Beschreibung des Oberamts Geislingen/Kapitel A 7

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VII. Geschichtlicher Überblick und Alterthümer.
1. Politischer Zustand.

Unter der Herrschaft der Römer gehörten die Gegenden des Oberamts Geislingen zur äußersten Grenze des Römergebiets, indem der Römerwall (die sogenannte Teufelsmauer), die Nordgrenze des römischen Weltreiches, bereits durch das nördlich an Geislingen grenzende Oberamt Gmünd durchzieht. Zu welcher römischen Provinz der Bezirk von Geislingen gehörte, dies zu bestimmen fehlen alle genauen Anhaltspunkte; die Provinz Obergermanien grenzte in diesen Gegenden an die Provinz Rhätien, und muthmaßlich war der Bezirk des Oberamts letztgenannter Provinz zugetheilt. Entschieden würde die Frage für Rhätien, wenn der Zufall einmal eine römische Steininschrift mit der 3. Legion ans Tageslicht brächte, – für Obergermanien, wenn dereinst die 8. oder 22. Legion auf einem Römerdenkmal entdeckt würde. Von den Spuren der Römerherrschaft, welche bis jetzt in diesen Gegenden gefunden wurden, kommen außer einzelnen Münzen fast nur die Römerstraßen in Betracht; dieselben sind Theile des Straßennetzes, womit die Römer, wie alle eroberten Länder, so auch unsere Gegenden, umspannen (s. unten). Was die kleineren Denkmäler der Römer betrifft, so soll ein römischer Altar im Heidenthal, bei Hohenstadt, dem Fundorte mancher Römermünzen, im Jahre 1828 entdeckt worden seyn; er ist jedoch jetzt spurlos verschwunden.

Gegen den Schluß des dritten Jahrhunderts wurde die Römerherrschaft in unsern Gegenden gänzlich vernichtet, um für immer der germanischen zu weichen. Die Alemannen herrschten allda von nun an mehr als zwei Jahrhunderte, bis sie am Ende des 5. Jahrhunderts theilweise, und um das Jahr 536 vollständig dem glücklicheren Stamm der Franken unterthan wurden. Gänzlich unbekannt bleiben die Schicksale unseres Bezirks unter den Merovingern und den ersten Karolingern; kaum daß i. J. 812 zum ersten Male ein Ort, nämlich Mühlhausen (s. dieses beim topographischen | Theil), mit Namen auftritt. Erst in die Zeiten K. Ludwigs II., des Deutschen, ins Jahr 861, fällt die früheste Dämmerung der deutschen Zeit unseres Bezirks durch den Wiesensteiger Stiftungsbrief. Hierin erscheinen folgende Ortschaften: Aufhausen, Ditzenbach, Hohenstadt, Mühlhausen, Westerheim (s. die betreffenden Ortsbeschreibungen), und von Gauen: der Gau Pleonungethal (Thal Pleonungs – Pleonung ist ein, in der alten Zeit nicht seltener Mannsname), ein, nur dieses einzige Mal erwähnter Gau, zu welchem Wiesensteig, die Gruibinger Mark und das Tiefenthal (bei Mühlhausen) gerechnet wird; ferner der Flinagau mit Hohenstadt und Westerheim, welcher gleichfalls nur im Wiesensteiger Stiftungsbrief genannt wird. Sonst kommt kein einziger Ort des Oberamtes mit Gaubezeichnung vor. (Der pagus Alemanniae, wohin Mühlhausen gesetzt wird, bedeutet Alemannien überhaupt.) Anzunehmen ist, daß mehrere Orte des Oberamts zu dem Filsgau gehört haben, welchem Eislingen und Schopfloch (abgegangener Ort bei Betzgenrieth) urkundlich zugetheilt werden; über einen andern Theil mag sich der eben erwähnte Flinagau erstreckt haben, welcher ausser Hohenstadt und Westerheim noch im Bezirk des Oberamts Urach den Ort Donnstetten, und im jetzigen Oberamt Münsingen den verschwundenen Ort Weichstetten bei Laichingen begriff. Das Genauere über die Abgrenzung des Pleonungethalgaues und des Flinagaues kann nicht angegeben werden, eben aus Mangel urkundlicher Bestimmungen, und weil das mehrfach versuchte Mittel, durch Rückschlüsse aus den bekannten alten Diöcesaneintheilungen die minder bekannten Gaueintheilungen herzustellen sich als trügerisch erweist, wie denn auch in unserer Gegend von den Orten, welche unter dem Flinagau aufgeführt werden, das Dorf Westerheim zum Ruralkapitel Blaubeuren gerechnet wird, Donnstetten dagegen zum Kapitel Kirchheim, von welch letzterem mehrere Orte wieder als neckargauisch bezeichnet werden. So spärlich, wie die Aufführung der Gaue ist, in welche der Bezirk von Geislingen zerfiel, so wenig ist uns | aus den Zeiten des reichsunmittelbaren, und seit 917 wieder unter eigenen Herzogen stehenden Alemanniens, in welchen die geographische, beziehungsweise politische Bezeichnung nach Gauen herrschte, d. h. vor dem 12. Jahrhundert, über die Herrenfamilien, welche in diesen Gauen die Grafenwürden bekleideten, aufgezeichnet. Graf Warinhar, in dem mehrerwähnten Wiesensteiger Stiftungsbrief von 861, zu dessen Sprengel die Gruibinger Mark gehörte, ist der einzige Graf, welchen man in der angegebenen Zeit kennt; sonst sind noch Rudolf, der Stifter von Wiesensteig, und in demselben Wiesensteiger Stiftungsbrief erscheinend, sein Sohn Erich und ein jüngerer Rudolf die einzigen weitern Herren. Diese erscheinen zwar ohne Amtstitel, aber der Stifter von Wiesensteig mit ausgedehntestem Güterbesitz.

