Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre. Die Gicht, das Podagra oder Zipperlein

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre. Die Gicht, das Podagra oder Zipperlein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 72–73
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre.

Die Gicht, das Podagra oder Zipperlein.

Im menschlichen Körper geht’s gewissermaßen wie in einem geheizten Ofen zu, nur mit dem Unterschiede, daß in dem Ofen immer nur von außen her Heizungsmaterial eingelegt wird, während unser Körper neben der zeitweiligen Zufuhr solchen Materials von außen (in den Speisen und Getränken) auch aus seinem Innern und zwar alte Partikelchen seines eigenen Ichs fortwährend zum Einheizen liefert. Unser Körper verbrennt sich also in seinem Innern (Blute) fortwährend selbst, um sich zu erwärmen s. Gartenl. 1854, Nr. 33).

Das Heizungsmaterial für den Ofen besteht aus Substanzen, die vorzugsweise reich an Kohlenstoff und Wasserstoff und, angezündet unter Entwickelung von Wärme und Licht, mit Flamme fortzubrennen im Stande sind. Dies geschieht nur dadurch, daß sich ihr Kohlen- und Wasserstoff mit einer gewissen Intensität mit dem Sauerstoffe der in den Ofen hineinziehenden atmosphärischen Luft verbinden und durch diese Verbindung jene beiden einfachen Stoffe in zusammengesetzte Körper, in Kohlensäure und Wasser, verwandelt werden, welche durch Rohr und Esse in’s Freie abziehen. – Die gewöhnlichsten kohlenwasserstoffreichen Brennmaterialien sind: Holz, Torf, Braun- und Steinkohlen [1].

Auch für den menschlichen Körper ist das hauptsächlichste Heizungsmaterial ein kohlenwasserstoffreiches, und auch dieses wird, und zwar im Blute, durch den Sauerstoff der eingeathmeten atmosphärischen Luft, unter Wärmeentwickelung in Kohlensäure und Wasser verwandelt. Das erstere Verbrennungsproduct, nämlich die Kohlensäure, ist ein der Gesundheit sehr nachtheiliges Gas und wird deshalb fortwährend innerhalb der Lungen aus dem Blute ausgetrieben, wobei gleichzeitig immerfort Sauerstoff (Lebensluft) aus den lufthaltigen Lungenbläschen in’s Blut eintritt. Zu den kohlenwasserstoffreichen Heizungsstoffen für den menschlichen Körper gehören alle fetten Substanzen, Zucker, Stärkemehl, Spiritus.

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Außer diesen kohlenwasserstoffreichen und stickstofflosen Materien werden im menschlichen Blute nun aber auch noch andere und zwar stickstoffhaltige, sogen, eiweißstoffige Substanzen verbrannt und dabei nicht wie jene kohlenwasserstoffigen in Kohlensäure und Wasser, sondern in Harnstoff verwandelt, welcher innerhalb der Nieren mit dem Urin aus dem Blute ausgeschieden wird. Es muß also der Harn um so reicher an Harnstoff sein, je größer die Menge von stickstoffhaltigen Eiweißsubstanzen ist, welche im Blute durch den Sauerstoff verbrannt wurde. – Der reine Harnstoff bildet krystallisirt durch das Mikroskop erkennbare nadel- oder säulenförmige Krystalle.

Ist in einem Ofen die nöthige Menge von Sauerstoff zum ordentlichen Verbrennen des Heizungsmaterials (also zur Verwandlung der kohlenwasserstoffreichen Substanzen in Kohlensäure und Wasser) nicht vorhanden, so verbrennen jene Stoffe nicht ganz zu Kohlensäure, sondern nur zu Kohlenoxydgas (was sich als gefährlichster und Hauptbestandtheil im sogenannten Kohlendunste oder Dampfe vorfindet). Würde man also zu diesem Kohlenoxydgas noch eine Portion Sauerstoff bringen, dann würde Kohlensäure daraus. – Die nöthige Menge von Sauerstoff würde nun aber dann im Ofen fehlen, wenn entweder zu wenig atmosphärische Luft zur richtigen Portion Brennmaterial hinzutreten könnte, oder wenn für die richtige Portion Luft zu viel Brennmaterial vorhanden wäre. Denn es kann doch immer nur eine bestimmte Quantität Sauerstoff eine bestimmte Menge von Kohlen- und Wasserstoff in Kohlensäure und Wasser verbrennen.

