Bilder aus der Kinderstube

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Textdaten
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Autor: Gustav Steinacker
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Titel: Bilder aus der Kinderstube
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[813]
Bilder aus der Kinderstube.
Von Gustav Steinacker.
1.

Ein mannigfach bewegtes Wanderleben bietet – und bot auch mir häufig Gelegenheit, an verschiedenen Orten die verschiedensten Familienkreise kennen und beobachten zu lernen. Dabei hatte ich, aus angeborner Vorliebe für die Kinderwelt, die eigentümliche Gewohnheit, meinen forschenden Blick, so oft ich als Fremder in derlei Kreise eintrat, zunächst und ganz besonders auf die Kinderstube des Hauses zu richten, um auf diesem allerdings nicht gerade am leichtesten zugänglichen, aber sichersten Wege zu einer genaueren Bekanntschaft mit dem Geist, dem Charakter und den, besonders pädagogischen, Grundsätzen der Eltern zu gelangen. Vielleicht darf ich hoffen, daß es auch dem Leser nicht unangenehm ist, mich ein Weilchen auf derlei Wanderungen zu begleiten, und im Geiste mit [814] mir in eine jener Wohn- und Kinderstuben – ich denke mir freilich Beide am liebsten vereinigt – einzutreten, wie sie mir da in mannigfacher Weise vor Augen gekommen sind und sich meiner Erinnerung eingeprägt haben.

Es ist zunächst ein freundliches Pfarrhaus auf dem Lande, wohin ich meine Leser führe. Ein erst seit wenigen Jahren verheirathetes, noch jugendliches Elternpaar erfreut sich des Besitzes zweier Kinder, beides Knaben, der ältere vierthalb Jahre, der jüngere wenige Monate zählend. Ich erschien daselbst nicht als Fremder, aber diesmal mit einer befreundeten Familie, die dort ihren ersten Besuch machte. Wir wurden in der Wohnstube vom Hausherrn freundlich empfangen. In derselben stand in einer Ecke ein halb mit grünem Zeug überwölbter Kinderkorbwagen auf hölzernen Rädern, die Stelle der Wiege vertretend, für das jüngste, in der andern Ecke ein kleines Tischchen und Stühlchen für das ältere Kind, welches dort saß und emsig mit seinen Bauklötzchen spielte. Die Stube war hell und freundlich, die Fenster, von rankendem Weinlaub umschattet und mit Blumen geziert, standen offen, um der frischen Luft freien Durchgang zu lassen. Die Wände der Stube waren mit schönen, sinnigen, wenn auch eben nicht kostbaren Bildern geschmückt. Ueber einigen derselben, namentlich Familien- und Lutherbildern, hingen frische Kränze, andere waren von grünen Epheuranken umzogen. Ein Kanarienvogel hüpfte in seinem Käfig munter auf und nieder und schien sich über seine Kerkerhaft durch die zwischen die Gitterstäbchen des Gefängnisses gesteckten Zucker- und andern Liebesspenden zu trösten. Ein Hündchen lag, den Kopf aus die Pfoten gesenkt, am Ofen und zog sich, nachdem es beim Eintritt der Gäste als Wächter des Hauses bellend seine Pflicht gethan, auf einen Wink des Hausherrn bald wieder auf sein Schlummerlager zurück. Kurz, die Stube machte jenen Eindruck des Heimlichen und Wohnlichen, wie er die Seele so angenehm und wohlthuend berührt, und namentlich auch der sich allmählich erschließenden Knospe des zarten Kindesalters einen eigenthümlichen Reiz und die süßesten Heimathserinnerungen vermittelt.

