanzepoche der Malerei zu bekunden schienen. Von anderen Werken seines Pinsels aus der Zeit seines Karlsruher Aufenthaltes sind besonders hervorzuheben ein großes „Ecce homo-Bild“, Canon’s erster Versuch auf religiösem Gebiete, dem seine ganze Richtung bisher ferne stand; und ein „Bildniss der Grafen Flemming“, der Gemahlin des königlich preußischen Gesandten in Baden. – Mit einem Male verlautete, der Künstler, welcher bereits früher Soldat gewesen, fühle neuerdings (1864) den Drang in sich, auf dem Schlachtfelde Lorbeeren zu ernten, er warte nur die Aufstellung einer Armee für Schleswig-Holstein ab, um sich an die Spitze einer Freiwilligenschaar zu stellen, die er zumeist aus Studenten – Polytechnikern in Karlsruhe und Heidelberger Musensöhnen – bilden wolle. Der Künstler, hieß es ferner, habe sogar bereits den Plan dazu entworfen und demselben ein Promemoria beigefügt. Kaum aber war die Kunde von diesem etwas abenteuerlichen Project in die Welt gedrungen, als Canon selbst telegraphisch nach Wien meldete, daß an dem ganzen Gerücht kein wahres Wort sei. – Inzwischen arbeitete er zu Karlsruhe in aller Stille weiter. Da ging im Jahre 1866 die Nachricht durch die Blätter, daß Liebe [256] den Löwen gebändigt, d. h. daß es einer Amerikanerin gelungen, seinen unruhigen Sinn zu beschwichtigen und den abenteuernden Künstler an die Süßigkeit des häuslichen Philistertums zu gewöhnen. In der That, der Künstler hatte geheiratet und war dann im Jahre 1869 aus Karlsruhe nach Stuttgart übersiedelt. Im Mai des folgenden Jahres wußte die sonst gut unterrichtete „Oesterreichische Correspondenz“ zu melden: „daß der Künstler aus Afrika kommend auf seiner Fahrt nach Stuttgart in Wien verweilt habe“. – Während seines Aufenthaltes in Karlsruhe malte er mehrere Decken- und Wandgemälde für den großherzoglichen Wartesaal auf dem Karlsruher Bahnhofe, sowie für verschiedene Privathäuser in Frankfurt. An Staffeleibildern aus dieser Zeit sind von ihm bekannt: „Cromwell vor der Leiche Karls I.“, für den Herzog von Coburg, und „Mädchen mit der Katze“. Nach seiner Rückkehr aus Afrika treffen wir in seinen Arbeiten auf Motive aus dem Orient: „Afrikanische Löwenjagd“ – „Flamingojagd“, von Claus 1873 radirt, – „Die Schwerthändlerin“ – „Bajadere“, welche Bilder gleich seinem „Diogenes“, – „Mädchen mit Fischen“ – „Fischmarkt“ und „Der Page“ für das römische Bad in Wien bestimmt waren. Allgemeines Aufsehen erregte aber in der Kunsthalle der Wiener Weltausstellung 1873 sein kolossales im Centralsaale daselbst ausgestelltes Gemälde „Die Loge Johannes“ das ungeachtet einer großen Menge vorzüglicher Bilder, welche diesen Saal schmückten, neben Wiertz’s „Sturz der Engel“ fast allein die Aufmerksamkeit der Besucher fesselte. Man bezeichnete damals jenes Werk als das schönste und reifste des Künstlers, und als ein berühmter Maler der deutschen Nation beim Besuche der Kunsthalle dasselbe erblickte, rief er, erstaunt, es unter den übrigen zu finden: „Das ist ja gar ein alter Meister!“ Als er aber dann näher an das Gemälde herantretend, den Namen Canon las, entschlüpften ihm unwillkürlich die Worte: „So viel kann der Mann!“ In diesen beiden Aussprüchen eines Mannes, und noch dazu eines Künstlers, liegt die ganze Kritik des Bildes. Im folgenden Jahre riefen Canon mehrere Aufträge nach Wien, wo er, da ihn die Ausführung für längere Zeit daselbst fesseln sollte, im Hause des Malers Kratzer, auf der Wieden in der Starhemberggasse sein Atelier aufschlug, welches in dem Wandschmuck von Waffen, Wander- und Jagdtrophäen eine künstlerische Illustration seines unsteten Wanderlebens bot. Im Jahre 1875 erhielt er von Seite des österreichischen Ministeriums den Auftrag, die Nordpolfahrer zu porträtiren, zu welcher Aufgabe, in Anbetracht, daß es galt, lauter Charakterköpfe abzunehmen, kaum ein tüchtigerer Künstler als Canon berufen werden konnte. Zu