Der Fürst und die Bürgerstochter

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Autor: Albert Fränkel
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Titel: Der Fürst und die Bürgerstochter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, 51, S. 823–825, 827, 842, 844, 845
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Über einen Briefwechsel zwischen E. Marlitt und Hermann von Pückler-Muskau im Jahr 1868
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Der Fürst und die Bürgerstochter.


Einige französische Physiologen haben die Behauptung aufgestellt, daß der Mensch mit siebzig Jahren eigentlich noch nicht alt sei. Der Geist erlange vielmehr zwischen dem fünfzigsten und achtzigsten Jahre, bisweilen auch noch später, eine wahrhaft auffallende Spannkraft, Festigkeit und Stärke, es sei dies gerade diejenige Lebensperiode, wo der Mensch auf der Höhe seiner Kraft stände. Unsere gewöhnliche Erfahrung widerspricht leider diesen theoretischen Sätzen, so weit sie als Regel gelten wollen, um so ergriffener aber und ehrfurchtsvoller stehen wir vor den Beispielen wunderkräftiger Lebensenergie, die sie allein aus unserm Jahrhundert für sich anführen können. Auch der erst im letzten Jahre verstorbene Fürst Pückler-Muskau gehörte zu den bevorzugten Organisationen, die der Zeit ihr trauriges Zerstörungswerk unendlich sauer gemacht. Nicht blos weil er über die gewöhnliche Frist hinaus geathmet hat, sondern weil ihm unter dem Schnee und erkältenden Hauch des hohen Alters noch ein zweiter Frühling erblühet war, ein sonniger aus ureigener Lebenswärme quellender Geistes- und Herzens-Frühling in jenen Tagen, wo Millionen schon längst erbleichend das müde und welke Haupt gesenkt.

Fürst Pückler war schon ein Fünfziger, als seine ersten Bücher ein ganz ungewöhnliches Aufsehen erregten und heute schon ergraueten Leuten wie märchenhafte Sagen in die Ohren klang, was sie von der genialen Abenteuerlichkeit, den seltsamen Neigungen und Manieren des ritterlichen Welt- und Wüstenfahrers hörten. Was seitdem länger als dreißig Jahre hindurch an berechtigter Anklage und beißendem Spott, an Aeußerungen der Bewunderung und des begeisterten Lobes über ihn laut geworden, soll uns hier nur wenig beschäftigen. Ein Beieinander von ausgeprägt hervorstechenden und doch einander widersprechenden Eigenthümlichkeiten, von großen und mannigfach schlimmen und auch Aergerniß erregenden Eigenschaften, wie sie in dieser glänzenden und zauberartig [824] wirkenden Persönlichkeit, in diesem so überaus bewegten, beziehungs- und erfahrungsreichen Leben zu einem Ganzen sich vereinigten, bringt nicht jedes Jahrhundert und wohl die Folgezeit niemals wieder hervor. Es ist daher gut, daß ein so denkwürdiges und bezeichnendes, in die Geschichte unserer Zeit so vielseitig verflochtenes Charakter- und Lebensbild der Mit- und Nachwelt nicht verloren geht, daß es bereits mit allen seinen Räthseln, seinen Größen und Schwächen so wahrheitsgetreu geschildert werden konnte, wie es soeben Fräulein Ludmilla Assing in einer ausführlichen Biographie des Fürsten uns vorzuführen beginnt.

Vor uns liegt aber auch ein Buch, das zu den Beiträgen aus dem Nachlasse des „Verstorbenen“ gehört, welche das eben erwähnte Lebensbild ergänzen sollen. Den größeren Theil der Seiten nehmen Briefwechsel ein, die Pückler im Anfange der dreißiger Jahre mit Bettina von Arnim und in den Jahren 1844 und 1845 mit der Gräfin Ida Hahn-Hahn geführt hat. Die Briefe enthalten einen nicht geringen Reichthum an geistvollen Urtheilen, überhaupt sehr viel Interessantes und Charakteristisches. So kurz aber die Zeitspanne ist, welche zwischen dem heutigen Tage und jenem lebhaften Austausch liegt, es weht uns aus dieser Steigerung eines einseitigen Gedanken- und Empfindungslebens doch etwas an wie Verwesungsgeruch einer thatenarmen und todesreifen Epoche, das unfrische Parfüm einer längst vom Zeitsturm hinweggewehten Bildungsaristokratie. Der Gebildete des heutigen Geschlechts hat noch Interesse und ein geschichtliches Verständniß für das brillante Leuchtfeuer, die heißen Dispute jener grübelnden Salon-Titanen, aber fremdartig berührt und mit Unbehagen wendet er sich zugleich ab von dem Gemachten und Gedunsenen in ihrem Wesen, von ihrer forcirten Originalitäts- und Genialitätssucht, ihrer müßigen, aller gesunden und klaren Ziele entbehrenden Ideentrunkenheit, bei der es meistens doch nur um die eitelste Selbstbespiegelung sich handelte, um eine oft bis zu wahnwitzigster Narrheit getriebene Beschäftigung mit dem eigenen Ich.