Die Hausfrau war bei unserm Eintritt nicht in der Stube. Sie befand sich, wie mir die halb angelehnte und nur unvollkommen verhängte Glasthüre verrieth, in der anstoßenden Kammer und war eben mit der Nährung und Wartung ihres jüngsten Kindes beschäftigt. Sie ließ sich darin durch die eingetretenen Gäste durchaus nicht stören, und auch ihr Gatte fand es ganz natürlich und keiner Entschuldigung bedürfend, daß die Erfüllung ihres Mutterberufes ihr als die erste, unabweisbarste Pflicht erschien. Da war kein Rufen und Laufen, keine Hast und Unruhe bemerklich, wie dies sonst bei unerwartetem Besuch im häuslichen Kreise wohl vorzukommen pflegt. Auch von einem besondern in Ordnung bringen und Herausputzen der eigenen, wie der Kindertoilette war, wie ich aus dem durch die halboffene Thür mit Interesse verfolgten Thun und Lassen der jungen Mutter wahrnahm, keine Spur. Im einfachsten Hauskleide, aber nett und zierlich, dabei – was sie mir ganz besonders interessant machte, bei den anwesenden Damen aber, wie ich später erfuhr, große Sensation erregt hatte – ohne Crinoline, trat endlich die Hausfrau mit ihrem in ein reinliches Deckchen leicht eingehüllten Säugling auf dem Arm zu ihren Gästen in die Stube und legte bald darauf ihr Kind in den Korbwagen, an welchem in der Mitte vom Obergeflecht ein Bällchen aus farbiger Wolle an einem Faden herabhing, dessen Bewegungen der Kleine mit seinen Augen folgte und sich ganz ruhig verhielt, bis auf das lustige Strampeln mit den freigelassenen Beinchen. Die Hausfrau konnte ungehindert ihre häuslichen Geschäfte besorgen und ging ab und zu, während der ältere Knabe den Gästen ungeheißen sein Spielzeug brachte und in höchst zutraulicher Weise mit denselben plauderte. Er vergegenwärtigte mir das Bild einer weise geleiteten frühesten Erziehung durch naturgemäße Beschäftigung, wie sie in Fröbel’schem Geiste nicht nur der Kindergarten, sondern auch das Elternhaus und die Kinderstube darbietet, wenn nur bei den Eltern Sinn und Verständniß dafür vorhanden ist; das Bild jener entwickelnden Erziehung, die, in naturgemäßer Stufenfolge vom Einfachsten ausgehend, sich vorzugsweise an die Phantasie und den Thätigkeitstrieb des Kindes wendet, und von hier aus auf Erkenntniß und Willen desselben einzuwirken bemüht ist.

Es fiel mir auf, daß die mannigfachen Spielsachen des muntern Kleinen nicht in der Stube verstreut, auf Stühlen oder dem Erdboden umherlagen, wie dies in den meisten Kinderstuben gewöhnlich der Fall ist, sondern ich nur das, womit sich das Kind gerade beschäftigt hatte, die Bauklötzchen, auf dem Tische erblickte, während die übrigen Spielsachen theils in Kästchen verschlossen, theils, mit Bändchen versehen, an der Wand über dem Tischchen hingen, oder in der Ecke des Zimmers an ihrem Platze standen.

Als der Knabe nun, um im Garten oder in der Umgebung des Hauses sich ein wenig auszuspringen, an der Hand des Hausmädchens die Stube verlassen hatte – denn ich halte es nicht für zweckmäßig, in Gegenwart der Kinder, selbst der kleinern, auf das Kind selbst sich beziehende Gespräche zu führen – drückte ich dem Vater desselben meine theilnehmende Anerkennung in Betreff seiner Erziehungsmethode aus, namentlich auch in Beziehung auf den wahrgenommenen Ordnungssinn seines Söhnchens. „Er weiß es eben nicht anders,“ sprach der verständige und bescheidene Vater, „denn er ist von frühester Kindheit an daran gewöhnt worden, jedes Spielzeug, ehe er zu einem andern greift, erst wieder an seinen Platz zu bringen. Auch besaß er davon nie zu viel und verschiedenerlei auf einmal.“

Ich mußte mich bei diesen Worten unwillkürlich in der Stube umsehen, und mein Blick fiel auf den Schreibtisch des Vaters und das Arbeitstischchen der Mutter, das im Fenster stand. Beide waren augenscheinlich noch kurz vor der Ankunft des Besuchs benutzt worden, aber von einer Unordnung, von einem wüsten Durcheinanderliegen der gebrauchten Gegenstände war keine Spur. Bücher und Schriften lagen meist rechtwinklig neben- und aufeinauder. Das Nähzeug mit seinem Zubehör nahm den möglichst geringsten Raum ein und verrieth selbst in dem scheinbar rasch aus der Hand gelegten Vielerlei den Sinn für Symmetrie. Kurz, ein Geist der Ordnung und Regelmäßigkeit gab sich in Allem kund, was hier vor des Kindes Auge gerückt erschien, und es war, als ob der Geist der Elternliebe sorgsam Wache hielte auch über das eigene Thun und Treiben, um durchaus kein Bild der Unordnung und Verwirrung in der zarten Kinderseele aufkommen zu lassen.