diesem Zwecke begab er sich nach Fiume, wo ihm die k. Seebehörde ein geräumiges Gemach als Atelier überließ. Daselbst führte er seine Aufgabe aus, indem er in einer Episode der Nordpol-Expedition die Mitglieder in Porträtähnlichkeit darstellte, wobei er theils nach der Natur, theils nach Photographien arbeitete. Nach Wien zurückgekehrt, wurde er mit Aufträgen fast überschüttet. Nun lassen wir seine Arbeiten folgen, und zwar erst diejenigen, welche in den öffentlichen Ausstellungen zu sehen waren, dann jene, von deren Vollendung die Journale berichteten. Daß diese [257] Uebersicht nicht vollständig ist, begreift sich leicht, aber kaum dürfte eine einigermaßen bedeutende Arbeit des Künstlers vermißt werden. Im Jahre 1857 war es das erste Mal, daß Canon mit einem Werke vor die Oeffentlichkeit trat, es war das in der Lebensskizze erwähnte Bild der durch ihre Grazie das Wiener Publicum bestrickenden Localsängerin Kathi Schiller [Band XXIX, Seite 318]. Dann folgte noch vor Ende des Jahres ein männliches Porträt, im Katalog als Eigenthum eines Herrn Eckart bezeichnet. Nun brachte jedes der folgenden Jahre eine oder die andere Arbeit; nie aber waren die Ausstellungen des österreichischen Kunstvereins mit Bildern Canon’s überfluthet, wie dies aus der folgenden Uebersicht hervorgeht: 1858, im November: ein „Männliches Porträt“ (Eigenthum des Grafen O’Sullivan de Graß); – „Weibliches Porträt“ (Eigenthum des Herrn von Schwarz); – „Weiblicher Studienkopf“ (Eigenthum des Grafen O’Sullivan); – 1859, im Februar: „Bildniss des Grafen Edmund Zichy“; – 1860, im Jänner: „Mädchen mit Fischen“ (Von Baron Sina angekauft und vom Kunstverein als Prämienblatt vervielfältigt; 700 fl.); – im März: „Die moderne Judith“ (1000 fl.); – im April: „Porträt“; – im Juni: „Weibliches Porträt“; – im September: „Weibliches Porträt“ (Eigenthum des Herrn Friedrich von Schey); – 1861, im März: „Der Liebesantrag“ (Eigenthum des Ritters v. Galvagni); – im April: „Porträt“ (Eigenthum des Herrn Figdor); – im Mai: „Wasserträgerin“ (Eigenthum des Herrn J. B. Hauptmann); – 1862, im Februar: „Zwei Porträts“; – im Mai: „Weibliches Porträt“; – „Am Morgen“; – 1863, im September: „Der Salamander“ (450 fl.); – im November: „Schwarzwälder Mädchen“ (Eigenthum des Herrn J. Krayer; 600 fl.); – 1866, im September: „Der Rüdenmeister“, aus einem Cyclus von Wandbildern für einen Jagdsaal (Eigenthum des Grafen Wilczek); – 1867, im Februar: „Der Schatzgräber“; – „Eva“ (800 fl.; vom Kunstvereine angekauft); – 1868, im Februar: „Wein, Weib und Gesang“ (Eigenthum des Grafen O’Sullivan); – im März: „Selbstporträt“; – im Juli: „Drei Strolche“ (Eigenthum des Herrn J. B. Hauptmann); – 1870, in einer Ausstellung des Künstlerhauses: „Geflügelverkäuferin“; – 1871, in der März-Ausstellung des österreichischen Kunstvereins: „Ein Edelfräulein Früchte credenzend“ (Eigenthum des Herrn Alb. Landau in Wien); – 1872, im März: „Studienkopf“ (Eigenthum des Bankiers Isid. Reizes); – im April: „Zwei Studienköpfe“ (beide Eigenthum des Herrn Teitelbaum); – in der II. großen internationalen Kunst-Ausstellung 1870 in Wien außer dem bereits erwähnten „Page“, der inzwischen Eigenthum des Herrn von Silm in Stuttgart geworden: „Bajadere“ (Eigenthum des Bankiers Dreifuß in Stuttgart); – ein „Familienbild“ (Eigenthum des Herrn Niehammer, ebd.); und „Afrikanische Jury-Sitzung“; – in der III. großen internationalen Kunstausstellung ebenda: „Diogenes“; – „Mädchen mit dem Stereoskop“. – Von jenen in der Presse erwähnten Bildnissen sind nur solche bekannt geworden, von welchen die „Neue illustrirte Zeitung“ mehr freimüthig als schmeichelhaft berichtet, „daß deren Zukunft nicht in der Galerie, sondern in der Rumpelkammer zu suchen“; wieder andere, die man, um eine ganze Classe [258] zu bezeichnen, Bildnisse von Respectspersonen, gemalt für Sitzungssäle auf gemeinschaftliche Kosten