Das Sitzmöbel

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Autor: Adolf Loos
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Titel: Das Sitzmöbel
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aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 48–54
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
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Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[48]
DAS SITZMÖBEL
(19. juni 1898)


Das Otto Wagner-zimmer ist schön, nicht weil, sondern obgleich es von einem architekten herrührt. Dieser architekt ist eben sein eigener dekorateur gewesen. Für jeden anderen ist dieses zimmer unpassend, weil es seiner eigenart nicht entspricht; es ist also für einen anderen unvollkommen, und daher kann von schönheit nicht mehr die rede sein. Das scheint wohl ein widerspruch.

Unter schönheit verstehen wir die höchste vollkommenheit. Vollständig ausgeschlossen ist daher, daß etwas unpraktisches schön sein kann. Die grundbedingung für einen gegenstand, der auf das prädikat „schön“ anspruch erheben will, ist, daß er gegen die zweckmäßigkeit nicht verstößt. Der praktische gegenstand allein ist allerdings noch nicht schön. Dazu gehört mehr. Ein kunsttheoretiker des cinquecento[H 1] hat sich wohl am präzisesten ausgedrückt. Er sagt: „Ein gegenstand, der so vollkommen ist, daß man ihm, ohne ihn zu benachteiligen, weder etwas wegnehmen noch zugeben darf, ist schön. Dann eignet ihm die vollkommenste, die abgeschlossenste harmonie.“

Der schöne mann? Es ist der vollkommenste mann, der mann, der durch seinen körperbau und durch seine geistigen eigenschaften die beste gewähr für gesunde nachkommen und für die erhaltung und ernährung einer familie bieten kann. Die schöne frau? Es ist die vollkommene frau. Ihr obliegt es, die liebe des mannes zu entflammen, die kinder selbst zu stillen, ihnen eine gute erziehung zu geben. Sie hat also die schönsten augen, praktische, scharfe augen und nicht kurzsichtige, blöde, die schönste stirne, das schönste haar, die schönste nase, [49] eine nase, durch die man gut atmen kann. Sie hat den schönsten mund, die schönsten zähne, zähne, mit denen man die speisen am besten zerkleinern kann. Nichts in der natur ist überflüssig. Den höchsten grad des gebrauchswertes, in harmonie zu den übrigen teilen, nennen wir reine schönheit.

Wir sehen also, daß die schönheit eines gebrauchsgegenstandes nur in bezug auf seinen zweck vorhanden ist. Für den gebrauchsgegenstand gibt es keine absolute schönheit. „Seht doch, welch schöner schreibtisch!“ – „Schreibtisch? der ist ja häßlich!“ – „Es ist aber gar kein schreibtisch, es ist ein billard.“ – „So, ein billard, gewiß, es ist ein schönes billard.“ / „O, sehen sie doch, welch herrliche zuckerzange!“ – „Was, die soll herrlich sein, ich finde diese zuckerzange geradezu fürchterlich!“ – „Aber es ist ja eine kohlenschaufel!“ – „Ja dann, gewiß, es ist eine herrliche kohlenschaufel!“ / „Welch wunderschönes schlafzimmer besitzt herr X (setzen sie den namen des dümmsten menschen ein, den sie kennen)!“ – „Was, herr X? Und das finden sie wunderschön?“ – „Ich habe mich geirrt, es gehört herrn oberbaurat professor Otto Wagner, dem größten architekten seiner zeit.“ – „Dann ist es in der tat wunderschön.“ Die schönste, malerischeste osteria mit dem echtesten schmutz ist für andere leute als italienische bauern häßlich. Und da haben die anderen leute für sich recht.

So ist es nun auch mit jedem einzelnen gebrauchsgegenstande. Sind zum beispiel die sessel im Wagner-zimmer schön? Für mich nicht, weil ich schlecht darauf sitze. So wird es wohl vielen anderen leuten auch gehen. Es ist aber wohl möglich, daß Otto Wagner sich auf diesen sesseln sehr gut ausruhen kann. Für sein schlafzimmer, [50] also einen raum, in dem er keine gäste empfängt, sind sie daher, vorausgesetzt, daß er bequem darauf sitzt, schön. Geformt sind sie wie die griechischen stühle. Aber im laufe der jahrtausende hat die technik des sitzens, die technik des ausruhens bedeutende veränderungen erfahren. Sie stand nie still. Bei allen völkern und zu allen zeiten ist sie verschieden. Stellungen, die für uns, man denke nur an die der morgenländer, äußerst anstrengend wären, können für andere menschen zum ausruhen dienlich sein.

