Franz Dingelstedt (Die Gartenlaube 1881/25)

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Autor: Wilhelm Goldbaum
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Titel: Franz Dingelstedt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 411–414
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[414]
Franz Dingelstedt.
Von Wilhelm Goldbaum.


Einen Tag über wehte von dem grauen Gemäuer des Wiener Burgtheaters die Trauerfahne, einen Tag und nicht länger; denn das Theater ist wie das Leben: es duldet kein betrachtendes Stillstehen. Aber an diesem Tage sind zehn glanzvolle Jahre des Burgtheaters mit dem Manne in das Grab gelegt worden, von dem jene zehn Jahre Richtung und Inhalt empfangen, und dieser Mann war Franz Dingelstedt.

Das literarische Leben Deutschlands hat von Franz Dingelstedt manche fruchtbare Anregung erhalten; das ist längst vorüber, und es fragt sich, ob die deutsche Literaturgeschichte das Andenken des „kosmopolitischen Nachtwächters“ auf lange Zeit hinaus bewahren wird. Die Wiener Gesellschaft, diese witzige, leichtlebige, in den Reizen schöner Sinnlichkeit schwelgende Gesellschaft, stand fünfzehn Jahre hindurch unter dem Zauber der überlegenen Persönlichkeit Franz Dingelstedt’s, doch die Gesellschaft ist sehr vergeßlich; sie errichtet keine Mausoleen; denn sie lebt nur vom Augenblicke und für den Augenblick. Das deutsche Theater aber wird in seinen Annalen dem Namen Dingelstedt’s ein goldenes Blatt widmen, ist es doch wenigen Männern zu gleichem Danke verpflichtet wie ihm, der recht eigentlich erst der deutschen Schaubühne das Bewußtsein beibrachte, daß sie, von ihren sittlichen und pädagogischen Zwecken abgesehen, das Auge des Zuschauers nicht dürfe zu kurz kommen lassen, da es der natürliche Vermittler ist zwischen Scene und Parterre, zwischen Schauspieler und Publicum.

Von der schönen Stelle in der schönen Kaiserstadt, wo er wohnte – Stadt und Vorstadt scheiden sich dort durch einen Gürtel grüner Oasen, und das Auge fliegt über den Stadtpark fort an dem herrlichen Thurm von Sanct Stephan empor – bewegte sich der imposante Trauerzug hinter dem Sarge Dingelstedt’s, Schauspieler, Schriftsteller, Cavaliere und Finanzmänner in reicher Mischung; am Grabe sprachen für das Burgtheater Adolf Sonnenthal, für die Literatur Johannes Nordmann bewegte Abschiedsworte. Aber nicht mit der Stimmung am Grabe und nicht mit Regungen, welche die Stunde weckt, ist erschöpft, was über Franz Dingelstedt zu sagen ist; denn in sein Andenken theilen sich nicht blos Diejenigen, welche die letzten anderthalb Decennien gemeinsam mit ihm verlebten – er gehört der Geschichte des gesammten deutschen Schriftthums und der Geschichte des gesammten deutschen Theaterlebens an; seine Wirkungen wie sein Ruf reichten weit hinaus über das Weichbild Wiens, dem er nicht durch Geburt [415] angehörte und auch nicht durch locale Aneignung, da er bis zu seinem Ende ein „Kosmopolit“ geblieben ist im besseren und auch im weniger guten Sinne dieses Wortes.