des Anstaltspersonales, nennen möchte; ferner folgende Bildnisse: Baronesse Liebig – Reichsfinanzminister Freiherr von Hofmann, beide aus dem Jahre 1878: – Gräfin Schönborn, Kniestück; – Bürgermeister Dr. Felder, ganze Figur. für den Berathungssaal der Wiener Großcommune bestimmt; – Hugo Altgraf Salm; – Ritter von Mauthner; – Professor Benedict; – Graf O’Sullivan; – Bischof Kolonicz, für die Graf Wilczek’sche Ahnengalerie auf Schloß Seeborn; – Feldzeugmeister von Hauslab, im Auftrage des Unterrichtsministers; – Baronin Bourgoing-Kinsky; – Gräfin Wurmbrand; – Erich Altgraf Salm und seine Söhne; – die Deckenbilder im Salon Auspitz: Poesie und Malerei und die Entwürfe einer großartigen Speisesaal-Decoration für New-York, darunter ein üppiges Gelagebild von 40 lebensgroßen Figuren. Die künstlerische Bedeutung Canon’s ist je nach dem Standpunct, den der Kritiker gegenüber dem Maler einnahm, eine verschiedene. Der Künstler selbst hat durch sein Auftreten nichts dazu gethan, die Kritik zu gewinnen; für um so wichtiger erscheinen uns also die Stimmen derselben, von denen wir S. 259 eine Blumenlese folgen lassen, aus welcher trotz allen Wenn und Aber noch immer so viel übrig bleibt, daß wir es in Canon mit einem Künstler zu thun haben, deren nicht dutzendweise umherlaufen. Treffend bemerkt der Berichterstatter in der „Allgemeinen Zeitung“ Herr von Vincenti, da er uns den Künstler zum ersten Male vorführt: „daß bei Canon die Hingebung an die alten Meister eine so absolute, daß sie allen seinen Bildern jenes merkwürdige, antikisirende Gepräge verleiht, welches die originelle Signatur seines Schaffens geworden ist, so daß fast jedes Canon’sche Bild an irgend einen Altmeister erinnert“. In der That, es gibt Gemälde von Canon, die man für ein Werk Rembrandt’s, dann wieder Van Dyk’s, Jordaens’, Rubens’ halten möchte. Aber mögen dem Künstler auch mitunter Künsteleien unterlaufen, es schaut doch aus diesen „alten Bildern“ fast immer der gesunde robuste Canon unserer Zeit heraus, jener originell veranlagte Maler, welcher die aus dem „Alterthümeln“ für mindere Talente allzeit erwachsende Gefahr der Verschwommenheit und Unklarheit niemals zu fürchten haben wird. Director Franz Reber in seiner „Geschichte der neueren deutschen Kunst“ klammert sich aber eben an dieses Nachahmungstalent unseres Künstlers, von dem als einem Nachfolger des durch Rahl begründeten Monumentalstyles er berichtet, daß er sich mehr von der Tradition des Meisters emancipirt hat, als dies dessen unmittelbaren Schülern Bitterlich, Griepenkerl u. A. gelungen ist, freilich um dafür in idealen Arbeiten einem fast archaistischen Eklekticismus bis zur Imitation der Venetianer und Rubens’ zu verfallen. An einer anderen Stelle räumt er aber doch die Thatsache ein, daß Canon, dann Gaul, ebenfalls ein Schüler Rahl’s, und H. von Angeli es sind, welche dem Bildniß das volle moderne Gepräge geben und ihren Ruf über Oesterreich hinaus verbreiteten. – Ganz eigenartig ist aber die Charakteristik sowohl des Menschen wie des Künstlers, welche der bekannte Kunsthistoriker Friedrich Pecht von Canon-Straschiripka [259] entwirft. Er hat dieselbe zuerst in der „Allgemeinen Zeitung“, dann aber in seinen im Sonderabdruck erschienenen „Studien aus dem Münchener Glaspalast“ veröffentlicht. Da sie uns als eine Ergänzung des in unserem Werke über Canon Gesagten erscheint, theilen wir dieselbe in den Quellen S. 261 mit. Endlich erwähnen wir als eines Curiosums, daß in der September-Ausstellung 1851 des österreichischen Kunstvereins eine Statuette in Gyps; einen blinden Clarinettspieler darstellend, zu sehen war, auf welcher als Eigenthümerin eine Frau L. S. v. B. und als Bildner ein Johann Straschiripka in Wien verzeichnet stand. Ob unser Maler Johann Straschiripka-Canon und der eben erwähnte Bildhauer Johann Straschiripka identisch sind, kann ich nicht bestimmen.

