Berühmte Weinfässer

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Autor: Ferdinand Hey’l
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Titel: Berühmte Weinfässer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 686–690
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Beschreibung diverser Riesenweinfässer
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Berühmte Weinfässer.

Von Ferdinand Hey’l-Wiesbaden.

„Kennt ihr des Kellers hohe Poesie?
Sie zu versteh’n, bedarf’s der Dichterader.
Zu Häupten sah ich schön’ren Himmel nie,
Als Wölbungen von fest gefügtem Quader,
Drinn einfach ruhig Faß an Faß gereiht,
Ein starkes, ritterliches Kampfgeschwader,
Im Panzerhemd von braunem Eichenkleid;
Sie fordern Dich heraus mit ernsten Mienen,
Als ob sie Zauberkraft zum Sieg gefeit,
Als wollten sie an Dir den Sporn verdienen.“

 Wolfgang Müller.

Die Gartenlaube (1885) b 686.jpg

Der Zwerg Perkeo in Heidelberg.
Nach einer Photographie im Verlage von Edm. v. König in Heidelberg.

Wenn ein rheinischer Dichter den poetischen Zauber des wohlgefüllten Weinkellers besingt, so denkt er zumeist wohl an den Inhalt des „ritterlichen Geschlechts, der gottvollen Fässer“, und zu leugnen ist’s nicht: gemeinhin ist der Inhalt dem „braunen Eichenkleide“ vorzuziehen. Aber auch in letzterem, im Fasse selbst, liegt „da drunten in des Kellers tiefsten Gründen“ ein Stück Geschichte begraben.

Welche Wandlungen haben die Behälter für den edlen Rebensaft im Laufe der Zeiten durchgemacht! Viktor von Scheffel besang gelegentlich der Versammlung deutscher Philologen im Herbste 1865 das große Faß zu Heidelberg und nennt dieses Riesenfaß „ein Stück Kultur- und Sprachgeschichte“. Von den „Nilkanoben“ und den „Keilschriftthoncylindern“ kommt Scheffel auf den Gaisbockschlauch, dankt den Phöniciern für die pitschirten Flaschen, die sie uns geschaffen, und beklagt die „Kimmerier“, die noch kein großes Faß erbaut, sondern nur Bütte, Pott und Bottich hatten.

„Das echte Faß zeigt deutschen Schwung,
Es gingen die Germanen
Schon auf die Völkerwanderung
Mit Trinkglas, Faß und Hahnen.“

Und in der That, man darf wohl annehmen, daß die ersten Riesenfässer auf deutschem Boden gebaut und entstanden sind. Den Völkern des Alterthums war die Kunst, Fässer zu binden, durchaus fremd, und es wäre ein Irrthum, anzunehmen, daß Diogenes sich in eine Tonne nach heutigem Begriffe „mit philosophischer Ruhe“ zurückgezogen. – Wenn er in Wirklichkeit eine vollständige Wohnung in einer solchen bezogen, so war sein Heim doch offenbar nur ein irdenes Gefäß, denn Faßbinder kennt seine Zeit nicht, wohl aber Töpfer. Große irdene Krüge oder Schläuche von Ziegenfell waren damals die Weinbehälter, deren Inhalt indessen offenbar schon durch die Art der Behandlung ein anderer war, als unser Rebensaft ihn heute bietet. Offen stand der gegohrene Saft in irdenen Gefäßen, in Krügen und Amphoren, und unter den 100 000 Faß griechischen Weines, den nach Plinius der reiche Lucullus nach seiner Rückkehr aus Asien an das römische Volk vertheilt haben soll, sind wohl nur eben so viele Amphoren zu verstehen.

Haben wir aber den Faßbau nicht von den Alten gelernt, so ist uns doch ein Trinkgefäß von ihnen überkommen – das Trinkhorn, freilich in anderer Form der Anwendung, denn wir trinken oben aus der weiteren Oeffnung des Horns, die Alten bohrten in die Hornspitze ein Loch und ließen sich so den „rieselnden Bach“ angedeihen.

Hölzerne Tonnen finden wir zuerst bei den Deutschen, den Engländern und Franzosen, aber auch der letzteren Lehrmeister in dieser Richtung sind wir.

