Beschreibung des Oberamts Backnang/Kapitel B 5

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Cottenweiler, mit Viehhaus,

Gemeinde III. Kl. mit 281 Einw., wor. 1 Kath; – Dorf, Filial von Unter-Weissach. 5/4 Stunden südöstlich von der Oberamtsstadt. Die Kath. sind nach Ebersberg eingepfarrt.

Der hübsche, von Obstbäumen und schlanken Pappeln belebte Weiler liegt an den beiden sanftgeneigten Abhängen des nordwärts ziehenden Heutensbachthälchens und besteht aus meist kleinen Häusern, aus denen nur einige stattliche Bauernwohnungen hervorragen. In | Kirche und Schule gehört der Ort nach Unter-Weissach. Im Hause des Schultheißen befindet sich die Rathstube.

Gutes Trinkwasser liefern stets hinreichend 16 Pump- und 3 Schöpfbrunnen, auch die Markung ist reich an guten Quellen, die bedeutendsten sind die sogenannten Brunnenstuben und der Hummelsbrunnen im herrschaftlichen Seegut; auf der sogenannten Amtwiese liegt ein jetzt zugedeckter Hungerbrunnen. Von den zahlreichen über die Markung fließenden Bächen nennen wir den Allmersbach, die Weissach, den Gruppenbach, den Heutensbach und den Wattenbach. Bei der nördlich gelegenen Seemühle bestand früher ein 90 Morgen großer herrschaftlicher See, dessen Grund jetzt vom Staat als Ackerfeld verpachtet wird. (s. auch unten.)

Vicinalstraßen führen nach Unter-Weissach und nach Heutensbach, die von Unter-Weissach nach Ober-Weissach berührt die Markung. Über den Gruppenbach gehen zwei steinerne Brücken und ein Steg, über den Wattenbach eine steinerne Brücke, über den Mühlbach ein Steg; sie sind sämtlich von der Gemeinde zu unterhalten.

Die Einwohner, ein gesunder Menschenschlag, von denen gegenwärtig zwei über 80 Jahre zählen, finden ihre Hauptnahrungsquellen in Feldbau, Viehzucht und Obstbau; Gewerbe werden nur wenig getrieben; ein Hufschmied, ein Schuster und ein Schneider befinden sich im Orte, dann viele Weber, die nebenbei Ackerbau treiben. Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittleren; der begütertste Bürger besitzt 40, der Mittelmann 10, die ärmere Klasse 2–3 Morgen Feld. Gemeindeunterstützung erhalten gegenwärtig nur zwei Personen.

Die nicht große, flachwellige, von vielen mäßig eingefurchten Thälchen durchzogene Markung hat einen ziemlich fruchtbaren, meist aus Lehm bestehenden Boden, zuweilen treten auch die unteren Keupermergel und deren thonige Zersetzungen auf.

Das Klima ist gesund, dagegen schaden Frühlingsfröste und kalte Nebel nicht selten den feineren Gewächsen und den Reben, auch ist die Gegend rauhen Winden ausgesetzt und Hagelschlag kommt zuweilen vor.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung des Hohenheimer-, theilweise auch noch des Beetpflugs fleißig getrieben. Von den Getreidefrüchten gedeihen Dinkel, Roggen, Haber, Gerste und Einkorn, letzteres besonders gerne. Von Brach- und Handelsgewächsen wird viel Flachs und Hanf gebaut und versponnen; beinahe alle Bürger weben Tuch auf den Verkauf. Kartoffeln gerathen gut; unter den Futterkräutern werden hauptsächlich Wicken und dreiblättriger Klee gebaut. Über den eigenen Bedarf können jährlich 2–300 Scheffel Dinkel und etwa 10 Scheffel Haber nach außen verkauft werden.

| Der Wiesenbau erzeugt zum Theil ein gutes Futter; die Wiesen sind zwei- bis dreimähdig.

Der Weinbau ist ganz unbedeutend, man pflegt meist Silvaner; dagegen ist der Obstbau im Zunehmen; Luiken und Knausbirnen, auch Zwetschgen gedeihen am liebsten. Das Obst wird vermostet, gedörrt und gebrannt, in günstigen Jahren können vier- bis sechshundert Simri nach außen verkauft werden.

Die Brach- und Stoppelweide wird benützt und mit Schafen befahren; der jährliche Pacht und der Pfercherlös, zusammen 200 fl., fließt in die Gemeindekasse. Allmanden bestehen 3 Morgen und werden gegen 30 fl. jährlich an Bürger verliehen.

Pferdezucht besteht keine, aber die Rindviehzucht ist in gutem Zustande; man hält Land-, Allgäuer- und Simmenthaler Race. Ein Farren steht in Allmersbach, zu dessen Unterhaltung die Gemeinde dem Farrenhalter jährlich 70 fl. beiträgt; Mastvieh wird ziemlich viel nach Stuttgart, Canstatt und Ludwigsburg verkauft.

Die Schafzucht wird von einem fremden Schäfer betrieben, der im Sommer 200 Stück auf der Markung laufen läßt.

Stiftungen sind nicht vorhanden.

Südwestlich vom Ort kommen die Flurnamen „mittlere und untere Burg“ vor, was auf eine abgegangene Befestigung oder noch wahrscheinlicher auf einen römischen Wohnplatz hindeutet.

In Cottenweiler, an einer Stelle, „wo einst die reichsten Wiesen blühten,“ legte Markgraf Hermann V. von Baden vor dem Jahre 1231 einen See an „zum Nachtheil seiner Seele“, d. h. nach dem Folgenden vorzugsweise zum Schaden des Stifts Backnang, welches Ansprüche an den Ort zu machen hatte und auch auf andere Weise von dem Markgrafen und seinen Anhängern beschädigt wurde. Derselbe verglich sich daher in dem genannten Jahre mit dem Stifte dahin, daß es ihm gegen das Patronat der Kirche zu Lendsiedel und die Mühle unter Reichenberg den Reichenberg und obigen See überließ; nur sollten seine Erben hier nie eine Mühle erbauen dürfen (Wirt. Urkb. 3, 276). Das Stift machte jedoch später wieder Erwerbungen hier: den 10. November 1410 kaufte es zwei Höfe für 170 Pfd. Heller von Jörg von Urbach, und dessen Gattin, Ursula von Schellenberg, welche wegen ihrer Morgengabe und Heimsteuer hierauf verwiesen war, verzichtete den 1. März 1411 auf ihre diesfallsigen Ansprüche (St.-A.); nach dem Lagerbuch von 1568/9 besaß das Stift den großen und kleinen Frucht- und den Weinzehenten, verschiedene Zinsen und Gülten, und noch Andreäs Landbuch von 1736/44 führt einen Stiftshof zu Cottenweiler auf.

Der Ort wurde, wohl als ältere Zubehörde der Feste Reichenberg, mit dieser im J. 1439 von den Grafen Ludwig und Ulrich von Württemberg an Peter und Werner Nothaft verpfändet, und | gehörte auch in der Folge in das Reichenberger Amt (Lagerbuch von 1528).

Der oben erwähnte See, auch Weissacher See genannt, umfaßte im Jahr 1624 903/4 Morgen und soweit er mit Wasser gefüllt war 67 Morgen 25 Ruthen; die Umgegend hatte zu ihm zu frohnen. Im 30jährigen Kriege ging er gänzlich ab und wurde in den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts auf herzoglichen Befehl vollends in Wiesen verwandelt. Die nördlich von Cottenweiler gelegene Seemühle (Gemeinde Unter-Weissach) führt noch den Namen von ihm.


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