I. Reproductionen der Werke des Künstlers und Holzschnitte nach seinen Zeichnungen. In der Lebensskizze wurde berichtet, daß sein „Mädchen mit Fischen“ vom Kunstverein als Prämienblatt vervielfältigt worden; ferner daß sein Bild „Die Flamingo-Jagd“ Johann Claus radirt hat. Nach seinen Zeichnungen sind im Holzschnitt erschienen: „Die fünf Sinne“; I. „Das Gesicht“ in „Ueber Land und Meer“, Bd. XV (1865), Nr. 1; – II. „Der Geschmack“, ebenda, Nr. 9; – III. „Der Geruch“, ebenda, Nr. 19; – IV. „Das Gefühl“, Bd. XVI (1866), Nr. 28; – V. „Das Gehör“, ebenda, Nr. 33; alle fünf von Bischoff in Holz geschnitten; – „Die Jahreszeiten“; „Der Frühling“, Bd. XVIII (1867), Nr. 30; – „Der Sommer“, ebenda Nr. 46; – „Der Herbst“, Bd. XVII (1866), Nr. 3; – „Der Winter“, ebenda, Nr. 12; – „Vier Kindertypen“; „Nicht schön, aber pfiffig“; – „Arm, aber brav“; – „Gut, aber leichtsinnig“; – „Hübsch, aber stolz“, Bd. XIII (1864), Nr. 4, S. 61; – „Kindertypen aus der Schule“; „Aufseher“; – „ABC-Schütz“; – „Sündenbock“; – „Schreibmeister“, ebenda, Bd. XVII (1866), S. 13; – „Die Walkyre“. Gedicht von Scheffel, illustrirt von Canon, vier Illustrationen, ebenda, Bd. XVII (1866), Nr. 39, S. 612 und 613. – „Pompejanische Merkwürdigkeiten“, ebd., Bd. XVIII (1867), Nr. 28; – „Aus dem Soldatenleben“: „Der Recrut“; – „Das Säbelschleifen“; – „Die Feldküche“; – „Der Posten“; – „Im Sturm“; – „Verwundet“; – „Der Tod“; – „Begraben“; – „Glückliche Heimkehr“, ebenda, Bd. XIII (1864), Nr. 32; – „Aus den Zeiten des Faustrechts“, ebenda, Bd. XXVIII (1872), Nr. 51. – „Auf der Löwenfährte“, nach einer Skizze, ebenda, Band XXX (1873), Nr. 28, S. 545. – „Die Getränke“: „Milch“; – „Kaffee“; – „Thee“; – „Ein Schnäpschen“, ebenda, Bd. XL (1877/78), Nr. 27, S. 577; – das erste Bild, „Milch“, war aber bereits im XXIV. Bande (1870), Nr. 43, abgedruckt. – „Charakterköpfe“ aus „König Mammon“, Autogramme von Hans Canon, in der „Neuen illustrirten Zeitung“ (Wien, Zamarski) 1874, Nr. 21. – „Joseph Haydn“ ebd. 1875, Nr. 16.
II. Zur Beurtheilung Canons. Canon-Straschiripka ist als Künstler eine so ungewöhnliche, durch und durch eigenartige Erscheinung, daß es zur Beurtheilung seines ganzen Wesens nicht unwichtig erscheint, die Stimmen der Kritik über seine Werke zu vernehmen. Hermann Becker, der fachgemäße Kunstkritiker der „Kölnischen Zeitung“, nennt im Jahre 1862 Canon’s später von Joseph Bauer trefflich lithographirtes „Fischermädchen“ „ein farbenprächtiges, wirkungsvolles, schön behandeltes Bild“. Das ist das einzige uneingeschränkte Lob, das dem Künstler zutheil wird. – Schon B. P. (Betti Paoli?) findet ein von Canon in der April-Ausstellung des Jahres 1861 ausgestelltes weibliches Porträt „frei und grandios im Entwurfe, in der Ausführung aber nicht ohne einen krankhaften Zug“, „Möge Canon sich hüten“, fügt B. P. hinzu, „diesem Zuge sich hinzugeben. Sein großes Talent würde davon schweren Nachtheil erfahren. Den Zauber dieses Talentes kann Niemand stärker empfinden als ich, doch gestehe ich, daß manches Bild Canon’s mir Heine’s „Florentinische Nächte“ ins Gedächtniß zurückruft. Das schaurige, unheimliche Wohlgefallen an der farblosen Blässe des Marmors und des Todes, das dort geschildert wird. findet sich auf Canon’s [260] Bildern wieder. Wie wenige Künstler weiß er ihnen eine Seele einzuhauchen, aber nur zu oft scheint diese Seele in sich selbst wie in einen Abgrund niederzustarren und von aller Freude am Irdischen trostlos abgelöst. Die Auffassung erscheint bei dem in Rede stehenden Porträt tadelnswerth, weil darin nur die subjective Stimmung des Malers ihren Ausdruck findet. An Kraft und edler Einfachheit des Vortrages steht das Bild jedoch hinter Canon’s besten Arbeiten nicht zurück.