In das 11. Jahrhundert fällt in unsern Gegenden das Aufkommen der Sitte, sich nach Stammburgen zu nennen; eine solche war für das allhier angesessene Adelsgeschlecht, welches von da aus erst weiter gegen Süden und Osten seine Besitzungen und Rechte ausdehnte, die Burg Helfenstein bei Geislingen. Weil mehrere Güter des Stifters von Wiesensteig in späterer Zeit im Helfensteinischen Besitze vorkommen, so hat man in ihm einen Altvordern der Grafen von Helfenstein vermuthet. Übrigens tritt erst mit dem 12. Jahrhundert das gräfliche Haus Helfenstein in sichern Urkunden in die Geschichte ein. Zu der über mehrere Oberämter des jetzigen Württembergs ausgedehnten Grafschaft dieser Familie gehörte wohl, mit wenig Ausnahmen, der ganze jetzige Oberamtsbezirk Geislingen, jedenfalls die Herrschaft Wiesensteig und der ehemals Ulmische Theil des Oberamts, ferner namentlich ursprünglich auch Eybach, Weißenstein, vielleicht auch Donzdorf. (S. die Geschichte dieses Hauses unter Geislingen.)

Nach den Grafen von Helfenstein ist das wichtigste Geschlecht für unsere Gegenden das der Herren von Rechberg, von deren Besitzungen, innerhalb des Oberamts Geislingen, das Schloß Scharfenberg die älteste sicher bekannte ist.

| Allmählig erscheint überhaupt eine Anzahl freier Herren, Ritter, Lehnsleute, im Bezirk ansäßig oder doch allda begütert: die Familie der Stifter von Kloster Anhausen (von dieser besaßen Adelbertus Palatinus, frater Udelricus et Gualterus, der nachherige Bischof von Augsburg 1133–50, und Manegoldus in unserem Oberamte: Bruningesheim. Gosbach. Beringen. Hurwinesbach. Besold Doc. S. 331), ferner die von Ahlfingen (eine Zeit lang mit Eybach belehnt), von Beringen, von Bubenhofen (erst seit dem 16. Jahrh.), von Degenfeld, von Deggingen, von Grafeneck (bei Westerheim begütert), von Hundersingen (hatten Güter in Gosbach), von Justingen (bei Drackenstein, Wittingen), von Laimberg, von Nenningen (begütert bei Sontbergen), von Ravenstein, von Rietheim (begütert bei Bräunisheim), von Staufeneck (begütert bei Schnittlingen), von Überkingen, von Uffenloch (begütert bei Amstetten, Bräunisheim), von Weißenstein, von Werdenau, von Westerstetten, von Zillenhard (in Großsüßen, hatten eine Zeit lang Eybach, Burg Ravenstein und Trasenberg u. s. w.).

Die Grafschaft und der bedeutendste Lehnshof im Bezirke stund den Grafen von Helfenstein zu, deren Gebiet in der Mitte des 14. Jahrhunderts in besondere Ämter getheilt erscheint, wie Amt zu Hiltenburg, Amt zu Helfenstein oder Geislingen etc. Von Vögten oder Amtleuten, welche diesen Ämtern vorstunden, kommen besonders die Geislinger sehr häufig in helfensteinischen Urkunden vor, namentlich in den 80ger, 90ger Jahren des 13. Jahrhunderts der Vogt Albert, genannt Kuchalber oder Kuchalmer (Albertus minister comitis in Giselingen, dictus Kuchalber oder Kuchalmerus, vergl. Kuchalp bei Donzdorf), sonst z. B. im Jahr 1314 Heinrich von Überkingen, Vogt zu Geislingen (Urk. bei Gabelkover), im Jahre 1335 Ulrich Vezzer, Vogt zu Gisilingen (Regest. Boic. 7, 107), im Jahre 1382 Conrad von Weißenstein (Species facti, S. 10 und 17), im Jahre 1396 Hans von Westerstetten (Kerler, Gesch. der Gr. v. Helfenstein S. 84).

