Der Frauenschutz in Dresden

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Textdaten
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Autor: Amely Boelte
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Titel: Der Frauenschutz in Dresden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 438–440
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Für Mädchen und Frauen.
Nr. 2. Der Frauenschutz in Dresden.

Schon vor dem Ausbruch der französischen Revolution schrieb Hermes ein Buch, „Für Aeltern und Ehelustige“ betitelt, welches den wichtigen Punkt der Mädchenerziehung bespricht. Heyne sagt in Bezug darauf in einem Briefe an seine Tochter, Therese Foster, nachmalige Therese Huber, ihm scheine die Beantwortung der Frage ganz leicht: „Vermindere man den Luxus, den Aufwand, die Unwirthlichkeit in allen Ständen,“ und dem Uebel sei abgeholfen. – Ueber ein halbes Jahrhundert ist seitdem an uns vorübergegangen, Krieg und Frieden haben abwechselnd die Welt beunruhigt und bewegt, das Alte ist neu, das Neue alt geworden, die Wogen des Lebens sind über manchem Haupte zusammengeschlagen, rastlos haben die Menschen ihren Zielen nachgejagt, Erwerb und Genuß hat hier, hat dort als Aushängeschild gedient; aber der eine wichtige Punkt, die sittlichere Gestaltung unserer socialen Verhältnisse, scheint kein Hauptmoment in diesem allgemeinen Treiben und Drängen gewesen zu sein. Wohin wir blicken, können wir in Bezug hierauf nur sagen: es ist Alles schon einmal dagewesen; wohin wir blicken, sehen wir Unheil weissagend den Wurm nagen, der das Gebäude unseres Familienlebens zu unterminiren droht, und dieser Wurm heißt Genußsucht.

Wenn Heyne im Jahr 1789 seine Tochter darauf hinweisen konnte, daß nur eine Verminderung der Bedürfnisse im Stande sei, dem wachsenden Uebel zu steuern; was würde der gelehrte Herr sagen, wenn er jetzt einen Blick werfen könnte in unsere häuslichen Einrichtungen und in das Tagewerk unserer Frauenwelt!!

Foster schreibt um eben die Zeit an seinen Schwiegervater: „Es wird von Jahrzehend zu Jahrzehend schwerer und unmöglicher, eine Frau zu ernähren, wes Standes man sei, und wie dem abzuhelfen, sehe ich nicht ein.“

Seitdem, – wie viel schwerer ist es nicht seitdem geworden? – Bald fast unmöglich!

Blickt man hinein in unser Familienleben, mit dem hellen Auge, das auch in einem Lächeln die Thräne erspäht, so gewahrt man die Sorge auf der Schwelle, und dahinter die Angst derselben zu entfliehen, so findet man die Freude auf Straßen und Märkten gesucht, und von dem schönen, innigen Mit- und Ineinanderleben, dem gegenseitigen Verstehen und Ergänzen, den stillen Familienabenden so wenig! – Wo aber ist das Glück, wenn das eigene Haus es nicht bietet! Wo sollen wir es suchen, wo finden? – „Der eigene Herd ist Goldes werth,“ so hieß es einst, als die Menschen noch mit dem Herzen für einander lebten, und der moderne Egoismus, der Kultus des Ich noch nicht alle Bande gelockert, noch nicht jede Beziehung in eine bloße Chimäre umgewandelt hatte, die nicht den äußern Verhältnissen förderlich.

Man sagt, daß Dresden achthundert Vergnügungsorte habe, die täglich mit Ehrlosen und Verehelichten angefüllt. In andern Städten mag es nicht weniger glänzend damit stehen, in Süddeutschland [439] besonders ist kaum die Rede davon, daß ein Mann seinen Abend sonst wo zubringe. Wohin führt das? Gewiß nicht zu schönerer Gesittung; denn diese gewinnt der Mann nur in seinem Verkehr mit den Frauen, das gesteht sogar Julian Schmidt ein, so wenig er den Frauen sonst auch zugesteht, die Wichtigkeit ihrer Stellung in der Gesellschaft durch ihren Einfluß auf die Männer, durch jenes „Erlaubt ist was sich ziemt“, räumt er als unbestritten ein.