“ – Ein anderes Mal bemerkt dieselbe kritische Stimme: „daß Canon, dem jede malerische Coquetterie, jedes absichtliche Reizmittel fremd ist, nur durch Echtheit und Größe im Bunde mit einem unberückbaren Schönheitssinn wirke. Die Natur hat für diesen Künstler so viel gethan, daß er, um des Erfolges stets gewiß zu sein, nur stets sich selbst treu zu bleiben brauche“. – Nicht so mild faßt der Kritiker J. R. in Zellner’s „Blättern“ den Künstler an. In dem weiblichen Porträt, das im Mai 1862 im österreichischen Kunstverein ausgestellt war, erblickt dieser Kritiker wieder eine der dem Künstler schon geläufig gewordenen weiblichen Gestalten, die alle, wie es scheint, das vielbesprochene und Aufsehen erregende „Fischermädchen“ gebar; diese sich aus Morpheus’ Armen erhebende kolossale weibliche Figur ist daher von sprechender Familienähnlichkeit und bestätigt unsere Ansicht, mit welcher wir wohl nicht allein stehen dürften. Canon will immer virtuoser werden (das moderne Virtuosenthum – in der Musik bereits überwunden – greift jetzt stark in der Malerei um sich), das ist jedoch zu bedauern, hier tritt uns die Sucht nach Apartem auffallend entgegen; er wird allmälig hart in der Zeichnung, eckig und geschmacklos im Colorit. Canon folge unbekümmert seinem Talente, er wird, folgt er treu und redlich der Natur, sicher in der rechten Bahn bleiben; wer mehr sucht, vorzugsweise in der Wahl seiner Motive, als die Wahrheit zuläßt, greift schon falsch aus und geräth somit von der sicheren, festen Straße in den Sumpf. – Schlimm fertigt Sp(eidel) den Künstler bei Beurtheilung eines im Jahre 1862 ausgestellten weiblichen Porträts ab, das er als nichts mehr denn „geniale Struwelpeterei“ bezeichnet. Ein anderes Mal, da Speidel den „Rüdenmeister“ bespricht, meint er, „daß in Canon gesunder Farbensinn stecke, daß er einen breiten, kräftigen Vortrag besitze, daß diese Eigenschaften, freilich theilweise ins Robuste gesteigert, sich auch in dieser Composition begegnen, in welcher der Kopf des Rüdenmeisters und die Hunde zu dessen Füßen weitaus das Beste seien“, „Aber“, schreibt Speidel weiter, „aus der Unbeholfenheit der Gestalt, aus ihrer Disproportion und innerlichen Lehrheit geht deutlich hervor, daß Canon die menschliche Gestalt nur in den Theilen studirt hat, die zur Fertigung eines Porträts oder Studienkopfes unumgänglich nothwendig sind. Er solle sich daher, bevor er wieder eine volle Figur auf die Leinwand bringt, einen ganz nackten Menschen genau betrachten.“ – Auch der Kritiker G. im „Oesterreichischen Volksfreund“ bemerkt über das „Schwarzwälder Mädchen“, „daß die Gesichtsbildung ungemein interessant, das dunkle Augenpaar sprechend sei, daß aber den krankhaft blassen Teint Canon gewiß nicht im Schwarzwalde gefunden habe“, – Ein anderer Kritiker im „Vaterland“ nennt Canon’s im Jahre 1867 ausgestellte „Eva“ eine absonderliche Schöne, deren saffrangelbes Haar und grünes Gewand so sonderbar ungesunde Reflexe à la couleur d’un faisan pourri über die Fleischpartien dieser in ungraziöser Stellung sitzenden Dame werfen“. – Dagegen meint J. N.(ordmann) im „Wanderer“, wo er über des Künstlers Bild „Wein, Weib und Gesang“ urtheilt, „daß sich in demselben wieder die Löwenpranke des genialen Künstlers zeige, der aber leider mit dem Uebermuthe coquettirt, auf Abwegen sein Kunstziel erreichen zu wollen. Doch Eines müsse auch hier ausgesprochen werden, daß er mit einem Besenstiele noch immer Besseres zu Stande bringt als mancher seiner Genossen mit dem feinst behaarten Pinsel.“ – Der Kunstkritiker des „Neuen Wiener Tagblattes“ meint bei Würdigung des vorgenannten Bildes, „daß diese Lautenspielerin, vor der Weinbecher stehen, und welche den Luther’schen Spruch illustrire, im Rembrandt’schen Colorit unter Herbeiruf aller gelblichen und bräunlichen Töne der Palette gehalten sei. Der Kopf sei recht hübsch, der Hals unschön, vortrefflich das Beiwerk, wie Glas und Instrument. Canon sucht, wie einst Rahl, die Alten, aber nicht die der Historie, sondern des Genre; es zieht ihn zu den derberen Niederländern.