| Im Jahre 1396 kamen von der nördlichen Hälfte der im Jahre 1356 getheilten Grafschaft beträchtliche Stücke an Ulm, namentlich die Feste Helfenstein und die Stadt Geislingen mit 27 Dörfern, Weilern und Höfen, sammt der Hälfte der helfensteinischen Zölle und Geleite und die Vogtei zu Elchingen (in Baiern) um den Preis von 6000 Dukaten (Graffhelffensteinischer Eydtlicher Verglich, Verzücht und Übergab der alienirten helfensteinischen Güther, gegen der Stadt Ulm, de anno 1396, bei Kerler Urk. zur Geschichte der Gr. v. Helfenstein S. 23, vergl. Pfister Gesch. v. Schwaben. Buch 2 Abth. 2. 1817. S. 272). Auf diese Art blieb der genannten Hälfte der Grafschaft Helfenstein (denn die südliche begriff keine Ortschaften des Oberamts Geislingen) in unserem Oberamtsbezirk nur noch die Herrschaft Wiesensteig mit den Orten Wiesensteig, Deggingen, Ditzenbach, Drackenstein, Gosbach, Feste Hiltenburg, Hohenstadt, Mühlhausen, Reichenbach, Westerheim. Auch von diesen war die Stadt Wiesensteig nebst den meisten Besitzungen im Jahr 1382 an Ulm verpfändet (der Pfandbrief ist in den Akten die Helfensteinische Sache betr. Beil. Nr. 1 gedruckt), welche Pfandschaft jedoch im obigen Jahre 1396 aufgehoben wurde. Im Besitz der Herrschaft Wiesensteig erhielten sich, einzelne Verpfändungen, temporäre Veräußerungen abgerechnet, die Grafen von Helfenstein, bis sie mit Graf Rudolf im Jahre 1627 ausstarben. Was nun den Erwerb der helfensteinischen Güter durch die Stadt Ulm, welche ihn im Jahre 1401 durch K. Ruprecht, später durch K. Sigmund bestätigen ließ, betrifft, so thaten sogleich die Agnaten der Verkäufer, der Grafen Conrad und Friedrich, Einsprache gegen die Veräußerung der Herrschaft, ja noch im 30jährigen Kriege erregte Graf Rudolf von Helfenstein gegen die Stadt Ulm einen Prozeß ex capite praetensae usurariae pravitatis, laesionis enormissimae et malae fidei. Ulm ließ sich aber nicht gerichtlich ein, sondern berief sich auf seinen unvordenklichen, durch kaiserliche Briefe bestätigten Besitz. Rudolf beruhigte sich aber nicht dabei, | und nach seinem Tode beharrten die sieben Allodialerben auf ihren Ansprüchen; Ulm dagegen ließ sich auch mit diesen nicht gerichtlich ein, bewies, daß bei damaligem Geldmangel 12 pro 100 keine pravitas usuraria gewesen sey, berief sich noch einmal auf kaiserliche Bestätigung und 230jährigen Besitz. Hiemit ruhte der Streit eine Zeit lang; erst 1715 und auch später noch wiederholt wurde er, wiewohl erfolglos, wieder angeregt (s. hierüber: Species facti mit beigefügter wohlbegründeter Information, die mehr denn 300jährige Inhabung eines Antheils der Herrschaft Helfenstein in Schwaben von der Stadt Ulm, wider dero ganz neuerliche und widerrechtliche Anfechtung betreffend. gedrukt in Fol. – Vergleiche auch: Geschichte des Erwerbs der helfensteinischen Güter, welche Ulm besitzt und der darüber entstandenen Streitigkeiten. Von S. [dem verstorbenen Prälaten Joh. Cp. v. Schmid]). Über die erworbenen helfensteinischen Besitzungen setzte Ulm in Geislingen Obervögte aus der Ritterschaft, und neben ihnen Pfleger aus den Geschlechtern. Die Reihe beider ist bei Haid, Ulm mit seinem Gebiete, S. 630 verzeichnet, in welcher Aufzählung noch Aubrecht von Reineck, der in einer Urkunde von 1412 vorkommt (Rink Geislingen S. 32) vorne anzufügen ist. Mit diesen Obervögten und Pflegern ging in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Änderung vor; es wurden nämlich vom Jahre 1651 an blos Obervögte aus dem Patriciate ohne Pfleger bestellt. Auch von diesen gibt Haid S. 631 eine Aufzählung, wozu noch aus späterer Zeit, dem Jahre 1792–1799 Albrecht Ludwig, Freiherr von Welser, und 1799–1803 Phil. Jak. von Besserer beizusetzen ist. Das Obervogtamt (Oberamt) Geislingen, mit den zugeordneten Ämtern, bildete die untere Herrschaft Ulms. Ämter in derselben waren Böhringen, Stötten, Stubersheim, Süßen; ferner ausserhalb des jetzigen Oberamtsbezirkes Geislingen: Bermaringen, Lonsee, Nellingen, zu letzterem gehörten im Oberamt Geislingen die Orte Amstetten, Aufhausen, Oppingen, Türkheim. In früherer | Zeit bestanden mehrere Ämter, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts trat eine Reduktion ein. Was die Bezüge aus den helfensteinischen Orten anbelangt, so erhob Ulm z. B. im Jahre 1532 folgende Steuer: von Geislingen 2237 Pfd. Heller, vom Amt Stubersheim 458 Pfd., vom Amt Amstetten 310 Pfd., von Aufhausen 269 Pfd., von Türkheim 286 Pfd., von Überkingen 155 Pfd., von Böringen 522 Pfd., von Süßen 643 Pfd., von Gingen 535 Pfd., von Kuchen 615 Pfd., von Altenstadt 454 Pfd., von Stötten 158 Pfd. In der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts soll Ulm nach Gerken’s und Büsching’s Bericht, welcher jedoch der Übertreibung beschuldigt wird (Kern, Schwäb. Magazin 1, 142), jährlich bei 90.000 fl. aus dem Oberamt Geislingen bezogen, und der Geislinger Zoll allein 8–9000 fl. betragen haben.

Nachdem i. J. 1802 das ganze Ulmer Gebiet bairisch geworden war, wurde durch Verfügung vom 1. Merz 1804 Geislingen das 23. der 25 Landgerichte, in welche die churpfälzische Provinz in Schwaben eingetheilt war.