Im menschlichen Körper passirt es nun auch gar nicht selten, daß ein Mißverhältniß zwischen dem in’s Blut eingeführten Sauerstoffe und den im Blute befindlichen stickstoffhaltigen und stickstofflosen Materien (also zwischen der Lebensluft und den Eiweiß- und Fettsubstanzen) zu Stande kommt. Es werden dann, [73] wenn zu wenig Sauerstoff oder zu viel Verbrennungsstoffe vorhanden sind, die kohlenwasserstoffreichen Substanzen nicht mehr zu Kohlensäure und Wasser verbrannt, sondern sie bleiben als Fette im Blute und werden aus diesem in die Körpertheile abgesetzt. Darum werden auch Personen, die viel Fett, Zucker, Spiritus u. s. w. genießen und durch unzureichendes Athmen und Bewegen diese stickstofflosen Materien in ihrem Blute nicht gehörig zur Verbrennung bringen, dick und fett (wie die Gänse beim Nudeln und die Ochsen beim Mästen).

Werden nun aber die stickstoffhaltigen Eiweißstoffe im Blute nicht ordentlich verbrannt, dann bildet sich aus ihnen nicht Harnstoff, sondern Harnsäure, die, wenn sie in großer Menge erzeugt wird, sich nicht vollständig mit dem Urin entfernen kann, sondern, im Blute angehäuft, eine Art sauerer Verderbniß des Blutes bedingt. Diese Schwängerung des Blutes mit Harnsäure ist nun die Ursache der Gicht. – Würde man demnach die Harnsäure, sowie das Kohlenoxydgas, mit noch einer Portion Sauerstoff verbinden, so würde aus jener Harnstoff, wie aus dieser Kohlensäure entstehen; es fehlt also der Harnsäure noch ein Antheil von Sauerstoff, um Harnstoff, das richtige Verbrennungsproduct, zu sein. – Die reine krystallisirte Harnsäure, die übrigens im Urin meistens an Natron gebunden (als saures harnsaures Natron) vorkommt, bildet mikroskopische Krystalle, wie in der beistehenden Abbildung.
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Findet sie sich in widernatürlicher Menge im Urin vor, was bei Gichtkranken der Fall ist, dann macht der Urin gewöhnlich einen ziegelrothen Bodensatz.

Damit sich also eine widernatürliche Menge von Harnsäure im Blute bilden und dadurch das Blut zur Erzeugung der Gicht fähig gemacht werden könne, ist eine solche große Quantität von stickstoffhaltigen eiweißigen Substanzen im Blute nöthig, daß sie der in gewöhnlicher Menge mit der atmosphärischen Luft eingeathmete Sauerstoff nicht zu Harnstoff, sondern nur zu Harnsäure verbrennen kann. – Woher stammen denn nun jene stickstoffhaltigen Eiweißstoffe? Zum größten Theile aus der Nahrung, zum andern Theile aber aus unserm eigenen Körper. Während des Lebens findet nämlich ein fortwährender Wechsel, ein stetes Abstoßen und Neubilden unserer Körperbestandtheile statt; die aus Eiweißsubstanz aufgebauten Gewebe (vorzugsweise das Fleisch) liefern daher beim Stoffwechsel als Abgestorbenes und Abgestoßenes natürlich auch wieder Eiweißsubstanz in’s Blut und demnach Material zur Verbrennung und Bildung von Harnstoff und Harnsäure.

Es scheinen nun aber vorzugsweise die in Uebermaß durch die Nahrung in’s Blut geschafften Eiweißmassen die Schuld an der krankhaft vermehrten Harnsäurebildung im Blute zu tragen und sonach die Ursache der Gicht zu sein. Unter den eiweißreichen Nahrungsmitteln (s. Gartenlaube 1853. Nr. 39) stehen natürlich die Fleischspeisen obenan, sodann Käse und Eierweiß. Es ist demnach nicht, wie’s im Volke heißt, der zu reichliche Genuß von spirituösen Getränken im Stande, Gicht zu erzeugen, da diese Getränke, als ganz stickstoffarme, bei ihrer Umwandlung im Blute niemals Harnsäure zu bilden vermögen. Nur wenn Trinker auch sehr viel Fleischspeisen etc. genießen, nur dann haben sie Anwartschaft auf die Gicht, zumal wenn sie sich wenig Bewegung machen. Deshalb ist denn auch die Gicht eine Krankheit, die vorzugsweise die Bonvivants der bessern Stände und das männliche Geschlecht in den mittlern Lebensjahren heimsucht.

