Das neue kaiserliche Paket- und Zeitungspostamt in Leipzig

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Autor: C. Stötzner
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Titel: Das neue kaiserliche Paket- und Zeitungspostamt in Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 411–414
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das neue kaiserliche Paket- und Zeitungspostamt in Leipzig.


Die Gartenlaube (1881) b 411.jpg

Um sich eine Vorstellung zu machen von der riesigen Thätigkeit der deutschen Reichspost, braucht man sich nicht die Rechnungsabschlüsse eines Jahres mit den stolzen Zahlenreihen von Hunderten von Millionen zu vergegenwärtigen; ein viel anschaulicheres Bild von dem imposanten Thätigkeitsgebiete der deutschen Reichspost gewinnt man, wenn man eine ganz kurze Spanne Zeit festhält und innerhalb des so gewonnenen Kreises die kolossale Arbeit des rastlos wirkenden Apparates überblickt. In einer Minute versendet die deutsche Reichspost bei Tag und Nacht 2247 Briefe, 1072 Zeitungsnummern, 57 außergewöhnliche Zeitungsbeilagen, 198 Pakete, 125 Postanweisungen, 10 Postauftragsbriefe und 21 Postnachnahmen; in jeder Secunde gehen von der deutschen Post nicht weniger als 55 Sendungen ab. Das ist der gewaltige Verkehr, wie er sich bei dieser Reichsanstalt im verflossenen Jahre gestaltete, und der gegenwärtig noch immer im Wachsen begriffen ist.

In hervorragender Weise tritt nun Leipzig in diesem Postverkehre auf; denn es nimmt nach der Reichshauptstadt Berlin im Verhältniß zu seiner Einwohnerzahl den ersten Rang unter den deutschen Postanstalten ein. Allein durch seinen Zeitungspostverkehr – es werden jährlich circa 10 Millionen Zeitungsnummern abgesetzt – übertrifft es Länder wie Griechenland, Portugal, Norwegen etc. Sein Postwesen ist in den letzten Jahren geradezu riesig gewachsen.

Bis zum Jahre 1863 bestand in Leipzig eine einzige Postanstalt, das „Königliche Oberpostamt“ am Augustus-Platz, welches, in den Jahren 1836 bis 1838 erbaut, anfangs Raum genug bot, um außer den Post- noch verschiedene andere sächsische Behörden aufzunehmen. Der Postverkehr wuchs aber, besonders seit 1871, in welchem Jahre die „Deutsche Reichspost“ entstand, derartig, daß das große Postgebäude, trotz mannigfacher Erweiterungsbauten, nicht mehr genügte. Es mußten in den verschiedenen Stadttheilen Zweigpostanstalten errichtet werden,[1] aber auch diese reichten nicht [412] mehr aus, da namentlich der Packereiverkehr in Folge der Einführung des ermäßigten Einheitsportos für Pakete – vom 1. Januar 1874 an – sich ganz erheblich steigerte und zwar vornehmlich auch dadurch, daß die Post in erhöhtem Maße zur Versendung der sogenannten „Buchhändlerpakete“ benutzt wurde.

Im Jahre 1877 betrug die Zahl der in Leipzig eingegangenen und für den Ort bestimmten Paketsendungen mit und ohne Werthangabe 925,685 Stück, mithin täglich durchschnittlich 2536 Stück. Es mußten daher im Interesse des Publicums weitere Einrichtungen getroffen werden, und um dem gesteigerten Verkehre volle Rechnung zu tragen, wurde der Bau eines zweiten großen Postgebäudes beschlossen und ausgeführt. Am 16. October 1880 wurde das „Kaiserliche Paket- und Zeitungspostamt“, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, dem öffentlichen Verkehre übergeben.

Es ist ein stattliches, im Renaissancestil ausgeführtes Gebäude, welches wir an der Spitze dieses Artikels in kleinem Bilde wiedergeben, und dessen Front sich gegen die Hospitalstraße richtet, während der östliche Flügel an die Stephan-Straße angrenzt.

Die Gartenlaube (1881) b 412.jpg

Das kaiserliche Paket- und Zeitungspostamt in Leipzig: Der Verleseraum.
Für die „Gartenlaube“ aufgenommen von H. Heubner.