Was ist geschehen, um diesem sich mehrenden Verfall des Familienlebens und der Abneigung einen eigenen häuslichen Herd zu gründen, zu steuern? Wir glauben sehr, schr wenig.

Weder die Emancipationsideen, noch sonstige wohlmeinende Absichten in Bezug auf Frauenbildung haben diesen Weg geführt; weder eines Karl Fröbel Mädchenuniversität, noch Friedrich Fröbel’s Kindergarten, weder Bornemann’sche Erzieherinnen-Bildungs-Institute, noch sonstige weibliche Pädagogik wird dahin führen, ein genügsames Geschlecht zu erziehen, so lange eitle Mütter eitle Töchter bilden, so lange Kinderbälle und Putz und Tand und Gefallsucht dem ernsten Streben entgenstehen, ein Leben zu führen, dessen Basis die Pflicht ist, dessen Glück auf der Erfüllung derselben beruht, dessen Freuden in dem eigenen Schaffen und Leisten, in dem Sorgen und Lieben besteht.

Eine Tochter soll unter den Augen ihrer Mutter heranwachsen, das heißt, wenn diese einigermaßen vernünftig ist, ihrem Kinde als Vorbild zu dienen; fühlt sie sich dazu unbefähigt, so hätte sie freilich weiser gehandelt, unvermählt zu bleiben, und muß nun aus der Noth eine Tugend machen, und ihre Tochter fremden Händen anvertrauen. Die Erziehungsinstitute sind daher nothwendige Uebel, die so lange geduldet werden, so lange es Mütter giebt, welche so unglücklich sind, der Welt bekennen zu müssen, daß sie ihrem Berufe nicht nachkommen können.

Die meisten unserer jetzigen Mädcheninstitute sind von Frauen gegründet, die nicht eigentlich Neigung auf diese Bahn führte, sondern mangelnde Existenzmittel, die also die Sache um des Erwerbes willen betreiben. Diese können daher auch nicht jenen sittlichen Ernst dabei geltend machen, der der wichtigste Theil bei aller Mädchenbildung ist (schon darum, weil die menschliche Gesellschaft in dem Bezug so hohe Ansprüche an sie macht), sie huldigen dem Scheine und fördern den Schein. Auf solchem Wege werden wir nicht dahin gelangen, dem „Luxus, dem Aufwand und der Unwirthlichkeit“ zu steuern, über die Professor Heyne in Göttingen im Jahre 1789 eine so bittere Klage erhebt, gegenüber einer Tochter, die das Muster einer Frau war, was Geistesbildung, Adel der Gesinnung und Häuslichkeit betraf – Eigenschaften, die sie nicht in einer Schule, sondern in dem engen Kreise eines beschränkten Familienlebens erworben, das ihr wenige Lehrer, wenigen Unterricht, aber einen gebildeten Umgang und eine Auswahl guter Bücher gewährte.

Ein gebildeter Umgang und gute Bücher! Wie wenigen unserer jungen Mädchen wird dieser Vortheil gewährt. Aber – kehren wir von dem, was das Haus bieten sollte, zu den Instituten zurück, mit denen wir uns für Jetzt beschäftigen wollen. – Wir haben sie ein nothwendiges Uebel genannt, und von einem Uebel wählt man das kleinste, sobald eine Wahl bleibt. Die Aeltern wollen ihre Tochter einer Pension übergeben, ihre Vermögensumstände erlauben es ihnen kaum, sie müssen sich einschränken, um ihrem Kinde diesen Vortheil zu sichern, sie müssen ein Opfer bringen, und bei sich selbst zu Rath gehen, wie groß dasselbe den Umständen nach sein kann, sein darf. Sie fassen also zunächst die pecuniäre Seite in das Auge und erkundigen sich nach den Preisen der verschiedenen Erziehungsinstitute, und den Vortheilen, die diese dafür gewähren. Die Summe, die auf dem Prospektus angegeben, ist meistens nicht bedeutend, aber am Schluß des Jahres findet man dieselbe durch tausend unberechnenbare Kleinigkeiten, durch Tanzlehrer, Gesangstunden, und so manches für nöthig Erachtete dermaßen gewachsen, daß der Vater seufzend die um das Doppelte gesteigerten Zahlen betrachtet. Dies ist nur zu häufig der Fall. Und wie könnte es anders sein? Die Ansprüche an ein Institut sind sonderbar gestiegen, fremde Sprachen sind unerläßlich, Talente aller Art sollen gebildet, Lehrer und Professoren in jedem Fache vorhanden sein, und Alles nur, um diesen Mädchen gleichsam wie im Fluge einen Anstrich ungemeiner Gelehrsamkeit anzuhauchen. Was bleibt der Vorsteherin übrig, als, um diesen Ansprüchen zu genügen, die Kosten nicht zu scheuen, ihrer Anstalt die glänzende Außenseite zu geben, die besticht, den Aeltern lange Rechnungen zu schreiben, und angstvoll zu überrechnen, ob bei solchem Aufwand auch noch eine hinreichende Summe erübrigt werde, ihr Alter sorgenlos zu machen. Wer kann es ihr verdenken, daß sie am Ende eines mühevollen Lebens dem Mangel nicht Preis gegeben sein möchte? Der Staat hat Pensionen aller Art, nur für solche Dienste hat er keine.