Derjenige Theil der helfensteinischen Ländereien, welcher dem Hause Helfenstein bis zu seinem Aussterben, im Jahre 1627, verblieb, war in viel früherer Zeit nach und nach ganz an Baiern gekommen. Die Erbes-Interessenten Rudolfs, des letzten Grafen von Helfenstein, waren folgende sieben: seine drei Töchter, denen die Herrschaft, welche nunmehr Condominium wurde, zufiel: Maria Johanna, vermählte Landgräfin zu Leuchtenberg; Isabelle Eleonora, später vermählte Gräfin von Oettingen; Franciske Caroline, nachmals zweite Gemahlin des Grafen Wratislaw von Fürstenberg-Möskirch; zwei Schwestern: Katharina, verwittwete Gräfin von Oettingen, und Maria, verwittwete Gräfin von Helfenstein; ferner eine Tochter der Maria, Johanne Eleonore, erste Gemahlin des ebengenannten Grafen von Fürstenberg, und endlich seines Vaters Schwester, Barbara, vermählte Freiin von Fugger. Die letztere mußte aber bald zurückstehen. An Württemberg fiel damals das halbe Dorf Hohenstadt | als ein eröffnetes Lehen heim. Die zwei ältesten Töchter des Grafen Rudolf verkauften unter dem 22. September 1642 den von ihnen ererbten Antheil an der Herrschaft Wiesensteig mit 2/3, nebst der Aktion wider die Reichsstadt Ulm wegen Helfenstein und Geislingen, um 100.000 fl. an Churbaiern, der jüngsten Tochter Antheil kam auf ihren Gemahl, Graf Wratislaw von Fürstenberg und seine Nachkommen. Baiern und Fürstenberg besaß auf diese Weise die Herrschaft 111 Jahre lang als Condominium, wobei Churbaiern auch das fürstenbergische Drittheil auf den schwäbischen Kreistagen vertrat, bis im Jahr 1752/53 der Fürst Wilhelm Ernst von Fürstenberg, mit Zustimmung seiner Agnaten, auch sein Drittel an Baiern verkaufte, so daß Baiern in den Besitz der helfensteinischen Herrschaft und den Genuß aller Rechte, Einkünfte etc. derselben gelangte. Im Jahre 1704 wurde Wiesensteig durch Herzog Eberhard Ludwig, welcher sich hiedurch für seine dem Kaiser im spanischen Successionskrieg geleistete Dienste entschädigen wollte, in Besitz genommen. Das Besitzergreifungs-Patent ist vom 5. Nov. 1704 (abgedruckt bei Sattler, Herzoge. XIII. Nr. 2); als Grund ist angegeben, weil „der Churfürst von Baiern gegen alles Abwarnen allerhöchst Sr. Kaiserl. May. sich zur französischen Partie geschlagen, das heil. römische Reich und dessen getreue Mitglieder gewaltthätig und feindlich überzogen, absonderlich aber auf uns in denen von Gott verliehenen Landen und Herzogthum von allen Orten dermassen angedrungen, daß wir gar leichtlich umb Land und Leuth hätten gebracht werden können, und wir nach allem so göttlich als natürlichen Recht des erlittenen unersetzlichen Schadens etc. uns zu erholen berechtigt sind.“ Eberhard Ludwig berief zum Geschäft der Übernahme seinen Oberjustizrath Moritz David Harpprecht. (S. das Umständliche bei Sattler a. a. O. S. 7–11.) Der churbairische Rath, Christoph Balthasar von Cammerlohr, war damals Obervogt in Wiesensteig, welcher dem Hause Württemberg, auf die an ihn geschehene Aufforderung, die Handtreue an Eidesstatt leistete. Sonach ging die Huldigung | durch die ganze Herrschaft ruhig vor sich. Es kam aber auch der fürstenbergische Amtsverwalter und Stadtpfleger, Joh. Georg Schmid, zu dieser Handlung, welchem der württembergische Abgeordnete die Versicherung gab, daß der Herzog nur die bisher churbairischen Theile und Gerechtigkeiten der Herrschaft Wiesensteig in Empfang nehme, dem Hause Fürstenberg aber keinen Eintrag thue, sondern mit ihm in bester Harmonie, Gemein- und Nachbarschaft leben wolle.

Übrigens nach einem kurzen Besitze von 10 Jahren mußte Württemberg, vermöge des badischen Friedens und dessen 15. Artikel, welcher den Churfürsten von Baiern restituirte, seinen Antheil an Wiesensteig, dessen jährliche Rein-Einkünfte im Jahre 1704 auf 3551 fl. 12 kr. (nach Abzug von 1645 fl. 33 kr. Ausgaben) angegeben wurden, wieder an Baiern abtreten, welches, wie bemerkt, i. J. 1753 auch das fürstenbergische Drittel ankaufte, und wegen der Herrschaft Sitz und Stimme auf der Grafenbank beim Reiche und schwäbischen Kreise hatte. Der Reichsmatrikular-Anschlag betrug 24 fl., ein Kammerzieler aber 10 Reichsth. 73 Kr. Im Jahre 1778 zog der Kaiser die reichslehnbaren Güter und Gerechtsame in dieser Gegend als erledigt ein. Zu der Herrschaft Wiesensteig gehörte außer den oben S. 3 aufgezählten Orten des Oberamts auch noch das Schloß Wildenstein (jetzt badisch) an der Donau, welches auch im Jahre 1753 von Fürstenberg an Churbaiern überging.

Nach der bairischen Organisation vom 1. Merz 1804 bildete die Herrschaft Wiesensteig das 22. Landgericht in der schwäbischen Provinz, wozu das vormals ulmische Amt Nellingen geschlagen wurde (welches letztere i. J. 1806 bei Baiern blieb).

Der Vertrag mit Baiern vom 3. Juni und die Rheinbundes-Akte vom 12. Juli 1806 brachte Wiesensteig an Württemberg. Der 13te Artikel letzterer lautet: Sa Majesté le Roi de Bavière cède à sa Majesté le Roi de Württemberg la Seigneurie de Wiesensteig; und der 18.: S. M. le Roi de Württemberg réunira à ses états en toute souveraineté et propriété la Seigneurie de Wiesensteig. | Noch war aber das ulmische Gebiet bairisch, und was die ritterschaftlichen Orte des jetzigen Oberamts Geislingen betrifft, so wurden durch Staats-Vertrag von Württemberg mit Baiern vom 3. Juni und 13. October 1806 auch sie zu Baiern geschlagen. Aus der Herrschaft Wiesensteig schuf Württemberg sofort, mit Beifügung der altwürttembergischen Kammerschreiberei-Orte Neidlingen und Ochsenwang, ein besonderes Oberamt, welches dem 8ten Kreise, Urach, zugetheilt wurde. Bei der Übernahme der Herrschaft, im Juli 1806, wurde ihre Seelenzahl zu 6021 Einwohnern berechnet, die des Oberamts Wiesensteig betrug 7038.

Der Wiener Frieden von 1809, und der mit Baiern am 18. Mai 1810, in Folge desselben abgeschlossene Staats-Vertrag (Martens Suppl. V. 257) brachte an Württemberg unter anderem das bairisch gewordene Ulmer Gebiet und die ritterschaftlichen Orte unseres Bezirks, Theile der Herrschaft Rechberg, Degenfeld-Schomburg und Bubenhofen. Sofort wurde mit Aufhebung des Oberamts Wiesensteig ein neues Oberamt Geislingen errichtet, und diesem die jetzt noch hiezu gehörenden wiesensteigischen, ulmischen und ritterschaftlichen Orte untergeordnet; zugleich aber die obengenannten Kammerschreiberei-Orte von diesem neuen Oberamtsverbande ausgeschieden. Das neu geschaffene Oberamt Geislingen stund unter der IX. Landvogtei an der Fils und Rems. Der Umfang des Oberamts, wie er im Jahre 1810 festgesetzt worden war, ist seitdem, und namentlich auch nach Aufhebung der Landvogtei, unverändert derselbe geblieben.


