Beecher’s letzte Kirchstuhlauktion

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Beecher’s letzte Kirchstuhlauktion
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 336
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[336] Beecher’s letzte Kirchstuhlauktion. Henry Ward Beecher, der allbekannte und berühmte Kanzelredner zu Brooklyn an der Plymouth Church, hat am 8. März d. J. das Zeitliche gesegnet. Er ist 74 Jahr alt geworden. Ganz Brooklyn, eine der kirchenreichsten Städte der Vereinigten Staaten, trauert um ihn und vergißt gern den berüchtigten Skandalproceß, welchen ihr bedeutendster Seelsorger mit einem Mr. Tilton gehabt, vergißt gern die zum Processe nothwendig gewesenen und von den Kirchenmitgliedern dazu beigesteuerten 100 000 Dollars.

Da dürfte vielleicht ein Rückblick auf das letzte brillante Geschäft der Plymouthkirche von Interesse sein.

Es war im Januar d. J. An dem Tisch der Plattform, unter der Orgel der Kirche, sitzt Henry Ward Beecher. Kein Talar schmückt ihn. Er trägt einen schwarzen Anzug, die altmodische breite goldene Uhrkette ruht auf der schwarzen Weste. Er blättert während des Orgelspieles, auf seine Ellenbogen gestützt, in Papieren.

Der Gesang der Gemeinde ist beendet. Beecher erhebt sich von seinem Sitz und tritt an das Stehpult, auf welches er die Bibel und das Manuskript seiner Predigt niederlegt. Die Gesichtsfarbe des alten Herrn ist blühend und jugendlich frisch. Alle seine Bewegungen sind lebhaft, trotz der vierundsiebzig Jahre. Die Stirn ist frei, wenn auch nicht hoch, das Auge nicht besonders fesselnd; die Oberlippe ist lang und gewöhnlich, das Kinn stark und breit, der große Mund unschön. Der Kopf, als Ganzes betrachtet, macht einen groben, energischen, selbstbewußten Eindruck; wer in Beecher eine geistreiche, feine, durchgeistigte Erscheinung zu sehen vermuthet hat, wird sich gewaltig enttäuscht fühlen.

Nur der Anfang seiner Rede, die er gerade acht Wochen vor seinem plötzlichen Tode hielt, ist hier von Intresse. Er kündigte den Andächtigen an, daß, wie die auf den Kirchplätzen von jedem vorgefundenen Pläne besagten, am Dienstag Abend die Auktion dieser Kirchenstühle für das Jahr 1887 hier in der Plymouthkirche stattfinden und er diesen Akt leiten würde.

Diese „geschäftliche Mittheilung“ hatte 22 Minuten sein oratorisches Talent in Anspruch genommen.

Der erwähnte Plan zeigte den Grundriß der Kirche und die Lage der Plätze, gleichwie es bei den üblichen Plänen der Theater der Fall ist. Auf jedem Platz war der Preis notirt, welchen die Kirche verlangte, der aber in der Auktion überboten werden sollte.

Der Dienstag Abend kam. Die gutbesetzte Kirche war hell erleuchtet. Der Eintritt Beecher’s wurde mit Beifallklatschen begrüßt. Er nahm auf der Estrade Platz und ermahnte noch einmal zur lebhaften Betheiligung.

„Gerade so,“ meinte er, „wie Euch keine Arznei zu theuer sein wird, ein geliebtes Kind vom Tode zu retten so müßt ihr hier für das Wohl des Hauses Gottes etc.“

Fünf Herren, hervorragende Mitglieder der Gemeinde, unterzogen sich den Pflichten der Auktionatoren. Man traute seinen Ohren nicht, so hoch gingen die Gebote! Stuhl Nr. 44, taxirt im Plane auf 60 Dollars, erzielte 235 Dollars, ein anderer 596 Dollars, Stuhl Nr. 57 sogar 702 Dollars!

Das wird die letzte Auktion in der Plymouthkirche gewesen sein, denn für den eigenartigen Beecher findet die Gemeinde keinen Ersatz.

Beecher hinterläßt 200 000 Dollars Vermögen.