Die Ausführung des Plans wurde vom Postbaurathe Zopf geleitet. Der langgestreckte Mittelbau, aus Parterre und einer Etage bestehend, wird an beiden Seiten durch Pavillons abgeschlossen. Die beiden Seitenflügel des Hauptgebäudes enthalten im zweiten Stocke Dienstwohnungen. Zwischen dem Hauptgebäude und den Pavillons befinden sich die Einfahrten in den großen Hof, dessen Rückseite durch das große Posthaltereigebäude begrenzt wird.

Dem Paketpostamte werden sämmtliche für Leipzig und seine Vororte eingehende Pakete zum Zwecke der Zustellung an die Empfänger in Leipzig, beziehentlich zur Vertheilung an die Zweigpostanstalten zugeführt.

Treten wir nun durch das geschmackvolle Mittelportal in die Parterreräume, die speciell dem Packereiverkehr dienen, ein, und thun wir einen Blick in den Organismus, mittelst dessen dieses Postamt seine große Aufgabe löst! Denn eine gewaltige Aufgabe muß es genannt werden, jährlich weit über eine Million Pakete in gewissenhaftester Weise den Empfängern zuzustellen. Daß, um dieser Aufgabe gerecht zu werden, die strengste Ordnung herrschen, die zweckmäßigste Einrichtung getroffen und tüchtig gearbeitet werden muß, versteht sich von selbst.

Wir begeben uns zunächst durch den Niederlagsraum für die von den Empfängern abzuholenden Pakete in die nach dem Hofe gelegenen Räume. Hier ist die Paket-Abnahmehalle, und eben fahren von der Bahn kommende Postwagen am Perron vor. Die Pakete werden sofort ausgeladen und in das Paketeingangsverzeichniß nach Aufgabe-Nummer und Aufgabe-Ort eingetragen, wobei zugleich die nach den Vororten Leipzigs – nach Lindenau, Connewitz, Gohlis etc. – bestimmten Pakete abgesondert werden. In großen Korbwagen werden hierauf die Güter in den „Verleseraum“ gefahren und dieser ist es, welchen uns unser untenstehendes Bild vorführt.

Es fällt uns auf, daß wir keine Begleitadressen sehen. Dieselben werden aber von der deutschen Reichspost als Briefsendungen befördert und sind in besonderen Briefbeuteln oder Briefpaketen – den sogenannten „Kartenschlüssen“ – bereits früher eingegangen, dann durch einen Beamten in Betreff des Portos oder der verrechneten Francos geprüft oder – technisch gesprochen – „entkartet“ worden. Wohlgeordnet und auf der Rückseite mit der Nummer des Bestellreviers, in dem der Empfänger wohnt, versehen, harren nun diese Begleitadressen hier im Verleseraum der ankommenden Pakete.

Jetzt beginnt das Verlesen, in Folge dessen Pakete und Adressen den bestimmten Revieren überwiesen werben, da aber eine große Anzahl Geschäftsleute die für sie bestimmten Güter selbst abholen läßt, so werden diese Pakete – über ein Drittel des Eingangs – gleich hier in dem Verleseraum von den andern gesondert und in einem hierzu bestimmten Raume – der Paketausgabe – untergebracht. Die übrigen Pakete werden nun in Korbwagen, welche die Nummer der verschiedenen Reviere tragen, in den rechts an den Verleseraum anstoßenden Niederlagsraum für die zu bestellenden Pakete gefahren.

Es ist dies ein großer achtzig Schritt langer Raum, der durch mächtige Regale in zwanzig Abtheilungen oder Reviere getheilt ist, welche den zwanzig Postbestellbezirken, in welche Leipzig eingetheilt ist, entsprechen. In diese Reviere werden nun die Pakete vertheilt und in den Regalen genau nach der Nummernfolge geordnet niedergelegt, während für die Werthpakete eine besondere [413] Abfertigungsstelle eingerichtet ist, ebenso werden die steuerpflichtigen Pakete besonders behandelt.