Lassen wir deshalb den schon aus dem Freiheitsdrange des Zeitgeistes geborenen, aber im Ganzen doch krankhaft überreizten Spuk hier bei Seite. Die immerhin mannigfach als tüchtig bewährte Bettina hat ja längst den prophetischen Mund geschlossen, die von ihr sehr verschiedene genial-emancipirte Gräfin Ida ist mit all ihrem himmelstürmerischen Selbstgefühl im stillen Hafen betschwesterlicher Trivialität gelandet; Pückler aber, der auch einst eine Zeitlang zu den Füßen der beiden Priesterinnen geschwärmt, hat nicht blos den wirklichen Heimgang der Einen und den geistigen Tod der Anderen überlebt, als ein in seiner Wurzel gesunder Stamm hat er auch noch freudig die frische Morgenluft eines neu hereinbrechenden Weltumschwunges begrüßt und von ihrem Hauche gern sich anwehen und verjüngen lassen. Wir wissen, daß er 1866 noch rüstig genug war, als preußischer General den König Wilhelm auf die böhmischen Schlachtfelder zu begleiten. Nach beendigtem Kriege aber zog er sich wieder als Einsiedler in die Abgeschiedenheit seiner herrlichen Neuschöpfung Branitz zurück, und man hat gehört, mit welcher unermüdlich regen und verständnißvollen Theilnahme er hier forschend und studirend allen lebendigen Ergebnissen der Zeitbewegung folgte, namentlich den wissenschaftlichen Befreiungskämpfen auf dem religiösen Gebiete. Aber auch für das künstlerische Schaffen der Zeit, für den poetischen Ausdruck des Protestes gegen eine gebrochene und doch noch gewaltsam sich haltende Welt des Geisteszwanges, der Volksunterdrückung und Menschenentwürdigung hatte der merkwürdige Greis noch eine überaus wache Empfänglichkeit und ein außerordentlich scharfes Auge. Es gab hier keine bedeutende Erscheinung, die nicht in dem fürstlichen Einsiedler auf Schloß Branitz einen eingehenden Kritiker gefunden hätte, und so kam es, daß er im Jahre 1868 sich in seinem Innersten von einer Erzählung getroffen sah, die nichts von jenem sprühenden Raisonnement, jener blitzenden Gedankenphantastik an sich trug, welche er einst an den Ergüssen Bettina’s und den Romanen der gräflichen Mecklenburgerin bewundert hatte.

In den laufenden Nummern der „Gartenlaube“ hatte er das ergreifende Bild aus dem Leben der Gegenwart gefunden, es war Marlitt’s bekanntes „Geheimniß der alten Mamsell“, dieses jubelnde Lied vom Siege der Menschlichkeit und des gesunden Volkssinnes über die hochmüthige und heuchlerische Modefrömmelei der höheren Stände! Je mehr aber der hochbejahrte Aristokrat mit der erregbaren und geisteskräftigen Jugendseele sich bewegt und erschüttert fühlte von dem poesievollen Gehalt und der lebensvollen Wahrheit jenes schlichten Gemäldes, um so mehr wurde er, seiner Natur gemäß, von einer verzehrenden Unruhe erfüllt. Während seines ganzen Lebens hatte er mit der gesammten Welt des geistigen und künstlerischen Schaffens die lebhaftesten persönlichen Beziehungen unterhalten. Und hier waren ihm stille und oft schon freudenarme Tage des Alters durch eine neu aufgetauchte schöpferische Kraft belebt und verschönert worden, die wohlthuenden Athem ihres warmen Lebens in Hütten und Paläste strahlte, aber vor dem Gruße des Dankes und der Anerkennung in scheuer Zurückgezogenheit sich bergen wollte. Noch schwebte über Marlitt’s wahrem Namen und Wohnort ein streng bewahrtes Geheimniß. Pückler wendete sich deshalb an den Redacteur der Gartenlaube und sandte demselben zu gefälliger Weiterbeförderung einen Brief an die Dichterin, der nicht unbeantwortet blieb und die Anknüpfung zu einer in jedem Betrachte anziehenden Correspondenz wurde.

Möge sich das Publicum bei der Verlagshandlung Hoffmann und Campe bedanken, daß ihm dieser Briefwechsel nicht vorenthalten wurde, der ein so beredtes Zeugniß ablegt von dem feinen und stolzen Sinne eines heutigen Bürgerkindes. Wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen, hat Marlitt lange die von ihr erbetene Erlaubniß zur Publicirung dieser niemals für die Oeffentlichkeit bestimmten Privat-Correspondenz mit hartnäckiger Entschiedenheit verweigert und dem Andrängen erst schmerzlich nachgegeben, als nur die in der Copie vorhandenen Lobsprüche Pückler’s ohne ihre Antworten gedruckt werden sollten. Gerade unzähligen Lesern der Gartenlaube aber ist sicher auch durch diesen Einblick in vertrauliche Eröffnungen einer stets so streng hinter ihren Gestaltungen sich bergenden Lieblingsdichterin ein Dienst erwiesen, und diesem großen Verehrerkreise glauben wir willkommen zu sein, wenn wir hier den betreffenden Verkehr durch einige Auszüge zu charakterisiren suchen.

Wir berühren die drei ersten schon sehr interessanten Briefe nur in einigen kurzen Umrissen. In dem ihm wohlanstehenden Tone einer heute ziemlich abhanden gekommenen Galanterie stellt sich Pückler in seinem ersten vom 9. Februar 1868 datirten Schreiben der „Schönen Unbekannten und liebenswürdigsten Schriftstellerin“ als einen „Collegen“ vor und richtet keine geringere Bitte an sie, als daß sie ihm gegenüber ihrer Anonymität entsagen und ihre volle Adresse angeben möge, damit er sie – auffinden und besuchen könne. „Ihre Geschichte ‚Das Geheimniß der alten Mamsell‘,“ schrieb er, „hat mich so gerührt und entzückt, als wenig andere, die ich gelesen, und im Begriff eine lange Reise anzutreten, von der ich schwerlich wieder zurückkommen werde, da mein zweiundachtzigjähriger Geburtstag schon seit zwei Monaten vorüber ist – hege ich den lebhaftesten Wunsch, noch vorher Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Schon am 16. Februar antwortet Marlitt mit bescheidenem und freundlichem Danke, ohne jedoch den ihr ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen, da sie gegenwärtig sehr leidend und an das Zimmer gefesselt sei. Pückler nennt in seiner Erwiderung diesen Brief „diplomatisch“; je mehr er in der Photographie der Empfängerin nur Güte, Geist und heitere Lebendigkeit sähe, um so mehr sei er traurig, seinen Besuch so kurz und bündig abgewiesen zu sehen. Zugleich sendet er sein nach dem letzten Feldzuge in Gala-Uniform gemaltes Porträt und richtet die Bitte an die Empfängerin, sie möge ihn nur „den Verstorbenen“ nennen, ihm aber ihren Vornamen sagen, wie man sie als Kind und junges Mädchen gerufen, und ihm wenigstens eine länger andauernde Correspondenz gestatten, da sie so grausam sei, ihn nicht sehen zu wollen. Mit diesem Ersuchen war die Annäherung auf einen Punkt gediehen, der in der wahrheitsliebenden und zartfühlenden Dichterin ein ernstes Bedenken erregen mußte. Schon früher war ja ihr Roman „Goldelse“ erschienen, und es drängten sich ihr Zweifel auf, ob der Fürst sich ihr überhaupt genähert haben würde, wenn er dieses poetische Manifest gegen den Hochmuth der Adelskaste gelesen hätte. Sie erwiderte:

„An den Verstorbenen. Da steht die Adresse, wie sie gewünscht worden ist; allein das Gefühl und die Feder der Lebendigen sträuben sich gegen diese Bezeichnung – sie soll deshalb zum ersten – und letzten Mal geschrieben sein. Ich liebe [825] das Schattenhafte, Wesenlose überhaupt nicht, und dann bin ich auch praktisch genug, einzusehen, daß ich bei einer solchen Umgangsweise bedeutend verlieren müßte. Was alles darf man dem Lebendigen anthun! Man darf ihn bitter reizen, schmerzlich verwunden, kränken, erzürnen, und geht straflos aus, sobald er keine Injurie oder körperliche Wunde aufzuweisen vermag. Der Verstorbene dagegen trägt den Nimbus der Verklärung über der Stirn, er ist gefeit und unverletzlich, und man muß sich streng hüten, ihm Böses nachzusagen, wenn man nicht für einen sehr ungebildeten Menschen gelten will. Ich bin mithin vollkommen in meinem Rechte, wenn ich, die Bezeichnung als parteiisch verwerfend, mir eine andere wähle, und in Folge dessen besser einen Brief an ‚den Unsterblichen‘ richte. Freilich erscheint auch da mein Standpunkt gewagt und bedenklich – ich stehe gleichfalls einer Strahlenglorie gegenüber – indeß die Unsterblichkeit schließt ja menschliche Schwächen und Leidenschaften nicht aus, wie z. B. der Haß, die Rachsucht der griechischen Götter beweisen; mein unsterblicher Correspondent wäre mir dadurch näher gerückt und ich würde mich schon zu vertheidigen wissen, wenn er ja einmal in die genannten Fehler verfallen sollte.

Der erste Stein zur Basis einer künftigen Correspondenz wäre somit gelegt, aber ich zweifle sehr, daß er je einen Nachbar erhalten wird. … Haben Sie meine ‚Goldelse‘ gelesen? Diese Frage mag recht unbescheiden klingen; sie läßt sich jedoch durchaus nicht umgehen, und ich muß sogar dringend bitten, im Hinblick auf den beabsichtigten Briefwechsel das kleine Buch schleunigst zur Hand zu nehmen. Es kennzeichnet scharf und unabweisbar meinen Standpunkt in socialen Fragen, von welchem aus ich mit Luther sage: Hier stehe ich – ich kann nicht anders, oder vielmehr ich will nicht anders! Der Unsterbliche wird nach Kenntnißnahme der Tendenz nicht umhin können, mit dem Fürsten Pückler ernstlich Rücksprache zu nehmen, und wie es dann mit der bezeichneten Sympathie stehen wird, kann ich mir recht gut sagen. Zwar ziehen Sie selbst eine Scheidelinie zwischen sich und Ihrem (fürstlichen) Doppelgänger; allein die innige Verwandtschaft der beiden Naturen läßt sich nicht verleugnen, das hat der Unsterbliche am schlagendsten bewiesen, indem er mir das Bild des Fürsten schickte. …

Die Photographie macht mir sehr viel Freude; sie hängt jedoch, ihrer Ausstattung gemäß, bereits in ‚der guten Stube‘, wie die ehrlichen Thüringer sagen. Dort ist sie an ihrem Platze, und ich werde mir allsonntäglich das Vergnügen machen, die aristokratische Gestalt voll prächtiger Orden zu bewundern. Das Conterfei meines ‚unsterblichen‘ Correspondenten dagegen, dunkel gekleidet, wie ich ihn einmal flüchtig und von ferne in München gesehen, würde ich in mein kleines Arbeitszimmer über den Schreibtisch gehangen haben, an welchem nun einmal eine Widerspruchsvolle sitzt. Ich sehe die Sterne nur gern am Himmel – in dem Moment also, wo meine Augen das edle Gesicht des Unsterblichen suchen wollten, würde mich die sternbesäete Uniform der fürstlichen Photographie stets zum Widerspruch reizen, und Sie werden begreifen, daß ich Frieden haben will – an meinem Arbeitstische. …“