Der Literarhistoriker freilich hat es nicht leicht, dem Todten gerecht zu werden, wenn er nicht den Muth besitzt, sich Franz Dingelstedt in zwei Gestalten vor das Auge zu rücken, in der Gestalt des „Nachtwächters mit den langen Fortschrittsbeinen“, wie ihn einst Heinrich Heine nannte, und in derjenigen des Hofrathes und Barons Franz von Dingelstedt mit den zahlreichen Orden. Ja, für den Literarhistoriker ist eigentlich nur der „kosmopolitische Nachtwächter“ vorhandenen; denn in dem deutschen Schriftthume werden Dingelstedt’s Lieder in dem Maße Geltung behalten, als sie zur Physiognomie der politischen Lyrik gehören, jener politischen Lyrik, die vor vierzig Jahren das Zeichen und den Anstoß gab zu freierem Denken und Streben in Deutschland. Neben Herwegh und Prutz, Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben hat Dingelstedt als Dichter seine Stelle; mit ihrem Andenken wird das seinige leben und sterben. Was er später an Gedichten und Romanen schuf, war rasch vergänglich. Aber um Gerechtigkeit zu üben, muß man die Persönlichkeit Dingelstedt’s psychologisch zu erfassen suchen, und tieferer Betrachtung zeigt sich dann auch schon in den Anfängen die Brücke, welche vom „kosmopolitischen Nachtwächter“ zum Hofrathe und Freiherrn hinüberführte.

Es hat vielleicht niemals einen geistreicheren Pessimisten gegeben, als Franz Dingelstedt. Er spottete über Alles und nahm sich selbst davon nicht aus. Als er, ein gemaßregelter Gymnasiallehrer im Hessenlande, zur Feder griff, war es die Misère der deutschen Kleinstaaterei, welche seinen Spott erregte; er geißelte sie in den „Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters“. Pathos und Humor, Gemüthstiefe und Verstandesschärfe vereinigten sich in diesen Liedern, um ihren Schöpfer mit Einem Schlage zum berühmten Manne zu machen. Damals war gar bald ein Märtyrer, wer in Deutschland ein aufrichtiges Wort öffentlich zu sagen wagte, und so wurde Dingelstedt fast ohne sein Hinzuthun zum gefeierten Dulder. Aber in dem hochgewachsenen, von dem heißen Bemühen um jedwede Art von Eleganz und Weltläufigkeit erweckten Manne hatte sich nicht sowohl der Schmerz über das politische Elend seines Volkes, als vielmehr die eingeborene Skepsis zum poetischen Ausdrucke durchgearbeitet. Diese Skepsis war es auch, welche wenige Jahre später denselben „Nachtwächter“ in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ jene vernichtenden W. W.-Briefe (Wiener Währungsbriefe) schreiben ließ, in denen er mit gleicher Formvollendung in der Prosa die literarischen und gesellschaftlichen Zustände der nämlichen Stadt, die ihn jetzt so pietätvoll zum Grabe geleitet, erbarmungslos zersetzte.

Und wieder nach zehn Jahren war er Hoftheaterdirector, wobei es ihm nicht widerstrebte, die Formen des Hofmannes zu beobachten, obwohl unter der glatten Oberfläche stets von Neuem das Mißvergnügen über Alles und über Alle, über sich und die ganze Welt in den geistvollsten Aperecus hervordrang. Man hatte ihn eben mißverstanden, da man seine Nachtwächterlieder als politisches Glaubensbekenntniß angesehen, mißverstanden, da man in seinen Romanen und Novellen, in dem ersten Roman „Unter der Erde“, wie in dem letzten, „Die Amazone“, nichts als den selbstlosen Schaffensdrang einer genügsamen Dichterseele erblickt, mißverstanden endlich, da man ihn, weil er in Hofdienste trat und sich adeln ließ, des Abfalles beschuldigt hatte. Als Dichter von mehr formaler als schöpferischer Kraft, zum Politiker in jeder Beziehung untanglich, hatte er nichts gewollt und erstrebt, als kraft seines Geistes sich selbst eine bequeme Lebensbahn zu schaffen und allen Anderen, Groß wie Klein, Vornehm wie Bürgerlich, die Ueberlegenheit zu beweisen, welche sich aus dem Vereine einer blendenden literarischen Vielseitigkeit mit eleganter Weltläufigkeit ergiebt. Getäuscht hat er Niemanden als vielleicht sich selbst; denn es ist gewiß, daß er schließlich mit der Gestaltung seines Lebenslaufes keineswegs zufrieden war und daß er, je mehr ihm das Dasein sich neigte, sich selbst herber belächelte, als die Anderen. Soll man daraus einen Tadel herleiten, daß er nicht künstlich zu geben trachtete, was er von Natur aus nicht besaß? Daß er nicht sittliches Pathos, nicht politische Ueberzeugungstreue heuchelte, da sein ganzes Wesen ihn drängte, ästhetische Befriedigung zu suchen und in feinster Aeußerlichkeit, statt in formloser Vertiefung aufzugehen?