Mein Freund bemerkte meinen prüfenden, musternden Blick und sprach, meine Gedanken errathend, lächelnd: „Ja, ja, ein Kind ist gar ein strenger Zucht- und Lehrmeister für Vater und Mutter!“ – Ich gestehe, mir schien in diesem Wort mehr Erziehungsweisheit und Elternliebe zu liegen, als in zehn gelehrten pädagogischen Abhandlungen und den zärtlichsten Liebkosungen.

Der Kleine im Korbwagen war unterdeß unruhig geworden. Er schien des schwebenden Bällchens müde zu sein und Langeweile zu empfinden. Sogleich waren einige von unsern Damen aufgesprungen und machten Miene, das Kind aus dem Korbe zu nehmen und mit ihm tänzelnd und schaukelnd im Zimmer umherzugehen. Doch die Mutter wehrte lächelnd ab und bat, das Kind ruhig im Korbe liegen zu lassen. Sie trat herzu und überzeugte sich bald von der Ursache der Unruhe des Kleinen, veränderte ein wenig seine Lage, zog statt des leidigen Wiegens, das bei mäßiger Anwendung zwar an sich nicht gerade schädlich, doch durch das so nahe liegende Uebermaß leicht mehr betäubend und verwöhnend, als wohlthätig wirkt, den Korbwagen etwas hin und her, brachte dem Kinde ein kleines, einfaches, geflochtenes Spielzeug, lächelte es freundlich an, sprach ein paar liebkosende Worte zu demselben und entfernte sich dann, ohne daß das Kind ihr nachweinte.

Allgemeines Staunen machte sich in den Mienen der anwesenden weiblichen Gäste bemerkbar, bei denen vielleicht daheim sechs Hände und Arme kaum ausreichten, um einem kleinen Schreihals beständig zu Diensten zu sein und seinem souveränen Willen gemäß ihn bei Tag und Nacht in der Stube umherzutragen. Als nach einiger Zeit der Kleine sich wieder meldete und zu weinen begann, ein Weinen, das aber für ein aufmerksames Vater- und Mutterohr ganz anders klang, als jenes frühere, nahm ihn die Mutter, aus Rücksicht für ihre Gäste, ein wenig auf den Schooß, aber ohne ihn zu wiegen und zu schaukeln, woran sich die Kinder so leicht gewöhnen, und nun stets gewiegt, geschaukelt und getragen werden wollen. Auch verließ sie die Gesellschaft nicht, um ihn etwa der Magd zu übergeben und seiner loszuwerden, sondern sie nahm blos das farbige Bällchen am Fädchen und drehte es vor den Augen des Kindes im Kreise, dann legte sie den Ball auf den Tisch und sprach: „Bällchen, komm her zum Kind!“ und ließ es langsam heranrollen. Da hörte der Kleine sogleich auf zu weinen, lachte freundlich, streckte seine Arme darnach aus und versuchte nun selbst am Fädchen zu ziehen.

Das war abermals für die anwesenden weiblichen Gäste keine geringe Ueberraschung, und eine der ältern Damen war aufrichtig [815] genug, ihrer Verwunderung Worte zu leihen. „Wie Sie das nur anfangen, liebste Frau Pfarrerin,“ sprach sie, „das Kind so leicht zu beruhigen! Mein Karlchen gab sich in dem Alter nicht so schnell zufrieden. Wir haben weidlich bei ihm ausgestanden. Ich und die Magd und mein Mann dazu, wir waren oft die halbe Nacht auf den Beinen, wenn der Schreihals seine Launen hatte. Wir mußten wiegen und schaukeln, heben und tragen, singen und klappern, lärmen und trommeln, es half Alles nichts.“

„War das Kind vielleicht krank?“ fragte die freundliche Pfarrersfrau, obgleich man ihrem Ton und ihrer schalkhaften Miene wohl anmerkte, daß sie selbst nicht recht an jene Krankheit glaube.

