Dante und Buonaventura Genelli

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Dante und Buonaventura Genelli
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 133, 134
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1866) b 133.jpg

Buonaventura Genelli.

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Dante und Buonaventura Genelli.
(Mit Portrait.)


Von jungem Datum ist in Deutschland die lebhafte Theilnahme des Volkes an der bildenden Kunst. Bis in die dreißiger Jahre unsers Jahrhunderts hinein reicht die fast ausschließliche Herrschaft der Poesie, und während in deutsch-römischen Künstlerkreisen die große historische Malerei wiedergeboren wurde, während König Ludwig der neuen Schöpfung in München eine glänzende und würdige Stätte bereitete, verfolgte das große Publicum noch immer mit dem gespanntesten Interesse das Erscheinen der neuen Taschenbücher und theilte seine Aufmerksamkeit zwischen der Abendzeitung und der Zeitung für die elegante Welt, den letzten kümmerlichen Vertretern einer vor Jahren großartigen und gewaltigen literarisch-poetischen Strömung. Die Bildung zahlreicher Kunstakademien und Kunstvereine, die Einrichtung ständiger und wandernder Kunstausstellungen zeugte dafür, daß die bildende Kunst aus ihrer bisherigen Vernachlässigung herauszutreten begann und eine mehr als vorübergehende Beachtung gewann.

Das Wesen der bildenden Kunst ist die Schönheit. Was also der bildende Künstler auch darstellt, wie er auch immer seiner Naturanlage in der Wahl seiner Stoffe und seiner Verkörperung nachgehen mag, immer und überall wird und muß jene ursprüngliche Wesenheit seiner Kunst hindurchleuchten. Ueber allen seinen Gebilden muß der Zauber der Schönheit ruhen, und wie nach dem tiefsinnigen alttestamentlichen Schöpfungsmythus Gott die Menschen nach seinem Bilde schuf, so muß der Künstler, in dem sich die göttliche Schöpferkraft spiegelt, sich seiner göttlichen Vorbilder mit Ernst und Liebe bewußt bleiben. Je höher diese Aufgabe des Künstlers erscheint, je entschiedener sie eine ungewöhnliche Begabung, sittliche Energie in der Ausbildung derselben und eine fast ausschließlich darauf gerichtete Persönlichkeit verlangt, desto seltner werden wir Künstlern begegnen, welche ihr ganz und völlig gerecht werden, zumal in unseren Tagen, die so gebieterisch volle Hingabe an die großen Interessen des Völkerlebens, an die Förderung der politischen und religiösen Ziele fordern. Um so mehr wird unser Interesse durch einen der bedeutendsten Vertreter dieser Richtung erregt werden, um so mehr müssen wir unsern Leserkreis auf den Künstler aufmerksam machen, für dessen wohlgelungenes Bildniß unsere Worte als bescheidenes Geleite dienen.

Buonaventura Genelli, 1798 in Berlin geboren, wandte sich von seiner frühesten Jugend an mit Feuereifer der Kunst zu. Von 1822 bis 1832 lebte er in der Heimath der neueren Kunst in Italien. In seiner Absicht lag es damals, für immer in Rom zu bleiben; wir dürfen uns freuen, daß das Schicksal diesen seinen Plan zu Gunsten der deutschen Heimath vereitelte. Darauf kam er nach Deutschland zurück und nahm nach vierjährigem Aufenthalte in Leipzig seinen dauernden Wohnsitz in München. Von dort wendete er sich nach Weimar, dessen kunstsinniger Fürst Carl Alexander dem genialen Künstler, der manchen harten Kampf mit den Sorgen des Lebens zu bestehen gehabt hat, eine freundliche Stätte bereitete. Hier fand er einen seiner ältesten Freunde den Landschaftsmaler Friedrich Preller, dessen Portrait bereits einen früheren Jahrgang dieser Blätter geschmückt hat. Dies sind die wenigen äußerlichen Züge einer Künstlerlaufbahn, deren Haupterlebnisse sich niedergelegt finden in den Werken des Meisters. Nur Wenigen ist es vergönnt gewesen, für die Kenntniß von Genelli’s Lebenslauf noch eine andere Quelle zu benützen wie sie kaum origineller und anziehender gedacht werden kann. Wir meinen kein künstlerisches Tagebuch, in welchem er bedeutsame Momente seines Lebens von den Erinnerungen frühester Kindheit an bis in sein reifes Mannesalter auf einzelnen Blättern mit ergreifender Schönheit bildlich dargestellt hat. Dieses in seiner Art ganz einzig dastehende Werk giebt deutlicher als irgend ein anderes Kunde von der Künstlernatur Genelli’s, welche jedes Erlebniß, jede in ihren Kreis tretende Erfahrung anzuschauen und zur Erscheinung zu bringen sucht, in welcher Alles zum Bilde, zum Kunstwerk sich gestaltet, und so vernehmen wir mit Freude, daß eine baldige Veröffentlichung dieser Blätter in Aussicht steht. Wunderbar und anziehend waltet in ihnen des Künstlers Phantasie. Bald schaut er sich als Jüngling auf einem Hügel liegend und den Worten des Knaben Phantasus lauschend, bald macht der junge Künstler Nachts bei Kerzenlicht an der Leiche eines Selbstmörders anatomische Studien, während der Geist des Todten trauernd über dem Leichnam schwebt. Dann erscheinen heitere und übermüthige Scenen des Malerlebens in Italien, auf einem Eselein zieht der Maler über Land, oder sieht sich in lustigster Zechgesellschaft, unter ihnen die Maler J. A. Koch, J. Chr. Reinhart und den jüngst verstorbenen Rahl. Auch in die ernstesten Erlebnisse seines Gemüthes reichen diese Blätter, er stellt sich dar einem Traume lauschend, den ihm seine Braut erzählt, und in der Perle der ganzen Sammlung zeichnet er sich, seine Gattin mit dem Sohne und den beiden Töchtern, eines der schönsten Familienbilder, welche die Malerei geschaffen.