Gegenwärtig wird von einem sessel nicht nur verlangt, daß man sich auf ihm ausruhen, sondern auch, daß man sich schnell ausruhen kann. Time is money. Das ausruhen muß daher spezialisiert werden. Nach geistiger arbeit wird man sich in einer anderen stellung ausruhen müssen als nach der bewegung im freien. Nach dem turnen anders als nach dem reiten, nach dem radfahren anders als nach dem rudern. Ja, noch mehr. Auch der grad der ermüdung verlangt eine jeweils verschiedene technik des ausruhens. Man wird das ausruhen beschleunigen durch mehrere sitzgelegenheiten, die nacheinander benützt werden, durch mehrere körperlagen und stellungen. Habt ihr noch nie das bedürfnis gehabt, besonders bei großer ermüdung, den einen fuß über die armlehne zu hängen? An sich ist das eine sehr unbequeme stellung, aber manchmal ist sie eine wahre wohltat. In Amerika kann man sich diese wohltat immer verschaffen, weil dort kein mensch das bequeme sitzen, also das schnelle ausruhen, für unfein hält. Dort kann man auch auf einem tisch, der nicht zum essen dient, seine füße ausstrecken. Hierzulande aber findet man in der bequemlichkeit seines nebenmenschen etwas beleidigendes. Gibt es doch noch [51] menschen, deren nerven es beunruhigt, wenn man die füße im eisenbahnkupee auf die gegenüberliegenden sitze streckt oder sich gar hinlegt.

Die engländer und amerikaner, die von einer so kleinlichen denkungsweise frei sind, sind denn auch wahre virtuosen des ausruhens. Im laufe dieses jahrhunderts haben sie mehr sesseltypen erfunden als die ganze welt, alle völker mit eingeschlossen, seit ihrem bestande. Dem grundsatze gemäß, daß jede art der ermüdung einen anderen sessel verlangt, zeigt das englische zimmer nie einen durchgehend gleichen sesseltypus. Alle arten von sitzgelegenheiten sind in ein und demselben zimmer vertreten. Jeder kann sich den ihm gerade am besten passenden sitz aussuchen. Eine ausnahme bilden bloß jene räume, die nur zeitweise und von allen insassen zu demselben zwecke benützt werden: der tanzsaal und das speisezimmer. Der drawing-room aber, unser salon, wird seiner bestimmung gemäß leichte, also leicht transportable sessel aufweisen. Auch sind diese nicht zum ausruhen da, sondern um die sitzgelegenheit bei leichter, anregender konversation zu bieten. Auf kleinen, kapriziösen sesseln plaudert sich’s besser als im großvaterstuhl. Daher werden auch solche sessel – man konnte sie im vorjahre bei der Scalaschen weihnachtsausstellung im Österreichischen Museum sehen – von den engländern gebaut. Die wiener, die entweder deren bestimmung nicht kannten oder vielleicht einen patentsessel für alle sitzeventualitäten im auge hatten, nannten diese sessel unpraktisch.

Überhaupt möge man mit dem worte unpraktisch recht vorsichtig umgehen. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, daß unter umständen eine unbequeme Stellung [52] bequem sein kann. Die griechen, die von einem sessel verlangten, daß er der krümmung des rückgrates recht großen spielraum gewähre, würden unsere rückenlehnen unbequem finden, da wir unsere schulterblätter gestützt haben wollen. Und was würden sie erst zu dem amerikanischen schaukelstuhl sagen, mit dem nicht einmal wir noch etwas anzufangen wissen! Wir gehen nämlich von dem grundsatze aus, daß man sich auf einem schaukelstuhl auch schaukeln müsse. Ich glaube, daß diese falsche anschauung durch die falsche benennung entstanden ist. In Amerika heißt der stuhl „rocker“. Mit dem worte rocking wird aber auch eine wiegende, wippende bewegung bezeichnet. Der rocker ist im prinzip nichts anderes als ein stuhl mit zwei beinen, bei dem die füße des sitzenden die vorderbeine bilden müssen. Entstanden ist er aus dem bequemen sitz, den man sich verschafft, wenn man den schwerpunkt nach hinten verlegt, so daß die vorderbeine gehoben werden. Die hinterkufen des sitzmöbels verhindern das umkippen des stuhles. Vorderkufen, wie unser schaukelstuhl, hat der amerikanische rocker nicht, da es keinem menschen drüben einfallen würde, sich zu schaukeln. Aus diesem grunde sieht man in vielen amerikanischen zimmern nur rockers, während sie hier noch recht unpopulär sind.

