Der Regenstein

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Der Regenstein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 579–580
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1887) b 577.jpg

Der Regenstein im Harz.
Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

[579] Der Regenstein. (Mit Illustration S. 577.) In ungeheuerlichen drohenden Massen ragt am Nordrande des Harzes ein theils bewaldeter, theils wild zerklüfteter Felsblock empor, der den ganzen Gau zwischen Halberstadt und Quedlinburg beherrscht, der Regenstein. Unheimlich ist das Gepräge dieses nach Norden und Westen steil abfallenden, von Süden und Osten sanft ansteigenden Sandsteinfelsens, unheimlich wie die Reste jener trotzigen Burg, die einst den Scheitel dieses gewaltigen Klotzes krönte.

Die Ruine Regenstein ist eine der merkwürdigsten natürlichen Befestigungen des frühesten Mittelalters; möglich, daß die zahlreichen Klüfte und Höhlen in und an den Felsen schon die Schlupfwinkel jener längst vergessenen Geschlechter waren, die mit dem Ur, dem Riesenelch und dem Höhlenbär im Kampfe lagen. In geschichtlicher Zeit soll es Heinrich der Vogelsteller gewesen sein, der hier (919) eine Burg errichtete. Später hausten hier oben die Grafen von Regenstein, Kampf- und Schnapphähne im wahrsten Sinne des Worts, die in fast allen mittelalterlichen Fehden und Händeln dieser Gegend eine bedeutende Rolle spielten. Sie waren es auch, die ihre Burg in ein Raubnest verwandelten, dem man mit Recht nachrühmen konnte, daß es völlig uneinnehmbar sei. Alle Theile der Burg, Gänge, Hallen, Kammern und Gemächer waren mit Benutzung vorhandener natürlicher Höhlungen aus dem Felsen herausgemeißelt. Gemauerte Räume schlossen sich unmittelbar an die aus dem Felsen gehöhlten und fanden in ihnen ihre Fortsetzung und Ergänzung. Ganze gewaltige Felsen wurden so zu Geschossen umgewandelt, die sich, einem riesenhaften Taubenhause vergleichbar, neben und über einander in dem Hauptstocke des Felsberges befanden. Viele dieser Geschosse waren durch schmale Durchgänge verbunden, und der ganze Bergrücken stellte also eine Naturveste dar, wie sie eigenartiger, seltsamer in deutschen Landen wohl [580] schwerlich wieder zu finden ist. Waren doch selbst die Sitzbänke, die Schlafstellen und Pferdekrippen aus Stein gehauen.

Nach dem Aussterben Derer von Regenstein kam die Burg an die Herzöge von Braunschweig; im dreißigjährigen Kriege erhielt Wallenstein das Felsennest zum Geschenk. Später nach manchen wechselvollen Zwischenfällen, nahmen die Brandenburger Besitz von der Grafschaft und befestigten den ohnehin schon uneinnehmbaren Regenstein sehr stark. Nach dem siebenjährigen Kriege aber wurden die Befestigungen, so viel sich eben davon niederreißen ließ, von Preußen zerstört.

Manche Erinnerung, manche Sage haftet an dem alten Burgthurm, an den dunklen Verließen und Felsengefängnissen; vornehmlich erzählt man sich abenteuerliche Historien von jenem wilden Grafen Albrecht von Regenstein, der sein Leben lang mit den Städten und der Geistlichkeit in blutigster Fehde lag. Noch wird auf dem Boden des Rathhauses zu Quedlinburg ein mächtiger eisenbeschlagener Holzkasten bewahrt, in welchem die Bürger den Raufbold wegen Störung des Landfriedens volle zwanzig Monate eingesperrt hielten. Wer sich für die Geschichte dieses Abenteurers interessirt, möge sich mit der Lektüre des von Julius Wolf, dem Dichter des „Rattenfänger“, verfaßten „Raubgrafen“ einige angenehme Stunden bereiten.