„I bewahre!“ lautete die Antwort, „nichts fehlte dem Schlingel, eigensinnig war er,“ – („und verwöhnt!“ setzte ich, wohlweislich nur in Gedanken, stillschweigend hinzu.) – „es half Alles nichts, man mußte ihm seinen Willen thun.“

„Aber fürchteten Sie denn nicht, den Kleinen dadurch noch mehr zu verwöhnen und Ihre Mühe und Pflege zu verdoppeln?“ platzte ich endlich heraus.

„Lieber Gott, was will man denn thun? Man kann ein Kind ja doch nicht schreien und weinen lassen!“ antwortete die wohlmeinende, aber übelberathene Sprecherin. „Warten Sie nur, liebes Frauchen,“ fuhr sie gegen die Pfarrerin gewendet fort, „Sie werden es gerade so machen, wenn Sie erst ein halb Dntzend beisammen haben!“

„Ich glaube nicht,“ antwortete diese lächelnd, „denn dazu würde mir dann vollends die Zeit fehlen. Ich finde es weit besser und für Mutter und Kind zuträglicher, lieber gleich in den ersten Tagen und Wochen das Kind an’s Liegen zu gewöhnen und es lieber, wenn sonst keine leicht zu erkennende und zu beseitigende Ursache vorhanden, sich einige Zeit ausschreien zu lassen, auf die Gefahr hin, Manchen für eine „Rabenmutter“ zu gelten, als den kleinen Eigensinn groß zu ziehen und sich selbst eine Ruthe damit zu binden.“

Damit war das Gespräch unwillkürlich auf das Weinen des zarten Kindesalters und auf die Macht der frühesten Gewöhnung gelenkt, ein Gegenstand, der zu den lehrreichsten Betrachtungen Stoff bietet, aber leider auch die verkehrtesten Behandlungen in der Kinderstube zu erfahren hat. „Es geht,“ sprach mein Freund, „dem armen Kindesweinen gerade so, wie dem kalten Fieber, das ja auch, nach dem alten Regime der allopathischen Heilmethode, als wirkliche Krankheit behandelt und curirt, d. h. vertrieben wird, während dasselbe nach neuern Anschauungen und Erfahrungen doch nur der Kampf der Natur selbst und ihres Heilbestrebens ist, sich der in ihr befindlichen Krankheitsstoffe zu entledigen. Hier wie dort gelingt es allerdings, durch gewisse Mittel diesen naturgemäßen Kampf zu unterdrücken, man vertreibt das Fieber und – das Weinen, aber man hat damit meist nur der augenblicklichen Wirkung entgegengearbeitet, ohne den Grund und die Ursache derselben zu beseitigen, und dadurch oft viel mehr geschadet als genützt. Ein gesundes Kind weint nie, ohne innere oder äußere Ursache. Diese zu ergründen und sie entweder einfach zu entfernen, oder, wo dies aus physischen oder pädagogischen Gründen nicht rathsam erscheint, sich durch dieselbe und ihre natürliche Wirkung nicht beirren zu lassen, darin besteht die Kunst, der Instinct und die Weisheit der wahren Elternliebe, darin insbesondere der Scharfblick des wachen Mutterauges, dem es nicht entgeht, daß hier, neben der Rücksicht auf Gesundheit, Sättigung, Reinlichkeit, Bequemlichkeit und später insbesondere auf angemessenes Beschäftigtsein, auch der Grund nicht außer Acht gelassen werden darf, daß zeitweises Weinen und Schreien kleiner Kinder, welches junge, unerfahrne Eltern, besonders Vaterohren so sehr zu erregen und zur Herstellung der „Ruhe um jeden Preis“ anzutreiben pflegt, eine durchaus nothwendige, unentbehrliche Bedingung des körperlichen Gedeihens und der Entwickelung der dadurch berührten Organe im Kinde ist; also keineswegs mit aller Macht gehemmt und beschwichtigt werden darf.“

Unser Gespräch ward hier durch den Eintritt des älteren Knaben unterbrochen, der, eine Schnecke in der Hand, seinen Fund jubelnd den Eltern und Gästen zeigte, und durch sein munteres, zutrauliches Wesen, seine Lebhaftigkeit und seine von reger Wißbegierde zeigenden Fragen die Gesellschaft bis zu ihrem Aufbruch auf’s Angenehmste beschäftigte, indem er zugleich den besten Commentar und praktischen Beleg für die Richtigkeit und Naturgemäßheit der Fröbel’schen Erziehungsgrundsätze schon beim zartesten Kindesalter lieferte.