“ – Des reformatorischen Geistes des Künstlers gedenkt zuerst der [261] Kritiker der „Neuen freien Presse“, wenn er schreibt: „daß die neuere Zeit (1868) in dem Wiener Maler Canon ein eigenthümlich aufregendes Element in das stille Karlsruhe geführt habe. Er frappirte die jungen Leute mit coloristischen Kunststücken und neuer Technik, die einen Augenblick selbst den alten Schirmer verwirrte, und trat dem Realisten, welcher die ganze Wirkung seiner Kunst auf die Physiologie des Auges zurückführen und Rafael’s Zauber auf den ausschließlichen Reiz der Farbe beschränken wollte, mit einer keck realistischen Maler-Aesthetik gegenüber. Eine Ehe zähmte den Feuergeist in der neuesten Zeit“. – Am entschiedensten und rücksichtslosesten aber tritt dem Künstler der Kritiker des „Vaterland“, Abani, entgegen. Schon bei dem Bilde „Wein, Weib und Gesang“ beklagt er es, „daß in die Bewunderung des Künstlers sich aufrichtige Trauer mische. In ihm gehe vielleicht eines der bedeutendsten Talente aller Zeiten zu Grunde. Wer bei mangelhaften Studien, bei einem Leichtsinn ohne Gleichen, bei einer Haltlosigkeit und Zerfahrenheit ein Bild hervorzaubern kann, wie dieses, was würde dem unmöglich, ja nur schwer sein, wenn er ernstes Streben und moralischen Halt mitbrächte, jene Hauptgrundlagen gedeihlichen Fortschrittes in jeder Kunst. Canon hat seinerzeit Bilder ausgestellt, welche mannigfache Fehler in Zeichnung und Colorit aufwiesen. Ueberall in größeren Compositionen zeigt sich ein unsteter Geist, seine Fahrigkeit, sein Mangel an beharrlichem Studium. Sein eben ausgestellter Frauenkopf (Februar 1868) ist ein höchst fesselndes, wahrhaft classisches Bild, das Werk eines Meisters. Die Auffassung nähert sich jener der besten Meister der niederländischen Schule. Das Colorit, trotz dem unbedingt herrschenden Braun, ist unendlich wohlthuend, harmonisch. Der Ausdruck des Gesichtes ist nicht zu beschreiben. Der Maler hat so viel Edles, Hohes und doch Sinnliches in dieses Weib hineingelegt und gleichzeitig all’ dies so ruhig und im Einklang zum Ausdruck gebracht, daß man gerne vor diesem Bilde so mancher anderen vergißt. „Ich wette“, sprach ein galliges Männchen neben mir. „der Mensch hat wo einen unbekannten Rembrandt aufgefunden und bindet uns die Copie für ein Original auf.“ Der Mann hat neben einer unbegründeten Anschuldigung eine sehr begründete Kritik ausgesprochen. – Ein andermal nennt Abani das Selbstporträt Canon’s (Mai-Ausstellung 1868) „eine Perle aus der Van Dyk-Periode dieses wandelbaren, flottirenden Künstlers“, und schließlich thut er den Ausspruch: „in Canon ist das größte Talent beinahe vergraben. Es fehlt ihm an ästhetischem Knochengebäude. Seine Gallertennatur nimmt zu leicht fremde Eindrücke an. In dem Bilde, welches wir gleichwohl nicht genug bewundern und loben können, scheint er nicht, er ist Rembrandt. Wollte und könnte er einmal so ganz er selber sein, die Zukunft hätte eine hohe Stelle in der deutschen Kunst für ihn.“
III. Quellen zur Kritik Straschiripka’s. Kölnische Zeitung, 1861, Nr. 343: „Die zweite deutsche allgemeine und historische Kunstausstellung“. Von Hermann Becker. – Oesterreichische Zeitung, 1861 Nr. 100, im Feuilleton: „Die April-Ausstellung des österreichischen Kunstvereins“. Von B(etti) P(aoli). – Zellner’s Blätter für Theater, Musik und bildende Kunst (Wien, kl. Fol.) VIII. Jahrg. (1862), Nr. 38: „Der alte und der neue Kunstverein“. Von T. R. – Dieselben, Nr. 41. – Das Vaterland, 1862, Nr. 64, im Feuilleton. Von Sp.(eidel). – Dasselbe, 1867, Nr. 59. Von A–l. – Dasselbe, 1868, Nr. 52, 72 und 240: „Oesterreichischer Kunstverein“. Von Abani. – Die Debatte (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 243: „Vom Künstlerfest“. Von C. Abani. – Presse, 1863, Nr. 263, im Feuilleton: „Kunstberichte“. – Oesterreichischer Volksfreund, 1863, Nr. 271. „Aus dem österreichischen Kunstverein“. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 740, im Feuilleton: „Der österreichische Kunstverein“. Von S.(peidel). – Dieselbe, 1868, Nr. 1475: „Dritte deutsche Kunstausstellung“. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 278, im Feuilleton: „Allgemeine Kunstausstellung“. Von J.(ohannes) N.(ordmann). – Neues Wiener Tagblatt, 1868, Nr. 299, im Feuilleton: „Die Oesterreicher auf der dritten deutschen Kunstausstellung“.