2. Kirchliche Verhältnisse.
Die Einführung des Christenthums in Alemannien fällt ins 7. Jahrhundert; die Spuren der ersten christlichen Einrichtungen in unsern Gegenden können wir jedoch erst bis in den Anfang des 9. Jahrhunderts hinauf verfolgen. Im Jahre 812 erscheint eine St. Quintinskirche in Mühlhausen (s. dieses) im Besitz des Klosters Lorsch an der Bergstraße. | Mehr Licht fällt mit dem Jahre 861 in die Kirchengeschichte dieses Gebiets, durch die Gründung des Klosters (nachherigen Stiftes) Wiesensteig. Unter den ausgedehnten Besitzungen dieses Klosters (s. bei Wiesensteig) erscheint auch eine Kirche in Westerheim. Sonst ist aus den kirchlichen Beziehungen des Bezirkes bis in späte Zeiten herunter nichts angemerkt, als daß Kloster Wiesensteig an dem Bischof Ulrich von Augsburg, † 973 (dem Heiligen), – welchem es gehörte, ungeachtet es im Constanzer Sprengel lag, – einen treuen Oberhirten besaß.

Mit Ausnahme von Bräunisheim nebst Sontbergen, welches unter dem Bisthum Augsburg stund, gehörte das ganze Oberamt zum Constanzer Sprengel, dessen nordöstliche Abgrenzung gegen den Augsburger sie bilden half. Was die kirchliche Eintheilung betrifft, deren Grundlinien sich wohl aus der karolingischen Zeit herschreiben, über welche wir jedoch erst aus dem 15. Jahrhundert Aufzeichnungen besitzen, so gehört unser Bezirk zu dem constanzischen Archidiakonat Alp, welches aus 14 Ruralkapiteln bestand. Von diesen Kapiteln gehen 2 uns an, das Kapitel Geislingen und Blaubeuren. Ersteres begriff fast alle Orte des Oberamtsbezirks, ausser diesen noch einige der jetzigen Oberämter Gmünd, Göppingen und Münsingen. Das Kapitel Blaubeuren kommt blos wegen der Südspitze des Oberamts Geislingen, namentlich wegen des Ortes Westerheim, welcher auf der nordwestlichen Grenze dieses Kapitels lag, in Betracht. Die Reformation, als sie in den ulmischen Orten eingeführt wurde, löste natürlich die alte Rural-Kapiteleintheilung in diesen Gegenden auf.