Pückler hatte in seinem Leben, wie reichlich der vorliegende Band zeigt, gar viele Briefe von zarter Frauenhand erhalten, darunter – wir haben das bereits oben erwähnt – zahlreiche brillante Ergüsse einer hochgesteigerten Denk- und Empfindungskraft. Wir begreifen aber, daß sich der vielumschmeichelte Mann vollständig gewonnen und bezaubert fühlte, als ihm aus den oben mitgetheilten Zeilen, die so gar nichts Absonderliches und Bedeutendes sagen wollten, nicht blos eine neue Persönlichkeit, sondern der inzwischen herangereifte Geist und Sinn eines neuerstandenen Geschlechts so ernst und haltungsvoll und doch so schlicht und gemüthreich entgegentrat. Er sagt das nicht, aber in seiner Erwiderung nennt er den halbabweisenden Brief einen „prächtigen“, der „magnetisch“ auf ihn gewirkt habe. „Erlauben Sie mir zuerst,“ schreibt er, „Sie meine geliebte und verehrte Freundin zu nennen, obgleich ich Sie noch nie gesehen, aber überzeugt bin, daß ich Sie aus Ihren lieblichen Erzählungen und auch aus Ihrer Photographie besser kennen und lieben gelernt, als durch eine oberflächliche gesellschaftliche Bekanntschaft.“ Marlitt habe ihm noch befohlen, ihre „Goldelse“ zu lesen. In Bezug darauf und auf die von der Dichterin so ernst an ihn gerichtete Gewissensfrage entgegnet er, daß sie ihn verkenne. Erstens durch große Ueberschätzung seiner sehr anspruchslosen Persönlichkeit, dann aber durch Voraussetzung eines adeligen Hochmuths, „was mich wahrhaft kränkt (aus Eitelkeit), weil ich eher auf meine philosophischen Ansichten mir etwas einbilden möchte, da mich diese von Vorurtheilen sehr frei machen, obwohl ich nicht sicher bin, daß diese Freiheit der Gesinnung in Allem so ganz Ihren Beifall finden wird.“

Inzwischen war nun aber von indiscreter Hand ein Lebensabriß Marlitt’s mit Nennung ihres wahren Namens in die Oeffentlichkeit gedrungen, und eine Freundin des Fürsten hatte ihm das betreffende Blatt geschickt. Theilnehmend fragt er, ob sie wirklich unbequem schwerhörig geworden, es gäbe ja viele Mittel dagegen, wie er an manchen Anderen erfahren habe. In Bezug auf ihren nunmehr verrathenen Namen schreibt er am Schlusse: „Ich adressire also heute direct an Fräulein Eugenie John in Arnstadt und wäre untröstlich, wenn jener beiliegende Artikel mich in den nahen April geschickt hätte. Was gäbe ich darum, wenn ich Ihre Antwort schon hätte! Haben Sie Mitleid und lassen Sie mich nicht zu lange darauf warten!“

Marlitt hatte in der That eine Antwort nicht erwartet und hielt in ihrer Entgegnung nicht mit dem Geständniß zurück, daß sie den letzten Brief des Fürsten mit einem Gemisch von Freude und – Erstaunen begrüßt. Ein vorlauter Journalartikel habe ihm bereits von ihrem früheren Leben an einem Hofe erzählt, und da habe sie ihre Ideale von männlicher Charakterstärke und Gesinnungstüchtigkeit kläglich wie Wachs zerschmelzen sehen. „Viele kamen mit geradem Rücken, aber gebückt gingen sie fast immer.“ Den Trägern aristokratischen Glanzes sei es, gegenüber dem Vergötterungs- und Unterwerfungstriebe der Menge, fast unmöglich gemacht, den rein menschlichen Standpunkt zu erkennen, geschweige zu ihm zurückzukehren; sie gebe zu, es gehören dazu außergewöhnliche Geisteskräfte, Großartigkeit der Auffassung und ein hoher Grad von Selbstverleugnung und Edelsinn. „An alle diese Eigenschaften mußte ich appelliren, wenn ein Briefwechsel zwischen Ihnen und mir zu Stande kommen sollte. … Sind Sie mir böse, daß ich an einem Erfolg gezweifelt habe?“

Lieb wäre es ihr gewesen, nur als Schriftstellerin mit dem Schriftsteller in geistigem Verkehr zu bleiben. „Nun aber,“ fährt sie fort, „wo mir ein unbekannter und sehr unberufener Biograph das Visir aufgeschlagen, müssen Sie, wohl oder übel, auch die Eugenie John mit in den Kauf nehmen. Sie wird ihnen übrigens das Leben nicht schwer machen – durch Schelten, wie Sie meinen, am allerwenigsten. Zwar bin ich bereits in ein ‚gewisses Alter‘ getreten, allein nichts liegt mir ferner, als die Sucht, zu moralisiren; auch habe ich weder Geschick noch Neigung zum Ehestiften; ich fliehe die Kaffeegesellschaften, die Medisance wie das Gift, sehe die Jugend gern fröhlich und fühle durchaus keine Sympathie für Katzen und Möpse – Sie sehen, ich bin keine von den ganz Schlimmen. Sollte mir Ihre Anschauungsweise nicht gefallen, so werde ich mir erlauben, meine Gegenansicht zu entwickeln; aber das Recht der Freundin geltend machen und schelten werde ich nur, wenn Sie zum Beispiel das Krankenzimmer zu früh verlassen und Ihre Genesung verzögern, wie Sie bereits gethan.“

Wie übrigens Pückler mit seinem Geist und mit Erinnerungen wie die seinigen in solchem Maße des Verkehrs mit der Welt bedürfe, verstehe sie nicht; er brauche ja nur zu winken, um sich die verschiedenartigsten Geister auferstehen und sich dienstbar werden zu lassen, und im Uebrigen habe seine schöpferische Kraft auch wohl um Schloß Branitz ein kleines Eden geschaffen.