IV. Friedrich Pecht über Canon-Straschiripka. Canon ist ein viel besserer Zeichner als Lembach, und so erscheint denn auch seine Modellirung der Flächen im Kopf, die Durchbildung der Hände unstreitig noch feiner, wie die Figur correcter. Es eignet sich darum [262] ebenso sehr fürs repräsentative Bildniß, als Lembach fürs intime; auch ist seine Farbe nur in der Carnation der Lembach’s vollkommen ebenbürtig, ja vielleicht noch individueller, Gewänder und Hintergrund bleiben weit hinter dem coloristischen Reiz, dem genialen Vortrag zurück, den der Letztere diesen Dingen zu geben versteht. So kann man z. B. um seine Dame allerdings nicht herumgehen, wie bei Lembach, der ein Meister des Helldunkels ist, weil sich ihr Kopf nicht recht vom Hintergrunde trennt. Vermag man nun in jedem Bilde des Letzteren den inneren Zusammenhang mit seinem Autor selber genau nachzuweisen, so wird mir das bei Canon’s bezaubernder Schöpfung sehr viel schwerer, weil ich seinen Lebensgang viel weniger kenne und er dem zu widersprechen scheint, was ich von seiner Persönlichkeit weiß. Selbst dieses Wenige ist aber wo möglich noch interessanter als bei dem Münchener Meister. Aus Böhmen stammend, ich weiß nicht, ob Čeche oder Jude oder beides, kommt er zum Militär und bringt es rasch zum Artillerie-Unterofficier, weshalb er sich denn auch später den Namen Canon beilegt. Voll Geist, leichter Auffassungskraft und fast unglaublicher Suada, dabei von einem kühnen, überwältigenden, umgreifenden, wahrhaft vulcanischen Wesen, eignet er sich selbst in dieser untergeordneten Sphäre rasch eine ganz ungewöhnliche Bildung und Belesenheit, die vollkommenste Beherrschung der deutschen Sprache an. Er vermehrt beide, als er, befreit vom Militär, es endlich dazu bringt, in die Rahl’sche Schule zu kommen, noch durch den Umgang mit diesem so hochgebildeten Künstler. Gleich seine ersten Leistungen erregen großes Aufsehen und er selber noch mehr durch alle möglichen Abenteuer, in die ihn sein heftiges und vordringendes Temperament überall verwickelt. Canon bei sich sehen, hieß ungefähr dasselbe, als einen Orcan bei sich zu Gaste laden – jetzt mag er sich wohl ausgetobt haben. So machte er sich denn in Wien durch Händel, Duelle, Schulden, Liebesabenteuer und was weiß ich was, bald ebenso bekannt als gefährlich, wenn nur die Hälfte davon wahr ist, was man dort seinerzeit darüber hörte. Nur über sein Genie war alle Welt, selbst seine Feinde – Freunde waren nicht zu treffen – einig. Er zog also nach Deutschland, erst nach München, wo ich ihn aber nur einmal in meinem Leben sprach und von dieser verheerenden Fluth beinahe weggeschwemmt worden wäre. Von da brauste er nach Karlsruhe, dessen stille Milch frommer Denkart er im Handumdrehen in gährend Drachengift verwandelte; zog verwüstend in der Umgegend umher und warf dann, nach jahrelangem Aufenthalte es verlassend, als wanderndes Pulverfaß die Stuttgarter Kunstwelt über den Haufen. Nun scheint aber unter der schwäbischen Hartköpfigkeit dieser schäumende Most sich doch wie Goethe’s „Baccalaureus“ allmälig zum feurigsten Wein abgeklärt zu haben, nachdem er so lange in der Welt herumgefahren. Denn hatte er schon in Wien die trefflichsten Porträte geliefert, so malte er in Karlsruhe als leidenschaftlicher Jäger auch Jagdstücke, dann Fresken, Historienbilder, Landschaften, kurz alles Mögliche, hatte schon auf der Ausstellung von 1869 hier (in München) uns durch eines der reizendsten Frauenbilder überrascht, kurz er zeigte eine ebenso große Versatilität als Reichthum des Talentes, vor Allem aber eine Leichtigkeit, sich in alle möglichen Stylformen und Manieren hineinzufinden, die Einem fast unmöglich gemacht hätte, seine eigene Persönlichkeit zu erkennen, wenn er nicht in Allem breit und großartig geblieben, nie mager, schwächlich oder kleinlich geworden wäre. So hatte er für die Wiener Weltausstellung aus Stuttgart ein großes, in seiner Art vortreffliches, streng stylisirtes religiöses Bild, welches in Form eines Altarblattes die Toleranz predigen sollte, geliefert, das an Rubens, wie das heutige Porträt an Van Dyk erinnerte. Nebenbei hatte er halb Stuttgart gemalt. Daß für diese glänzend reiche, expansive Künstlernatur am Nesenbach kein Schauplatz sei, war sonnenklar, und so finden wir ihn denn auch seit längerer Zeit in Wien als einen der ersten Porträtmaler mit Recht gefeiert wieder. [Pecht (Fr.), Aus dem Münchener Glaspalast. Studien zur Orientirung in und außer demselben während der Kunst- und Kunstindustrie-Ausstellung des Jahres 1876 (Stuttgart 1876, Cotta, 8°.) S 82 u. f.]