Die Hochschulen des Weinbaues selbst waren – die Klöster. Die fleißigen Mönche dachten dabei nicht allein an sich und den eigenen Genuß, sie fanden auch, daß der Weinbau nebenbei ein recht einträgliches Geschäft bildete. Deßhalb finden wir auch in den älteren geistlichen Gebäuden am Rhein auf und ab, in den aufgehobenen und noch bestehenden Klöstern die ungeheuren Keller und Lagerräume, in denen man sich im wahren Sinne des Wortes „verlaufen“ kann. Doch auch Fürsten und Ritterschaft pflegten und liebten den Saft, verkaufte doch Kaiser Wenceslaus seine Kaiserkrone um vier Fuder Bacharacher Weines an den Kurfürsten Ruprecht von der Pfalz beim Königsstuhl zu Rhense.

Und wenn man große Keller, große Humpen hatte – da brauchte man oder wünschte man doch auch große Fässer! Und diese „riesenbauchigen Schatzkasten“ finden wir auch heute noch am Rhein, zum Theil noch wohl erhalten, wenn die Faßriesen auch nicht mehr alle im Gebrauch sind.

Prunksucht und Nothwendigkeit schufen die älteren Riesenfässer. Im Rheingau dienten die großen Fässer zur Aufnahme von Zehentweinen, von Traubensaft, der aus den verschiedenen Weinbergslagen stammte.

[687] Deßhalb besaß wohl Kloster Eberbach (noch heute bekanntlich der berühmte Kabinets-Keller) ein großes Faß, nicht aber das ebenso weinberühmte Johannisberg, weil letzteres keine Berechtigung zur Zehent-Erhebung hatte. Das Eberbacher Faß, welches 400 Ohm Wein zu fassen vermochte, hat seine besondere Geschichte. Es ist dahin, ein Opfer des – Bauernkrieges. Als die rheingauischen Bauern während jenes Krieges in Wehr und Waffen auf dem sogenannten „Wachholder“ vor Eberbach lagerten, da tranken sie nach der Chronik vom 2. bis 25. Mai des Jahres 1525, also in drei Wochen nicht nur jenes große Faß, sondern außerdem nicht weniger als 80 Stück guten Rheinweines aus. Das Faß wurde bei dieser Gelegenheit leider zerstört.

Johann Kasimir, Pfalzgraf und Administrator der Pfalz, ließ 1591 in Heidelberg ein Faß, das 132 Fuder bergen konnte, und Kurfürst Karl Ludwig 1664 sogar ein solches für 204 Fuder Inhalt erbauen, da das erstere, weil es lange „trocken“ gestanden, während des Dreißigjährigen Krieges verfault war. Die Schilderung des letzteren Fasses giebt die Chronik in folgenden Worten: „Man steiget auf einer Treppe von fünfzig Staffeln hinauf. Oben trift man einen zwanzig Schuh langen Altan mit einem Gelänter an, worauf sechs Personen ganz gemächlich tanzen können. Es ist dieses Faß ausserdem mit allerley Bildhauer-Arbeit gezieret. Vornen steht das Churfürstliche Wappen, oben darauf sitzet der Abgott Bacchus von ziemlicher Größe, einen großen Kelch in der Hand haltend und mit verschiedenen Satyren wie auch anderen Bildern von versoffenen Leuten umgeben. Es ist anbey so hoch, daß ein Mann mit einem Spieß aufrecht darin stehen kann. Vierundzwanzig eiserne Reiffen halten es zusammen, und es fasset zwey hundert und vier Fuder, drei Ohmen und vier Viertel Wein in sich.“

Bei der Zerstörung der Stadt und des Schlosses Heidelberg durch die Franzosen wurde das Faß unbrauchbar gemacht – es hatte nahezu vierzig Jahre leer gelegen – aber Kurfürst Karl Philipp wollte sich seines Hauses Stolz erhalten, er ließ es 1716 erneuern und im Jahre 1728 mit oberrheinischem Landwein füllen. Ein neues Wappen, eine doppelte Treppe, verschiedene Bilder und neue Verse zierten den renovirten Bau, so der eine:

„Klopff nur nicht mich,
Sonst klopff ich Dich,
Klopff hier nicht an,
Sonst musst Du dran.“

Dieser Vers bezieht sich auf die am ganzen Rhein verpönte Unart, in den Kellern an Fässer zu klopfen. Es gilt noch heute nicht für wohlanständig, bei einem Besuche im Keller die Fässer durch Klopfen zu prüfen, ob sie voll oder leer sind. Den echten Rheingauer erfaßt bei einer solchen „unrheinischen That“ ein gelinder Schauer.