„Freilich,“ so fährt der Brief dann weiter mit einer Selbsteröffnung fort, „freilich sehen Sie doch immer nur in – die Sandbüchse des heiligen römischen Reichs, und der Gedanke könnte allerdings auch für mich etwas Niederschlagendes haben. Ich brauche Bergluft, meine Denkkraft verliert die Elasticität in einer sterilen Gegend, und vorzüglich jetzt, wo ein rheumatisches Leiden mich meist an das Zimmer fesselte, könnte ich den Blick auf meine trauten Thüringer Berge nicht missen. Bei dieser Gelegenheit habe ich eine Uebertreibung meines indiscreten Biographen zu berichtigen. Es ist nicht wahr, daß man mir die Feder in die Hand geben muß, wenn ich schreiben will – in dem Fall wäre ich das beklagenswertheste Geschöpf auf Gottes Erde; denn es ist mir geradezu unmöglich, auch nur einen Federstrich in Gegenwart Anderer zu thun – nicht das geliebteste [827] Gesicht dulde ich in meiner Nähe, wenn ich schreibe. Meine Muse ist scheu, wie ich es wohl im Grunde meiner Seele sein mag; daher die unwiderstehliche Neigung, in Einsamkeit und Zurückgezogenheit zu leben, die sich stets geltend macht, sobald ich mir allein überlassen bin. Einmal auf das unbescheidene Terrain der Selbstbiographie gerathen, will ich auch noch bestätigen, daß ich allerdings plötzlich schwerhörig geworden und in Folge dessen gezwungen gewesen bin, meinen Beruf als Sängerin aufzugeben. Im Lauf der Jahre und bei größerer Mäßigung im Singen hat sich das Uebel wieder gebessert. – wer langsam mit mir spricht, braucht die Stimme nicht besonders zu verstärken. Neuerdings machst ein sehr tüchtiger Arzt abermals Versuche und spricht von völliger Wiederherstellung, ein schöner Gedanke, den ich indeß noch zurückweise. Ich habe mich klaglos in mein Geschick ergeben, denn so unweise bin ich nicht, mich stürmisch gegen das aufzulehnen, was sich einmal nicht ändern läßt.“

[842] In Bezug auf eine Bemerkung Pückler’s über die poesielose Nüchternheit des öffentlichen protestantischen Gottesdienstes enthält der zuletzt erwähnte Brief Marlitt’s noch eine bezeichnende Stelle. „Als Kind,“ schreibt sie, „konnte mir nichts Schrecklicheres widerfahren, als wenn meine Großeltern mich in die weißangestrichene Kirche in den beengenden Glasstuhl mitnahmen – ich langweilte mich entsetzlich, und meine ersten Eindrücke vom Gottesdienste waren demnach eher geeignet, allen Aufschwung in mir zu ersticken und mir gegen Das einen Widerwillen einzuflößen, was doch mein Halt, meine Stütze in späteren Zeiten werden sollte. Wir sind [844] in das Extrem gefallen. Für den ausschweifend gewordenen Heiligencultus hat die Reformation eine bedenkliche Dosis Nüchternheit und Prosa eingetauscht. Ich weiß, dieser Ausspruch genügt den orthodoxen Lutheranern, mich in Bann und Acht zu thun; aber ich kann mir nicht helfen, ich will doch tausendmal lieber den lateinischen Text einer Messe anhören, den ich nicht verstehe, als die groben, schwunglosen Verse der meisten unserer protestantischen Kirchenlieder, von denen ich mir obendrein gefallen lassen muß, daß sie irgend eine unerträglich gellende Frauenstimme oder eine völlig ungestimmte männliche Kehle neben mir mitsingt.“ Ein Blick auf den erwachenden Frühling schließt diesen Brief vom 2. April. „Möchten Sie bald wieder recht gesund werden! Auf meinem Fensterbrette blühen Veilchen, und drüben auf dem Berge, über Wiesen und Büsche gebreitet, liegt der erste leise Duft des Frühlingskleides; tausend Hoffnungen öffnen da draußen die Augen, und wir kranken Menschenkinder wollen nicht zurückblicken, sondern hoffen, hoffen! Schreiben Sie bald, mein verehrungswürdigster Correspondent.“

Für die körperlich leidende und vollauf beschäftigte Dichterin, deren zu Ende geführte Schöpfungen der Verleger oft mit bangender Sehnsucht erwartete, war das Schreiben solcher ausführlichen Briefe sicher keine geringe Anstrengung, und es offenbart sich uns hier, bei aller charakterstarken Entschiedenheit ihrer Aeußerungen, ein überwältigender Zug echter Milde und Weiblichkeit, das selbstverleugnende Mitgefühl einer zarten und weichen Frauenseele. Die plötzlich in ihr stilles Leben getretene Beziehung stellte ihr nur Aufgaben und bot ihr im Ganzen doch wenig Befriedigendes und Erquickendes. Aber man sieht, das Bild des kranken und hochbejahrten Mannes auf dem fernen Schlosse, der ihr wiederholt von seinem Schmerzenslager geschrieben, daß er nach ihren Briefen lechze, daß der Hauch ihrer Briefe ihm nicht blos Labung, sondern Lebensluft in den Tagen der Krankheit und des Alters sei, dieses Bild einer brechenden Kraft war es, das wie ein Hülferuf sich vor ihre Seele und wie eine ernste Mahnung vor ihr Gewissen gestellt. Sie wollte sich nicht widerstrebend abwenden, wo sie hülfreich sein, mit ihrem Worte trösten und lindern konnte. „Immer werden meine Episteln freilich nicht so umfangreich ausfallen,“ schreibt sie einmal, „denn ich habe mit meiner Feder viel nachzuholen im Interesse meiner geliebten ‚Gartenlaube‘ – aber Sie haben mir gesagt, daß Sie leidend sind und ein wenig Zerstreuung von meiner Antwort erwarten, und da pochte die neu übernommene Pflicht denn doch zu energisch an meine Seele.“ Der eigenthümlich unruhige und ungestüme Greis auf Branitz aber war durch das ihm gebrachte Opfer eines mehr gegenständlich gehaltenen schriftlichen Austausches keineswegs befriedigt. „Denken Sie sich in mir,“ so schreibt er, „einen achtzehnjährigen Jüngling mit einem oft zu gefühlvollen Herzen und einer sehr lebhaften Einbildungskraft, der heute doch verurtheilt ist, unter der Maske eines dreiundachtzigjährigen alten Greises umherzugehen.“ Je mehr die Briefe seiner neuen Correspondentin ihn „entzückten“ und eine „wahre Zaubermacht“ auf ihn ausübten, um so heftiger klagte er über eingetretene Unterbrechungen, um so hartnäckiger drang er auf eine persönliche Bekanntschaft und zwang die Schriftstellerin zu persönlichen Erschließungen und Selbstgeständnissen über ihr Leben und Denken, die unverkennbar nicht aus Neigung zu derartigen Mittheilungen, sondern immer nur als Antwort auf erhobene Vorwürfe und in der Absicht gegeben sind, die Abweisungen zu begründen, unsanfte Verletzung und Betrübniß dem Leidenden fern zu halten. Wir können diesem nun für uns sehr reizend gewordenen, aber für die Schreiberin gewiß oft recht peinlichen Hin und Wieder hier nicht schrittweise folgen, sondern heben nur noch einige der interessantesten Punkte daraus hervor.