V. Quellen zur Biographe. Mittheilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst (Leipzig, Seemann, 4°.) II. Jahrg. (1873), Nr. 1 [kommt daselbst als Alfred von Straschiripka vor]. – Neue illustrirte Zeitung. Redigirt von Johannes Nordmann (Wien, Zamarski, kl. Fol.) [263] 1874, Bd. I, Nr. 21. – Der Fortschritt (Wiener Blatt) 1860, Nr. 12 [dort heißt es im Feuilleton: „Canon (ein nom de guerre für den Sprößling einer wohlbekannten Wiener Familie)“. Nun ich lebte dreißig Jahre in Wien und habe den Namen Straschiripka nur gehört, als sich der Pseudonym Hans Canon aus demselben entpuppte, denn ein Johann Straschiripka, wirthschaftlicher Schriftsteller und Verfasser der folgenden zwei höchstens in Fachkreisen gangbaren Werke: „Die gerichtliche Sequestration landtäflicher Herrschaften, Güter und Gülten“ (Linz 1830, Jos. Fink, 8°.) und „Schätzungsgrundsätze zum Behufe der Ausmittlung des genuinen Realitäten- und Sachenwerthes“ (Wien 1844, Mansberger, 8°.), dürfte doch nur in den engsten Kreisen bekannt sein. Uebrigens vermuthen wir in diesem Autor den Vater des Künstlers Canon.] – Gratzer Zeitung, 1860, Nr. 96, im Bericht über die Gemälde-Ausstellung. – Volksstimme (Gratzer Blatt) 1861, Nr. 54, im Feuilleton. – Donau-Zeitung (Wien) 1861, Nr. 226, im Feuilleton: „Aus Wien“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1864, Nr. 11 und 14. – Neue freie Presse, 1870, Nr. 2051. – Dieselbe, 1873, Nr. 3154, Beilage: „Die Oesterreicher im Centralsaale“. – Der Wanderer, 1867, Nr. 26. – Die Presse, 1867, Local-Anzeiger vom 20. Jänner. – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1867, Nr. 16 und 18, in den „Kunstnotizen“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 18. September 1875, Beilage Nr. 261: „Wiener Briefe. LI“. Von V.(incenti). – Dieselbe, 1876, Beilage Nr. 156: „Wiener Briefe. LXIII“. – Dieselbe, 1878, Nr. 35: „Wiener Briefe. LXXV“. – Dieselbe, 28. März 1873, Beilage Nr. 139 und 1876, Nr. 206: „Aus dem Münchener Glaspalast“. Von Fr. Pecht. – Die Heimat (Wiener illustrirtes Blatt, 4°.). 1876, S. 135: „Hans Canon’s Bildnisse“. – Monats-Verzeichnisse der Ausstellungen des österreichischen Kunstvereins (Wien, 8°.) 1858, November, Nr. 2, 10 u. 22; 1859, Februar, Nr. 28; 1860, Jänner, Nr. 2; März, Nr. 28; April, Nr. 9, Juni, Nr. 50; 1861, März, Nr. 20; April, Nr. 6 und 34; 1862, Februar, Nr. 11; März, Nr. 5; Mai, Nr. 25 u. 50; 1863, September, Nr. 28; November, Nr. 7; 1866, September, Nr. 89; 1867, Februar, Nr. 21 u. 44.
VI. Porträte. 1) Unterschrift: „Hans Canon“. Zeichnung von W. F.(rey), Holzschnitt aus der X. A. von Paar und Biberhofer. – 2) Ueberschrift: „Canon-Straširybka“ (sic), Ignaz Eigner (del., 1874 [der Künstler als Türke mit verschränkten Beinen auf der Erde sitzend und eine Pfeife schmauchend. Mit einem dreistrophigen mehr gutgemeinten als besonders gelungenen Gedichte. Das Bildniß befindet sich auf S. 12, Nr. 2 der „Neuen fliegenden Blätter“, 1874]. – 3) Schließlich sei noch bemerkt, daß auf der Radirung des Bildes „Die Flamingojagd“ von J. Claus, links der Künstler selbst dargestellt ist. Seines Selbstporträts, das in der März-Ausstellung 1868 zu sehen war, ist bereits oben in der Lebensskizze gedacht worden.