Die Menschen, welche mit ihm verkehrten, wissen, daß er sich selbst nicht verkannte. Es war ihm oft zum Weinen, während er lächelte, und wie alle Pessimisten konnte er wahrhaft grausam sein gegen die Anderen, die er tief unter sich zu sehen vermeinte, ohne daß ihm irgend welche böse Absicht die Worte eingab.

Ein Schauspieler kam, um sich zu beschweren, daß der Theaterdiener ihm alle Rollen abgefordert.

„Haben Sie ihm die Rollen gegeben?“

„Gewiß, Herr Director; er sagte: auf Befehl.“

„Nun, dann sind Sie ja außer aller Verantwortung.“

Heinrich Laube entwickelte ihm einst seine theatralischen Zukunftspläue mit feuriger Beredsamkeit. Dingelstedt hörte aufmerksam zu; dann unterbrach er plötzlich den Sprecher:

„Mir scheint, Sie nehmen die Sache ernst?“

Ein hervorragendes Mitglied des Burgtheaters kam, um Beschwerde zu führen, daß ihm ein anderes Mitglied eine Rolle weggeschnappt hatte. Kaum hatte er begonnen, so fiel Dingelstedt ihm in die Rede:

„Sie wollen mir Grobheiten sagen; da haben Sie Tinte, Feder und Papiere schreiben Sie Alles auf! Da können Sie mir mehr sagen, und Ihnen wird leichter werden.“

Der tägliche Verkehr mit großen und kleinen Schauspielern und Schauspielerinnen, die Sorge um die Scheinwelt der Decorationen und Coulissen sind eben nicht geeignet, die Anlage zum Spotte in einem hervorragenden literarischen Manne zu mindern, wie sie auch die dichterischen Gaben, die er besitzt, eher zu zerstöreu als zu fördern vermögen. Es ist kaum irgend etwas charakteristischer für das gleiche Maß von Ironie, mit welchem Dingelstedt sich selbst und die Anderen bedachte, als das Wort, das er einst einem Journalisten sagte, der von ihm für eine lobende Recension bedankt sein wollte: „Sie glauben gar nicht, mein Freund, wie viel Lob ich vertragen kann.“

Und trotz alledem war in diesem malitiösen Spötter bis in die letzten Tage seines Lebens ein stark patriotischer Zug, der bisweilen fast ergreifend zum Ausdrucke kam. Hatte die Politik ihm niemals unmittelbar die Seele bewegt, so wurde er sich doch in verstärktem Maße seines Deutschthums bewußt, da in diesen jüngsten Zeiten die Slaven in Oesterreich sich ungeberdig in den Vordergrund drängten, und in einer poetischen Mahnung an seine Enkel schrieb er halb stolz, halb müde:

„Ein babylon’scher Sprachenbrei,
Was soll Großvaters Deutsch dabei?
Doch Ihr erlebt, wenn’s Gott gefällt,
Daß deutscher Geist beherrscht die Welt.
Dann ruft Ihr hoch- und wohlgemuth:
In uns auch fließt das deutsche Blut.
Der Großpapa, nun manches Jahr
Schon todt, ein deutscher Dichter war.“

