Dem Andenken zweier deutschen Eroberer

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Titel: Dem Andenken zweier deutschen Eroberer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 185-187
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Erinnerung an die Afrikaforscher Heinrich Barth und Adolph Overweg
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[185]
Dem Andenken zweier deutschen Eroberer.

„Während der Löwe noch als König der Wüsten Afrika’s durch die Nacht brüllt, und am Tage die schwarzen und braunen Stämme von Menschen sich gegenseitig berauben, bestehlen, verkaufen und morden, haben ein halbes Hundert von Europäern die ersten Kulturstraßen durch die Wüste und von allen Seiten nach dem Innern geschlagen. Bald wird die Bibel und der Baumwollen-Ballen, der Missionär und der Palmöl-Reisende [1] folgen, und das von der Seele der Segel oder dem Dämon des Dampfes beschwingte Schiff Alles bieten, was den neu- und wißbegierigen Civilisationstrieb dieser bisher von der Kultur ausgeschlossenen Stämme befriedigen, ihr Leben veredeln und ihre Menschenwürde ausbilden mag. Wissenschaft und Geschichte werden sich diese zum ersten Male gezeichneteten[2] Fußstapfen der ersten central-afrikanischen Apostel merken. Und kräftige Jahrzehende mögen dankbar und in gebührender Andacht vor den einsamen Gräbern bei Maduari und Ungurutua stehen bleiben, in welche die ersten Opfer der heldenmüthigen Aufgabe, das Innere Afrika’s für den neuen, frischen Blutumlauf einer rund um die Erde fließenden Menschheits-Kultur zu erobern – ein Engländer und ein Deutscher – Vertreter dieser Grenzen verachtenden Kultur – versenkt wurden.“[3]

[186] Als ich eine Uebersicht der bisherigen Entdeckungen und Expeditionen Richardson’s, Barth’s, Overweg’s und Vogel’s in Afrika mit diesen Worten in einem andern Journale schloß, dachte ich nicht daran, daß sich jene beiden einsamen Grabhügel so bald um einen dritten vermehren würden, denn der nun ebenfalls verstorbene Hauptheld, Dr. Barth, war eben in Timbuktu, jener fabelhaften Hauptstadt im Innern Afrika’s, wohin noch kein Europäer gedrungen war, angekommen, um seinen Entdeckungen und Forschungen die größte wissenschaftliche Abrundung zu verschaffen. Sie waren schon damals bedeutender als die aller andern vierundzwanzig englischen Forschungsreisenden in Afrika zusammen genommen. Durch ihn und seine drei Freunde war A. Petermann in London in den Stand gesetzt worden, tausende von Geviertmeilen im Innern Afrika’s, bis dahin ganz leere, weiße Stellen auf den Karten, mit Staaten, Städten, Dörfern, Flüssen und Gebirgen in geographischer Genauigkeit und technischer Meisterschaft zu bevölkern. Durch sie war die englische Regierung in den Stand gesetzt worden, eine große Dampfschiff-Expedition auszurüsten und durch Flüsse, die vorher noch Niemand geahnt, nach dem Innern zu richten, wo die Sonne das Palmöl kocht, aus dem London für die halbe Welt Lichter zieht, ohne durch den ausgebliebenen russischen Talg incommodirt zu werden.

Dr. Heinrich Barth.

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Adolph Overweg.

Dr. Barth war im Anfange des vorigen Jahres nach einer heldenmüthigen Reise durch unbekannte, hundertmeilige Strecken und feindliche, fanatische Völker in Timbuktu angekommen. Sein Brief von dort, der im März ankam, war ein wissenschaftliches Ereigniß, in alle europäischen Sprachen übersetzt und in allen geographischen Gesellschaften vorgetragen. In diesen Briefen theilte er seinen Entschluß mit, Timbuktu nach siebenmonatlichem, doppelt lebensgefährlichem Aufenthalte wieder zu verlassen. Körperlich und in moralischer Kraft ein Held, kämpfte er fortwährend nicht nur mit dem Klima, sondern auch mit dem muhammedanisch-religiösen Fanatismus der Bewohner, gegen deren religiöse Mordlust ihn nur Briefe von afrikanischen Staatsoberhäuptern und das ausgesprengte Gerücht retteten, daß er Gesandter eines gläubigen Herrschers sei und er selbst Allah für groß und Muhamed für seinen Propheten halte. Bis jetzt ist nichts Näheres über seinen Tod bekannt. Erst Dr. Vogel aus Leipzig, der inzwischen durch die große Wüste im Innern, am Tsadsee angekommen war, wird mit der Zeit bestimmtere Auskunft geben können. Er schickte einen Bevollmächtigten nach Timbuktu, um dessen Papiere und wissenschaftliche Hinterlassenschaft in Anspruch zu nehmen. Erst durch diese und Nachrichten von Ort und Stelle wird es möglich werden, dem kühnen, tapfern, großen Forscher und wissenschaftlichen Eroberer ein würdiges Denkmal zu setzen. Wahrscheinlich ist er im Mai oder Juni 1854 am Klima gestorben, wie sein Freund Overweg, wie sein englischer Freund Richardson, wie ein Reisegefährte Dr. Vogel’s, Mr. Warrington.