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Das große Faß in Heidelberg.
Nach einer Photographie im Verlage von Edmund von König in Heidelberg.

Im Jahre 1751 aber erbaute im Auftrage des Kurfürsten Karl Theodor der Küfermeister Joh. Jakob Engler das dritte, das jetzige Faß, welches 80 000 Gulden gekostet haben soll. Es ist größer als die beiden früheren, die nicht so dauerhaft gewesen sein dürften, und faßt 236 Fuder Wein zu 1000 Trinkflaschen, also 236 000 Flaschen. Es mißt in der Länge 9 Meter, im Durchmesser 6,90 Meter, und seine einzelnen Dauben sind 26 Centimeter dick. Vom Boden des Kellers gerechnet, erreicht es eine Höhe von 8 Meter. Neben einem Theil des Handwerkszeuges, mit dem es gebaut worden sein soll, hält der Zwerg Perkeo, der Hofnarr Karl Philipp’s, jener Held im Weinberge des Herrn, der täglich seine fünfzehn Flaschen auf sich nehmen konnte, die jetzt recht trockene Wacht. Doch – so interessant das „Heidelberger Faß“ auch ist – es ist seit vielen, vielen Jahren (1764) leer.

„Als edler Bildungsdurst die Welt
Erfüllt mit edlem Streben,
Rief mich ein Kurfürst und ein Held
Als Burgfaß hier ins Leben.
Noch steh ich fest, wo Alles fiel,
Des Pfälzer Geists ein Funken;
Groß in Gedanken, flott im Stil
Und gänzlich – leer getrunken.
O wär’ ich voll heut, Mann und Glas
Füllt’ ich mit Rheinweinmassen;
Doch weh und ach! – dem Hauptwort ‚Faß‘
Fehlt längst sein Zeitwort ‚fassen‘.“

 V. v. Scheffel.

Auch die Rathsherren der Hansestädte wollten, der Sitte der Zeit entsprechend, ihre großen Fässer haben – sie haben es indessen zu solchen Ungeheuern wie die rheinischen Klöster und Fürstenkeller nicht gebracht. Selbst Mephisto dürfte sich eines kleineren „Gebindes“ zu seinem vielberühmten Ritte aus Auerbach’s Keller bedient haben. – Uebrigens hatte auch die Festung Königstein in Sachsen ein großes Faß, welches im Jahre 1680 angefertigt und 1725 erneuert wurde. Dasselbe hatte nach dem Maß jener Zeiten „16 Ehlen weniger 6 Zoll, oder 31½ Werkschuh in der Länge, und 11 Ehlen weniger 4 Zoll in der Höhe“. (Es war 34 Fuß lang, 24 Fuß hoch.) 37 Staffeln führten hinauf zu einer mit eisernem Gitter umgebenen Gallerie. Vorn befand sich das kurfürstliche Wappen in Holzschnitzerei mit „französischer Ueberschrift umgeben“. Bacchusfiguren fehlten auch hier nicht, ja das Faß war zum Theil vergoldet. 131 eiserne Reifen hielten den Bau zusammen, „276 Fuder, 7½ Eimer und 3 Maß“ soll es gehalten haben, das Fuder zu zwei Eimern gerechnet. Es war somit größer als das Heidelberger Faß, es „faßte“ 600 Eimer mehr und diente wohl gefüllt in Kriegszeiten dazu, die Festung Königstein mit Wein zu versorgen. Das Faß wurde faul und baufällig und zerfiel nach und nach. Herzog Ulrich von Württemberg ließ gleichfalls 1546 für seinen Schloßkeller in Tübingen ein Riesenfaß bauen, wie sich denn auch deren noch mehrere in den württembergischen Schloßkellern finden. So ein solches in dem Schloßkeller zu Ludwigsburg, welches sogar älter und größer als das Heidelberger Faß ist. Es wurde auf Befehl Herzogs Eberhard III. 1719 bis 1720 durch den Hofküfer J. W. Ackermann erbaut und vom Hofbildhauer A. C. Seefried mit weit reicherer Schnitzerei als das Heidelberger geziert. Das Faß hat Raum für 300 württembergische Eimer (etwa 110 220 Rheinweinflaschen), enthielt vormals ebenfalls Zehentwein und ward noch 1847 mit Most gefüllt. 20 Eichenstämme, 5 Stämme Hagenbuchen und ein Birnstamm wurden zum Bau verwendet. Leider ist das Faß schwer zugänglich und lagert in einem für seine Höhe zu niedrigen Raume.