Praktisch soll also jeder stuhl sein. Wenn man den leuten nur praktische sessel bauen würde, würde man ihnen die möglichkeit bieten, sich ohne hilfe des dekorateurs vollkommen einzurichten. Vollkommene möbel geben vollkommene zimmer. Unsere tapezierer, architekten, maler, bildhauer, dekorateure und so weiter mögen sich daher, sobald es sich um wohnräume und nicht um prunkräume handelt, darauf beschränken, vollkommene, [53] praktische möbel in den handel zu bringen. Gegenwärtig sind wir in dieser beziehung auf den englischen import angewiesen, und man kann leider unseren tischlern keinen besseren rat geben als den, die englischen typen zu kopieren. Gewiß hätten unsere tischler, wenn man ihnen nicht den kontakt mit dem leben genommen hätte, ganz ohne alle beeinflussung ähnliche sessel erzeugt. Denn zwischen den tischlermöbeln einer kulturanschauung und ein und derselben zeit gibt es nur so kleine unterschiede, daß sie allein dem genauen kenner auffallen können.

Recht komisch wirkt es, wenn sich an der neige unseres jahrhunderts stimmen bemerkbar machen, die gebieterisch eine emanzipation vom englischen einfluß zu gunsten eines österreichischen nationalstiles verlangen. Auf den fahrräderbau angewendet, würde diese forderung beiläufig so lauten: „Gebt das verwerfliche kopieren englischer fabrikate auf und nehmt euch das echt österreichische holzrad des obersteirischen knechtes Peter Zapfel zum muster. Dieses rad paßt besser zur alpenlandschaft als die häßlichen englischen räder.“

Die möbel haben von jahrhundert zu jahrhundert immer mehr verwandtschaftliche züge angenommen. Schon am anfang dieses jahrhunderts konnte man die unterschiede zwischen einem wiener sessel und einem londoner chair nur schwer erkennen. Das war zu einer zeit, als man wochenlang in der postkutsche sitzen mußte, um von Wien nach London zu kommen. Und nun finden sich sonderbare heilige, die im zeitalter der expreßzüge und der telegraphen künstlich eine chinesische mauer um uns errichten wollen. Das aber ist unmöglich. Gleiches essen wird gleiches eßbesteck, gleiches arbeiten und gleiches [54] ausruhen den gleichen sessel zur folge haben. Eine versündigung an unserer kultur wäre es, wenn man die forderung an uns stellen würde, unsere speisegewohnheiten aufzugeben und wie der bauer mit der ganzen familie aus einem napf zu essen, bloß weil die art unseres essens aus England stammt. Für das sitzen gilt dasselbe. Unsere gewohnheiten stehen den englischen viel näher als denen des oberösterreichischen bauern.

Unsere tischler wären also zu denselben resultaten gekommen, wenn man sie hätte gewähren lassen, und wenn sich nicht die architekten hineingemischt hätten. Wäre in der annäherung der formen dasselbe tempo eingehalten worden, wie es seit der renaissance und bis in die kongreßzeit gegolten hat, dann gäbe es auch in der tischlerei keine länderunterschiede mehr, die ja in den blühenden, architektenfreien gewerben schon lange nicht mehr bestehen: im wagenbau, in der juwelierkunst, in der ledergalanterie. Denn zwischen einem londoner und einem wiener tischlerverstand besteht kein unterschied; zwischen dem londoner tischler freilich und dem wiener architekten liegt eine ganze welt.

Anmerkungen (H)

  1. [451] wohl Leone Battista Alberti. Ich konnte das zitat nicht verifizieren.
    [WS] Leon Battista Alberti (1404–1472), De re aedificatoria (Über das Bauwesen, 1443–1452 geschrieben), Florenz 1485: Architektur ist „Harmonie und Einklang aller Teile, die so erreicht wird, dass nichts weggenommen, zugefügt oder verändert werden könnte, ohne das Ganze zu zerstören.“ Übersetzer unbekannt.