Dr. Heinrich Barth war ein Hamburger, geboren am 19. März 1821, starb also in seiner kräftigsten Mannesblüthe, ein Opfer von Heldenthaten und Eroberungen, deren Pfade nicht mit Schlachtfeldern und Leichen, verwüsteten Städten und verbrannten Dörfern bezeichnet wurden, sondern mit dem ersten Aufblühen des Kulturlebens unter umnachteten Völkern, durch die bedeutendsten Revolutionen im Cannabich, im Atlas, in den geographischen Gesellschaften, in Handel und Industrie. Möge eine liebende Schwester, die so sehr seiner Rückkehr entgegen hoffte, einigen Trost darin finden, daß er als ein solcher Eroberer seinem großen Zwecke erlag. Es kommt für solche Verdienste nicht auf die Zahl der Jahre an, obgleich wir fühlen, daß das Herz in solchem Troste keinen genügenden Halt finden kann.[4]

Das Portrait des Verstorbenen, nach einer Photographie, verdanken wir Herrn A. Petermann für den Zweck der Veröffentlichung in diesen Blättern, eben so das Overweg’s.


Adolph Overweg, geboren am 24. Juli 1822, erlag am 27. September 1852 in Maduari bei Kuka am Tsadsee einem Fieber in Folge einer im wissenschaftlichen Eifer unbeachtet gelassenen Erkältung.

Um in gedrängtester Kürze eine Vorstellung von den Verdiensten der beiden Verstorbenen zu geben, machen wir darauf aufmerksam, daß die drei Reisenden zusammen (ohne die neuesten Vogel’s) etwa 500 geographische Meilen mehr, also die ganze Länge Afrika’s beträgt, im Innern durch Wüsten und noch nie von Europäern betretene Strecken in den verschiedensten Richtungen forschend und entdeckend zurücklegten, im Ganzen über 1200 geographische Meilen. Die Hauptergebnisse dieser Reisen sind vorläufig (ohne die befruchtenden Folgen, die sich daraus entwickeln) genauere Kenntniß eines großen Theils von Nordafrika und der vorher noch nie durchwanderten Sahara, Entdeckungen im Lande der Tuariks, vom 15. bis zum 26. Grade nördlicher Breite nomadisch und kriegerisch auf Kameelen die Wüste durchstreifen, und des Königreichs [187] Aïr oder Asben, das gerade wie ein Ei im Wüstensande zwischen dem 17. und 20. Grade (6. und 8. Länge) als Gebirgsland sich erhebt; die Entdeckungen innerhalb der ungeheuern Ausdehnungen zwischen Guber und Mariadi im Westen, und Darfour im Osten vom 5. bis zum 15. Grade des Aequators, besonders in den Staaten Sudan, Bornu, Fumbina (Adamana), Bagirmi, den Fellata-Districten u. s. w., lauter Ländern, in welche vorher noch kein Europäer eingedrungen war. Das Verdienst, hier zuerst als Pioniere der Civilisation erschienen zu sein, gebührt ausschließlich Barth und Overweg. Die von ihnen zuerst empfangene geographische, geologische, hypsometrische, philologische und ethnologische Kenntniß dieser Länder und Völker bildet nicht nur eine neue Epoche in der geographischen Wissenschaft von Nord- und Centralafrika, sondern auch in der Geschichte des bis daher verschlossenen afrikanischen Continents. Der von Barth entdeckte Fluß im Innern (Benué) hängt wahrscheinlich mit den Flüssen Chadda und Kowara zusammen, welche sonach aus dem Golf von Guinea, in welche sie mit vielen Armen münden, viele Hunderte von geographischen Meilen in das tiefste Innere des ungeheuern Welttheils führen und als bereits geebnete Handels- und Civilisationsstraßen einer unabsehbaren Entwickelung von Palmöl-Pflanzungen, von blühenden Städten und Dörfern an ihren üppig blühenden Ufern hin fähig sind. Die jetzt mit näherer Erforschung jener Flüsse beschäftigte Dampfschiff-Expedition giebt bereits nach den bisher eingetroffenen Nachrichten Hoffnung, daß sich Barth’s Vermuthung bestätigen und somit auf einmal der Schlüssel in das Herz Afrika’s gefunden sein werde.