Von Klöstern waren mehrere ausserhalb des jetzigen Oberamts Geislingen gelegene im Bezirke desselben begütert, namentlich besaß Kloster Adelberg den Hof zu Michelsberg und Güter bei Spitzenberg, Süßen, Unterböhringen; Kl. Anhausen bei Bräunisheim, Gingen, Gosbach, Hürbelsbach, Unterböhringen; Kl. Blaubeuren bei Amstetten, Egelsee, Oppingen, Überkingen, Westerheim, Wittingen; Stift Ellwangen hatte die Lehensherrlichkeit über Eybach; Kloster Gotteszell Güter bei Schnittlingen; Kloster Herbrechtingen bei Weiler; Kloster (nachheriges | Reichsstift) Kaisersheim bei Amstetten, Geislingen, Oppingen, Rorgensteig, Schalkstetten, Stubersheim, Weiler, Windreut (bei Schnittlingen), Wittingen; Kloster Lorsch (an der Bergstraße) hatte Zehntbezüge bei Mühlhausen; Kloster Söflingen Güter bei Hofstett-Emmerbuch; Kloster Wengen in Ulm ebendaselbst und bei Reichenbach; Kloster Ursperg das Patronat und Bezüge in Drackenstein und Gosbach, ein Gut bei Wittingen; Kloster Zwiefalten Güter bei Gosbach. Von der Reformation in der Stadt und im Gebiete Ulms, welche in die 20ger und die 30ger Jahre des 16ten Jahrhunderts fällt, ist in der Beschreibung des Oberamts Ulm, S. 127, das Gehörige angemerkt; besonders thätig für sie waren der ulmische Rathsherr Bernh. Besserer und der Reformator Ambr. Blarer. Was den uns näher angehenden Bezirk von Geislingen betrifft, so verbreitete sich die Neigung zur Reformation nur allmählig. Die Vorstellung von 46 Geislingern, welche im Jahre 1526 dem Rath in Ulm gemacht wurde, hatte zur Folge die Anstellung des Prädikanten Paul Beck aus Munderkingen, welcher, früher Kaplan in Heidelberg, sich zu Zwingli’s und Sam’s Ansichten bekannt hatte. Im Jahre 1531 wurde er Pfarrer in Geislingen. Von Ulm aus wurden im Jahre 1533 die Geislinger gewarnt, „den Messen und anderer Abgötterei nicht nachzulaufen.“ Fürhin sollte niemand deshalb mehr weder gen Eybach noch sonst wohin gehen, reiten oder fahren, bei Strafe des Verlustes des Bürgerrechts und der Verweisung aus der Stadt. Georg Oßwald, Dr. Jur. Canon., seit 1509 Pfarrer in Geislingen, ein eifriger Anhänger des alten Glaubens, stemmte sich aber mit aller Macht gegen die neue Lehre und ihren Prediger Beck, und seinen Bemühungen war es wohl zuzuschreiben, daß am Ende des 16. Jahrhunderts der Katholicismus noch nicht ganz erloschen war. Oßwald übrigens, wie ungern ihn auch manche Geislinger Bürger verloren, mußte doch sein Amt niederlegen, nicht minder aber Paul Beck im Jahre 1539, weil er ein Zwinglianer war, und alle zwinglisch gesinnten Prediger entlassen wurden (s. Schmid | und Pfister Denkwürdigkeiten der Württemb. und Schwäb. Reformationsgesch. Hft. 2. S. 117. vrgl. S. 198. 205 und Weyermann Neue Nachrichten. Ulm 1829 unter: Beck, Oßwald). Von nun an wurde die lutherische Lehre eingeführt und die Bilderabschaffung durch den Vogt von Geislingen und durch Ambrosius Blarer betrieben. – Aus der spätern Geschichte des Protestantismus in den ulmischen Gegenden ist die Schwärmerei der Pietisten im Anfang des 18ten Jahrhunderts zu erwähnen. Im Jahre 1712 gelang es jedoch den Bemühungen des Joh. Frick und Dav. Algöwers, solche in Geislingen, Gingen, Großsüßen, Schalkstetten ziemlich auszurotten. (Vrgl. Weyermann a. a. O. S. 581.) Übrigens auch in der Herrschaft Wiesensteig hatte die Reformation, wenn gleich ohne dauernden Erfolg, in den Jahren 1555–1567 Fuß gefaßt. Schon um das Jahr 1534 hatte Schwenkfeld, welcher sich oft in Ulm aufhielt und namentlich auch unter dem schwäbischen Adel viele Anhänger bekam, mit dem Grafen Ulrich von Helfenstein († 1548) mehrere Zusammenkünfte. Nach dessen Tode, auf den im Jahre 1555 erfolgten augsburgischen Religionsfrieden entschlossen sich Ulrichs Söhne, Sebastian und Ulrich, welche ihrem Vater im ungetheilten Besitze der Herrschaft folgten, die Reformation in ihrer Herrschaft öffentlich vorzunehmen. Graf Sebastian sprach deshalb Herzog Christoph von Württemberg um Beihülfe an. Ein Diakonus von Blaubeuren wurde deshalb nach Wiesensteig geschickt, nachher Joh. Othmar Mayländer, Pfarrer zu Urach, später Valentin Vannius (Wanner), Pfarrer von Cannstatt. Dr. Jac. Andreä, Superintendent in Göppingen, wirkte bei. Dieser hielt seine erste Predigt im Schloßhofe unter freiem Himmel. Wenig Freude an der Kirchen-Verbesserung hatte Graf Ulrichs Gemahlin, Katharina, eine geborene Gräfin von Montfort. Um sie zu ärgern, befahl ihr der Gemahl, dem Andreä, welchen er zur Tafel zog, die Hand zu bieten. Im Jahre 1556 stellten die Grafen selbst 3 Geistliche auf, welche sie in Ermanglung eines Kirchengutes von ihren eigenen Einkünften besoldeten. | Nun wurden auch die Stiftsherrn für die evangelische Lehre zu gewinnen gesucht; Herzog Christoph von Württemberg ließ sie durch seinen Rath Dr. Krauß bearbeiten; sie setzten die Entscheidung auf ein National-Concilium aus, erboten sich zwar zu einem Beitrag von 150 fl. für die evangelischen Prediger, wandten sich jedoch an den Kardinal und Bischof Otto zu Augsburg, dessen Religionseifer kundig war, um Unterstützung gegen den sich ausbreitenden Protestantismus. Bischof Otto verklagte alsbald die Grafen beim Kammergericht. Indeß schritt das Werk der Reformation in der Herrschaft Wiesensteig, deren alleiniger Besitzer nach Sebastians Tod im Jahre 1564 Graf Ulrich wurde, mit Erfolg vorwärts, bis auf einmal im Jahre 1567 Graf Ulrich, ein kränklicher Mann († 1570) auf Anmahnen seiner Gemahlin, ferner des ebengenannten Kardinals Otto, und zuletzt noch eines von seiner Gemahlin berufenen Jesuiten rasch zur katholischen Lehre zurücktrat, den 25 Merz 1567 zum ersten Male im Schlosse wieder Messe halten ließ und die protestantischen Geistlichen aus seinem Lande vertrieb. (Stuttgarter Archival-Urkunden. Sattler, Herzoge 4, 85. Georg Veesenmeyer von den Schicksalen der evangelischen Religion in der Herrschaft Wiesensteig, in dessen Sammlung von Aufsätzen. Ulm 1827. S. 1–38).


3. Besondere Schicksale.
Ein großer Theil der Kämpfe, welche Schwaben bewegten, spielte sich auch in die Gegenden dieses Oberamts, welche durch ihre Lage an und auf der Alp, und als einer der benütztesten Übergänge vom Neckar- ins Donauthal eine besondere kriegerische Wichtigkeit unter den verschiedenartigsten Kriegsformen hatten. Wenn wir von den Kriegen des frühern Mittelalters absehen, so kommen insbesondere die Fehden des 14ten Jahrhunderts in Betracht, die blutigen Zeiten Kaiser Karls IV., der Städtebünde und Rittergesellschaften, als Graf Ulrich der Ältere von dem Kaiser zum Hauptmann des Landfriedens bestellt war. Nach einer kurz dauernden Versöhnung, im | Jahre 1377, war unter der Regierung des schwachen Wenzels mit wenig Unterbrechung ein beständiger innerlicher Krieg, der besonders diese Gegenden, welche zwischen den kampflustigen Grafen von Württemberg und den schwäbischen Reichsstädten mitten inne lagen, empfindlich traf, und die Grafen von Helfenstein wegen der sich häufenden Schuldenlast zu manchen Veräußerungen veranlaßte. (Vrgl. Schmid in Hausleutner schwäb. Archiv 1, 76, Pfister Übersicht S. 53, Kerler Gesch. der Gr. v. Helf. S. 59. 80.)