Sehr viele Aeltern finden es daher unmöglich, ihren Töchtern diesen Vortheil zu gönnen, sehr viele auch senden dieselben nach vollendeter häuslicher Erziehung auf ein Jahr in eine Pension, um damit gleichsam das Werk zu krönen, eine Wohlthat, die ihren fraglichen Werth hat, denn die Bildung eines Menschen ist kein Werk eines Augenblicks, sie kann nicht ohne Plan, nicht ohne geeignete Vorschule gedeihen. Um solchen weniger begüterten Aeltern zu Hülfe zu kommen, und auch um eine zweckmäßigere Mädchenerziehung anzubahnen, unternahm es Fräulein Amalie Marschner, vor vielleicht zehn Jahren, ein Institut in Dresden zu gründen, das den Namen „Frauenschutz“ führt. Hier sollte neben dem Schönen auch das Nützliche gelehrt werden, hier sollte das Mädchen lernen, daß die rechte Bildung darin bestehe, die nächsten Pflichten recht zu üben, und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden; hier auch sollte die Anstalt selbst der Zweck der Anstalt sein, und kein Gewinn der Gründerin zu Gute kommen und an den Hülfsquellen derselben zehren.

Das Unternehmen war lobenswerth, es war die That eines edelen Gemüthes und sie entsprach ihrer Absicht, indem sie einer bedeutenden Anzahl von Mädchen unbemittelter Aeltern Aufnahme gewährt. Die Einrichtung ist einfach, die Nahrung einfach, aber gesund und nahrhaft; der Unterricht wird gut geleitet, Talente werden gebildet, daneben aber lernen die Mädchen Schneidern und Weißnähen und manche kleine häusliche Arbeit. Das ist vortrefflich der Idee nach und wird in der Ausführung gewiß die erfreulichen Resultate liefern, sobald das Ganze noch mehr reift und vorschreitet. – Dann dürfen wir hoffen, auch an andern Orten Anstalten der Art emporwachsen zu sehen. – Was der Organisation derselben bis jetzt mangelt, ist: – ein Haupt. – Viele Köche verderben den Brei. – Eine Autorität muß gelten, muß die unfehlbare sein. – Diese Autorität fehlt. Fräulein Marschner leitet nur noch von Ferne das Ganze, sie überwacht aber nicht das Einzelne mehr, sie wohnt nicht in der Anstalt, um zu jeder Minute mit eigenen Augen zu schauen und zu entscheiden. – Dann auch stellt die Anwesenheit eines Hauptes weit mehr die Idee einer Familie her, der Mittelpunkt fehlt sonst, um den sich ein Kreis bilde, es ist nicht einmal eine Republik, es ist eine Oligarchie, die aus zwölf Gouvernanten besteht. Das taugt nichts. Diese gerade bedürfen wahrlich eines tüchtigen Präsidenten, eines Cromwell mit Feuer und Schwert.