Die Ergebnisse eines langen Verkehrs unserer Reisenden mit den Hauptvölkern dieses Theiles von Afrika, den Tuariks, Fellata’s, Bornuesen und andern braunen, berberischen (nicht Neger-) Völkern reichen als Anknüpfungspunkte für Missionäre, Industrie und Handel sprachlich und ethnologisch vollkommen hin. Mächtiger als alle kirchlichen und künstlichen Bekehrungs- und Civilisirungsversuche ist das Interesse und der Trieb jener Völker, Produkte und Fabrikate der europäischen Industrie kennen, gebrauchen und erwerben zu lernen. Hunderte von Meilen weit laufen sie schon durch brennenden Sand mit einem Säckchen voll Palmölfürchten, um sich ein Stückchen Kattun, Zeug zu ein Paar Nankinghosen, einen Spiegel, zu klein als daß man die Nase auf einmal darin sehen könnte, und sonstige Kleinigkeiten einzutauschen. Eine afrikanische Dampfschiffsgesellschaft, welche das Palmöl tausendtonnenweise holt, um die große Stearinkerzenfabrik in London zu versorgen, bezahlt die dortigen Könige auch schon mit gußeisernen Häusern. Der Trieb, sich mit diesen Bequemlichkeiten und Schönheiten des Lebens zu versehen, ist bei diesen Völkern, großen Kindern, so mächtig, daß sie ihre Sclavenjagden und Räubereien vergessen und eifrig friedliche Palmöl-Kultur treiben.

Unter den vielen einzelnen und gemeinschaftlichen Reisen Barth’s und Overweg’s ist die des letzteren in den auf lauter Inseln des Tsadsees verstreuten Staat der Bidduma’s jedenfalls die interessanteste. Die Reisenden hatten ein ganzes Boot in Stückchen, auf Kameelen durch die Wüste Sahara mitgebracht und es am Ufer des Tsadsees von arabischen Zimmerleuten wieder zusammenfügen lassen. Auf diesem Boote, dessen lustig-schwellende Segel die Bewohner wie ein Wunder anstaunten, stach Overweg am 28. Juni 1851 in den bis dahin noch völlig unbekannten Tsadsee und fuhr darin zwischen einem unendlichen Labyrinthe von großen und kleinen, üppig mit Bäumen, Blumen und seltsamen Pflanzen geschmückten Inseln bis zum 8. August umher, umtanzt und umjauchzt von freudig aufgeregten, neugierigen, schwarzbraunen Biddumanern und deren weiblichen Schönheiten, die nach einem an Herrn Petermann mit eingesandten Portrait der Frau eines hochgestellten Biddumaners zu schließen, wirklich nicht übel aussehen, wie sie dann eben so naiv als gefällig und ungenirt in ihrem Benehmen waren.

Die Bidduma’s waren durchweg ungemein gefällig und zuvorkommend gastfreundschaftlich gegen den ersten Weißen und Weisen, der unter ihnen erschien. Der König war ihm sogar entgegengefahren, um ihn vom Gestade abzuholen, aber zu spät gekommen. Sie führten ihn auf den verschiedenen Inseln in die schönsten Gegenden, halfen ihm sein Zelt aufschlagen, brachten ihm Milch und Früchte und was sie sonst von ihren Produkten bieten konnten. Und doch sind sie ein professionirtes Volk von Räubern, das Rittervolk Mittelafrika’s. Wenn sie Geld, d. h. Vieh brauchen, fahren sie nach den Gestaden ihres Sees und nehmen den Bewohnern weg, was sie bekommen können. Dies ist kein Krieg, sondern nur eine Art von unorganisirter, barbarischer Steuereintreibung.

