Der Herrgotts Tritt

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Textdaten
Autor: Jakob Grimmer
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Titel: Der Herrgotts Tritt, auf dem Rosenstein bei Heubach. Eine wirtembergische Volkssage
Untertitel:
aus: Taschenbuch für Häusliche und Gesellschaftliche Freuden auf das Jahr 1800, Frankfurt am Main [1799?], S. 129-136
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Erscheinungsdatum: wohl 1799
Verlag: Philipp Heinrich Guilhauman
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Erscheinungsort: Frankfurt am Main
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Sagenballade
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[129]

Der Herrgotts Tritt,

auf dem Rosenstein bei Heubach.

Eine wirtembergische Volkssage.

Auf einem Felsen der Alb, bei Heubach sieht man die Ruinen der Burg Rosenstein. Auf der äussersten Spitze des Felsen war noch vor kurzem, – ob durch Spielwerk der Natur, oder durch Menschentrug? – Die deutliche Spur eines Menschenfußes zu sehn, die, einem Befehl der Regierung zu Folge, Vogt Griesinger mit Pulver zersprengen ließ, weil, von der Nachbarschaft aus, abergläubischer Unfug darauf getrieben wurde. Auf dem Berge gegenüber geht die Spur eines Trittes landeinwärts, wie sie auf Rosenstein auswärts geht. Darauf wurde die abentheuerliche Volkssage, von Christi Versuchung, an diesem Orte gebauet. Sattler, in seiner Topographie Würtembergs, spielt darauf [130] an. Gegenüber im Walde liegt die Kapelle der wunderthätigen Maria vom Beißwang. Links, in einer Kluft, die Teufelsklinge genannt, fließt manchmal trübes Wasser aus dem Berge, wahrscheinlich nach lang anhaltendem Regen auf den Gebürgen. Das wildromantische der Gegend, die schöne Aussicht der Burg, in einen großen Theil Schwabens, veranlaßte mich, manchmal diesen Berg zu besteigen, auf welchem der Sturmwind seine Wohnung aufgeschlagen zu haben scheint. Hinter dem Schlosse steht noch ein ausgehöhlter Felsen, welchen man die Scheuer, (Scheune) nennt. An unterirrdischen Gängen und andrem Ritterwesen fehlts auch nicht auf dem Berge.


Hoch ragt, von der östlichen Spitze der Alb,
Ein Felsen, vermoost und verwittert;
Zur Hälfte von Büschen bedecket, und halb
Von löchrichten Mauern umgittert.

     [131] Tief unter ihm grünet die lachende Flur,
Ein blühender Garten, verbreitet,
Rechts fließet die Rems, von der Hand der Natur
Um rebichte Hügel geleitet.

     Hier ließ, auf der Spitze des Felsens, von fern
Des Schwabenlands liebliche Auen,
Vor grauen Jahrhunderten, Christum den Herrn,
Satan, der Versucher, beschauen.

     „Sieh!“ sprach er, und deutet in’s Remsthal hinein,
„Des Weinstocks erfreuliche Spenden,
Die schönen Gefilde da rechts an der Lein;
Und Ellwangens fette Präbenden;“

     [132] „Und links, über Rechberg und Staufen hinauf
Den Wechsel der Dörfer und Wälder;
Und hin wo der Klemsbach in schlängelndem Lauf
Sich windet durch blühende Felder;“

     „Bis hin, wo die Ens mit dem Neckar vermählt,
Durch Schwabens Elisium fließet,
Und Mutter-Natur auf die schönere Welt
Die Schaale des Segens ergießet.“

     „Sieh! ringsum das Alles, und beuge das Knie
Vor mir, und du sollst es gewinnen!“ –
Doch Christus entgegen ihm donnerte: – „Flieh,
Verfluchter, und heb’ dich von hinnen!“ –

     [133] Da kollerte Satan die Berge hinab;
Es bannt’ in der Belzebubs Klinge,
Ein langes Jahrtausend in’s felsichte Grab
Der Fluch, den Verderber der Dinge.

     Da liegt er an Ketten, mit bitterer Buß
Den Gräuel der Sünden zu büßen,
Drum sieht man dem Berge, den schwärzlichen Fluß
Satanischer Thränen, entfließen.

     Doch Christus, der Mittler, mit mächtigem Schritt
Gieng über die Berge von hinnen,
Tief drückte die Spur sich vom Herrgottestritt
Auf Scheulbergs und Rosensteins Zinnen.

     [134] Hier sieht man, landauswärts, auf spitzem Gestein,
Dort drüben, landeinwärts, vom Fuße
Noch immer das Zeichen, auch ehren’s gar fein
Die Pilger, mit brünstigem Kuße.

     Dran bauten die Herren von Rosenstein
Ein Schloß unter Buchen und Ellern,
Und tranken gar stattliche Humpen voll Wein,
Aus felsengegrabenen Kellern.

     Und raubten gewappnet Thal ab und Thal auf,
Nie waren die Straßen geheuer;
Und hohlten sich Augsburger Waaren hinauf,
Und bargen’s in felsigter Scheuer.

     [135] Genüber der Burg hat, durch Wunder bekannt,
Verrichtet an heiliger Stelle,
Die heil’ge Maria, zum Beißwang genannt,
Im Eichenwald eine Kapelle.

     Es hatte sie Friederich, der mit dem Biß,
Gestiftet, so lautet die Kunde,
Da, wo man der Mutter ihn weinend entriß:
Drum heißet sie: Beißwang, zur Stunde.

     Dort hinkten viel Tausend auf Krücken hinein,
Und giengen auf eigenem Beine
Heraus: darum glänzten, von Edelgestein
Und Golde, die heiligen Schreine.

     Da stiegen, – es bließ ihnen Satanas ein, –
Die Rosensteiner zu Rosse,
Und stürmten die Kirch’ und erbrachen den Schrein,
Und brachten den Schatz nach dem Schlosse.

     [136] Da braus’te von Beißwang herüber der Sturm,
Es krachten die mosigten Eichen,
Es prasselten stürzend das Schloß und der Thurm,
Und deckten mit Steinen die Leichen.

     Trotz Sturmgeheul, Donner und leuchtendem Strahl,
Den Zeugen der himmlischen Rache,
Vernahmen die zagenden Pilger im Thal
Des Satans entsetzliche Lache.

Im Schlosse da siedeln sich Raben jetzt ein;
Bleich wanken des Nachts und mit Trauern
Die modernden Ritter von Rosenstein,
Rund um die verfallenen Mauern.

Jakob Grimmer.


Anmerkungen (Wikisource)

Das Gedicht über den Herrgottstritt auf dem Rosenstein bei Heubach stammt von einem sonst nicht fassbaren Autor Jakob Grimmer (eventuell ein Pseudonym). Es war eine Quelle für die 1816 veröffentlichte Sage "Der Hergottstritt" der Brüder Grimm: Nr. 184 der Erstausgabe (in neueren Ausgaben Nr. 185, siehe auch Reinhold Steig: Über Grimms „Deutsche Sagen“).

Ferdinand Ludwig Immanuel Dillenius sagt in seinem Beitrag über die Burg Rosenstein in dem Ritterburgen-Sammelwerk von Friedrich Gottschalck: Die Ritterburgen und Bergschlösser Deutschlands, Bd. 6, Halle 1825, S. 224 Google: „Die Legende von der Versuchung Christi auf dem Rosensteine hat ein Vicar von Heubach vor ungefähr 30 Jahren in einem Gedichte, welches in einem Almanach der damaligen Zeit erschien, dem Publicum mitgetheilt.“

Jüngere Abdrücke weist nach: Rosenstein.