Schon in seinem vierten Briefe entwirft Pückler eine anziehende Schilderung seines neuen Branitzer Parks und ladet Marlitt zu einem Besuche desselben ein; einige Tage, vielleicht auch länger, würde sie es schon aushalten und solle „auf den Händen getragen werden“. Marlitt antwortet, indem sie den Vorwurf, daß sie ihn verkenne, mit dem Bemerken zurückweist, er habe sich eine naive, arglos-treuherzige Menschenfreundlichkeit, ein blindes Zutrauen bewahrt, das ihr abhanden gekommen. „Mit sorgloser Güte laden Sie mich z. B ein, nach Branitz zu kommen. Wie, wenn ich nun im persönlichen Umgange das unausstehlichste Geschöpf von der Welt wäre? Wenn ich Ihnen während der Tage meines Dortseins durch Widerspruchsgeist, häßliche Launen und dergleichen weibliche Schwächen Ihr schönes Schloß zu einem Orte des Schreckens machte? Das können Sie doch nicht wissen, der Sie mich nur aus zwei Werken und einigen wenigen Briefen kennen. ‚Das Papier ist geduldig,‘ sagt der Volksmund und Mirza Schaffy singt: ‚Merk’ Dir, daß oft der gröbste Schlingel die allerzärtlichsten Verse macht.‘ … Uebrigens danke ich Ihnen von ganzem Herzen für die freundliche Einladung, aber kommen – kann ich nicht. Ich bin zu leidend, um so weit reisen zu dürfen, auch kann ich weder meine Thüringer Berge, noch meine gesammte Häuslichkeit einschachteln und mitnehmen – mein Herz ist so eigensinnig, ohne diese Umgebung nicht mehr leben zu wollen – und, was würden Ihre stolzen Hirsche und Rehe für Augen machen, wenn ein Menschenkind, mit völlig demokratischer Weltanschauung hinter der Stirne, in Ihrem aristokratischen Park umherwandeln wollte! … Ist es denn überhaupt absolut nöthig, daß wir uns persönlich kennen lernen? Ich sage entschieden: Nein. Sympathie und Antipathie sind zwei hochwichtige Factoren im Menschenverkehr; sie wirken um so mächtiger, als sie, in einem geheimen Versteck der Menschenseele ungeahnt lauernd, urplötzlich hervortreten, und uns ein ‚Für und Wider‘ octroyiren, dessen Gründe wir uns meist nicht einmal enträthseln können. – Heine sagt einmal: ‚die Schriftsteller sind wie die Johanniskäfer – in der Ferne leuchten sie, und, nahe gesehen, sind sie armselige graue Käfer.‘ Ohne ‚das Leuchtende‘ auch nur im Entferntesten beanspruchen zu wollen, frage ich Sie dennoch: warum wollen Sie den grauen Käfer durchaus in der Nähe sehen? Wenn der persönliche Verkehr einen Mißklang zwischen uns wirft, ist mir die Freude unseres Briefwechsels verloren, denn wir sind wohl Beide nicht fähig, uns dann noch schriftlich etwas vorzulügen. Also – lassen wir’s beim Alten, nicht wahr? Ich will Ihre getreue Correspondentin bleiben, und wenn meine Briefe wirklich die Macht haben, Sie ein wenig zu erheitern, will ich so viel und so oft schreiben, als es Ihnen wünschenswerth.“

Nach sechsmonatlicher Correspondenz schreibt der alte Fürst in höchst erregtem Tone, daß das längere Ausbleiben einer bis jetzt nicht erfolgten Antwort ihn noch leidender an Seele und Körper gemacht, so daß er eine Badereise nach Wildungen nicht habe antreten können, wohin er seine Equipagen nebst mehreren Dienern schon vor vier Wochen vorausgeschickt, ohne ihnen folgen zu können. Er bittet flehentlich um eine Nachricht, es würde ihn so herzlich erfreuen, der Freundin bei näherer Bekanntschaft gute Dienste leisten zu können. Ob sie ihm denn verbieten würde, ihr von Wildungen aus seine alte Hülle in Person vorzustellen, falls er die Reise dorthin noch unternehmen könne? „Ach, es ist doch traurig, sich zu Jemand magnetisch hingezogen zu fühlen und ihn doch nicht sehen zu sollen! Es geht damit wie mit dem Glauben. Nur was man selbst gesehen, glaubt man. Bitte, lassen Sie mich sehen und glauben!“ Wer irgend lebhaft die Situation sich vorstellt, wird das Befremdende dieser stürmischen Ergüsse aus der Feder des bereits so hinfällig gewordenen Achtzigers fühlen. Aber gerade dieser letztere Punkt milderte bei der Empfängerin das Peinliche des Eindrucks und es überwog bei ihr das Gefühl des Schreckens; der Gedanke, wehe gethan, Leiden, vielleicht Gefahr verursacht zu haben, veranlaßte sie zu warmen Aeußerungen herzlichster Besorgniß.