Von diesem großen Niederlagsraum aus führen sechs Thüren auf den längs derselben hinlaufenden Perron, an welchen zu bestimmten Stunden, täglich dreimal, die Postpaketbestellwagen herangeschoben werden. Von hier erfolgt nun die letzte Verladung, und die Pakete werden direct ihren Eigenthümern zugeführt. Alle diese Verrichtungen folgen aber so schnell auf einander, daß die eine Stunde vor der festgesetzten Abfahrtszeit der Bestellwagen eingehenden Pakete noch mit zur Bestellung gelangen. In der Post giebt es eben keine Pause; Tag und Nacht wird hier gearbeitet.

Dreimal füllt und leert sich dieser gewaltige Raum, des Morgens, des Mittags und in den späteren Nachmittagsstunden. Fluth und Ebbe wechseln hier ganz regelmäßig mit einander ab, und am Morgen ist die Fluth am stärksten, so daß der mächtige Raum oft bis obenan mit Gütern aller Art gefüllt ist.

Da lagern Pakete in allen Formen und Arten auf und neben einander. Hier ein zierliches Paket an eine Modistin, daneben

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Das kaiserliche Paket- und Zeitungspostamt in Leipzig: Der Zeitungsverpackungssaal.
Für die „Gartenlaube“ aufgenommen von H. Heubner.

die Wäschkiste für einen Studenten, auf ihr eine sogenannte „Futterkiste“ für einen Soldaten; dort ragt ein schwarzer Cellokasten hervor, an den sich eine wohlverpackte Jagdbüchse anlehnt. Wohin man auch sieht, nichts als Schachteln, Kisten, Koffer, Körbe, Fäßchen, Pakete aller Art. Draußen am Perron halten die Bestellwagen. Beamte und Unterbeamte haben vollauf zu thun. Ein reges Leben herrscht in der Halle – die Ebbe beginnt. Bald ist alles eingeladen; die Postillone besteigen ihre Plätze, und mit der Minute fahren die zwanzig Wagen ab, einer nach dem andern dem betreffenden Stadtpostbezirk zu. Jetzt ist alles leer, aber bald füllen sich die Räume wieder, und so wiederholt sich unablässig dieses bunte Treiben.

Zu gewissen Zeiten treten aber auch Springfluthen ein, nämlich zu Weihnachten und zu den Meßzeiten. Gewöhnlich sind hier siebenzehn Beamte und mit Einschluß der Paketbesteller achtunddreißig Unterbeamte thätig, bei Eintritt der Hochfluthen aber reicht das vorhandene Personal nicht aus; dann müssen zahlreiche Hülfsarbeiter zur Bewältigung der riesigen Arbeit angenommen werden. Aber selbst bei dem regsten Verkehr – im Jahre 1880 gingen 1,335,096 für den Ort bestimmte Pakete, mithin täglich 3708 Stück ein – herrscht die größte Ordnung, und ganz besonders muß hervorgehoben werden, daß die Pakete mit der möglichsten Schonung behandelt werden. Kommt aber doch einmal eine Irrung vor, so wird dieselbe baldigst aufgeklärt. Meist ist das Publicum selbst daran schuld; denn die Adressen sind mitunter unvollständig oder so schlecht geschrieben, daß sie nur schwer gelesen werden können, und öfter ist auch die Verpackung eine ungenügende. Man erleichtere also durch festes Einpacken, durch genau und deutlich geschriebene Adressen, namentlich auch dadurch, daß man die Pakete selbst mit vollständiger Adresse versieht, den Postbeamten ihre schwierige Aufgabe!

Jetzt aber steigen wir in die obere Etage, um dem Zeitungspostamte unsern Besuch abzustatten. Diese Abtheilung versendet nur die bei der Post bestellten in Leipzig erscheinenden Zeitschriften, zur Zeit 250. Außerdem hat sie für Leipzig und dessen Vororte die in Oesterreich, Baiern und Württemberg erscheinenden Zeitschriften zu besorgen und ist die einzige Postanstalt, die den Zeitungsverkehr zwischen Deutschland und Italien, sowie den Zeitungsverkehr mit dem deutschen Postamte in Constantinopel vermittelt. Auch hier ist Tag und Nacht keine Ruhe. In mächtigen, oft centnerschweren Ballen kommen die Zeitungen bei der im Parterre gelegenen Zeitungsabnahmestelle an und werden nun mittelst eines Fahrstuhls in den im ersten Stockwerke befindlichen achtzig Schritte langen und vierzehn Schritte breiten Zeitungsverpackungssaal gebracht und dort gegen Quittung übernommen. Der große weite Raum – unser Bild zeigt ihn – ist in zwei Abtheilungen getheilt. Die kleinere ist zur Vertheilung und Verpackung der politischen Blätter bestimmt; die andere größere, durch siebenzehn Fenster erhellte Abtheilung nimmt die wissenschaftlichen, die illustrirten Blätter, die Fachzeitungen etc. auf und steht mit den daranstoßenden Bureaus der Beamten in unmittelbarer Verbindung.