So reich und fruchtbar Genelli’s Thätigkeit Denjenigen erscheint, welche sie zu verfolgen Gelegenheit hatten, so wenige seiner Werke sind bisher dem größeren Publicum bekannt geworden. Bis jetzt ist es ihm beschieden gewesen, für einen verhältnißmäßig kleinen Kreis von Kunstfreunden zu schaffen, welche die ganze wunderbare Kraft und Fülle seiner Eigenart zu würdigen und zu genießen verstanden. Seine Welt der schönen Erscheinung findet er zumeist in der antiken Mythologie und Dichtung, im Homer und in biblischen Stoffen. Diesem Gebiete gehören seine bei Cotta erschienenen Zeichnungen zum Homer an, sowie eine große Anzahl von Aquarellen und die herrlichen Oelbilder, die sich in der Schack’schen Sammlung in München und im anderweiten Privatbesitz befinden und welche, zumeist erst in neuerer Zeit entstanden, Genelli nun auch als Meister in der Farbe zeigen. Eigenthümlich ist ihm auch die Neigung in größeren cyklischen Compositionen zu schaffen, wie er dies gethan in den Zeichnungen, das Leben einer Hexe darstellend, und in dem demnächst erscheinenden Werke von achtzehn Blättern: Scenen aus dem Leben eines Wüstlings. Hier hat er mit genialer Erfindungsgabe die Sage vom Don Juan dargestellt und somit gewissermaßen ein malerisches Gegenbild zu Mozart’s unsterblicher Oper geschaffen.

Mit ganz besonderer Freude aber haben wir die neuerdings erfolgte zweite Ausgabe seiner Umrisse zu Dante’s göttlicher Komödie (sechsunddreißig Blätter, gestochen von H. Schütz, mit erläuterndem deutschen, italienischen und französischen Texte, herausgegeben von Dr. Max Jordan, Leipzig, Alphons Dürr 1865) begrüßt. Durch das jüngst gefeierte Dantefest hat man sich mit dem großen Dichter lebhafter als je beschäftigt, und wir erfreuen uns doppelt an dem günstigen Zusammentreffen, welches für den italienischen Dichter wie für den deutschen Maler eingehendere Beachtung und ausgebreitetere Schätzung in Aussicht stellt. Denn hier gerade darf man auf gegenseitige Unterstützung beider künstlerischer Schöpfungen, man darf vor Allem darauf hoffen, daß die in erhabenster und lebensvollster Schönheit prangenden Gestalten Genelli’s, eng geknüpft an das gewaltige Gewebe der Dichtung und durch die angemessen ausgewählten Stellen Dante’s im Original und in der Uebersetzung erläutert, bevorwortet endlich durch die lebendige und anregende Einleitung des Herausgebers, ihre begeisternde und erhebende Wirkung auch auf weitere Kreise ausüben werden.

Es darf keineswegs als zufällig erscheinen, daß gerade Genelli das große Werk Dante’s zum Vorwurfe seiner Schöpfungen gewählt hat. Beider Schicksal hat etwas Verwandtes, von Beiden läßt sich behaupten, daß die ernste Größe und die erhabene Schönheit ihrer Kunst anfangs etwas Unnahbares, ja fast Zurückschreckendes haben, wie dies bei der wahren Größe so oft der Fall ist. Ihre Werke wollen mit ernster und sorgfältiger Liebe immer und immer wieder betrachtet sein, dann wird als der Lohn der Arbeit der Genuß nicht fehlen und auf’s Neue wird sich der Spruch Goethe’s bewahrheiten: „Wenn es eine Freude ist, das Gute zu genießen, so ist es eine größere, das Bessere zu empfinden, und in der Kunst ist das Beste gut genug.“

So möge das Unternehmen freundliche Aufnahme finden im Haus und in der Familie, und wenn die Betrachtenden dankbaren Herzens des schaffenden Künstlers gedenken, so werden seine Umrisse zu Dante für Viele die Hand bieten zu weiterem Vertrautwerden mit den übrigen Werken eines Künstlers, den wir mit Stolz den unsrigen nennen.