Eine, etwas komische, Fehde war am Ende des 15ten Jahrhunderts der sogenannte Geißen- und Schafekrieg. Die helfensteinischen Unterthanen waren mit den ulmischen wegen der Viehweiden in Streit gerathen, worauf die Stadt Ulm etliche tausend Mann, nebst einigen Kanonen, sandte, und Graf Ulrich von Helfenstein sich seinerseits bei seinen Nachbarn um Hilfe umsah. Der Kaiser gebot aber Frieden, und so kam der Krieg nicht zum Ausbruch. Man gab der Fehde nachher spottweise obigen Namen.

Aus späterer Zeit sind von einzelnen Begebenheiten hervorzuheben die Unruhen, welche im Jahre 1514 der sogenannte arme Konrad, der hauptsächlich im Remsthal sein Unwesen trieb, aber auch im Amt Göppingen vielen Anhang fand, über die Gegend von Geislingen verbreitete. (Vrgl. den Bericht des Obervogts zu Göppingen vom 24. Juli 1514 bei Sattler Herzoge I. Beil. Nr. 69). Die Geislinger kündigten der Stadt Ulm den Gehorsam auf; wegen der Zehnten und anderer Abgaben hatten sie viele Beschwerden. Der ulmische Magistrat schickte Abgeordnete nach Stuttgart, welche der Landschaft sein Bedauern über die Empörung ausdrücken und sich über gemeinschaftliche Maßregeln zur Dämpfung der Unruhen berathschlagen sollten. Damit die ulmischen Unterthanen abgeschreckt würden, Theil an den württembergischen Unruhen zu nehmen, so wurden „in diesen schweren Läufen“ alle Schlösser mit Pulver, neuem Geschütz und allen Bedürfnissen versehen, namentlich auch Schloß Helfenstein, wohin den 26. Juli 460 Mann abgeschickt wurden. | Im August sollte, laut Rathsbeschluß, der Vogt in Geislingen an alle Ämter schreiben, daß sie keinen württembergischen Bauern aufnähmen, wer es aber thäte, denselben sollte man von Stund an nach Ulm führen. Sofort bewilligte eine magistratische Kommission den Geislingern einiges; damit waren sie aber nicht zufrieden; sie wollten alle Anforderungen zugestanden wissen, und sollen auch verlangt haben, in das ulmische Bürgerrecht aufgenommen zu werden, also der Leibeigenschaft ledig zu seyn. Da wurden 10 der unruhigsten Geislinger gefangen genommen, der Haupträdelsführer enthauptet, die andern auf zeitlebens verbannt, und „damit solcher Ungehorsam desto weniger vergessen werde,“ so ward den von Geislingen zur Straf auferlegt, „daß sie dem Rath und der Stadt Ulm 1400 fl., so zur Wiederbringung des Gehorsams aufgelaufen, ohne alle Gnad und Fürbitt bezahlen sollen, und zwar jährlich hievon auf Martini 100 fl., alles zu ihrer Straf und andern zum Exempel.“ Ein hartes Schicksal erging über diese Gegenden durch den unglücklichen schmalkaldischen Krieg im Jahre 1546, die vielen Truppendurchmärsche unter Kaiser Karl V. und den Fürstenkrieg im Jahre 1552. In diesem Jahre legte der zerstörungssüchtige Markgraf Albrecht von Brandenburg, um die Landschaft für die Beharrlichkeit der Stadt Ulm, deren Belagerung die verbündeten Fürsten aufheben mußten, zu züchtigen, 18 Dörfer des ulmischen Gebiets in Asche, bemächtigte sich durch Verrath des Schlosses Helfenstein, das von den Burgvögten Mang Kraft und Hochwehr bewacht und von Geislinger Bürgern besetzt war. Von diesen forderte er 22.000 fl. Brandschatzung, unter der Drohung, die Stadt anzuzünden, und legte unter der Anführung des Sebastian Hornung eine Besatzung von 300 Mann nach Helfenstein. Aber der Ulmer Rath ruhte nicht, bis diese Burg wieder gewonnen war; der Bürgermeister Sebastian Besserer und Conr. Bemmelberg, der kleine Heß genannt, welche mit kaiserlichen Soldaten den Ulmern ihre Besitzungen wieder erobern sollten, führten gegen sie 8 Fähnlein Landsknechte, | 300 Reiter und vieles Geschütz. Nach 6tägiger Gegenwehr ergab sich den 10. August, auf Gnade und Ungnade, die Besatzung der Feste, an ihrer Spitze Wilhelm von Callenbach, der an die Stelle des im Duell im Wirthshaus zur Krone in Geislingen erschossenen Hornung getreten war, und Balthas Reißenstein, der Anführer der Reiterei. Die Besatzung hatte seit dem April 100 Mann, die Belagerer aber 300 verloren. Die Besatzung ließ man mit weißen Stäben abziehen und bis an die württembergische Grenze begleiten; nur der Commandant behielt seinen Degen, die Festungswerke und die ganze Burg wurden vom 19. September an abgetragen und die Steine zu Gebäuden in der Nähe und in Ulm selbst verwendet. (Nachricht Seb. Fischers, eines gleichzeitigen Chronikschreibers; vergl. auch Veesenmeyer, Versuch einer Geschichte des Schlosses Helfenstein. Ulm, 1796. 4°. und besonders den Aufsatz Prälat Schmid’s in Pahl’s Herda. 1813. Kerler Gr. v. Helfenstein. S. 157–176).

Auch die Drangsale des 30jährigen Krieges drückten aufs heftigste unsern Bezirk. Damals hatte der schwedische Obrist Christoph Gottfried Egg im Jahr 1633 die Herrschaft Wiesensteig gegen 30.000 Reichsthaler pfandweise eingeräumt erhalten. In eine besonders traurige Lage wurde aber, wie bekannt, ganz Schwaben nach der Nördlinger Schlacht im Jahr 1634 versetzt; als in Folge derselben die Kaiserlichen hereinbrachen, wurden allein in Geislingen über 300 Personen beschädigt, viele ermordet, Frauen und Jungfrauen geschändet, der damalige Pfarrer in Geislingen, Joh. Leo Roth, von den kaiserlichen Soldaten auf eine schreckliche Weise niedergesäbelt. (vergl. den Bericht eines Augenzeugen, Peter Huber, Diakonus in Geislingen, bei Weyermann 2, 193.) Dagegen wurde Wiesensteig ganz am Ende des Krieges, im Jahr 1648 Anfangs Mai, von den Schweden wegen nicht geleisteter Kontribution in Brand gesteckt. (vergl. Wiesensteig.)