Auf dem Heimwege wurde noch weiter über den angeregten Gegenstand verhandelt; mir aber drängte sich unwillkürlich die Betrachtung des eigenthümlichen Verhältnisses von Putz- und Kinderstube in so manchen Familienkreisen auf.

Wenn man als Fremder zum ersten Male ein fremdes Haus betritt und, wie das gewöhnlich der Fall ist, sich während der Anmeldung bis zum wirklichen Empfang einige Zeit allein in der Gast-, Putz- ober sogenannten „guten Stube“ befindet, da benützt man gern die wenigen Minuten, um sich durch einen raschen Umblick in derselben und auf die darin befindlichen Mobilien, Bilder, Bücher und andere Gegenstände, so weit dies möglich, über den muthmaßlichen Geist des Hauses und seiner Bewohner zu orientiren. Man schließt nicht ganz mit Unrecht vom Aeußern der Umgebung auf das Innere der Menschen, welchen man demnächst begegnen, mit denen man in nähere oder entferntere Berührung treten soll. Indeß können derlei Beobachtungen und Schlüsse doch auch leicht irre führen. Erstreckt sich doch die Herrschaft des Luxus und der Mode mit ihrem unwiderstehlichen Gebot und ihrem täuschenden Schimmer selbst bis in die Regionen des Geistes und Charakters, indem sie die Individualität und Originalität des Geschmacks immer allgemeiner in die Uniform ihrer Regeln und Anforderungen kleidet.

Wer träte z. B. heute in die Gaststube, oder – um zeitgemäß zu sprechen – in das Boudoir, den Salon einer eleganten Dame, ohne darin, außer dem Schmuck und Duft eines schön geordneten Blumentisches, auch dem Glanz eines kostbaren Bücher-Glasschrankes, oder doch zum Mindesten eines feingestickten Eck-Bücherbretes mit den herrlichsten Geistesblüthen deutscher Dichtkunst in elegantestem Einband und Goldschnitt zu begegnen? – Wer aber daraus den Schluß ziehen wollte, daß die Frau und Mutter des Hauses jene Blumen nothwendig selbst gezogen, gepflanzt und geordnet; daß sie an jenen zur Schau ausgestellten Geistesblüthen eines Schiller, Goethe, Uhland, Theodor Körner, Justinus Kerner etc. den eigenen Geist gelabt, gebildet und veredelt habe; daß die herrliche Prachtbibel, mit ihren kunstvollen Stahl- und Holzschnitten von Meisterhand, nicht nur dem Aeußern, sondern auch dem Innern nach den Geist des Hauses näher bezeichne, und dem Herzen der Hausfrau und ihrer Angehörigen in stillen Stunden Licht, Trost und Stärkung biete; wer alle diese Schlüsse für untrüglich hielte, der vergäße offenbar, daß heuzutage eine elegante Modedame sich mit derlei nicht zu befassen braucht oder zu brauchen meint, daß sie vielmehr dazu ihren Gärtner, ihren Buchhändler und Buchbinder, ihren Kammerdiener und ihre Zofe hat, durch welche ihre Putzstube, diese erste unerläßliche Bedingung eines eleganten Haushaltes, den Anforderungen der Zeit, der Mode und des Standes entsprechend, stets in frischem Glanz erhalten wird, und daß Alles auch sonst noch darin Befindliche weiter keinen Zweck hat, als dem Auge zu gefallen, und ein günstiges Vorurtheil für Stellung, Bildung und Vermögen der Familie zu erwecken.

Ganz anders stände es freilich mit diesem Vorurtheil, wenn man z. B. den des Empfanges harrenden Fremden statt in die Putz- in die Kinderstube führte, und ihn da mit den Kindern des Hauses und deren Wärterin ein Weilchen allein ließe. Er würde daselbst in kürzester Zeit ein weit sichereres Urtheil über den Geist des Hauses und seiner Bewohner gewinnen können, als durch allen Glanz und Schmuck, Geschmack und Comfort der Putzstube. Diese hat von Haus aus ihre Bestimmung mehr im Schein, als in der Wahrheit, während dies bei der Kinderstube sich gerade umgekehrt verhält.