So geht, wie immer er auch beschaffen sein mag, durch des Dichters Herz der Riß der Welt. Und ein deutscher Dichter war Franz Dingelstedt trotz der Verwandlung aus dem „kosmopolitischen Nachtwächter“ in den österreichischen Baron. Die Orden und Decorationen vermodern mit seinem Leibe in dem kühlen Verließ unter der Erde, aber es wird ja nicht immer so sein, daß es einem Dichter als undeutsch erscheinen wird, in Oesterreich zu leben. Heute mag es diesen Anschein haben; denn es ist wenig Anlaß zu nationalem Stolze für die österreichischen Deutschen vorhanden. Doch der Dichter ist ein Prophet. Wenn’s Gott gefällt, so erleben die Enkel, daß deutscher Geist die Welt beherrscht - und ein liberaler deutscher Geist! Denn leider darf man sich nicht verhehlen, daß es eine illiberale Zeit war, die traurige Jugendepoche Dingelstedt’s, die Epoche der Blüthe des deutschen Bundes, welche manche glänzende Begabung nach kurzem Aufleuchten zerstörte oder von der rechten Bahn ablenkte. Sie ist verantwortlich für Alles, was Dingelstedt seinem Volke schuldig blieb. Er besaß, wenn wir ihm auch eine eigentlich schöpferische Kraft bereits absprachen, manches was zum Poeten gehört ein wunderbares Formgefühl, eine leicht erregbare Empfindung, eine vortreffliche Darstellungsgabe, ein hohes Maß von Bildung - nur die Fähigkeit, zu dulden, fehlte ihm. Und gerade die mußte ein deutscher Dichter vor vierzig Jahren besitzen um nicht zu irren. Sie sind ja nun Alle todt bis auf Zwei, die in jenen Zeiten gesungen und gelitten. Innerhalb eines Jahrzehnts sind sie hingegangen, zuerst Prutz, dann Hoffmann von Fallersleben, Herwegh, Freiligrath, nicht „ohne Spur“, wie Herwegh ergreifend klagte, aber allerdings mit „stückweis gebrochenem Herzen“. Nur Gottfried Kinkel lebt und Einer, der nicht ganz [416] dieselbe Bahn mit ihnen wandelte, Emanuel Geibel. Das „Elend“, welches Dingelstebt’s „Kraft brach“, war ein glänzendes Elend, beschienen vom Lampenlicht, durchweht von Hofluft, die noch selten einem deutschen Dichterleben gedeihlich war. Nicht mehr als Parias, als Märtyrer mit dem Kainszeichen auf der Stirn wandeln unsere Poeten durch die Welt, und das ist gut, aber sie werden auch zu Hof- und Weltmännern niemals taugen, und auch das ist gut; denn der Dichter gehört dem Volke, dessen Lust und Leid zu singen er berufen ist. Kein Minnesold, aus den Höhen der Gesellschaft empfangen, mag sich mit dem Dichterlohne vergleichen, den das Volk zu spenden hat. Mit Unsterblichkeit lohnt das Volk; mit Orden und Titeln lohnen die Könige. Was bliebe einst vom Hofrath, vom Baron, wenn das deutsche Volk sich nicht mehr an den Dichter in diesem Hofrath und Baron erinnerte?

Wenn indessen auf dem Dichterpfade Franz Dingelstedt’s nicht alle Knospen aufsprangen, wenn man nach „Nachtwächters Stillleben“ und „Nachtwächters Weltgang“ lang und bang zu warten hatte, bis hier und da wieder ein Ton, so rein und so fein wie ehedem, von Dingelstedt’s Lippen kam, so hat er dagegen als Theaterdirector jeder Erwartung genügt, wenn nicht alle übertroffen. Und hier darf man, ob man auch im Uebrigen vielleicht das Verdienst um das Theater nicht in der ersten Linie der Verdienste um Cultur und Literatur erblicken mag, von dem hessischen Schulmeister sagen, daß er einen schier phänomenalen Weg gemacht. Man braucht in dieser Richtung nur anzudeuten, um Dingelstedt gerecht zu werden.

Als dramatischer Schriftsteller hat er sich mit einer Tragödie „Das Haus der Barneveldt“ herausgewagt; Viele meinen, dieselbe lasse tief bedauern, daß Dingelstedt nicht auf der Bahn des dramatischen Schriftstellers ausharrte, Andere stellen das Stück nicht hoch, und ihnen scheint die Factensprache des Repertoires völlig Recht zu geben. Dem sei indessen wie ihm wolle! War Dingelstedt kein Bühnendichter, so war er doch ein Bühnenleiter von seltenem Können. Und man begreift deshalb, warum die Großen und Vornehmen dieser Erde des Zauberkünstlers habhaft zu werden suchten, der die Welt des Scheines und der Bretter mit neuem Glanze belebte, warum andererseits die Finsterlinge ihm, dem „kosmopolitischen Nachtwächter“ von damals, die Gunst der Höfe zu rauben, zu vergiften trachteten. Als er in München mit Dönniges und General von der Tann zu den Günstlingen des Königs Max gehörte, ward durch das Baierland von den Ultramontanen der lateinische Spruch verbreitet:

A doubus D
Et uno T
Liberi nos, Domine!
(Von zweien D
Und einem T
Befreie uns, o Herr!)