Gegen den Schluß des 17. Jahrhunderts, im Jahr 1688 hatte der ganze Oberamtsbezirk, namentlich auch Stift | Wiesensteig, durch den Einfall der Franzosen viel zu leiden; mit Erlegung einer Brandschatzung von 400 Dukaten mußte Geislingen den mordbrennerischen Melac zufrieden stellen.

Die Leiden des spanischen Erbfolgekrieges hatten auch unsere Gegenden, besonders im Jahr 1707 empfindlich zu fühlen.

Im Jahr 1796 nahm Erzherzog Carl, von Canstatt aus, wo er am 22/23 Juli aufbrach, über unsere Gegenden seinen Rückzug vor dem französischen Heere, dessen Mittelpunkt unter St. Cyr die Straße von Eßlingen und Göppingen hinaufzog und sich rechts bis Kirchheim und Wiesensteig ausbreitete. Auf der Höhe von Böhmenkirch nahm der Erzherzog von Gmünd aus, welches er am 26. Juli mit seinem Heere verließ, noch eine Stellung, um die Vorräthe und Gepäcke seines Heeres zu retten, brach aber am 1. August Morgens 2 Uhr wieder auf, und lagerte darauf bei Heidenheim. Den Übergang über die Geislinger Steige hatte damals Feldmarschalllieutenant Hotze besetzt. (Erzherzog Carl, Grundsätze der Strategie 2, 244. 245. 265.)


4. Alterthümer.
A. Die Römer haben in diesen Gegenden hauptsächlich durch Straßenreste ihres Namens Gedächtniß hinterlassen. Die von Heidenheim her durch das Stubenthal ziehende römische Heerstraße führt bei Waldhausen in das Oberamt Geislingen, lauft zwischen Schalkstetten und Waldhausen durch, westlich von der Ziegelhütte (Markung Weiler) vorbei durch den Ziegelwald, wo sie in der Nähe des Steighofs die Landstraße von Geislingen nach Ulm durchkreuzt und weiter bis nach Amstetten führt. Von Amstetten hat sie ihren Zug nach Nellingen, zwischen diesen Orten verläßt sie den Oberamtsbezirk auf der Grenze zwischen der Markung Nellingen und Oppingen. Von Nellingen führte sie wahrscheinlich in der Richtung gegen Witterstall und kommt im Walde „Feuerbuch“ zwischen Laichingen und Hohenstadt wieder zum Vorschein, wo sie eine Strecke auf der Oberamtsgrenze hinzieht und zwischen Westerheim und Feldstetten durch nach | Zainingen führt. Bei Nellingen durchkreuzt eine zweite römische Hochstraße die oben angeführte in der Richtung von Lauingen über Urspring herkommend und zieht in der Verlängerung dieser Linie unter dem Namen „Zigeuner Hochsträß“ gegen Drackenstein. Sie ist ohne Zweifel die Straße, welche die römische Niederlassung bei Köngen mit der bei Lauingen in Verbindung setzte. (Nach den Untersuchungen des Topographen Paulus.)

B. Auch aus dem deutschen Alterthume haben sich noch mehrere Straßen erhalten, namentlich bei Wiesensteig die s. g. alte Straße, welche in den Lagerbüchern von Wiesensteig und Westerheim erscheint; sie geht hinter Westerheim zwischen Donnstetten und dem Schertelshöhle-Thal durch die Wiesensteiger Waldungen am grauen Stein vorüber durchs Druthathälchen (lagerbüchlicher Name) auf die große Weite an der Mal- oder Ziel-Eiche vorüber durch die Felder des Reußensteiner Hofs, an diesem selbst die alte Steige nach Neidlingen hinunter, wo sie sich mit der Landstraße wieder vereinigt. Bis auf den heutigen Tag dürfen diesen alten Weg die Schäfer und Schweinhirten, die von Baiern herkommen, befahren.

Der ehemalige Reichthum dieser Gegenden an alten Burgen thut sich noch durch viele Ruinen kund; außer dem Reußenstein, Ödenthurm und Scharfenberg liegen sie aber jetzt alle in Schutt. Es sind folgende:

Berneck. Hiltenburg.
Böhringen (Überkingen). Leimberg.
Burg auf dem Nordalpberg Burghalde bei Nenningen.
     und in der Angrishalden Ödethurm.
     bei Deggingen. Ravenstein.
Drackenstein. Reußenstein.
Egelsee. Ober-Rommenthal.
Eybach. Scharfenberg.
Geiselstein. Spitzenberg.
Helfenstein. Trasenberg.
Hennenberg (bei Kuchen). Weigoldsberg.
| Eine abgegangene Niederlassung ist Dietlensweiler bei Schalkstetten, Egelsee bei Westerheim, ferner Windreute zwischen Schnittlingen und Stötten. Das Nähere hierüber siehe bei der Ortsbeschreibung.

Für mittelalterliche Münzen und zwar für Bracteaten sind der s. g. Anger bei Wiesensteig, für Heller die Ruinen des s. g. Tempelherrnklosters auf derselben Markung merkwürdige Fundorte; ein seltener helfensteinischer Hohlpfenning wurde neuerlich auf dem Kessel bei Wiesensteig gefunden.

Germanische Gräber entdeckte man im Jahr 1821 auf dem Kopf der neuen Geislinger Steige, und zwar mit Urnen, Metallringen, Spangen, einem Goldplättchen, desgleichen im Jahr 1828 in einem Steinbruch bei Altenstadt, mit einer eisernen Kopfbedeckung, einem Schwert und einem kleinen irdenen Gefäß.


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