Rheinischer Scherz läßt wohl die Frage stellen, wie diese Fässer denn eigentlich bei den engen Thüren in die Keller gekommen sind, und die Antwort ist stets: erst sei das Faß, dann der Keller gebaut worden. In Wahrheit aber wurden diese [688] Riesen im Keller selbst gefertigt. Das Heidelberger Faß liegt noch heute im „Bandhaus“.

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Riesenfässer der J. B. Sturm’schen Kellerei zu Rüdesheim.
Originalzeichnung von W. Klusmeyer.

Und trotzdem sind diese Kunstwerke, so darf man sie wohl nach ihrer äußeren Ausstattung nennen, nichts gegen die monströsen Fässer der Brauereien in England und Amerika. Barclay, Perkins u. Komp. in London, die bekannten Porterbrauer, haben Lagerfässer, die 192 000 Gallonen, also gegen 800 000 Liter, zu lagern im Stande sind.

In Würzburg, im Frankenlande, erbauten die Fürstbischöfe eine Kellerei, die ehedem als die größte der Welt galt. Die Räume sind noch erhalten und in Benutzung und befinden sich unter dem fürstlichen, jetzt königlichen Schloß daselbst. In diesen „heiligen Hallen“ des Steinweines und des Leisten ruhen nun neben Gebinden der mannigfaltigsten Formen und Größen drei Kolossalfässer, von denen das größte 660 Eimer (oder 55 Fuder = 440 Hektoliter = etwa 55 000 Flaschen) faßt und welches in der Höhe und Tiefe je 5 Meter mißt. Zwei kleinere, recht ansehnliche Ovälfässer mit einem Gehalt von 289 und 276 Eimern sekundiren dem größeren Koloß in trauter Eintracht. Diese Fässer dienten ehemals zur Aufnahme von „Bestallungswein“ oder Beamtenwein, denn es gab eine glückliche Zeit in Franken, in welcher Wein einen Theil der Besoldung fürstlicher Diener ausmachte. Damit nun Klagen über ungleiche Weine bei der Vertheilung nicht aufkamen, wurde der Rebensaft in diesen Riesenbäuchen zusammen gelagert. Verbrauchte doch die fürstliche Hofkellerei im Jahre 1782 allein 266 Fuder und 10 Eimer an „Beamtenwein“.

Ein kunstreich geschnitztes Faß, 30 Hektoliter, gleich 3750 Flaschen haltend, aus dem Jahre 1683 stammend, hat ebenfalls eine besondere Geschichte, denn es enthielt den edlen 1540er, wie noch eine Inschrift besagt: den sogenannten „truckenen Sommerwein“, der in einem Jahre gewachsen, in welchem die Flüsse, selbst der Rhein, „schier ausgetrocknet“ waren. Im Dreißigjährigen Kriege ward das Faß vergraben, um den Inhalt zu retten. Es ist ihm Nichts verblieben, als das Aroma im Innern, ein Genuß, mehr für den Kenner, wenn er den Spund lüftet, – als für den Trinker.

Der Stolz der Fürstengeschlechter früherer Tage hat sich auf die Fürsten des rheinischen Weinhandels vererbt. Und so treffen wir im Rheingau die Nachfolger des Heidelberger Fasses aus neuester Zeit. In den Kellern der Firma J. B. Sturm in Rüdesheim, die sich übrigens mit den Würzburger Kellereien an Ausdehnung reichlich messen können und die, in drei Etagen erbaut, als die größten Keller am Rhein an und für sich eine Sehenswürdigkeit bilden, lagern die jüngsten Meisterwerke der Faßbinderei. Und – was nicht zu unterschätzen, diese Fässer sind noch im Gebrauch – noch waltet in ihnen der lebendige Geist, „noch tobt er an die Wände“, und wer sich von diesem Geiste überzeugen will, ist jederzeit willkommen – die rheinische Gastlichkeit hält stets diese Räume auch dem Fremdling geöffnet.