Was für Beschwerden ruft denn nun die Ueberfüllung des Blutes mit Harnsäure hervor? Zunächst eine Ausscheidung harnsaurer Salze in die kleinern Gelenke, und zwar in der Regel zuerst in die Gelenke der großen Zehe Podagra) und Finger Chiragra), später auch in andere und größere Gelenke. Und dadurch unterscheidet sich die Gicht vom Rheumatismus (s. Gartenl. 1856 Nr. 47). Diese Ausscheidung geschieht aber unter äußerst heftigen (bohrenden, sägenden, hämmernden oder glühenden), festsitzenden, ab und zu nachlassenden und sich verschlimmernden Schmerzen mit und ohne Fieber. Dabei ist das Glied an der schmerzenden Stelle geschwollen und geröthet. Die ausgeschiedenen harnsauren Salze bilden, wenn sie sich in größerer Menge anhäufen, die sogenannten Gichtknoten, welche nach und nach die Gelenke in der verschiedensten Weise verunstalten und in ihrer Bewegung stören.

Die naturgemäße radicale Heilung der Gicht würde, wie sich aus dem Gesagten wohl von selbst ergiebt, nur darin bestehen können, daß die Bildung der Harnsäure im Blute bedeutend herabgesetzt und die vorhandene Säure durch Zufuhr einer größern Menge von Sauerstoff in Harnstoff verwandelt wird. Sonach muß vor allen Dingen eine Aenderung der Lebensweise vorgenommen und der Genuß stickstoffhaltiger, eiweißreicher Nahrungsmittel (besonders der Fleischspeisen) etwas eingeschränkt werden. Gleichzeitig ist aber auch durch gehörige Bewegung und durch tiefes, kräftiges Athmen in freier Luft der Verbrennungsproceß im Blute zu befördern. – Damit ist nun aber ja nicht gesagt, daß man sich, um die Gicht nicht zu bekommen, aller stickstoffhaltigen Nahrungsmittel enthalten solle; dies wäre sehr nachtheilig, da diese Stoffe zur Erhaltung (zum fortwährenden Neubau) unseres Körpers ganz unentbehrlich sind. Nur im Uebermaße soll man sie nicht genießen. Ich erwähne dies deshalb, weil manche Leser bei Beobachtung gegebener diätetischer Regeln oft ganz kopflos übertreiben, z. B. weil unser Körper sehr viel Kochsalz und Fett zu seiner richtigen Ernährung braucht, blos Salz oder Fett genießen wollen, reinen Phosphor in Menge verzehren möchten, weil unser Verstandesorgan (das Gehirn ohne diesen Stoff nicht denken, fühlen und wollen kann u. s. f.

Während des Gicht-Anfalles, – denn die eben gegen die Grundursache empfohlene diätetische Behandlung der Gicht ist auch zu der Zeit in Anwendung zu ziehen, wo der Kranke nicht vom Zipperlein gequält wird, – ist gar nichts Anderes anzuwenden nöthig als Ruhe, trockene Wärme, erhöhte Lage des schmerzenden Gliedes, schmale und vegetabilische Kost, recht reichliches Wassertrinken. – Wem nun dieses einfache, aber vollständig ausreichende Verfahren zu einfach sein sollte, der greife stracks zu homöopathischen Arzneinichtsen, er hat dann den großen Vortheil, sich für jene besondere Art des Gichtschmerzes und seines Sitzes gleich mehrere ausgezeichnet hülfreiche Heilmittel wenigstens aussuchen zu können, ja, sollte seine Gicht etwa gar ein Rheumatismus sein, 14 Mittel (nach Dr. Hirschel) sein nennen und eins nach dem andern probiren zu können, da alle 14 in beiden Krankheiten gleich brav wirken sollen. Wer aber für immer von der Gicht verschont bleiben will, der muß nach dem Rathe eines meiner Freunde, der im Heilaberglauben noch unter den Homöopathen steht, stets einen Kalbsknochen in der rechten Hosentasche tragen. Es hat das Etwas für sich, denn man kann daran nicht zweifeln, daß ein solcher Knochen wirklich gute Dienste gegen die Gicht thut, wenn nämlich der Gichtbrüchige allemal dann, sobald Andere Kalbs- und andern Braten verzehren, seinen Knochen als ein Zipperleins-Memento hervorlangt und dann, den Knochen vor sich, sein Gemüse ohne Fleisch ißt.
Bock. 
  1. Wer von den Lesern sich über den Verbrennungsproceß, wie überhaupt über die im gewöhnlichen Leben (innerhalb und außerhalb unseres Körpers, bei den Gewerken, in der Land- und Hauswirthschaft etc.) in jedem Momente vorkommenden chemischen Processe auf unterhaltende Weise aufklären lassen will, dem empfehlen wir: „Baer, die Chemie des praktischen Lebens“. Leipzig, Otto Wigand.