Der Saal ist mit einer großen Anzahl numerirter Regale, deren jedes wieder in viele Fächer getheilt ist, gefüllt. Der ganze Zeitungsverkehr ordnet sich nämlich nach den Eisenbahnverbindungen in 167 Course.

Ein solcher Cours umfaßt nun alle die an der betreffenden Linie gelegenen Postanstalten. Hier ist also z. B. das Regal mit dem 79. Cours Altona-Kiel. Ueber den Fächern lesen wir nun der Reihe nach die Namen: Albersdorf, Arnis, Ascheberg, Barmstedt, Bordesholm, Bornhöved, Bramstedt, Büsum, Burg auf Fehmarn, Cismar etc. Eben wird eine illustrirte Zeitschrift expedirt: da heißt es so und soviel Exemplare nach Albersdorf, so und soviel nach [414] Arnis, nach Ascheberg etc., bis alle die Tausend und aber Tausend Exemplare, die bei der Post bestellt sind, zur Vertheilung gekommen sind.

Gewöhnlich sind bei der Vertheilung einer jeden Zeitung ein Beamter und ein Unterbeamter thätig. Der Beamte, welcher für die richtige Vertheilung verantwortlich ist, verliest die Namen der Postanstalten und die Zahl der abzugebenden Exemplare, während der Unterbeamte die Nummern in die genannten Fächer legt. Das Geschäft wird oft gleichzeitig von dreizehn Beamten und zwanzig Unterbeamten vorgenommen, um die Zeitungsfluth, die in circa 8000 Fächern untergebracht werden muß, zu bewältigen. Die stärksten Tage sind der Donnerstag und der Freitag, weil an diesen die wöchentlich erscheinenden Blätter ihre Auflieferungstage haben, zur Zeit kommen an diesen beiden Tagen 85,700 Exemplare zur Versendung. Aber auch an den andern Wochentagen gehen viele Tausende von Zeitungsnummern nach allen Himmelsrichtungen ab.

Ist die Vertheilung vorbei, so werden die in den einzelnen Fächern liegenden Zeitungen der verschiedensten Art, zu einem Paket vereinigt, mit der Adresse des betreffenden Postortes versehen und nach Eisenbahncoursen geordnet, abgesandt. Solche Pakete gehen täglich 2186, Donnerstags und Freitags aber gegen 8000 Stück ab.

An den Fächern ließen sich nun ganz interessante Studien anstellen. Kann man doch daran, welche Blätter und wie viel Zeitungen in den einzelnen Gegenden gelesen werden, den Culturzustand dieser Ortschaften annähernd ermessen. Ein vollständig zuverlässiges Material erhält der Statistiker auf diesem Wege zwar nicht, da ja ein großer Theil der Blätter auf anderem Wege, durch Buchhandlungen etc., versendet und verbreitet wird; aber annähernd richtig wird das Bild doch sein. Wissenschaftliche Blätter gehen vorzugsweise in die größeren Städte, die Centren der Bildung; auch einzelne Landstriche, z. B. Thüringen, zeigen viel Bedürfnisse darnach; religiöse Zeitschriften finden am Rhein und in Schlesien, aber auch in Gebirgsgegenden großen Absatz; Ungarn und Galizien beziehen besonders Modejournale; auch die industriellen Verhältnisse üben hierbei großen Einfluß aus. Aber weiter Eingehendes erfahren wir nicht; denn die Post, diese große Vertrauensanstalt, hütet mit Sorgfalt ihre Geheimnisse.