Dann aber kommt sie zu dem in Aussicht gestellten Besuche und sagt: „Was Ihre Anfrage bezüglich einer persönlichen Zusammenkunft betrifft, so sage ich Ihnen nochmals kurz und bündig Folgendes: Ich bin schwerhörig, einsilbig im Gespräch, und körperlich so leidend, daß ich an das Zimmer gefesselt bin. Schreckt Sie auch diese Erklärung, die jedweden Reiz im persönlichen Umgange nothwendig ausschließen muß, nicht zurück, so hören Sie weiter. Ich lebe in ganz einfachen bürgerlichen Verhältnissen; das enge, kleine Haus, das ich bewohne (Marlitt hatte damals ihr eigenes schönes Besitzthum auf der Höhe noch nicht bezogen), umschließt zwar eine glückliche Familie, es genügt ferner meinen Ansprüchen vollkommen; aber einen hocharistokratischen Gast in sich aufzunehmen, dazu ist es nicht angethan. … Ich habe mich auch viele Jahre lang auf den Parquets aristokratischer Salons bewegt, habe Hofluft geathmet und fast ausschließlich mit Personen verkehrt, die gar keinen Begriff von jener bürgerlichen Einfachheit hatten und deshalb den Anspruch an mich erhoben, dieselbe auch zu vergessen. Es ist mir trotzdem sehr leicht geworden, [845] in meine Familienverhältnisse zurückzukehren, denn das ist ja der Boden, dem ich entsprossen, dem ich angehöre mit allen Fasern meiner innersten Natur; ich bin sofort wieder in ihm eingewurzelt und werde ihn nur verlassen in dem Augenblicke, wo ich sterbe. Wenn ein Aristokrat diesen Boden betritt, so geschieht es stets unter inneren Opfern – eine gewisse Scheu wird ihm immer anhangen, wenn ihn das Beengende berührt; das mit der Muttermilch empfangene und durch die Erziehung befestigte Vorurtheil läßt sich wohl verleugnen, nie aber ertödten – ich habe die Erfahrung unzählige Male gemacht. Wenn ich mir denke, Sie könnten später auch nur einmal mit Mißbehagen an die Stunde zurückdenken, die Sie in meinem Familienkreise verlebt, so dreht sich mir das Herz um. Das ist die Stelle, wo ich verwundbar bin, das ist mein Stolz, das ist das Gefühl, welches meine Felicitas beseelt, in dieser Beziehung ist der genannte Charakter identisch mit meiner eigenen Seele.“

„Ich begreife eigentlich nicht, weshalb Sie eine persönliche Zusammenkunft so consequent verlangen. Hat nicht ein Briefwechsel, wie wir ihn angefangen, tausendfachen Reiz? Ich lasse Sie in meiner Seele lesen, wie es vor Ihnen Niemand gedurft hat – und auch Sie sagen, daß Sie vollkommen wahrhaftig mir gegenüber sind –, nun wohl, bedarf es zu diesem geistigen Austausch der vier irdischen Augen, die sich gegenseitig anblicken? Ist es nicht ein köstliches Gefühl, zu wissen, daß draußen in der weiten Welt ein Mensch lebt, dem ich durch ein starkes geistiges Band gewissermaßen angehöre, und sind dazu die zwei Hände nöthig, die sich in Wirklichkeit berühren?. … Und nun noch Eins. Es kommen Viele, sehr Viele aus aller Herren Ländern, die meine kleine Person kennen lernen wollen – sie Alle werden zurückgewiesen, weil ich so zu sagen mit der äußeren Welt abgeschlossen habe – würde es nicht eine Ungerechtigkeit und Inconsequenz sein, wollte ich Ihnen allein gestatten, mich zu besuchen? Nach Allem, was ich Ihnen hier erschöpfend auseinandergesetzt habe, sage ich schließlich – lediglich um die Beschuldigung der Grausamkeit meinerseits zurückzuweisen –, ich lege Ihnen nichts in den Weg, wenn Sie nach Arnstadt kommen wollen; aber ich gebe Ihnen wiederholt zu bedenken, daß Sie damit eine Lebensfreude, die uns Beiden gehört, muthwillig auf’s Spiel setzen. Und nun – ich habe es freilich nicht verdient – bitte ich um möglichst rasche Antwort. Ich ängstige mich sehr um Ihren leidenden Zustand. Lassen Sie Gnade für Recht ergehen und beruhigen Sie mich durch einige Zeilen.“