Dann auch muß das Einfache in der Erziehung das Schöne nicht ausschließen. Der Cultus alles Schönen ist der Cultus, der der Frau zugehört. – Sie muß verschönern wollen, wohin ihr Auge nur blickt. – In den einfachsten Räumen können Blumen gezogen werden, können Bilder hängen, kann eine ausgewählte Bibliothek aufgestellt sein. Zimmer ohne solchen Zubehör sind traurige Wüsten, in diese versetze man die Jugend nie. Das Auge gewöhnt sich, der Sinn bildet sich auch unmerklich. – Eben so ist es mit dem Anzug. – Die Vorsteherin leuchte hierin den Mädchen vor. – Von einer Ersparniß an Wäsche darf nie die Rede sein. – Der weiße Kragen, die Aermelchen, das muß stets angelegt werden, nicht für die Straße, sondern für das Haus. Das Haar schön gemacht, ein einfaches Kattunkleid, recht sauber, recht nett gemacht, die hübsche Wäsche, und ein Mädchen ist so schön gekleidet, wie sie sein kann. Hände, Zähne und Füße dürfen dabei nicht vergessen werden, vor Allem aber darf sie nie denken, daß ihr für das Haus die geringste Nachlässigkeit gestattet sei; denn gerade das Haus ist ja die Welt der Frau und ihre eigentliche Heimath. Diesen Luxus darf sie sich gewähren, kann sie sich gewähren, denn er ist zu allen Zeiten das Produkt ihres Fleißes und ihrer Mühe; er muß eine Lebensnothwendigkeit für sie sein, es muß sich ihr Sinn gerade in diesen kleinen Dingen aussprechen. Es ist das größte Mißverständniß, wenn man ein Mädchen abhalten will in diesem Punkte sorgsam zu sein, ja ihr wohl gar Eitelkeit vorwirft, wo man ihr von einem Gebote der Selbstachtung reden sollte. Gerade die Kunst muß man sie lehren, ohne Aufwand, ohne große Mittel, eine gewisse Zierlichkeit [440] und Eleganz um sich zu verbreiten, die sowohl in der Hütte, wie in einem Palaste ihren Platz findet. – Bauete man ein Haus, das die Bestimmung eines Mädcheninstitutes hätte, so sollte man Jeder ein Stübchen einrichten, wie die Zelle einer Nonne, so klein, so groß es sei, ein Bettchen, ein Stühlchen, ein Fensterchen, darauf der Rosenstock, davor das Tischchen mit ihrem Gebetbuche, und ihren kleinen Niedlichkeiten. Damit wäre ihr die Freude an etwas Eigenem gegeben, damit hätte sie das Plätzchen gewonnen, wo sie sich heimisch fühlte, wo sie ungesehen die Thräne weinen könnte, die in einzelnen Momenten das Herz eines Kindes drücken muß, das zum ersten Male dem sichern Hort des Familienkreises entrissen ist. – Und wer könnte wünschen, daß dem nicht so wäre? – Wer könnte begehren, daß ein Mädchen sich wohl und heimisch fühlte in einer Anstalt, wo es sie nirgends an die stille Heimath mahnt, wo sie die Gespielinnen ihrer Jugend entbehrt, wo ihr alles fremd, kalt und neu entgegen tritt und sie sich an kein Herz mit Vertrauen zu schließen wagt? – Welcher Vater würde wünschen, daß seine Tochter ihn hier nicht vermisse, und das Aelternhaus gern einbüße? – Bis jetzt haben unsere Mädcheninstitute große Schlafsäle, welche allerdings der Räumlichkeit zu gut kommen; der sittlichen Bildung aber keine Förderung gewähren. Auch der „Frauenschutz“ macht von dieser Regel keine Ausnahme und wollte er es, so würde die Localität, so wie sie ist, es nicht gestatten. – Wir müssen das also hingehen lassen, aber andere Institute nach diesem wirklich vortrefflichen Muster einer zweckmäßigeren Erziehung für das weibliche Geschlecht bilden, so legen wir die Bitte ein: daß man diesen Punkt berücksichtige und daneben in das Auge fasse, bei der größten Einfachheit der Einrichtung überall zum Guten das Schöne zu fügen und dies als unerläßliche Bedingung einer Mädchenerziehung und einer Frauenexistenz aufzustellen.

„Und füget zum Guten
Den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.“

Amely Boelte.