Viel zu thun giebt es auf dem Zeitungspostamte zur Zeit des Quartalwechsels. Da gehen circa 30,000 einzelne Bestellzettel ein, von denen mancher 20 bis 30 verschiedene Zeitungen verlangt. Was giebt es da nicht zu rechnen! Wie viel neue Vertheilungs- und Versendungslisten sind dann wieder aufzustellen! Steht doch dies Zeitungspostamt mit circa 4000 Postanstalten in unmittelbarer Abrechnung. An den Tagen, wo die wenigsten Zeitungen zur Versendung kommen, haben die Unterbeamten die Herstellung der Umschläge zu besorgen, und daß dies keine kleine Arbeit ist, geht daraus hervor, daß allein in der Zeit vom 16. October 1880, dem Tage der Eröffnung, bis Ende Februar 1881 365 Rieß Packpapier verbraucht wurden.

Die Tausend und aber Tausend Blätter, die heute zur Post gegeben werden, sind bereits morgen früh in Hamburg, Frankfurt, München, Breslau in den Händen der Abonnenten. Und dieser riesenhafte Verkehr, im vergangenen Jahre 9,828,882 Stück, wird allein von dreizehn Beamten und zwanzig Unterbeamten besorgt. Respect vor einer so großartigen Leistung!

Wie ganz anders war’s doch noch zu Schiller’s Zeit! Da brauchte eine zur Post gegebene Zeitung von Weimar nach Rudolstadt vier volle Tage. Die Botenfrau ging schneller, als der Postwagen fuhr, und so vertrauten ihr Schiller und Lotte ihre Pakete und Zeitungen lieber an, als der Post.

Wir steigen nun hinunter in den großen Posthof.

In langen Reihen stehen hier die wohlbekannten gelben Postwagen, des Augenblickes wartend, da sie in Dienst gestellt werden. Rechts und links sehen wir Werkstätten für Wagenbau, und das große Poststallgebäude schließt den Hof ab. Es enthält im Parterre und im ersten Stockwerk Stallungen für 160 Pferde, im zweiten Stockwerke die Wohnräume für die Postillone, und wer etwa denken sollte, diese Species wäre im Aussterben begriffen, der irrt gar sehr. Bekanntlich ritten in Berlin vierzig Postillone an der Spitze des Zuges, der die junge Prinzenbraut einholte. Sie sahen gar stattlich aus, diese lustigen strammen Posttrompeter – in der früheren gelben Uniform wäre es effectvoller gewesen. In Berlin ist also kein Mangel an Postillonen, aber auch in Leipzig ist ihre Zahl im Wachsen begriffen. Gegenwärtig sind ihrer 70 – sage siebenzig – in Dienst, welche täglich mit 105 Pferden 435 Fahrten nach den Bahnhöfen und in die einzelnen Stadtpostbezirke zu machen haben. Allerdings, die Art, die einst Lenau besang, ist es nicht mehr. Der Postillon von heute ist nicht der „Schwager“ aus früherer Zeit; denn er hat nicht mehr lebensfrohe Passagiere, sondern todte Pakete zu fahren.

Leipzig hatte noch bis zum Jahre 1873 eine Personenpost nach Pegau; dieselbe fuhr am 19. October des genannten Jahres zum letzten Mal ab. Auch sonst im deutschen Reiche vermindert sich fortwährend die Zahl der Personenposten, da sie durch die Eisenbahnen mehr und mehr überflüssig werden. Während im Jahre 1872 durch die Post noch 5,558,214 Reisende befördert wurden, ist dies 1876 nur mit 3,987,054 und 1879 mit 2,750,333 Reisenden der Fall gewesen. Immerhin noch eine stattliche Zahl! In Zukunft wird diese Zahl wieder etwas wachsen, da die „fahrenden Landbriefträger“ auf ihren Touren auch Passagiere mitnehmen dürfen und zwar nicht etwa blind, sondern ganz ordnungsmäßig gegen ein bestimmtes Fahrgeld, welches die Postverwaltung diesen modernen Postillonen als Nebeneinnahme überlassen hat.

C. Stötzner.



  1. Wie groß trotzdem der persönliche Verkehr des Publicums im Hauptpostamte blieb, davon giebt eine Zählung, welche vom 21. bis mit [412] 23. April 1873 vorgenommen wurde, den deutlichsten Beweis. Es betrug die Zahl der in diesen drei Tagen an den Schaltern etc. behufs des Postverkehrs erschienenen Personen 18,289, also durchschnittlich für einen Tag 6069 Personen.