Ein schöner Menschenschlag sind diese Bidduma’s, lebendig, rührig, ritterlich, schwarzbraun, spitznasig, mit kleinen Einschnitten unter den Schläfen, mittelmäßig groß, anständig in dunkle Ueberwürfe gekleidet, reichlich geschmückt mit rothen und weißen Perlen und Elfenbeinschnitzwerk. Das weibliche Geschlecht hat geflügelte Köpfe, sie tragen zwei bunte Schmetterlingsflügel am Hinterkopfe von fünfzehn Zoll Länge. Die Waffen der Männer bestehen aus Lanze und Speer, womit sie gegen Krokodil und Flußpferd Jagd machen und Steuern einnehmen. Ihre Flotte besteht aus Booten von Bohlen oder Schilf ohne Segel, da Stangen in dem größtenteils sehr seichten (aber ziemlich 100 Meilen breiten) See zur Bewegung hinreichen. Sie sind fabelhaft geschickte Schwimmer. Sie bauen Baumwolle und verarbeiten sie selbst zu allerhand Zwecken, und treiben Viehzucht mit Rindern, Ziegen und Pferden, aber mehr „Allotria“ in Tanz und allgemeiner Heiterkeit auf den üppig blühenden, dicht gestreuten Inseln. Die heiße Sonne producirt hier auf üppigem Boden mehr, als der anhaltendste Fleiß der Scholle in unserm nördlichen Klima abringen kann, und wenn dort erst Kultur, Handel und Gewerbe eingedrungen sind, wird man die Natur unerschöpflich finden, obgleich sie auch Hunderte von Quadratmeilen stets so durchglüht, daß nur das „Schiff der Wüste“, das Kameel, und der darauf sitzende, gegen die Sonnengluth dicht in Wolle gewickelte Tuarik sich hindurch wagen kann.

In den türkisch-russisch - französisch - englischen Schlachten und noch mehr an Cholera und englisch-aristokratischer Diplomatie fielen voriges Jahr in runder Summe und gering angeschlagen etwa 50,000 Jünglinge und Männer. Haben die Lebenden, die Civilisation, die Wissenschaft, die wirklichen Interessen unsers Jahrhunderts für diese ungeheurere, dem Tode bezahlte unfreiwillige Steuer einen Gegenwerth erhalten, der mit dem Preise, wofür zwei deutsche Jünglinge ihr Lebens auf’s Spiel setzten und verloren, in einem entsprechenden Verhältnisse stände? Gält’ es wirklich und ehrlich die Civilisation, d. h. die Interessen der gebildeten Menschen dieses Jahrhunderts, dürften nach der furchtbaren Geschäftsweise der Geschichte 50,000 Menschenleben nicht zu viel sein. Aber: was hat man erreicht? Was wollte, was will man erreichen? Ach, ihr habt 50,000mal das höchste Eigenthum von Menschen muthwillig, liederlich, böswillig, tückisch verspielt und verschleudert und dabei selbst nur verloren, verloren in Ewigkeit, Alle nur verloren. Wie schön und edel erscheinen dagegen die in der großen Masse noch wenig beachteten Eroberungen der beiden deutschen Helden im Herzen eines neuen (des neuesten) Welttheils, wie unendlich groß und segensreich in der Zukunft der Werth, wofür sie ihr Leben hingaben!

Die Deutschen brauchen sich ihrer Neutralität in dem so verdiplomatisirten Kriege nicht zu schämen, während sie alle der Eroberungen zweier ihrer verstorbenen Helden freuen können, an deren Ruhme kein edeles Menschenblut klebt, sondern nur das schönere Roth einer vielen unbekannten Staaten und Völkern aufgehenden Lebenssonne.


  1. Vergleiche: „russischer Krieg – afrikanisches Friedensöl“ in Gartenlaube Nr. 30 von 1854.
  2. Das große, wissenschaftliche, auch in technischer Beziehung brillante Werk von A. Petermann, im Auftrage der englischen Regierung nach den Forschungen und Berichten Barth’s, Overweg’s, Richardson’s und Vogel’s in chromolithographischen Karten und einer historischen Darstellung ausgeführt, ein in Deutschland wohl schwer zugängliches Werk, doch bei Justus Perthes in Gotha, dessen berühmte geographische Anstalt Herr A. Petermann jetzt technisch leitet, noch in einigen Exemplaren vorräthig.
  3. „Magazin für die Litteratur des Auslandes“ Nr. 48 und 49 von 1854.
  4. Herr Petermann hat neuerdings einige Nachrichten erhalten, die den Tod Barths bezweifeln.