Fassen wir die letztere selbst einmal etwas näher in’s Auge, Für fremde, uneingeweihte Augen bleibt sie meist ein mit sieben Siegeln verschlossenes Heiligthum. Warum? – Je nun, es hat allerdings seinen guten Grund. So wie man vor Fremden weder sich selbst, noch seine Kinder gern im Negligé zu zeigen liebt, sondern erst nach sorgfältig gemachter Toilette, welche dazu bestimmt ist, den natürlichen Menschen für das beobachtende Auge ein wenig zuzustutzen und herauszuputzen, so hat man auch in vielen Familien seine guten Ursachen, die Kinderstube den sprechenden Blicken zu entziehen, um sie nicht zur Verrätherin des darin herrschenden Erziehungssystems, oder besser – dessen Mangels, werden zu lassen.

Schon äußerlich gehört sie meist nicht eben zu den bevorzugten und begünstigten Räumlichkeiten.

[816] Sind die Kinder erst einmal so weit herangewachsen, um der unmittelbarsten Nähe und Pflege der Mutter, wie man wenigstens meint, eher entbehren zu können, oder doch weniger zu bedürfen, so wird ihnen, falls die Vermögens- und Wohnungsverhältnisse der Familie dies irgend gestatten, gewöhnlich unter der Obhut einer Gouvernante, Bonne oder auch nur eines einfachen Hausmädchens, je nach den verschiedenen Stufen des Ranges und der Mittel – von der Einsicht zu geschweigen – ein besonderer Raum als Wohn- und Schlafstätte zugewiesen. Freilich nicht eben der schönste und größte, den braucht Papa und Mama für ihre Gäste, und so müssen denn die lieben Kinder, auch wenn ihrer eine größere Zahl, und dann erst recht, sich oft mit gar engem Raum in einem nicht selten feuchten dunkeln Hinterstübchen behelfen, mit dessen Reinlichkeit, Schmuck und Zierde es nicht immer am besten bestellt ist.

Nun, die Auswahl ist dabei freilich oft genug durch äußere Verhältnisse bedingt, aber dennoch, meine ich, müßte die Kinderstube, wo nun einmal eine solche für sich allein und von der Wohnstube der Eltern getrennt besteht, ein Gegenstand ganz besonders liebevoller und besorgter Aufmerksamkeit sein. Es dürfte ihr nicht an Luft und Licht, an jener Ordnung und Reinlichkeit, an jenem einfachen, sinnigen Schmuck, als nothwendigen Bedingungen für eine gesunde, gedeihliche Entwicklung des Leibes und der Seele fehlen, und zwar um so weniger, als es sich ja hier um Entfaltungskeime eines ganzen künftigen Menschenlebens handelt, die größtentheils in der Kinderstube wurzeln, aus ihr Nahrung ziehen und Gestalt gewinnen.

Nach den Erfahrungen, die mir in dieser Beziehung leider an so vielen Orten sich aufdrängten, möchte ich allen Eltern, die es mit ihren Kindern gut meinen, die freundliche Bitte zurufen: Ihr lieben Väter und Mütter, haltet doch ja die Wahl, die Einrichtung und Ausschmückung eurer Kinderstuben nicht für gleichgültig oder geringfügig; weist euern Kleinen für den größten Theil des Tages und besonders auch für die Nacht die trockensten, gesündesten Räume an, die ihr überhaupt habt, bannt sie nicht in enge, finstere, unfreundliche Hinterstübchen und Kammern, trennt sie nicht zu weit von euch und eurer lebens- und liebevollen Nähe, Sorge, Aufsicht und Berührung, ja, wenn es nur irgend angeht, macht – wie dies der Arme von selber zu thun genöthigt ist – eure Wohnstube zugleich zur Kinderstube, damit das Fröbel’sche:

„Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!“

und das Schefer’sche:

„Geh’ fleißig um mit Deinen Kindern, habe
Sie Tag und Nacht um Dich, und liebe sie,
Und laß Dich lieben einzig schöne Jahre!“

euch nie aus den Augen und dem Gedächtniß schwinde, daß es euch gleichsam auf jedem Schritt und Tritt mahnend zur Seite bleibe, und euch das schönste Glück treuer Elternliebe, die immer wache Sorge, nicht verkümmere!