Hier, unter den Resten der ehemaligen Boosenburg, im jetzigen Hause Sturm, lagert ein Faß, dessen schützende Wände 20 Stückfaß Wein zu 24 000 Liter oder 30 000 Flaschen bergen können. Das Faß ist vollständig rund, hat 3½ Meter im Durchmesser und ist ebenso lang. Das Eichenholz, welches zum Bau verwendet wurde, ward 1873 in Wien auf der Ausstellung prämiirt. Ein Jahr darauf erbaute ein Meister seines Faches das Kunstwerk in Weisenau bei Mainz. Zu Schiff geschah der Transport, und in Rüdesheim angekommen, ward das Faß, dessen Dauben 13 Centimeter stark sind, aus einander genommen und [689] im Keller wieder zusammengefügt. Auf dem Vorderboden finden wir einen Querriegel, darüber ein von Weinranken umgebenes Römerglas, trefflich in Holz geschnitzt, und den Spruch:

„Im Rüdesheimer Berg gedeiht
Der Wein am besten weit und breit.
Drum schirme Gott dies Stückchen Erde,
Damit alljährlich voll ich werde.“

Im Jahre der Ablieferung – 1874 – wurde das Faß zuerst mit Rüdesheimer des genannten Jahrganges gefüllt.

Ein Bruder dieses Fasses ruht dicht daneben. Es enthält 12 Stück gleich 14 000 Liter oder 18 000 Flaschen. Das Gebinde hat einen Durchmesser von 2,60 und eine Länge von 3 Metern, die Daubenstärke beträgt 10 Centimeter. Das Faß wurde von dem in seinem Fache weitberühmten Faßfabrikanten Heinrich Wellhöfer erbaut, auf der Frankfurter Patent- und Musterschutz-Ausstellung 1881 ausgestellt und von der Firma Sturm dort erworben. Der Vorderboden ist prachtvoll aus dem Holz herausgeschnitzt und stellt eine vollständige Weinlese, die Kelterung und eine Weinprobe im Keller dar. Ueber diesen Schnitzereien befindet sich das Frankfurter Stadtwappen. Der Anschaffungspreis des großen Fasses war 200 Mark, während das zweite, kleinere, in Rücksicht auf die prächtige Schnitzerei, 2500 Mark kostete. Auch das letztere Faß ist in Gebrauch. Alle diese Fässer werden im Innern gereinigt, indem durch eine kleine Thür im Vorderboden, welche durch einen Querriegel geschlossen ist, ein Mensch in den duftigen Bauch kriecht, um „Schwenkung“ und Säuberung darin vorzunehmen. Wie oft haben wir in diesen gastlichen Räumen vor diesen würdigen Herren gestanden, und nicht nur die „gottvollen Tropfen“ geprüft, sondern auch mit Freund Rittershaus die Wahrheit seines sinnigen Spruches empfunden:

„Der Rhein erbaut im Rebenflor
Den Tempel für den Gott des Weines,
Und Rüdesheim – das ist das Thor
Zum Allerheiligsten des Weines.“

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Das Riesenfaß der A. Wilhelmj’schen Kellerei zu Hattenheim.
Originalzeichnung von Otto Dillmann.

Drum war es auch ein treffender Gedanke Theodor Dilthey’s in Rüdesheim, ein Riesenfaß als Ehrenpforte zu bauen, durch welches Kaiser Wilhelm, alle Fürsten und deren Gefolge am Tage der Enthüllung des Niederwald-Denkmals den Durchzug hielten, ein Gruß der Rüdesheimer Küferzunft, dessen malerische Anordnung wir in Nr. 44, Jahrgang 1883 der „Gartenlaube,“ im Bilde bereits wiedergegeben.

Noch mächtiger aber erscheint das in den letzten Jahren so vielgenannte Riesenfaß zu Hattenheim. Und welche fröhlichen Stunden verlebten hier die Vertreter der deutschen Presse am Tage der Einweihung dieses Kolosses im gastlichen Hause A. Wilhelmj, bei Gelegenheit des Deutschen Journalisten-Tages im Jahre 1876! Verfasser dieses hatte selbst die Leitung der Expedition nach Hattenheim an jenem Tage übernommen und ein fröhlicheres Kellerfest, eine poetischere Weinprobe ist wohl am Rhein noch nicht erlebt worden. Mitten im gesegneten Rheingau, umgrenzt von Rauenthal, Marcobrunn Hattenheim und Johannisberg, inmitten seiner eigenen ausgedehnten Weinbergbesitzungen liegt das gastliche Haus Wilhelmj, dem jeder in Wiesbaden tagende Kongreß ebenso wie dem Hause Sturm in Rüdesheim seinen Besuch abstattet, seien es die Herren Mediciner, die Naturforscher, Journalisten oder Philologen. Wer sich einen Begriff von der Gewinnung des Weines, der Kelterung, Gährung und Kellerung verschaffen will, der wandere hierher – und bringe dem Weingott seine Devotion! Vater und Sohn Wilhelmj haben sich einen Namen erworben, der weit über des Vaterlandes Grenzen hinausreicht – der Vater begeistert zur Poesie durch seine feurigen Gaben – der Sohn [690] entzückt durch sein Instrument und seine Kunst – denn August Wilhelmj, der Geiger, ist der Sohn des vielgenannten rheinischen Weinhauses.