In Weimar nannte ihn die knirschende Auflehnung eingerosteter alter Bühnenpraktiker nicht anders als „Herr von Dünkelstedt“. Auch in Wien hat er bei aller Glätte sich niemals in vollen Einklang mit den Stimmungen des Hofes zu setzen vermacht, weil er nicht seine ganze Persönlichkeit gegen die höfische Gunst dahin geben wollte und weniger zu geben dem Hofmanne nicht erlaubt ist, zumal wenn er eine demokratische Vergangenheit vergessen zu machen hat. Dingelstedt ist Director des Wiener Opernhauses gewesen, als er Director des Burgtheaters sein wollte, und Director des Burgtheaters, als er mit seinem ganzen Ehrgeiz darnach strebte, die Leitung beider Bühnen in seiner Hand zu vereinigen. Erst als die tödtliche Krankheit seine Kraft aufzuzehren begann, nahte ihm die Erfüllung seines Traumes; er sollte sich ihrer nicht mehr erfreuen.

Seines Traumes? Hat der Pessimist überhaupt geträumt?

Nun er ist immer just das nicht gewesen, was er gerade sein wollte, Baron, aber nicht Mitglied des Herrenhauses, Hofrath, aber nicht Intendant, Günstling der Großen, aber nicht Diplomat. Darin bestand sein Leid, das ewige Ach und Weh seines Ehrgeizes, und es ist schlechthin unräthlich, seine Ironie und Selbstverspottung als etwas zufällig Individuelles anzuschauen. Er hat mehr gewollt als gekonnt, weil man so verstockt war, ihm den „Nachtwächter“ nicht vergessen zu wollen, weder oben noch unten. Von oben betrachtete man ihn mit Mißtrauen; von unten hieß man ihn nicht selten einen Renegaten. Die Leute sehen einem ja nicht in’s Herz; sie wissen nicht, was darin vorgeht. Aber Hindernisse dort und hier zu finden, dort, wo man in dem engen Cirkel der Gymnasiallehrerexistenz nicht verbleiben wollte, hier, wo man trotz aller äußeren Ehren nicht als voll angesehen wird, das macht bitter, hart gegen sich und Andere. Nennt man sich nicht rund heraus den „Pechvogel aus Kurhessen“, so persiflirt man im Voraus seinen eigenen Tod.

„Gebt mir ein Dutzend Trauerspiele,
Die ich zum Einschlaf stets bedarf,
Zündhölzchen, Bürsten, Gänsekiele,
Mir niemals, Andern oft zu scharf,
Den Schwamm, Vergangnes auszuwischen,
Ein Glas, aus dem man Lethe trinkt,
Auch Kölner Wasser zum Erfrischen,
Wenn’s drunten wie hier oben stinkt!“

Der Dichter verpfändet eben mit den ersten Liedern, die er seinen Volke singt, seine Zukunft; er gehört sich selbst von dem Augenblicke nicht mehr an, da sein Volk ihm seine Lieder nachsingt. Und wenn er dann auch sich in den berühmten Theaterdirector verwandelt, wenn ihm anscheinend alle Blüthenträume gereift sind, er fühlt doch in seinem Innern, daß er sich selbst fremd geworden:

„So wärme dich am fremden Herde;
Denn einen eignen hast du nicht,
Und sprich von deiner Muttererde,
Wo man in fremden Zungen spricht.“