Der Brief Pückler’s, welcher zu dieser Antwort geführt, war gewiß schon ein Product hochgespannter Erregtheit und die liebreich tröstende Antwort hatte ihn beruhigt. Trotzdem erfolgte einige Wochen später von Wildungen ein viel stärkerer Ausbruch verzweifelten Schmerzes. Schwach sei er nach seiner Ankunft sogleich zur Post geeilt und habe dort drei Briefe von Damen vorgefunden, aber keine von der Thüringer Freundin – er nennt sie in seinen wechselnden Anreden bald „Geliebte Freundin“, bald „Liebe Eugenie“, bald „Verehrte Dichterin“, auch einmal „Räthselhafte Herrin“. „Ich bin hierher gesandt worden, um gesund zu werden, aber dies kann nicht gelingen, wenn Sie mein Herz so tief bekümmern. Von Ihnen, das fühle ich, hängt meine Genesung ab. Tag und Nacht schweben Sie und Ihre Schöpfungen meiner Einbildungskraft vor. Thun Sie nun, was Ihnen gut dünkt“ etc. Die Antwort Marlitt’s ist wiederum, besonders durch einen Anflug schalkhafter und feiner Ironisirung interessant. „Was hat mir,“ so beginnt sie, „mein Correspondent für einen Brief geschickt! Wahrhaftig, ein Actenstück des Rechtsverfahrens aus den Zeiten der heiligen Vehme oder der französischen Revolution kann sich an lakonischer Kürze damit nicht messen. Sie wollen nur nicht mehr schreiben – und ich habe darauf zu erwidern, daß ich Ihnen dies ganz und gar nicht verdenke, da unser Briefwechsel zu einer Quelle des Aergers und der Aufregung für Sie geworden. Ehe wir jedoch zu dem feierlichen Acte des Schlusses unserer Correspondenz schreiten, müssen Sie mir noch gestatten, einen Ihrer Vorwürfe zu entkräften. Mein Herz stammt nicht aus der Periode der Steinzeit, auf einen solch antediluvianischen Standpunkt sollte der feine galante Semilasso eine Dame denn doch nicht stellen – eher vielleicht, wenn einmal der Vergleich aufrecht erhalten werden soll, fällt seine Entstehung in die Bronzezeit, wo man bereits die Metalle zu schmelzen und ineinander zu mischen verstand. Herz und Verstand sollten nie neben einander gehen: der Menschenseele bleiben in dem Falle nur zwei Arten der Entwickelung, die der Härte und Schroffheit oder der Charakterlosigkeit. Mischt man jedoch die zwei Elemente, so entsteht ein schönes Gleichgewicht; das Herz schlägt ruhig unter dem Einfluß des Verstandes und die zersetzende Schärfe und Härte des letzteren mildert sich am warmen Herzschlag. Ich hätte von Herzen gern ein Brieflein nach Wildungen geschickt, allein der vernünftige Gedanke, daß Ihre Aerzte eine so lebhafte Correspondenz unmöglich in das Badeprogramm aufgenommen haben können, hielt mich zurück. Dies zu meiner Vertheidigung! Und nun mache ich Ihnen einen Vorwurf, und zwar den der Undankbarkeit. Sie sagen selbst, daß Sie drei Briefe von Damen auf der Post vorgefunden – ist das nicht genug? Mußte ich denn durchaus als Nr. 4 dabei sein? Nun, die Nichte, die Italienerin und die Dritte können sich gratuliren, daß die Thüringerin dieses Mal die Säumige war; über ihrem Haupte hat sich das Gewitter entladen, das möglicher Weise drohend über den Häuptern Aller geschwebt hat.“

Bemerkenswerth sind auch noch die zwei folgenden Stellen in einem Briefe Marlitt’s: „Sie werfen mir Stolz und Gefühllosigkeit vor. Stolz bin ich, das ist wahr; allein von diesem ‚schlimmen Fehler‘ werde ich nicht lassen, denn er ist mein Hort, mein Schild in den verschiedensten Lebenslagen gewesen, und wenn er in diesem Kampfe verletzende Härten angenommen hat, die einen gerühmten Glanzpunkt der Weiblichkeit, ‚die Hingebung‘, schmälern, so kann ich das nicht ändern, und, aufrichtig gestanden, ich habe auch keine Lust dazu. Aber gefühllos bin ich nicht – mit dieser Beschuldigung haben Sie mich tief verletzt.“ „Ich soll Ihnen Specielles über mich und meine Häuslichkeit sagen – zu diesem kleinen Familienbilde genügen wenige Striche. Ich lebe mit meinem guten, alten Papa, meinem Bruder – einem geistreichen Manne – meiner jungen, sehr begabten Schwägerin, die vermöge ihres Scharfblicks mich und meine innere Welt wohl besser kennt als ich selbst, in ungetrübter Harmonie und in einem Hause; ein kleiner siebenjähriger Knabe, das einzige Kind meines Bruders und mein Abgott, schließt den engen Kreis. Meine Familie trägt mich auf den Händen und bestärkt mich somit in meinem Einspinnungssystem – ich bedarf des Umgangs mit Menschen außerhalb meiner vier Wände niemals. Die Lieben, mit denen ich zusammenlebe, könnten mir vielleicht auch bezeugen, daß ich nicht gefühllos bin. Arnstadt, meine weitere Umgebung, ist eine Kleinstadt, so ziemlich nach jeder Richtung hin; aber für mein Herz hat es den Vorzug, meine Vaterstadt zu sein. Diese kleinbürgerlichen Verhältnisse sind eng verknüpft mit meinen Erinnerungen aus der Kindheit, wenn sich auch mein Geist völlig losgelöst hat von dem Boden der Geselligkeit!“

Hiermit seien unsere Mittheilungen geschlossen. Schon am 1. November 1868 klingt die so lebhaft geführte Correspondenz nach kaum zehnmonatlicher Dauer in einigen sanften Schwingungen aus. Wahrscheinlich ist sie durch die steigende Krankheit und Körperschwäche des Fürsten unterbrochen worden, durch das allmähliche Erlahmen seines riesigen Widerstandes gegen die Machtgebote der sinkenden Lebenskraft. Bedenken wir noch einmal, daß die Briefe unserer Dichterin ohne den leisesten Gedanken an eine spätere Veröffentlichung gewechselt wurden, so erschließen sie unserem Blicke ein in rührenden Gegensätzen sich bewegendes Bild voll anmuthigen Zaubers, einen hellen Streifen freundlichen Sonnenglanzes, der sich mild und erwärmend durch das frostige Abenddunkel eines schwindenden Lebens schlang. Einem Manne, der viel genossen und viel Außerordentliches erlebt, der mit Recht von sich selber sagte, daß er einst auch viel gesündigt habe, sehen wir das seltene Glück beschieden, daß alles Bedürfen seiner besseren Natur, Alles, was rein, echt, gut und edel in ihm war, sich noch dicht am Rande seines Grabes mit dem jungfräulichen Hauche einer harmonisch und rein gestimmten Seele in idealem Verkehr berühren durfte. Wie Manches in den Briefen des greisen Fürsten auch wunderlich erscheinen mag, es tritt uns in der gesammten Correspondenz nicht ein einziger Zug entgegen, der als klein oder gewöhnlich selbst den sprödesten Zartsinn verletzen könnte. Der Briefwechsel zwischen der demokratisch gesinnten Bürgertochter und dem hinsterbenden Fürsten stellt vielmehr dem Geiste und der Denkungsart unseres neugeborenen Zeitalters ein gar schönes und ehrenvolles Zeugniß aus.

A. Fr.