In einem Tempel, einem über 8 Meter hohen Kuppelgewölbe, auf einem Lager von vier kunstvoll durch Meister Kremer in Eltville gefertigten „Sätteln“ liegt das Riesenfaß von Hattenheim. Dasselbe, aus der Werkstatt des Küfers Ignaz Müller in Eltville hervorgegangen, hält circa 50 Stück, das Stück gleich 1200 Liter, also nahe 80 000 Flaschen Wein. Es ist ein vollständig rundes Gebinde, während die meisten großen Fässer, auch das Heidelberger, oval erbaut sind. Das dazu verwendete „slavonische“ Eichenholz ward gleichfalls in Wien prämiirt und 14 Eisenreife von einem Gesammtgewichte von nahe 3000 Kilo halten den Riesenbauch zusammen. Es bedürfte wahrlich nicht der „Kanzel“, welche sich vor dem Vorderboden aufbaut, um jeden Eintretenden hier feierlich zu stimmen. Diese Kanzel im Stile des 16. Jahrhunderts gehalten und nach einem Modell aus einer alten Benediktiner-Abtei gefertigt, ruht auf einer Balustrade, welche nach dem Muster alter Chorstühle geschnitzt ist. Sechs Meter ragt der Riese empor, auf seinem Boden könnten mit Leichtigkeit 18 bis 20 Personen tafeln. An der Kopfseite über der Kanzel prangt in Holzschnitzerei das Hauswappen Wilhelmj, gleich den kurfürstlichen Wappen an den Fässern in Würzburg. So ändern sich die Zeiten! Jahreszahlen künden die Gründung der Handlung und die Eröffnung der Kellerräume in Hattenheim.

Und welch ein Vorzug! Das Faß ist in beständigem Gebrauch, denn darinnen wird jährlich nach der Kelterung der „Tischwein“ zum Lager gebracht, deraus den „kleineren“, das heißt nicht hochfeinsten „Lagen“ des ausgedehnten Weinbergbesitzes des Hauses Wilhelmj gewonnen wird. Beim sogenannten „Abstich“ entleert man den Riesen durch einen Schlauch in acht Stück haltende Lagerfässer, welche sich in einer Kellerabtheilung unter dem Kellerraum des Riesengebindes befinden. Der Transport des in Eltville gefertigten Monstrums geschah während der Nacht, mit Benutzung des doppelten Schienengeleises der Eisenbahn. Von der Station bis zum unweit gelegenen Keller (etwa 100 Schritte) brauchte man – drei Nächte.

Wohl hat Hermann Dickmann, der den ganzen Raum mit trefflichen Sprüchen geschmückt, Recht, wenn er in einer Inschrift am Fasse sagt:

„Was Heidelberg! Was Hattenheim!
Der Dichter versöhnt euch durch einen Reim:
Dem Alten bleibt die Historie –
Dem Jungen winkt der Zukunft Glorie!“

Und rechts und links vom Altvater des Kellers sehen wir Reihen von Doppelstückfässern gelagert (jedes zu circa 3000 Litern) und über diesen bilden abermals zwei Reihen Stückfässer (von je 1200 Liter Inhalt) ein imponirendes Spalier. Und wenn nun, wie wir es oft gesehen, dieser ganze Raum in buntem Lichterschmuck erglänzt, wenn eine gläubige und seelige Gemeinde hier dem Weingott ihre Andacht bezeugt, wenn ein Glas vom Besten die Zungen löst, dann widerhallt der Raum nicht nur von Rede und Gegenrede, dann mag’s auch der Griesgram leiden, daß „hier der Becher überschäumt!“

Dann tönt neben dem Augenblicks-Spruche des Poeten auch oft ein fröhlich Lied vom fröhlichen Leben am Rhein.