Auch der andere von den beiden großen deutschen Theaterdirectoren der letzten dreißig Jahre, Heinrich Laube, war mit seinem Wirken auf die Kaiderdtadt an der Donau angewieden, weil nun einmal hier das erste deutsche Bühneninstitut vorhanden und der Sinn der Wiener Bevölkerung wohl mehr als der in irgend einer andern Großstadt dem Theater zugewendet ist. Auch Heinrich Laube hat seinen vollen Antheil an der Bühne des Burgtheaters. Aber Laube ist eine Art Puritaner, wo Dingelstedt der farbendurstige, abwechslungsdedürftige Weltmann war. Laube hat die innere Nöthigung empfunden, seine Acclimatisirung an Wien zu erklären, und es ist oft beinahe erheiternd, wie er sich zu erweisen bemüht, daß in seiner schlesischen Heimath ein engerer geistiger Zusammenhang mit Wien als mit Berlin bestehe. Dingelstedt ist solchen Reflexionen scheu aus dem Wege gegangen, nur bisweilen brach es ihm wie ein Ton ängstlicher Sehnsucht aus der Seele, sei es, daß er, wie in den „Liedern aus der Fremdenlegion“, den Schmerz des Heimwehs vorausahnend empfand:

„Wohin uns auch das Schicksal treib’,
Es dorre uns die Hand am Leib,
Die gegen dich zum Muttermord
Sich hebt, trotz Werbung und Accord -“

sei es, daß er, wie am 1. August 1866, dem Könige von Preußen mit ergreifendem Pathos zurief:

„König von Preußen, du mußt sterben,
Als deutscher Kaiser aufzustehn!“

Heinrich Laube hat Talente entdeckt und sie sprechen gelehrt. Sonnenthal, Lewinsky, die Wolter. Es blieb in dem „Jungdeutschen“ immer etwas Lehrhaftes aus seiner Theologenzeit; die Bühne galt ihm als eine Kanzel. Franz Dingelstedt, der die Sängerin Fanny Lutzer zur Frau nahm und von Anfang an dem operistischen Elemente auf dem Theater zuneigte, hat die Bühne zu einer Augenweide gemacht, ohne das wirksame Element des Wortes dabei zu verkürzen; er erzielte lange vor den Meiningern die glänzendsten scenischen Massenwirkungen in der Wiener Hofoper, und als er zum Burgtheater übertrat, brachte er die Intentionen des Weltmannes mit, der nicht blos gut und richtig, sondern auch sein und belebt sprechen hören will, dem es nicht genügt, die Einbildungskraft des Parterres durch ärmliche Andeutungen zu spannen, sondern der es vorzieht, der Illusion auf halbem Wege entgegenzukommen, und ihr nicht zumuthet, ein Boudoir oder einen Salon sich vorzustellen, die ebenso gut eine Küche oder ein Vorzimmer sein könnten.

In der ganzen Art seines Kunsttriebes war es begründet, daß Dingelstedt im Burgtheater das Conversationsstück zu üppiger Blüthe brachte, und es verschlägt dabei wenig, daß er L’Arronge und Moser in den Kreis hineinzog. Der Theaterdireetor, welcher die Gegenwart vernachlässigt, ist kein geschickter Mann, und wenn diese Gegenwart nun einmal die Grenzen zwischen Lustspiel, Posse, Schwank zu verwischen liebt, so begeht sie eine ästhetische Sünde, nicht er. Es bleibt dennoch ein Ruhm Dingelstedt’s, daß in dem Burgtheater auch mittelmäßige Stücke durch die Kunst der Darstellung wirksam erhalten werden. Nicht weniger schief ist es, zu behaupten, Dingelstedt’s Theaterleitung sei parallel mit dem [417] Verfalle des deutschen Bühnenwesens gegangen, indem sie das Hauptgewicht auf Schaustellungen und Aeußerlichkeiten gelegt habe.

Ueber das Maß dessen, was zum vollen Genusse des Gebotenen unerläßlich war, ist das Burgtheater doch nicht hinausgegangen, und in der Wiener Hofoper, welche Dingelstedt durch vier Jahre leitete, bei Aufführung des „Tannhäuser“ und „Lohengrin“, war die Entwickelung von Pracht und Pomp völlig angebracht. Der Verfall des deutschen Theaters hat andere Gründe; die großen Schauspieler starben aus, und der Nachwuchs begabter dramatischer Dichter ist dürr und spärlich. Das zu ändern liegt nicht in eines Theaterdirectors Hand.

Wohl aber wird unvergeßlich bleiben was Franz Dingelstedt [418] dem deutschen Theater durch Musterausfführungen, Neubearbeitungen und Inscenirungen geleistet hat. Kaum war er vom württembergischen Hofrath und Bibliothekar zum Intendanten des baierischen Hof- und Nationaltheaters emporgestiegen, so veranstaltete er jene vielbesprochenen und vielbesuchten Musteraufführungen der dramatischen Meisterwerke Goethe’s, Schiller’s und Lessing’s, an denen die hervorragendsten Schauspielkräfte Deutschlands sich beteiligten. Und als er - man lese darüber seine reizenden „Münchener Bilderbogen“ nach - mit dem Reugelde eines Adelstitels in München verabschiedet ist, führt er, zum Generalintendanten in Weimar ernannt, zur Feier des Schiller-Tages den ganzen Cyclus der größeren Dramen Schiller’s auf, zur Feier des Shakespeare-Jubiläums dann auch die historischen Dramen des unvergleichlichen Briten. Da hat er denn, wie auch später in Wien, gezeigt, was es mit den vielangefochtenen Aeußerlichkeiten auf der Bühne für eine Bewandwiß hat. Ohne sie und die seine Nachhülfe in der Bearbeitung, welche ihm zu danken ist, wären die Shakespeare’schen Historien geblieben, was sie bis dahin waren. Anachronismen, an denen die Gegenwart sich nicht mehr zu erwärmen vermochte. Er hat Großartiges auch mit Goethe’s „Faust“ geplant, den er für die Bühnenaufführung trilogisch einrichten wollte. Der Tod ist rauh dazwischen getreten, und es blieb nichts als der Umriß in der „Faust-Studie“ übrig, den ich ihn einst selbst mit hinreißender Beredsamkeit vor einem auserlesenen Publicum entwickeln hörte; denn er war auch ein Vortragsmeister von seltener Virtuosität, und wenn er sprach, so zeigte sich erst, wie er zu lehren verstand.

Die Trauerfahne ist längst wieder von dem grauen Gemäuer des Burgtheaters verschwunden. „Die Raben flattern aus, aber zu früh,“ sagte Franz Dingelstedt auf seinem schmerzensreichen Krankenbette, als zahlreiche Anfragen über sein Befinden einliefen. Jetzt flattern sie nicht mehr, aber auch er ist fort. An einem Frühlingsmorgen ward der Siebenundsechszigjährige hinweggenommen. „Wer wird sein Nachfolger werden?“ fragt man sich in Wien; denn es giebt kein volksthümlicheres Institut in der Donaustadt als das Burgtheater, und keine artistische Sorge ist dort größer als diejenige um das alte Haus am Michaeler Platze. Ja, wer wird Dingelstedt’s Nachfolger werden? Wer kann es werden? Was er der deutschen Literatur geschenkt, das liegt beschlossen in einer schönen Gesammtausgabe von zwölf Bänden; was er dem deutschen Theater gewesen, soll erst noch von berufenem Munde gesagt werden. Als in Wien vor Jahr und Tag eine Autographen-Festschrift erschien, da schrieb er - es war gerade um die Zeit, da er Grillparzer’s Lustspiel „Weh dem, der lügt!“ zu neuem theatralischen Leben erweckt hatte - auf seinem Krankennette die Worte nieder: „Weh dem, der liegt!“ Das war der alte Pessimist, der an sich und die Welt nicht glaubte. Aber die Welt hat an ihn geglaubt, die Welt nämlich, welche die Wände des Burgtheaters umschließen, und das ist die gesammte deutsche Theaterwelt. Und diese Welt darf zweifeln, daß Franz Dingelstedt einen Nachfolger finden werde, der es ihm gleichthut. Dichter und Theaterdirector in Einer Person - wo findet sich heutzutage diese Vereinigung, die das Geheimniß war von Franz Dingelstedt’s fruchtbarem Wirken?